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»Oh!« Rabe lief dunkelrot an. »Ich dachte nicht …«

»Aber du mußt denken, wenn du herrschen willst.« Die alte Ärztin pochte mit ihrem Kelch auf den Tisch, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Dann griff sie nach der Karaffe und schenkte sich Wein nach. »Das Schlimme ist«, sagte sie, »daß du Zeit brauchst, um zu lernen, wie man regiert – und Zeit ist genau das, was du nicht hast, solange all diese Geier um dich herum sind. Du brauchst jemanden, der stark genug und klug genug ist – und genug Autorität besitzt –, um dir Halt zu geben, bis du auf eigenen Beinen stehen kannst. Also, da soll mich doch … Sieh nur, was ich getan habe!« Plötzlich merkte sie, daß ihr Becher überlief, und sie setzte die Flasche mit einem leisen Fluch ab.

»Du solltest das wegwischen«, bemerkte Rabe mit einem kecken Grinsen, »bevor es den Tisch ruiniert.«

Elster kicherte. »Siehst du, du kannst sehr scharfsinnig sein, wenn du willst – der beste Beweis dafür ist, daß du dich immer wie ein verwirrtes kleines Mädchen benimmst, wenn du verhindern willst, daß Skua die Position des Hohepriesters auch offiziell erhält.« Nachdem Elster ein großes, zweckdienliches Taschentuch aus den Falten ihrer Robe herausgeangelt hatte, ging sie daran, den vergossenen Wein aufzutupfen. »Solange er nur amtierender Hohepriester ist, hast du ihn ganz hübsch in deiner Gewalt.«

»Oh, Aguila hat mir den Rat gegeben, das zu tun.«

Die Ärztin blickte überrascht auf. »Ach, hat er das?« Sie runzelte nachdenklich die Stirn. »Übrigens, Mädchen, versuch nicht, mich vom Thema abzulenken. Bevor ich unterbrochen wurde«, sie sah Rabe mit ernster Miene an, »sagte ich, daß du diese Situation nicht länger allein bewältigen kannst. Abgesehen von allem anderen brauchst du, wie du selber gut weißt, einen Erben. Du mußt endlich eine Entscheidung treffen und einen Gemahl wählen.«

»Was?« schrie Rabe. »Wie kannst du es wagen, Elster? Wie kannst du so etwas nach allem, was mit Harihn geschehen ist, auch nur andeuten …« Unglücklich brach sie ab.

Elster beugte sich über den Tisch und griff nach der Hand der jungen Königin. »Du mußt dieses schreckliche Erlebnis hinter dir lassen, Rabe«, sagte sie entschlossen. »Du bist noch so jung …«

»Wie könnte ich jemals einen Gemahl wählen, du alte Närrin? Die Geflügelten wählen nur einmal in ihrem Leben einen Gefährten! Ich bin ruiniert …«

»Absoluter Blödsinn!« gab Elster energisch zurück. »Zumindest in dieser Hinsicht hatte Schwarzkralle recht. Einen erdgebundenen Flügellosen kann man nicht zählen … Oder willst du dein Leben zerstören und dein Königreich wegen eines einzigen, dummen Fehlers verlieren?«

Tränen strömten jetzt über Rabes Gesicht, und sie flüsterte mit tragischer Miene: »Aber ich könnte nie wieder lieben.«

Die Ärztin seufzte und hob ihre Augen gen Himmel. »Diese jungen Leute! Wer hat denn etwas von Liebe gesagt? Such dir jemanden, den du mögen und respektieren kannst, jemanden mit dem du arbeiten kannst – das ist alles, was du brauchst. Eine Königin hat an Liebe nicht einmal zu denken.«

»Schöne Worte, vor allem, wenn sie von jemandem kommen, der überhaupt nie einen Gemahl gewählt hat«, höhnte Rabe. »Also, wen hast du für mich vorgesehen? Ich nehme an, du hattest schon jemanden im Sinn, bevor du dieses Gespräch angefangen hast. Zweifellos noch jemanden, der mich manipulieren wird, obwohl du natürlich nach wie vor alle Fäden in der Hand halten wirst …«

»Wenn du auch nur einen Funken Vernunft hast, dann wirst du dich für Aguila entscheiden.«

Elsters Worte schnitten wie ein Schwerthieb durch die Schimpftiraden der jungen Königin. Rabe starrte sie mit ungläubig aufgerissenen Augen an; so maßlos war ihre Verblüffung, daß sie nicht mal protestieren konnte.

»Denk nach!« Die Ärztin nutzte ihren Vorteil aus. »Du magst ihn – das hast du mir gegenüber schon verschiedentlich zugegeben. Er hat dich sehr gern, und was noch wichtiger ist, er ist dir treu ergeben und bringt dir auf diese Weise auch die Treue der Königlichen Wache ein. Er ist intelligent, und er wird sich keinen Unsinn von diesen anderen Intriganten gefallen lassen, die dich beraten – vor allem nicht, wenn er als königlicher Gemahl einen höheren Rang hat als sie alle.«

Rabe brach in Gelächter aus. »Elster, das kann doch nicht dein Ernst sein. Das ist ein Witz – komm schon, gib’s zu. Also wirklich, der Mann ist doch bloß ein niedrig geborener Bürgerlicher. Und er ist zu alt!«

Die Ärztin hob eine Augenbraue. »Aguila? Alt? Ich bin alt, du kleine Närrin. Er mag ein paar Jahre älter sein als du, mein Mädchen, aber das macht ihn noch lange nicht zum Greis. Und was seine Geburt betrifft – nun, jeder, der sich so weit über seine Herkunft erheben kann, um Hauptmann der Königlichen Wache zu werden, ist ganz bestimmt ein Mann, den man ernst nehmen muß. Du könntest keinen Besseren an deiner Seite haben – und was noch wichtiger ist, ist die Tatsache, daß du immer darauf vertrauen kannst, daß er wirklich auf deiner Seite steht.«

Sie sah die junge Königin ernst an. »Hör mir zu, Rabe. Da wir schon von Alter sprechen, muß ich dich daran erinnern, daß ich nicht ewig hier sein kann, um dir zu helfen und dich zu beraten. Das Amt der Königin ist das einsamste Amt auf der Welt, mein Kind – und solange ich noch da bin, um dir zuzusetzen, möchte ich dafür sorgen, daß du, auch wenn ich tot bin, jemanden hast, auf den du dich stützen kannst.« Als sie Rabes unglückliches Gesicht sah, lächelte sie ein wenig, um die Königin aufzuheitern. »Außerdem«, fügte Elster schelmisch hinzu, »habe ich keine eigenen Kinder. Wie soll ich denn zu meinem gerechten Andenken kommen, wenn du keine kleine Prinzessin zur Welt bringst, die du nach mir benennen kannst?«

»O Elster!« Mit einem Schluchzen schlang Rabe die Arme um die alte Ärztin. »Du wirst nicht sterben.«

»Noch lange nicht, hoffe ich – es sei denn, du verbesserst deine Wurftechnik mit diesen Weinbechern, die du mir immer an den Kopf wirfst, wenn ich dir Dinge sage, die du nicht hören willst.« Elster kicherte. »Nein, ganz ernsthaft, Kind. Tu, was ich dir geraten habe. Nimm Aguila zum Gemahl. Das wird die beste Entscheidung sein, die du je getroffen hast. Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.«

»Aber Elster …« Rabe biß sich auf die Lippen. »Nach dieser Sache mit Harihn … Was ist, wenn Aguila mich nicht heiraten will?«

Die Ärztin lachte laut auf. »Dich nicht heiraten will? Mein liebes Kind, natürlich wird er das wollen! Also wirklich, jeder einzelne aus diesem Vipernnest, das dich berät, würde sich die Flügel abschneiden lassen, um dein Gemahl zu werden. Aber von ihnen allen ist Aguila der einzige, der dich liebt.«

Als Elster schließlich aufbrach, ließ sie eine sehr nachdenkliche Rabe zurück. Das geflügelte Mädchen trat ans Fenster und stand tief in Gedanken versunken da, und starrte blind über die Stadt, die sie regierte. Sollte sie tun, was die Ärztin ihr geraten hatte? Nach Harihns Verrat hatte sie sich von dem Gedanken verabschiedet, jemals einen Gemahl zu wählen. Und in der ersten schwierigen Zeit, in der sie ihre Herrschaft angetreten hatte, war sie viel zu beschäftigt gewesen, um über die Frage eines Erben auch nur nachzudenken. Aber Elster hatte wie gewöhnlich große Klugheit bewiesen. Rabe biß sich auf die Lippen und kämpfte mit ihren Gefühlen. Das war ja alles gut und schön, aber konnte sie nach Harihn jemals wieder einen anderen Mann an ihrer Seite ertragen – an ihrer Seite und in ihrem Bett? Plötzlich erinnerte sie sich wieder an die Worte, die Flammenschwinge, ihre Mutter, vor so langer Zeit und im Zorn zu ihr gesprochen hatte: »Du wurdest dazu erzogen, zu begreifen, daß du eine Verantwortung gegenüber deinem Volk und deinem Thron hast. Und dazu gehört auch, daß du eine vorteilhafte Ehe schließen mußt.«