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Das dünne Lispeln von Zalid hätte sie überall erkannt; er war der oberste Eunuch des Serails, Frauenlieferant für den Khisu – und der einzige Mensch in diesem Palast, dem sie, vertrauen konnte. Gerade in diesem Augenblick war Sara überglücklich, ihn zu sehen, obwohl es den Anschein hatte, als beruhe dies nicht auf Gegenseitigkeit. Die lebhaften, mit goldener Farbe gemalten Muster, die Zalids kahlen Kopf zierten, zerliefen in der Hitze an den Rändern, und die vielen funkelnden Ketten um seinen Hals klirrten, so erregt war er. Sein rundliches Gesicht war von unzähligen Falten der Angst zerfurcht.

»Komm sofort hinein, Herrin«, schalt er sie. »Wo ist dein Schleier? Hast du schon vergessen, wie krank du das letzte Mal warst, als du zuviel Sonne abbekommen hast? Und was für eine Schande, wie eine einfache Hure mit bloßem Gesicht auf deinem Balkon zu erscheinen. Benimmt sich so eine Königin?«

Als Sara sich zu ihm umdrehte, stieß er einen unwilligen Schrei aus; er war so aufgeregt, daß er auch noch den letzten Anschein von Höflichkeit fahren ließ. »Das Polster! Du Närrin – wie konntest du das vergessen? Mit deiner Unbesonnenheit wirst du uns noch alle umbringen.«

»Schweig still, Zalid!« fuhr Sara den Eunuchen an. »Du benimmst dich ja wie ein altes Weib. Ich brauche das Polster noch nicht. Und wer soll mich hier schon sehen, du Einfaltspinsel? Das ganze Serail schläft.«

Zalids Schlag erfolgte völlig überraschend für sie. Seine Hand schoß vor und traf sie so hart im Gesicht, daß sie gegen das Marmorgeländer taumelte. Bevor sie noch ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, packte der Eunuch sie am Arm und schleuderte sie zurück ins Zimmer. Sara stürzte zu Boden, wobei sie sich nur mit einer Reflexbewegung davor bewahren konnte, mit dem Gesicht aufzuschlagen. Zitternd erhob sie sich wieder, noch immer ein wenig benommen von dem harten Schlag. Obwohl sie vor Wut kochte, war sie doch gleichzeitig von einer kalten, pulsierenden Angst erfüllt. »Wie kannst du es wagen, deine Khisihn zu schlagen?« fauchte sie. »Wenn Xiang zurückkommt …«

»Wenn Xiang zurückkommt und die Spione, die überall in diesem Palast lauern, ihm erzählen, was sie auf deinem Balkon gesehen haben, wird er dich in einen Sack stecken und als Futter für die großen Eidechsen in den Fluß werfen.«

Die kalte Gelassenheit des obersten Eunuchen beendete ihren Wutanfall genauso jäh, als hätte er sie noch einmal geschlagen. Zalid trat auf sie zu, und sein dunkles Gesicht war blaß vor Wut. »Nur weil der Khisu weg ist, darfst du dir nicht gestatten, unvorsichtig zu werden – nicht mal eine einzige Sekunde lang. Diese Verschwörung war deine Idee. Ich habe dich von Anfang an vor den Schwierigkeiten gewarnt, vor den Zwängen, denen du dich würdest unterwerfen müssen – und jetzt, nachdem wir einmal angefangen haben, gibt es kein Zurück mehr. Ich habe nicht die Absicht, durch deine Dummheit mein Leben zu verlieren. Du darfst nicht länger unbekleidet schlafen und auch nicht mehr nackt wie eine tollkühne Hure aus dem Norden durch deine Gemächer wandern. Du mußt dich jetzt an dieses Polster gewöhnen, bevor es lebenswichtig für dich wird. Du wirst es zu jeder Zeit tragen, ganz gleich, wie unbequem es für dich ist und wie sehr es dich erzürnen mag. Jetzt geh und leg es an – sofort!«

Als Sara zögerte, ging er drohend auf sie zu und zischte ihr seine wütenden Worte ins Gesicht: »Du solltest immer daran denken, daß du zwar Königin sein magst, daß ich aber in der Abwesenheit des Königs für seine Frauen zuständig bin. Es gibt viele Möglichkeiten, dich zu schlagen, ohne daß du irgendwelche Narben davonträgst – und die anderen Zeichen deiner Verletzungen werden lange vor Xiangs Rückkehr verheilt sein. Und jetzt geh – und wenn ich dich jemals wieder ohne anständige Kleider, ohne Polster und ohne geziemende Schleier sehe, werde ich dich auf eine Weise bestrafen, daß man deine Schreie bis hin in dieses gottlose, nördliche Schlangennest hören kann, aus dem du gekommen bist.«

Sara starrte ihn entsetzt an. Er meinte es ernst – und mit einem kalten, flauen Gefühl im Magen wurde ihr plötzlich klar, daß er jede noch so geringe Verfehlung ihrerseits zum Anlaß nehmen würde, sie zu schlagen. Sie hatte Zalid in diese Sache hineingezogen, und jetzt, da er nicht mehr zurück konnte, hatte er Angst, und diese Angst würde er jederzeit an ihr auslassen. Vor Furcht zitternd, eilte sie in ihre Kleiderkammer und suchte den leicht gepolsterten Sack, den sie sich mit einem Wirrwarr von Riemen um den Leib band. Sie verknotete die Stoffbänder und haßte dieses sperrige, schwere Ding schon jetzt. An die nächsten fünf Monate, in denen das Gewicht und die Dicke des Sacks deutlich würden zunehmen müssen, durfte sie gar nicht denken. Sobald sie ihr loses Gewand wieder übergestreift hatte, starrte sie ihre Silhouette in dem hohen Silberspiegel stirnrunzelnd an und fragte sich, wie, im Namen aller Götter, sie nur hatte glauben können, daß sie mit dieser Sache durchkommen würde. Aber andererseits, welche Wahl hatte ich schon? dachte sie verzweifelt.

Als sie mit Hilfe von Intrigen und klugen Schachzügen dafür gesorgt hatte, daß sie Königin wurde, hatte sie keinen Augenblick darüber nachgedacht, daß sie ja keine Kinder mehr bekommen konnte. Und sie hatte natürlich nicht damit rechnen können, daß sich der Khisu verzweifelt einen neuen Sohn wünschte, einen neuen Erben, der den glücklosen und verachteten Harihn ersetzen konnte. Während ein Monat nach dem anderen ins Land gegangen war, ohne daß sich die ersten Anzeichen für das langersehnte Kind einstellten, war Xiang ihr gegenüber immer kälter geworden, immer ungeduldiger und dafür oberflächlicher und grausamer. Als er begann, sie zu vernachlässigen und sich wieder den Schönheiten in seinem Harem zuzuwenden, wußte Sara, daß sie schnell würde handeln müssen, wenn sie ihre Position behalten wollte – und Zalid war mit seiner Macht und seinem Einfluß innerhalb des Harems der einzige, der ihr helfen konnte. Glücklicherweise hing sein Schicksal, da er derjenige war, der Xiang überhaupt mit ihr bekannt gemacht hatte, in hohem Maße von ihrem eigenen ab. Die Tatsache, daß er die neue Königin gefunden hatte, hatte ihm Reichtümer und Ansehen eingebracht; aber für jene, die versagten oder ihn enttäuschten, hatte Xiang keine Verwendung. Und wenn sich diese Königin als mangelhaft erweisen sollte, würde Zalid nicht nur seinen Lebensunterhalt verlieren, sondern wahrscheinlich auch sein Leben.

So hatten also Sara und der Eunuch nach und nach ihre Intrige geschmiedet. Zalid hatte der Königin ihr eigenes Personal zusammengesucht und einen überaus bestechlichen Arzt; sie hatten den Mann mit Gold und Juwelen überhäuft – in dem glücklichen Wissen, daß der arme Kerl nicht mehr viele Monate zu leben haben würde, um sich an seinem neuen Reichtum zu erfreuen. Sara brauchte nur so zu tun, als sei sie plötzlich launisch, wie das bei schwangeren Frauen oft geschah, und als sie Xiang darum bat, ihre Leibdiener durch ein einziges, stummes Sklavenmädchen ersetzen zu dürfen, stimmte Xiang ihrer Bitte nur allzugern zu. Der seltsame Brauch dieses Landes, in dem Frauen während der Schwangerschaft in völliger Abgeschiedenheit leben mußten, hatte ihnen im Verein mit ein paar anderen unerwarteten Ereignissen die Sache nur erleichtert.

Saras falsche Ankündigung hatte Xiang überglücklich gestimmt, aber der ersten Woge des Triumphes folgte die gärende Erkenntnis, daß der andere, ältere Erbe noch lebte. Obwohl Harihn geschworen hatte, niemals zurückzukehren, grübelte der Khisu über die fortgesetzte Existenz seines Sohnes nach und natürlich auch über die Bedrohung, die Harihn für den ungeborenen Prinzen darstellte – denn ganz nach Art derer, die immer ihren Willen durchsetzten, war er natürlich davon überzeugt, daß das Kind ein Junge sein würde. Außerdem war mittlerweile so viel Zeit vergangen, daß Xiang die Furcht, die Aurian ihm eingeflößt hatte, vergessen hatte. Nachdem die Magusch die Stadt verlassen hatte, war es zu tagelangen blutigen Kämpfen gekommen, während derer Xiangs Soldaten den Aufstand der Sklaven erstickten, die Aurian befreit hatte. Es hatte eine Weile gedauert, bis alles wieder beim alten war – aber als es schließlich soweit war und keins der schrecklichen Dinge geschah, die Aurian ihm prophezeit hatte, war die Magusch dem König mit der Zeit nicht mehr als Bedrohung erschienen. Als das plötzliche Abflauen der Sandstürme den Wüstenweg nach Norden wieder freigegeben hatte, beschloß Xiang, seine Armee in Marsch zu setzen und Harihn ein für allemal zu töten.