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Aguilas Mund hatte sich zu einer dünnen, harten Linie zusammengepreßt. Er funkelte sie so wütend an, daß sie wegsehen mußte, unfähig, seinem anklagenden Blick standzuhalten. Sonnenfeder grinste hinter vorgehaltener Hand. Rabe biß sich auf die Lippen. Sie hatte das Ganze irgendwie falsch verstanden, das war offensichtlich – aber wo genau lag eigentlich ihr Fehler?

Cygnus war erleichtert darüber, daß sein Freund Sonnenfeder der Kritik der Königin entgangen war. Wer hätte auch gedacht, daß sich Rabe als so schwierig erweisen würde? Yinze sei Dank, daß sie nicht genug Erfahrung hatte, um zu sehen, was hier vor sich ging. Und was Aguila betraf – der hatte auf jeden Fall Tadel verdient dafür, daß er die Dinge solchermaßen kompliziert hatte. Der Zeitpunkt, da der Hauptmann der Königlichen Wache wieder an seinen ihm angestammten, niedrigen Platz zurückversetzt wurde, kam mit Riesenschritten näher.

Die plötzliche Erkenntnis, daß die Königin wieder zu sprechen begonnen hatte, riß Cygnus mit einem Ruck aus seinen Überlegungen heraus.

»Was immer ihr von meiner Beziehung zu den Magusch halten mögt, ich habe ein Versprechen gegeben, das ich halten muß«, sagte Rabe. »Also muß ich jemanden ausschicken, der feststellt, ob Lady Aurian in Sicherheit ist und ob sie vielleicht Hilfe braucht. Diesmal muß es jemand sein, dem ich vertrauen kann, jemand, der mir verläßlich Bericht erstattet und nicht beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten seinen Posten verläßt. Weiß einer von euch jemanden, den wir mit dieser Aufgabe betrauen könnten?«

Cygnus’ Herz vollführte einen kleinen Sprung. Endlich war, nachdem er schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, seine Chance gekommen! Er war außer sich vor Zorn gewesen, als ihn die Königin zu ihrem Vorkoster bestimmt und auf diese Weise seine Aussichten vollends beseitigt hatte, vielleicht doch noch die Stellung des Hohepriesters für sich zu gewinnen. Seit damals waren seine gierigen Gedanken wieder und wieder zu der Harfe der Winde zurückgekehrt. Wenn er dieses Artefakt doch nur in seinen Besitz bringen könnte …

»Euer Majestät – aus Liebe und Treue zu Euch wäre ich bereit zu gehen.« Cygnus hatte die Worte ausgesprochen, bevor er selbst recht wußte, was er da tat, und einen Augenblick lang spürte er Panik in sich aufsteigen. Aber seine Instinkte hatten ihn nicht im Stich gelassen.

Rabes Gesicht leuchtete auf, dann aber zögerte sie. Er konnte sehen, wie ihre Mundwinkel sich ein wenig senkten, und wußte, daß sie sich selbst für diesen Augenblick der Unentschiedenheit hassen würde. »Mein lieber, treuer Cygnus, du bist mir solch ein guter Freund. Aber bist du wirklich sicher? Ich kann dich nur schlecht entbehren.«

Cygnus neigte den weißen Kopf. »Majestät, es wäre mir eine Ehre. Und wer könnte sich besser für diese Mission eignen als ich, der ich die Magusch bereits kenne und ihnen freundlich gegenüberstehe?«

Die Königin des geflügelten Volkes nickte. »Du hast dir meine ewige Dankbarkeit verdient – und wenn du zurückkehrst, wird hier dein verdienter Lohn auf dich warten.«

Das wird er bestimmt, dachte Cygnus – aber wenn alles gutgeht, wird mein Lohn ein anderer sein als der, den du jetzt im Sinn hast …

Nachdem die Zusammenkunft des Rates beendet war und die geflügelten Männer sich verabschiedet hatten, blieb Elster als einzige zurück. »Euer Majestät«, sagte sie mit ernster Stimme. »Darf ich unter vier Augen mit Euch reden?« Ohne auf eine Antwort zu warten, griff die Ärztin nach Rabes Handgelenk und zerrte sie geradezu aus ihrem Gemach. Statt jedoch hinaus auf die Veranda zu treten und den kurzen Weg zu den Privaträumen der Königin zu fliegen, wie sie das normalerweise taten, drängte Elster ihre junge Schutzbefohlene durch das Labyrinth der selten benutzten Korridore innerhalb des Palastes, ohne Rabe auch nur einen Augenblick loszulassen.

Als sie endlich in Rabes üppigen Gemächern angelangt waren und ein Diener, der ihnen beiden ein wenig Wein eingeschenkt hatte, wieder gegangen war, wandte sich Rabe seufzend an die ältere Frau. »Also schön«, murmelte sie. »Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hast du mir etwas zu sagen.«

Elster nahm einen tiefen Schluck von ihrem Wein, schüttelte den Kopf und erwiderte dann: »Was fange ich nur mit dir an?« wobei sie, wie sooft, wenn sie vertraulich mit ihrer Königin sprach, in das alte ›Du‹ zurückfiel.

»Wie meinst du das?« fragte Rabe. »Was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?«

»Willst du behaupten, du weißt es wirklich nicht?« Die Ärztin hob eine Augenbraue. »Du törichtes Mädchen – mußtest du dich so mit Sonnenfeder anlegen?«

Rabe knallte ihren Becher zornig auf den Tisch, und etwas von dem Wein ergoß sich über das kostbare Ebenholz. »Und was, bitte, hätte ich deiner Meinung nach tun sollen?« explodierte sie. »Hätte ich vielleicht bescheiden dasitzen und angesichts seiner kaum verhohlenen Unverschämtheit noch lächeln sollen? Bei Yinze, Elster, wie soll ich denn regieren, wenn ich mich nicht mit Sonnenfeder anlegen darf, ganz zu schweigen von diesen anderen arroganten, selbstgefälligen, hinterlistigen Schranzen, die in meinem Rat sitzen?«

»Wisch den Wein weg, Rabe«, sagte Elster sanft, »bevor er den Tisch ruiniert. Es geht nicht darum, daß du niemals anderer Meinung sein darfst als sie, sondern um die Art und Weise, wie du das kundtust. Heute hattest du völlig Recht, Sonnenfeder an seinen Platz zu verweisen – er hat versucht, dir wichtige Informationen vorzuenthalten, und das darfst du niemals erlauben. Aber du hättest ihn nicht gleichzeitig demütigen dürfen. Du hättest nur entschieden zu sein brauchen. Es hätte gereicht, wenn er begriffen hätte, daß du ihm solches Taktieren nicht durchgehen läßt. Das hätte ihm nicht gefallen, aber einen solchen Schritt deinerseits hätte er respektieren können. Den Flügelmarschall der Syntagma jedoch zu einem Botengang auszuschicken, den jeder Diener hätte unternehmen können, das war unentschuldbar. Glaub mir, Rabe, wenn du den Rat mit solch hochmütigem Benehmen erzürnst, dann wird deine Herrschaft die kürzeste in der Geschichte des Himmelsvolkes sein.«

Rabe sah die alte Ärztin schweigend an, und stur verzog sie den Mund zu einem schmalen Strich. »Das ist nicht gerecht«, murmelte sie schließlich. »So, wie diese Leute sich mir gegenüber benehmen, käme niemand auf die Idee, daß ich ihre Königin bin – und du bist auch nicht viel besser. Du behandelst mich wie ein Kleinkind.« In ihren Augen blitzte es zornig auf.

»Wenn du dich wie eins benimmst, kannst du auch nichts anderes erwarten«, erwiderte Elster schroff. »Jetzt hör mich an, Rabe. Bis heute haben Sonnenfeder und die anderen geglaubt, du seiest nicht mehr als ein verwöhntes Kind, das sie nach Belieben beeinflussen können. Darin lag deine Macht. Wenn Männer unvorsichtig sind, kann man sie für gewöhnlich leicht besiegen, und das, ohne daß sie es überhaupt bemerken – bis es zu spät ist. Du tätest gut daran, dir ein Beispiel an Aguila zu nehmen, statt die ganze Zeit auf ihm herumzuhacken – das ist mal ein Mann, der seinen Verstand beisammen hat.«

Die Königin stieß ein kleines, verächtliches Schnauben aus. »Aguila? Verstand? Also wirklich, der ist doch nichts als ein niedrig geborener Tölpel …«

»Genau darum geht es mir.« Elster beugte sich über den Tisch und fiel dem Mädchen, das gerade zu einer Schimpftirade ansetzen wollte, ins Wort. »Siehst du?« sagte sie leise. »Er hat dich genauso getäuscht wie alle anderen.«

Rabe starrte die Ärztin mit offenem Mund an.

»Klapp den Mund zu, Kind. Königinnen starren nicht.« Elster nahm einen Schluck von ihrem Wein. »Also, statt einfach dazusitzen und mich wütend anzusehen, solltest du noch einmal über diese letzte Zusammenkunft nachdenken, nachdem du Sonnenfeder weggeschickt hast. Mit einer einfachen, scheinbar beiläufigen Frage hat Aguila es geschafft, einerseits seine eigene Unschuld zu beweisen und andererseits Skua in eine sehr unangenehme Situation zu bringen – zumindest wäre das der Fall gewesen, wenn du richtig zugehört hättest. Hättest du ihn nicht unterbrochen, hätte er vielleicht sogar für dich herausfinden können, ob Cygnus einen Anteil an dieser Verschwörung hatte, deren Zweck ganz offensichtlich darin lag, der Königin die Wahrheit vorzuenthalten.«