»Nun gut, Majestät. Wenn Ihr es so wollt, werde ich nach ihnen schicken lassen«, erwiderte der Flügelmarschall mit kalter Würde.
»Nein, Sonnenfeder.« Rabe sprach jetzt sehr hastig, aber ihre Stimme klang stahlhart. »Ich habe dir gesagt, daß du sie holen sollst. Dieser Rat wird warten, bis du zurückkehrst – mit den Kurieren.«
Sonnenfeder öffnete den Mund, als wolle er dagegen protestieren, schloß ihn dann jedoch schnell wieder, als er sah, daß sich Aguila mit der Hand an seinem Schwert halb von seinem Stuhl erhob. Obwohl sein Gesichtsausdruck so teilnahmslos war wie eh und je, funkelte in den Augen des Hauptmanns der Königlichen Wache boshafte Belustigung auf.
Wutschnaubend und mit zusammengepreßten Lippen stolzierte Sonnenfeder aus dem Zimmer. In dem nun folgenden verlegenen Schweigen bedeutete Elster einer Dienerin, die Weingläser neu zu füllen. Als das kleine Mädchen mit seiner Aufgabe fertig und ebenfalls aus dem Zimmer gegangen war, wandte sich Aguila dem amtierenden Hohepriester zu. »Hast du von dieser Sache gewußt?«
Skua zuckte mit den Achseln. »Sonnenfeder hat es mir gegenüber erwähnt, als die Kuriere zurückkamen, aber ich mußte mich um den Wiederaufbau des Tempels kümmern, also habe ich es ihm überlassen, die Situation zu handhaben, wie er es für richtig hielt. Selbst als amtierender Hohepriester« – er sah Rabe, die ihn noch immer nicht im Amt bestätigt hatte, vorwurfsvoll an – »habe ich eine gewisse Verantwortung. Ich bin nicht Herr über meine Zeit …«
»Also wirklich«, knurrte Aguila. »Nun, immerhin wußtest du mehr als ich. Ich habe erst ganz kurz vor dieser Zusammenkunft davon erfahren, als ich Sonnenfeder fragte, ob er wisse, warum Ihre Majestät uns zusammengerufen hat: Und was ist mit dir, Cygnus? Du bist der Freund des Flügelmarschalls. Hat er dich auch im dunkeln gelassen?«
Rabe funkelte ihn wütend an. Das war mal wieder typisch für diesen Mann – für sie alle –, einfach an ihr, der Königin, vorbeizureden, das Gespräch an sich zu reißen und sie zu ignorieren, als sei sie überhaupt nicht da. »Darum geht es nicht«, warf sie ein, in der Hoffnung, auf diese Weise die Sache unter Kontrolle zu bringen. »Was ich wissen will, ist …« Sie wurde von zwei Dingen unterbrochen: Einen scharfen Tritt von Elster gegen ihr Schienbein und die Rückkehr von Sonnenfeder, der die vier geflügelten Kuriere mitbrachte.
Rabe erhob sich. »Nun?« fragte sie scharf. »Was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen? Warum habt ihr euch meinen Befehlen widersetzt und die Magusch und ihre Gefährten im Stich gelassen?«
Die Beschuldigten konnten ihrem zornigen Blick nicht standhalten. Rabe knirschte mit den Zähnen. »Ihr könnt damit beginnen«, sprach sie weiter, »mir zu erklären, was mit den Magusch geschehen ist, nachdem sie mich verlassen haben – bis zu dem Zeitpunkt, da ihr sie verlassen habt.«
Die Kuriere sahen einander an, und dann trat einer der geflügelten Männer vor. »Die Welt jenseits der Grenzen unserer Berge ist ein furchterregender, feindseliger Ort. Ihr wäret gut beraten, genau zuzuhören, was wir zu sagen haben …«
Rabe hörte sich seinen Bericht an. Während sich die Geschichte langsam entwickelte, wurde ihr Herz immer schwerer und kälter, und die Angst um ihre früheren Gefährten schnürte ihr die Luft ab. Als der geflügelte Mann zum Ende gelangte und von dem Angriff in der Xandimfestung sprach, konnte sie einfach nicht glauben, daß das alles sein sollte.
»Und ausgerechnet in diesem Augenblick habt ihr sie im Stich gelassen?« fragte sie nach. »Ihr wißt nicht mal, ob sie überlebt haben oder nicht? Ihr habt ihnen überhaupt keine Hilfe angeboten – und daß trotz der Befehle, die ich euch gegeben habe?«
Die geflügelten Kuriere blickten zu Boden und scharrten verlegen mit den Füßen.
»Sprich«, befahl Aguila dem Mann. »Die Königin hat dir eine Frage gestellt.«
Einer der geflügelten Kuriere blickte auf, eine Frau mit mürrischem Gesichtsausdruck. »Wenn Euer Majestät erlauben«, begann sie, »niemand hat etwas von Befehlen gesagt, als wir mit diesen Erdlingen gegangen sind. Man hat uns zu verstehen gegeben, daß wir Freiwillige seien.«
»Das stimmt«, warf ein anderer geflügelter Mann ein. »Und niemand hat, als wir uns freiwillig meldeten, etwas davon gesagt, daß wir mit den großen Katzen, unseren Erzfeinden, kämpfen müßten; oder daß wir in die Kriege der Zauberer verstrickt würden; oder daß wir bei einem Versuch der Pferdeleute, ihren Führer zu stürzen, unser Leben riskieren müßten. Bei allem Respekt, diese Dinge gehen die Himmelsleute nichts an. Und es war auch nie die Rede davon, daß wir uns von diesem weiblichen Dämon, dieser Zauberin, beschimpfen lassen müssen … Nun, Euer Majestät, es war einfach zuviel.«
»Ich stelle fest, daß es für eure beiden treuen Kameraden, die es vorgezogen haben, zurückzubleiben, nicht zuviel gewesen ist«, knurrte Aguila. »Das Blut der Himmelsleute kann heutzutage nicht mehr viel wert sein, wenn die Grenzen eures Mutes so schnell erreicht sind.«
»Mein Herr, das ist nicht gerecht«, protestierte die geflügelte Frau. »Wir sind treue Krieger der Syntagma. Aber als wir uns freiwillig meldeten, hat Flügelmarschall Sonnenfeder uns gesagt, daß wir, wenn wir je den Wunsch hätten, nach Hause zu kommen, das durchaus tun dürften.«
»Er hat euch gesagt, ihr dürftet die Magusch verlassen, wann immer es euch gefällt?« fragte Rabe zornig. »Ich habe nichts dergleichen angeordnet.«
»Bei meiner Ehre, Majestät, so etwas habe ich nie gesagt«, wandte Sonnenfeder empört ein. »Ich kannte Eure Befehle nur allzugut. Diese Feiglinge müssen mich absichtlich mißverstanden haben.«
»Vielleicht hast du dich nicht klar genug ausgedrückt«, zischte Aguila. »Bist du sicher, daß du selbst die Befehle ihrer Majestät verstanden hast?«
Sonnenfeder lief vor Wut rot an. »Natürlich habe ich sie verstanden …« Seine Stimme brach, und er schloß hastig den Mund, als ihm klar wurde, wie geschickt Aguila ihn in die Falle gelockt hatte.
»Das ist ja alles schön und gut«, ergriff Cygnus nun hastig das Wort und rettete Sonnenfeder damit aus seiner Verlegenheit, »aber es bringt uns einer Entscheidung über die Strafe für diese Missetäter nicht näher.«
»Eine Strafe für die Kuriere?« Aguila hob spöttisch die Augenbrauen. »Da die Verwirrung durch die Anweisungen des Flügelmarschalls entstanden ist, sollte er vielleicht, bei aller Bescheidenheit, ihr Schicksal teilen.«
Sonnenfeders Hand fuhr an sein Schwert. »Seit wann nehmen wir Anweisungen von einem niedrig geborenen Stück Mist entgegen, von einem Mann, der sich viel zu hoch über seinen natürlichen Stand erhoben hat?« fauchte er. »Euer Majestät, ich bitte um Erlaubnis, Aguila für diese Beleidigung mit seinem eigenen, niederen Blut zahlen lassen zu dürfen.«
Aguila grinste freudlos. »Jederzeit – wenn du glaubst, daß du es mit mir aufnehmen kannst.«
»Seid still, alle beide!« donnerte Rabe. »Wie könnt ihr wagen, euch in meinem Thronsaal wie zwei ungezogene kleine Jungen zu streiten!« Sie stellte fest, daß nach ihrem Wutanfall alle Blicke erwartungsvoll auf sie gerichtet waren, und plötzlich wußte sie nicht mehr weiter und errötete.
»Herrin?« ergriff Skua die Initiative. »Dürfte ich etwas vorschlagen? Warum lassen wir diese Kuriere nicht für ihre Verfehlungen bezahlen, indem sie bei Yinze selbst Buße tun? Da so viele unserer Leute zur Feldarbeit gepreßt wurden, brauche ich dringend jede Hand, die mir beim Wiederaufbau des Tempels helfen kann …«
Rabe ergriff nur allzugern diese Möglichkeit, eine Lösung für ihr Dilemma zu finden. Ihr Kopf schmerzte, und schon bei dem bloßen Anblick ihrer Ratgeber wurde ihr langsam übel. Das einzige, was sie im Augenblick wirklich interessierte, war die Frage, ob Aurian und ihre Gefährten in Sicherheit waren. Wenigstens hatte Skua ihr die Chance gegeben, eine Entscheidung zu treffen, auch wenn das Gewissen ihr sagte, daß es nicht die richtige war. »Ja, ja«, sagte sie hastig. »Ich danke dem amtierenden Hohepriester für seine weisen Worte, die genau zur richtigen Zeit gesprochen wurden. Es soll sein, wie er es vorgeschlagen hat. Ich unterstelle diese Missetäter seiner Obhut, und sobald der Tempel fertig ist, dürfen sie zur Syntagma zurückkehren. Ob sie dort wieder ihren früheren Rang einnehmen werden oder nicht, das hängt von ihrem Verhalten in der Zwischenzeit ab. Das ist mein Urteil.« Dann ließ sie sich mit einem Seufzer der Erleichterung wieder auf ihren Platz fallen.