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»Kommst du?«, fragte er.

Er spürte Beths Nicken mehr, als dass er es sah.

Ein kalter Luftzug strömte durch die Schlitze rings um die Tür, eine Kälte, die auch in den Keller vordrang, in dem sie sich gerade befanden. Doch in den Räumen hinter der Tür musste es bedeutend kälter sein. Hunt nahm alle Kraft zusammen, umklammerte Taschenlampe und Schraubenzieher fester und ging voran. Beth ließ seinen Ärmel los und packte sein Handgelenk.

Hunt öffnete die Tür - und taumelte würgend zurück, als ihm ein scheußlicher Pesthauch entgegenschlug. Von hier also kam der Gestank, und so nahe an seiner Quelle war er schier übermächtig. Beth hustete und ließ Hunts Handgelenk los, damit sie sich die Nase zuhalten konnte.

»Was mag das sein?«, fragte sie, und ihre Stimme klang erstickt und kraftlos. »Ein totes Tier?«

Hunts Phantasie war weniger prosaisch gewesen. Er hatte an schleimige Kreaturen gedacht, die noch nie das Tageslicht erblickt hatten, an entsetzliche, weißhäutige Mutanten, die unter der Erde lebten und sich von Wurzeln und verrottendem Material ernährten und sich nur manchmal an die Oberfläche wagten, wo sie sich dann verwandelten ... in Versicherungsvertreter. Doch jetzt, da Beth den anderen Gedanken aufgeworfen hatte, kam er Hunt zwingend logisch vor, und es erschien ihm wahrscheinlich, dass hier irgendwo ein verwesender Kadaver lag - oder ein Leichnam.

Vorsichtig nahm er die Hand von der Nase. Der Geruch war jetzt weniger grässlich als noch vor wenigen Sekunden. Entweder gewöhnte Hunt sich bereits daran, oder die übelriechende Wolke hatte sich inzwischen mit der Luft von draußen vermischt und sich dabei verteilt. Was immer der Grund sein mochte - Hunt stellte fest, dass er sich weiterbewegen konnte, ohne zu würgen, und so richtete er die Taschenlampe nach vorn. Hinter der Tür erstarb der Lichtschein; der Lichtkegel reichte kaum einen halben Meter weit. Was da vor ihnen lag, konnte genauso gut ein Wandschrank sein wie ein ganzes Höhlensystem, das sich meilenweit dahinzog ... oder nach weniger als zwei Metern endete.

Hunt spürte, wie Beth sich wieder an ihn drängte. Im matten Schein der Taschenlampe konnte er gerade noch die Umrisse ihres Arms ausmachen. »Gehen wir rein?«, fragte sie.

»Ja. Hol tief Luft. Das wird erst mal schlimm, ehe es dann wieder besser wird.«

Beide atmeten mehrmals tief ein und flach wieder aus.

»Auf drei«, sagte Hunt. »Eins ... zwei ... drei!«

Taschenlampe und Schraubenzieher vor sich gestreckt, stürmte Hunt ins Halbdunkel.

Ein Licht flammte auf.

Sie befanden sich im Büro einer Versicherungsgesellschaft.

Hunt blinzelte, damit seine Augen sich schneller an die plötzliche Helligkeit gewöhnten. Der Raum, der vor ihnen lag, sah so völlig anders aus als alles, was Hunt erwartet hatte, und passte so wenig zu der Ruine, die über ihnen lag, und zu dem schmutzigen Keller, aus dem sie gerade kamen, dass Hunts halb betäubtes Hirn einen Moment brauchte, um alles zu erfassen.

Sie standen auf einem nüchternen grauen Teppich, wie man ihn oft in Büroräumen vorfindet. Vor ihnen stand ein wuchtiger Schreibtisch, auf dem sich Papiere türmten; dazwischen war ein Computerbildschirm zu erkennen. Hinter dem Schreibtisch befand sich eine ganze Wand voller Regale mit Büchern und zahllosen Ordnern, in denen sich vermutlich Versicherungspolicen befanden. Links von ihnen standen mehrere Aktenschränke aus Metall, und zu ihrer Rechten war ein Sofa für Besucher aufgestellt, über dem Urkunden und Zertifikate hingen.

Als hinter ihnen plötzlich ein Geräusch erklang, fuhr Hunt herum.

Im Eingang stand der Versicherungsvertreter.

Er war groß und muskulös, sein Körper füllte fast den ganzen Eingang aus, und seine Haltung wirkte so bedrohlich wie sein Gesichtsausdruck. Er kam auf sie zu. Gleichzeitig traten Hunt und Beth ein paar Schritte zurück. Der Vertreter lachte, ein tiefes Glucksen, das herzlich und finster zugleich klang.

»Kann ich bitte meinen Aktenkoffer wiederhaben?«

»Wir ... haben ihn nicht dabei«, stammelte Hunt.

»Kommen Sie, kommen Sie! Sie haben ihn gestohlen.«

»Er steht zu Hause«, erklärte Beth.

»Ich dachte, deswegen wären Sie vorbeigekommen. Um ihn mir zurückzugeben.« Der Vertreter machte eine Handbewegung, als wollte er seine Ärmelaufschläge zurückschieben, und plötzlich hielt er den Aktenkoffer in der Hand. »Ist schon gut. Ich war so frei, ihn selbst zu holen. Die Kopien meiner Karten übrigens auch.« Er lächelte Beth an. »In der Schublade waren sehr hübsche Höschen. Die rochen genau wie Sie.« In der anderen Hand hielt der Vertreter einen von Beths Slips. Er putzte sich damit die Nase; dann warf er ihn achtlos fort. »Kommen wir zum Geschäft.« Er ging an ihnen vorbei, um den Schreibtisch herum und setzte sich. Dann schaltete er den Computer ein. Eine Zeitlang waren nur das angestrengte Keuchen von Hunt und Beth sowie das Klappern der Tastatur zu hören, als der Vertreter darauf tippte.

»Ich habe meine Brille nicht dabei«, sagte er schließlich, obwohl Hunt ihn noch nie mit Brille gesehen hatte. »Können Sie mir sagen, wie spät es ist?«

Er deutete auf eine Uhr, die neben den Urkunden an der Wand hing. Hunt hatte die Uhr vorher gar nicht bemerkt, doch als er sie nun anschaute, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Das Zifferblatt wies keine Zahlen auf; es gab nur die Cartoon-artige Zeichnung eines Affen-Hinterteils an der Stelle, wo sich die Zwölf hätte befinden müssen, sowie eine Darstellung haariger Hoden anstelle der Sechs. Der einzige Zeiger, den die Uhr hatte, wies auf den Punkt, wo die Drei hätte sein müssen, genau zwischen den beiden Zeichnungen.

Halb Affenarsch, viertel vor Ho-den-sack.

Der Vertreter lachte. Es war ein erschreckendes, irres Geräusch.

Dann stellte er den Computer ab und schwenkte im Sessel zu seinen beiden Besuchern herum. Jetzt verriet seine Miene Zorn und Streitlust. »Also, warum sind Sie hier?«, fragte er. »Was wollen Sie?«

Hunt wusste keine Antwort.

»Es geht um Versicherungen«, sagte Beth schnell. »Wir glauben, dass Sie uns nicht die Policen anbieten, die wir haben wollen, sondern uns Versicherungen andrehen, die Sie loswerden möchten. Wir sind hierhergekommen, um herauszufinden, ob das stimmt ... und notfalls über Ihren Kopf hinweg Ihre Vorgesetzten über Ihre Unzulänglichkeiten zu informieren.«

Die Haltung des Vertreters änderte sich schlagartig.

Hunt wusste nicht, was Beth dazu gebracht hatte, so etwas zu sagen und wie sie darauf gekommen war, doch es funktionierte bestens. Der bedrohliche, massige Kerl, der ihnen gerade noch gegenübergestanden hatte, verwandelte sich schlagartig in einen servilen, kriecherischen Lakaien.

»Die Aufgabe eines Versicherungsvertreters ist es, die Bedürfnisse seiner Kunden zu ermitteln und dafür zu sorgen, dass die Policen diesen Bedürfnissen auch stets angemessen sind«, sagte er beschwichtigend. »Ich hatte sicherlich niemals die Absicht, auch nur den Eindruck zu erwecken, ich würde Ihnen Versicherungsleistungen aufdrängen. Wer wäre ich denn, Ihnen die Reichweite Ihres individuellen Deckungskonzepts vorzuschreiben? Ich bin nur hier, um Ihnen behilflich zu sein.« Er spreizte die Finger. »Sagen Sie mir nur, für welche Art Police Sie sich interessieren! Was immer es sein mag, ich bin mir sicher, die Insurance Group kann Ihrem Wunsch entsprechen, und ich werde weiterhin in der Lage sein, Ihnen den erstklassigen Service zu bieten, den Sie von mir kennen und erwarten.«

Er schien gar nicht zu Beth und Hunt zu sprechen, sondern für irgendeinen unsichtbaren Zuschauer seinen Text herunterzuspulen. Hunt fragte sich, ob jemand anders sie in diesem Moment beobachtete, ob dieser Raum vielleicht überwacht wurde. Aber von wem? Als sie dieses Büro entdeckt hatten, war Hunt gerade zu dem Schluss gekommen, dass es so etwas wie die Insurance Group überhaupt nicht gab, sondern eben nur diesen einen Vertreter, der auf eigene Faust handelte. Doch der Mann schien ernstlich besorgt, wie seine Vorgesetzten auf Beths Kritik an seiner Arbeit reagieren würden. Daraus zog Hunt den Schluss, das es doch eine Versicherungsgesellschaft geben musste - und eben auch Vorgesetzte, denen der Vertreter Rechenschaft ablegen musste. Aber wo waren diese Vorgesetzten? Wer steckte wirklich hinter alledem? Und konnten sie - wer immer sie sein mochten - wirklich in diesem Moment zuschauen, wie sie beide und der Vertreter sich in diesem Büro im Keller eines eingestürzten Gebäudes unterhielten?