Die Herrscherin des geflügelten Volkes seufzte. Elster hatte ihr ebenfalls gesagt, daß eine Königin an Liebe nicht mal zu denken habe. Nun denn, so sei es. Sie hatten recht – alle beide, und es war an der Zeit, daß sie, Rabe, endlich erwachsen wurde und den Dingen ins Gesicht sah. Es hätte viel schlimmer sein können, rief sich Rabe in Erinnerung. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich mit der unerträglichen Aussicht auseinandersetzen müssen, den grausamen Hohepriester Schwarzkralle als Gemahl zu akzeptieren. Damals hatte sie keine Wahl gehabt, aber jetzt war es anders. Und Aguila war immer nett zu ihr gewesen und hatte der einsamen, jungen Königin in diesen letzten, schwierigen Tagen fast genauso beratend zur Seite gestanden wie Elster … Elster hatte sogar gesagt, daß Aguila sie liebte, was ein ziemlicher Schock für sie war – aber sie war noch nicht bereit, darüber nachzudenken. Allerdings war er auf jeden Fall der einzige, der sie nicht für seine Zwecke zu mißbrauchen schien.
Rabe hatte ihre Entscheidung getroffen. Sie würde es tun. Plötzlich mußte sie an die Reaktion von Sonnenfeder und Skua denken, wenn sie von dieser Neuigkeit erfuhren, und ein boshaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie würden ganz sicher krank vor Wut sein … Rabe kicherte leise vor sich hin und fühlte sich plötzlich so unbeschwert wie schon lange nicht mehr. Elster hatte wieder einmal recht gehabt.
21
Ganz wie in alten Zeiten …
In einer anderen Stadt, weit fort im Süden, dachte eine andere Königin über ihre Zukunft nach. Sara fuhr, von ihren eigenen Schreien geweckt, aus einem Alptraum. Sie riß die Augen auf und war einen Augenblick lang blind für alles außer den letzten Szenen eines Traumes, der noch immer vor ihrem inneren Auge stand. Während sie langsam wieder zu Bewußtsein kam, wurde ihr klar, daß sie durch einen Nebel hauchzarter, weißer Gardinen schaute, die in der drückenden Hitze schlaff vor ihrem Himmelbett hingen und die Strahlen der grellen Nachmittagssonne auffingen, die durch das Gitterwerk der Fensterläden in ihr Gemach fielen. Sara rollte sich auf dem breiten Bett zur Seite und weinte fast vor Erleichterung, während sie die zerknitterte Seidendecke wie einen zusätzlichen Schutzschild an sich zog. Sie war zu Hause. Sie war in Sicherheit. Es war nur ein Traum gewesen.
Sie schob die leichte Decke beiseite und griff nach der duftigen, weißen Robe aus goldbestickter Seide, die am Fußende des Bettes lag. Nachdem sie sich das Gewand über den Kopf gezogen und den Stoff über ihrer verschwitzten Haut glattgestrichen hatte, schwang Sara die Beine von dem niedrigen Sofa und genoß die relative Kühle der blauweißen Fliesen unter den bloßen Füßen. Dann kämpfte sie sich durch die vielen Schichten weißer Gaze, die von dem Baldachin über ihr herabhingen und trat in die drückend heiße Düsternis des Raumes.
Sara stellte sich auf die Zehenspitzen, hob ihre Arme hoch über den Kopf und reckte sich, bis ihre Gelenke protestierend knackten. Ah … So war es schon besser. Sie drehte den dicken, schweren Mantel ihres goldenen Haares zu einem groben Knoten in ihrem Nacken und streifte die Robe, die ihr am Körper klebte, von ihren verschwitzten Schultern, bevor sie auf nackten Füßen zu dem niedrigen Tischchen hinüberging. Wie immer standen dort Wasser und ein Krug mit Fruchtsaft bereit, der, als sie sich hingelegt hatte, noch kalt gewesen war; denn wie die Khazalim hatte sie mittlerweile gelernt, daß es unklug war, in der Hitze des Tages Wein oder Schnaps zu trinken. An diesem besonderen Tag jedoch verspürte Sara den Wunsch nach etwas Stärkerem. Also holte sie eine Flasche aus einem Schränkchen an der Wand und füllte einen Krug bis zum Rand mit Wein, bevor sie das Zimmer durchquerte und an das große Fenster trat, das vom Fußboden bis zur Decke reichte und die Hälfte der Wand in Anspruch nahm.
Als sie die Fensterläden aufklappte, strömte flirrendes Sonnenlicht wie eine Flut geschmolzenen Goldes in das Gemach. Sara blinzelte und legte sich eine Hand über die Augen, bis sich diese an das hellere Licht gewöhnt hatten. Die Luft, die ins Zimmer wehte, war nicht kühler als die stickige Luft im Haus – im Gegenteil, sie war eher noch heißer –, aber auch daran hatte sich Sara mittlerweile gewöhnt. Plötzlich hatte sie das Bedürfnis, freien Raum um sich zu haben, als enthielten die vier Wände des Gemachs noch immer das Echo ihres Alptraums. Also ging sie hinaus auf den Balkon und lehnte sich gegen das marmorne Geländer.
Das Labyrinth weißer Häuser, Höfe, Gärten und niedriger Türmchen, die das Serail des Khisu Xiang bildeten, lag in der drückenden Nachmittagshitze noch immer still und verlassen unter ihr. Das sanfte, silberhelle Plätschern der Springbrunnen, das rhythmische Schnarren der Zikaden und das Zirpen eines schlaftrunkenen Vogels waren die einzigen Laute, die die drückende Stille durchdrangen. Jenseits der Mauern von Xiangs riesigem Palast erstreckte sich die Stadt Taibeth, deren Khisihn sie jetzt war – die Königin. Eine schöne Königin, dachte sie verbittert. Ich mag ja die königliche Ehefrau des Khisu sein, aber ich bin hier genauso eine Gefangene wie sie – ihr Blick huschte zurück in den verdunkelten Raum, in dem ihre bunten Finken in ihrem goldenen Käfig schlummerten.
Sei nicht dumm! Plötzlich ärgerte sich Sara über die eigene Schwäche. Sie dachte an ihre Kleider, an ihre Juwelen – an die Macht, die sie hier in dieser engen, unnatürlichen kleinen Welt der Frauen hatte, in dieser Welt, die hinter hohen, weißen Mauern verborgen lag. Wärest du lieber wieder in Nexis, fragte sie sich zornig, bekleidet mit Lumpen, auf den Knien liegend, um den Fußboden zu schrubben, und unterwegs zum Markt für deinen Vater? Oder wärest du vielleicht lieber mit diesem Tölpel Vannor verheiratet, mit seiner hinterhältigen kleinen Schlange von einer Tochter und seinen endlosen Forderungen, daß du das Bett mit ihm teilen sollst? Wärest du vielleicht lieber mit Anvar verheiratet?
Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken. Mit beiden Händen umklammerte sie den Kelch und nahm einen langen Schluck von dem Wein, um ihre Hände, die plötzlich zu zittern begonnen hatten, wieder zu beruhigen. Sie hatte von Anvar geträumt. Die Erinnerung reichte aus, um sie völlig zu verstören. Für lange Zeit war es Sara gelungen, Anvar aus ihren Gedanken zu verbannen. Warum mußte er ausgerechnet jetzt durch ihre Träume geistern – gerade in dem Augenblick, in dem sie ihren ganzen Verstand brauchte, um die nächsten Monate zu überleben?
Mit einem Schaudern zwang sie sich, wieder an ihren Traum zu denken, in der Hoffnung, daß sie ihn aus ihren Gedanken würde verbannen können, wenn sie sich ihm gestellt hatte. Sie war in Nexis gewesen, zusammen mit Anvar, in dem Geschäft seines Vaters Torl in der Großen Arkade. Die Ereignisse waren genau wie jene gewesen, die damals dazu geführt hatten, daß Anvars Mutter Ria im Feuer umkam – aber diesmal war Sara selbst das Opfer der Flammen gewesen. Sie erinnerte sich daran, daß sie wieder und wieder geschrien hatte, während die Flammen um sie herum aufschossen und gierig nach ihren Kleidern und ihrem Haar schnappten – und statt das Feuer zu löschen, schürte Anvar es noch, war er derjenige, der sie verbrannte. Mit einem Ball Maguschfeuer in der Hand stand er grinsend über ihr. »Jetzt wirst du nie wieder ein Kind bekommen können …« Mit einem Angstschrei verbarg Sara ihr Gesicht in den Händen.
»Herrin, was, im Namen des Schnitters, treibst du hier? Komm sofort da weg! Haben die Wüstenwinde dir deinen Verstand geraubt, daß du dich da draußen der ganzen Welt präsentierst?« Das schrille Zischeln, das ihre düsteren Überlegungen durchdrang, klang gereizt und erschrocken. Sara schnappte nach Luft und fuhr herum – aber es war die Stimme selbst, die sie erschreckt hatte, nicht die Person, der sie gehörte.