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Hunt klappte das Buch zu. Er war wie erschlagen. Eine Versicherung, die einen derart umfangreichen Leistungskatalog anbieten und auch abdecken konnte, musste erschreckend mächtig sein. Aber vielleicht fand sich irgendwo ja etwas, gegen das die Versicherung keinen Schutz bot - eine Achillesferse, die sie würden nutzen können.

Hunt legte das Buch neben dem Aktenkoffer auf den Tisch und machte sich daran, die anderen Bücher durchzugehen. Drei Bände weiter unten im Aktenkoffer entdeckte er ein kleinformatiges Handbuch, das einfach nur »The Insurance Group« hieß. Rasch griff Hunt danach und schlug es auf. Es hatte weder einen Index noch ein Inhaltsverzeichnis, doch es schien in Kapitel und Unterkapitel aufgeteilt, deren Überschriften in Fettdruck hervorgehoben waren. Hastig blätterte Hunt die Seiten durch, überflog sie nur, bis er gefunden hatte, wonach er suchte.

Wer sind wir?, fragte die Überschrift.

Hunt las den nachfolgenden Abschnitt. Der Versicherungsvertreter hatte gesagt, die Insurance Group sei eine Interessensgemeinschaft verschiedener Versicherungsträger, und hier waren sie endlich allesamt aufgelistet. Hunt hörte, wie Beth scharf die Luft einsog, als sie die Namen sah.

»Denen gehört UAI«, sagte sie. »Und der Träger deiner Hausratversicherung, und meine alte Immobilienversicherung und ... einfach alles.«

Hunt nickte nur. Er war überrascht, aber nicht schockiert.

»Also hatten wir recht«, sagte Beth leise. »Die vielen Probleme, die wir hatten ... alles, was die mit uns angestellt haben, geschah mit der Absicht, uns für diese verrückten Versicherungen der Insurance Group weichzuklopfen. Die ganze Zeit haben die darauf hingearbeitet, uns genau dahin zu lotsen, wo die uns haben wollten.«

»Aber warum gerade wir?«, fragte Hunt. »Warum haben die sich gerade uns ausgesucht? Oder war das reiner Zufall? Hast du irgendwas Besonderes gemacht? Oder ich vielleicht? Haben wir in irgendein Kundenprofil gepasst? Oder haben die unsere Namen aufs Geratewohl herausgepickt?«

Beth schüttelte den Kopf. »Das ergibt keinen Sinn. Was können wir denn schon bewirken? Wir sind Nobodys. Warum haben die sich keine Leute ausgesucht, die Macht und Einfluss haben? Den Gouverneur, den Präsidenten, Bill Gates oder Ted Turner? Leute, deren Worte und Handeln Gewicht haben. Wenn die Versicherung diese Leute in ihrer Gewalt hätte, dann hätte sie wirklich Einfluss. Dann könnte sie alles kriegen, was sie will.«

»Die können jetzt schon kriegen, was sie wollen«, merkte Hunt an. »Offensichtlich geht es denen um etwas anderes.«

Doch was das sein mochte, wussten sie beide nicht, und sie hatten auch nicht das Verlangen, sich in Spekulationen zu ergehen.

Rasch schaute Hunt den Rest des Buches durch, versuchte herauszufinden, wer die Insurance Group gegründet hatte und wann. Doch falls sich diese Informationen überhaupt in dem Text befanden, waren sie gut versteckt. Hunt brachte in Erfahrung, dass das Firmenmotto die unsinnige, zugleich aber vielsagende Aussage Versicherung ist alles lautete, und dass die Gesellschaft weltweit fast dreitausend Mitarbeiter hatte.

»Was ist denn das?«, fragte Beth plötzlich, als Hunt noch die Seiten umschlug. Sie zog einen gefalteten Bogen vergilbten Papiers aus der unteren Lage des Aktenkoffer-Inhalts und breitete ihn auf der einzigen Stelle des Tisches aus, die noch nicht mit Flugblättern und Formularen bedeckt war. Es war eine Weltkarte; mehrere Regionen waren mit einem »X« markiert; von diesen Punkten aus führten Linien zu handschriftlichen Anmerkungen am Rand. Hunt legte sein Buch zur Seite und ging um den Tisch herum, sodass er sich auf die andere Seite neben Beth setzen konnte.

»Sieh mal!«, sagte sie aufgeregt.

Doch Hunt hatte es schon bemerkt. Die Markierungen und Anmerkungen befanden sich an den wichtigsten Krisengebieten der Welt, den Unruheherden der letzten fünfzig Jahre: Vietnam, Kambodscha, Bangladesch, dem Mittleren Osten, Angola, dem Kosovo, Afghanistan, Somalia, Irak.

Unter der Karte befand sich eine weitere, deutlich ältere. Dort hieß der Iran noch »Persien«, Istanbul war »Konstantinopel«, Thailand war »Siam« und Sri Lanka war »Ceylon«. Diese Karte verschwand fast unter den Markierungen und Linien, den »X« und den Sternchen, und die handschriftlichen Anmerkungen führten über den Rand der Karte hinaus in die blau markierten Ozeane hinein. Hunt sah Namen, die er aus der Geschichte kannte; bedeutende Persönlichkeiten, die an weltverändernden Ereignissen beteiligt gewesen waren und hinter Kriegen und Seuchen, Revolutionen und Attentaten gesteckt hatten.

Plötzlich wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er, warum diese Karte sich im Aktenkoffer des Versicherungsvertreters befand.

Ihr Vertreter war auch der Vertreter dieser mächtigen und berühmten Personen gewesen.

Beth war zu demselben Schluss gekommen. »Mein Gott«, stieß sie hervor.

Hunt nickte bloß. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er zu lesen, was am Ende einer der mit einem Sternchen gekennzeichneten Linie stand. Das einzige Wort, das er entziffern konnte, lautete »Hannibal«.

»Meinst du ...«, Beth schluckte schwer, »meinst du, all diese Kriege und Aufstände haben sich ereignet, weil die Leute keine Versicherungen abgeschlossen hatten?«

Genau das hatte Hunt vermutet. Er nickte und leckte sich über die plötzlich trockenen Lippen. »Ja.«

»Dieser Mann hat die Weltgeschichte beeinflusst? Er hat Geschichte gemacht?«

»Wenn das wirklich er war.« Hunt wollte nicht glauben, dass der Vertreter tatsächlich schon so lange sein Unwesen trieb; wenn das zutraf, musste er steinalt sein. »Vielleicht hat er die Karte von seinem Vorgänger übernommen, und der hatte sie von seinem und so weiter.«

»Nein«, widersprach Beth. »Das war er.«

Hunt verfolgte auf der Karte eine Linie, die von Rom ausging ...

Der Untergang des Römischen Reiches?

... bis zu einer Randnotiz, in der er nur die Worte »Nichteinhaltung des Vertrages« lesen konnte.

»Was ist er überhaupt?«, fragte Beth. Die nächsten Worte flüsterte sie: »Vielleicht ist er der Teufel.«

»Nein«, sagte Hunt. »Er arbeitet einfach nur für die Versicherung.«

»Aber was ist das für ein Unternehmen?«

Darauf wusste auch Hunt keine Antwort. Er leerte seine Taschen und reichte Beth das wenige Geld. »Sieh zu, wie weit du damit kommst, und fang an zu kopieren«, sagte er. »Ich rufe Joel, Jorge und Edward an.«

Bei allen seinen Freunden war das Telefon besetzt, was Hunt sehr verdächtig fand. Die Angst keimte in ihm auf, sie würden gefoltert oder könnten bereits tot sein, bestraft für sein Fehlverhalten. Vor seinem geistigen Auge sah er den Versicherungsvertreter, der vor Jorge und Ynez auf und ab ging und immer wieder fragte, wo sein Aktenkoffer sei, während einer der dunklen, stämmigen Männer mit den breitkrempigen Hüten ihren verstümmelten Sohn festhielt und mit weiteren Abscheulichkeiten droht.

Nein. Das war eine Überreaktion.

Hoffte Hunt.

Dennoch stellte er seine Versuche ein, die Freunde anzurufen, weil er fürchtete, der Versicherungsvertreter könnte sich melden, falls doch jemand abnahm.

Nachdem er sich fünfzig Cents fürs Telefon genommen hatte, blieb ihnen genug Geld, um fünfzehn Seiten zu kopieren. Das war nicht viel, also beschlossen sie, die Karten zu kopieren, wobei sie sie Stück um Stück kopierten, um die ganze Karte in Originalgröße reproduzieren zu können. Dafür brauchten sie zwölf Kopien. Mit den restlichen drei Kopien verkleinerten sie die beiden Karten auf ein einzelnes Blatt. Außerdem hatte Beth einen Eintrag gefunden, bei dem es sich um die Adresse des Büros der Insurance Group in Tucson handeln konnte. Auch diese Seite kopierten sie.