Und wieder einmal war Beth mit ihm auf der gleichen Wellenlänge.
»Wir sollten ihm folgen«, entschied sie.
»Bis du sicher?«
Sie nickte. »Ich hab eine Idee.«
Beth hatte sich bereits umgezogen, doch Hunt trug noch die gleiche Hose wie am Vortag. Nun liefen beide eilig zum Schrank hinüber, der neben dem Eingang stand. Hunt griff nach einer Jeansjacke und schlüpfte barfuß in seine Stiefel, während Beth Sandalen überstreifte; dann eilten beide hinaus.
Am Ende des Blocks bog der Vertreter gerade um die Ecke, und sie beeilten sich. Sie mussten ihm in unauffälliger Entfernung folgen, durften ihn aber nicht aus den Augen verlieren.
Auch um die Ecke stand kein Auto, kein Deathmobil mit schwarzen Scheiben, kein gar nichts. Der Vertreter spazierte einfach nur gut gelaunt über den Bürgersteig.
Hunt und Beth beobachteten ihn. Folgten ihm. Nach weniger als zwei Häuserblocks bog er in die Einfahrt eines eingeschossigen, weitläufigen Hauses im Ranch-Stil ab und setzte sich auf die kleine Veranda vor der Eingangstür. In diesem Augenblick hätte er seine Verfolger leicht erwischen können, so wenig hatten sie damit gerechnet - doch in dem Moment, als der Vertreter vom Bürgersteig auf das Grundstück abbog, duckten Hunt und Beth sich hinter einen Oleanderstrauch vor dem Nachbarhaus. Dann spähten sie zwischen den dichtbelaubten Zweigen hindurch und schauten zu, wie der Versicherungsvertreter seinen Aktenkoffer abstellte und wartete.
Er blieb sitzen, ausdruckslos und reglos. Er starrte ins Nichts wie eine Statue. Hunt hatte noch nie erlebt, dass ein Mensch so still gesessen hätte, und der Anblick erschien ihm widernatürlich und unheimlich.
Er befürchtete schon, sie würden nun stundenlang hinter dem Strauch hocken müssen, doch nach knapp fünf Minuten rollte ein roter Range Rover in die Einfahrt, und der Vertreter erhob sich, als wäre dieser Wagen wie erwartet eingetroffen - genauso, wie ein Fahrplan es vorgeschrieben hätte.
Plötzlich legte der Fahrer des Range Rover den Rückwärtsgang ein und raste wieder auf die Straße. Durch die Windschutzscheibe sah Hunt das vor Panik verzerrte Gesicht des Fahrers, und er sah auch, wie die Lippen der wild gestikulierenden Frau auf dem Beifahrersitz sich lautlos zu einem Schrei verzogen.
Grinsend huschte der Versicherungsvertreter im Laufschritt über den Rasen und auf die Straße, stellte sich geradewegs vor den Geländewagen und versperrte ihm den Weg.
»Holen wir 's!«, flüsterte Beth scharf.
»Was?«
Doch sie war bereits losgelaufen, und bevor Hunt sie aufhalten konnte, drängte Beth sich schon durch den Strauch hindurch und lief über den Rasen des Nachbargrundstücks ...
... auf die Veranda zu, auf der immer noch der Aktenkoffer des Versicherungsvertreters stand.
Hunt hatte den verzweifelten Wunsch, Beth zurückzurufen, aber er wagte es nicht, zusätzlich die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, und so blickte er nur immer wieder zwischen der Straße und dem Haus hin und her. Auf der Straße hatte der Versicherungsvertreter mittlerweile in aller Ruhe seine Position verändert, sodass der Geländewagen ihm unmöglich entkommen konnte.
Hunt sah, wie Beth auf die Veranda schlich, den Aktenkoffer packte und zu ihm in sein Versteck zurückkam. Dann rannten beide davon, so schnell sie konnten, über die Vorgärten der Nachbarhäuser, und hielten sich vom Bürgersteig fern. Hunt rechnete damit, jeden Moment ein schreckliches Brüllen zu hören und eiskalte Finger um seinen Hals zu spüren, wenn der Vertreter sie einholte - eiskalte Finger, die ihn mühelos hochhoben. Doch nichts geschah. Sie sprangen über eine kleine Hecke und flitzten um einen geparkten Cadillac herum, und dann hatten sie die Ecke des Häuserblocks erreicht und bogen nach rechts in die Elm Street ab.
Sie verlangsamten ihre Schritte nicht, bis sie eine weitere Kreuzung erreicht hatten; dann bogen sie nach links ab und waren bald zwei ganze Häuserblocks vom Versicherungsvertreter entfernt. Vor einem kitschigen Haus in Pink und Grau blieben sie stehen und schnappten nach Luft.
»Wir haben's geschafft«, sagte Hunt keuchend. »Er hat uns nicht erwischt.«
»Aber wohin jetzt?«, fragte Beth. Sie sprach leise, verschwörerisch, als fürchtete sie, man könne sie hören. »Nach Hause können wir nicht. Da wird er als Erstes nach uns suchen. Wenn er sieht, dass sein Aktenkoffer weg ist, wird er vielleicht denken, er hat ihn bei uns vergessen und kommt nachschauen. Vielleicht durchsucht er dann das ganze Haus.« Sie erschauerte. »Oder er lässt das seine Kumpel erledigen.«
Hunt dachte fieberhaft nach. »Die Bibliothek«, schlug er vor. »Von dort aus rufen wir alle an und sagen ihnen, dass wir uns da treffen.« Der Dorothy-Pickles-Flügel der Bibliothek war nur drei Häuserblocks entfernt.
»Aber heute ist Feiertag. Da wird die Bibliothek nicht offen haben.«
»Verdammt!«, stieß Hunt hervor.
»Was ist mit Kinko's? Auf der Einkaufsstraße da drüben, gegenüber von Safeway.«
Hunt nickte. Das war zwar ein Fußmarsch von einer halben Stunde, aber dort gab es reichlich Sitzplätze und Tische, es war immer geöffnet. Dort würden sie auch von allem, was sie vorfänden, nötigenfalls Fotokopien anfertigen können.
Hastig durchwühlte Hunt seine Hosentaschen und fand einen zerknautschten Dollarschein, einen Vierteldollar, ein Zehn-Cent-Stück, einen Fünfer und drei einzelne Pennies.
Er nahm Beth den Aktenkoffer ab. »Genauso machen wir 's.«
Zügig gingen sie weiter, in der ständigen Angst, plötzlich den Vertreter in mörderischer Wut heranstürmen zu sehen. Doch sie sahen weder ihn noch die gespenstischen Männer mit den Hüten, und eine halbe Stunde später erreichten sie über eine winzige Nebenstraße das Copy-Center. Sie gingen an der langgestreckten Seitenwand des Gebäudes entlang und durch den Eingang.
Hunt fand eine kleine, abgetrennte Ecke, in der man stundenweise ins Internet konnte, und legte den Aktenkoffer auf den Tisch.
Er wäre nicht überrascht gewesen, hätte er jetzt festgestellt, dass es gar kein richtiger Aktenkoffer war, sondern nur so aussah - und dass nur der Versicherungsvertreter selbst, mit eigenen Händen, mit seinen unmenschlichen Fingern, ihn hätte öffnen können. Doch Koffer und Verschluss schienen völlig normal zu sein. Als Hunt erst das linke Schloss aufschnappen ließ, dann das rechte, öffnete sich der Aktenkoffer sofort und enthüllte ein Fach voller Papiere und Sammelmappen.
Sorgfältig gingen Beth und Hunt den Inhalt des Aktenkoffers durch. Obenauf lag der Antrag für die Lebensversicherung, den sie beide vorhin unterzeichnet hatten, und darunter eine Sammelmappe, gekennzeichnet mit ihren Namen. Hunt öffnete sie und schaute schnell den Inhalt durch, fand jedoch nichts Außergewöhnliches, nur einen Computerausdruck mit persönlichen Informationen über sie beide, gefolgt von Kopien ihrer sämtlichen Versicherungspolicen.
Unter der Sammelmappe lagen Hochglanz-Broschüren, Blanko-Antragsformulare sowie abgegriffene Versicherungshandbücher, die die Insurance Group nur für den Dienstgebrauch ihrer Mitarbeiter hatte drucken lassen. Hunts Herz klopfte heftig. Zum ersten Mal seit langem sah er einen Hoffnungsschimmer. Er schob die Papiere beiseite und griff nach einem dicken Buch mit der Aufschrift »Versicherungsangebot«. Hunt schlug die erste Seite auf, auf der noch einmal der Buchtitel stand, und blätterte zur nächsten Seite. Dort besagte ein kurzer Absatz, dieses Buch liste die Namen und die IT-Nummern (was immer das sein mochte) sämtlicher Versicherungsleistungen auf, die seitens der Insurance Group angeboten würden. Die Seiten des Buches waren extrem dünn, ähnlich wie bei einer Bibel, und es fiel Hunt schwer, sie eine nach der anderen umzublättern.
»Meine Güte!«, sagte er. »Schau dir das an!«
Beth rückte näher an ihn heran und stellte dann einen Arm auf, damit Vorbeigehende nicht sofort sehen konnten, was sie hier taten.
Es gab Versicherungen gegen alles. Im wahrsten Sinne des Wortes. In fast unlesbar kleiner Schrift hatten sie hier eine alphabetische Liste der Situationen und Ereignisse, der Personen, Orte und Dinge, für die es entsprechende Policen gab. Aberglaube, Aberkennung, Aberation ... Hunt blätterte ziellos das Buch durch. Kontamination ... Orchester ... Teleskop ... Unterführung ... Er schlug die letzte Seite auf. Zulu, Zuñi, Zynophobie.