Als seine Stimme sich plötzlich verlor, fuhr Zannas Blick schuldbewußt zu dem bandagierten Stumpen seiner Hand. Obwohl Vannor versuchte, es vor ihr zu verbergen, wußte sie, daß die Verletzung ihm immer noch große Schmerzen bereitete. Schließlich fand sie ihren Mut wieder, was nur gut war, da sie diesen dringend brauchte, als sie sah, wie Yanis’ Mund mit schlecht unterdrückter Belustigung zu zucken begann. Tarnal dagegen heiterte sie ein wenig auf. »Also wirklich! Ich habe nie bemerkt, was für schöne Augen du unter all diesem Haar hast!« rief er. Zanna wäre ihm am liebsten vor Dankbarkeit um den Hals gefallen.
Die Flucht aus Nexis war für den folgenden Tag angesetzt, und die Flüchtlinge saßen bis spät in die Nacht um das Küchenfeuer herum und schmiedeten Pläne. Zanna in ihrer Jungenverkleidung und Hebba würden mit Tarnal – der darauf bestand, die Frauen zu begleiten – am nächsten Morgen in aller Frühe aufbrechen, zu einer Zeit, da die Leute auf der Suche nach Nahrungsmitteln unterwegs und die Straßen besonders überfüllt waren; auf diese Weise hofften sie, in der Menge verschwinden zu können. Tarnal sollte sie sicher bis zur Walkmühle geleiten und in die Abwasserkanäle hinunterbringen, wo sie bis zum Einbruch der Abenddämmerung warten sollten; zu diesem Zeitpunkt würde dann Benziorn zusammen mit Yanis und Vannor zu ihnen stoßen. Tarnal sollte die Stadt währenddessen durch die Abwasserkanäle verlassen und zu den wenigen auswärts gelegenen Kaufmannsvillen gehen, die zu weit vor den Toren von Nexis lagen und daher nicht von Miathans großer Mauer eingeschlossen wurden. Dort sollte er die kleinen Bootshäuser am Fluß nach einem Boot absuchen, das er stehlen konnte.
»Und laßt uns hoffen, daß er eins findet«, warf Vannor an dieser Stelle ein, »sonst haben wir einen verdammt langen Marsch bis nach Wyvernesse vor uns.« Nach einigem Widerstreben hatte er sich von den anderen dazu überreden lassen, das Versteck der Schmuggler statt das Rebellenlagers anzusteuern, weil man ersteres auf dem Wasserweg erreichen konnte und ihm dadurch die Qual einer langen Reise durch das Moor erspart blieb. Es war die einzig vernünftige Lösung, aber das bedeutete nicht, daß er darüber glücklich sein mußte. Er wollte nicht nur zurück zu seinen eigenen Leuten, sondern dachte auch mit Angst und Schrecken daran, was einem kleinen Boot auf dem offenen Meer alles zustoßen konnte, selbst wenn sie sich dicht an der Küste hielten.
Zanna gab keine Antwort. Sie war ganz damit beschäftigt, sich um Tarnal zu sorgen. Er würde die mit Sicherheit gefährlichste Aufgabe bei ihrer Flucht übernehmen, da er sich auf das Territorium der gut bewachten Villen wagen mußte – und das noch dazu bei hellem Tageslicht.
Aber als Vannor sie am folgenden Morgen im Zwielicht vor der Dämmerung aus dem Schlaf riß, war Zanna viel zu müde, um sich über irgend etwas Gedanken zu machen. Zitternd und widerwillig zwängte sie sich in die kunterbunte Auswahl von Jungenkleidern, die Hebba für sie aufgetrieben hatte. Es war ein seltsames Gefühl, keine Röcke um die Beine zu spüren – sehr frei und gleichzeitig seltsam beengend. Während sie sich ein Stück Stoff stramm um die Brust band und sich anschließend einen weit fallenden, ausgefransten Umhang überwarf, der sie ganz und gar einhüllte, dachte sie kläglich, was für ein Glück es doch war, daß sie in dieser Hinsicht nicht viel zu verbergen hatte.
Als Zanna das enge kleine Zimmer, das sie mit der Köchin geteilt hatte, verließ und die Treppe hinunterging, waren die anderen bereits vollzählig in der Küche versammelt und scharten sich um das Feuer, tranken Taillin und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Hebba, die wie immer hin und her lief, um das Frühstück zuzubereiten, brach bei dem Gedanken, ihr geliebtes Zuhause zu verlassen, immer wieder in Tränen aus. In dieser Hinsicht war Vannor jedoch absolut unnachgiebig gewesen. Falls die Magusch jemals herausfinden sollten, daß Hebba den Flüchtlingen Zuflucht geboten hatte, war ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert. Ob es ihr gefiel oder nicht, er war fest entschlossen, sie zu retten.
Als er seine Tochter sah, fuhren Vannors Augenbrauen überrascht in die Höhe. »Bei den Göttern, Mädchen – ich hätte dich nie erkannt.« Dann nahm er sie unbeholfen in die Arme. »Weißt du«, sagte er leise, so daß nur sie allein es hören konnte, »als du geboren wurdest, war ich jung und dumm genug, mir zu wünschen, es wäre ein Sohn gewesen. Nun, ich möchte dir jetzt sagen, daß du viel tapferer und klüger warst und mir viel kostbarer, als irgendein Sohn es hätte sein können. Ich bin unendlich stolz auf dich.«
Vannors Worte drangen tief in Zannas Herz, und sie gaben ihr auch den notwendigen Mut, als sie zum ersten Mal seit drei Wochen über Hebbas Schwelle trat und sich auf die gefährlichen, feindseligen Straßen wagte. Plötzlich fühlte sie sich ganz und gar nackt, und das nicht nur wegen ihrer ungewohnten Kleider. Jeder Passant mußte ihr doch ansehen, daß etwas nicht mit ihr stimmte. Dann blinzelte Tarnal ihr zu. »Du bist ein Junge, vergiß das nicht. Du mußt nur die ganze Zeit daran denken. Und ich muß sagen, du bist ein sehr überzeugender Junge – obwohl du mir als Mädchen besser gefallen hast.«
Zanna erwiderte sein Lächeln und konzentrierte sich ganz auf ihre Rolle, während sie langsam durch die Straßen der Stadt wanderten. Sie war ein Junge, sagte sie sich entschlossen, ein Junge, der mit seinem Bruder unterwegs war; zusammen halfen sie ihrer Großmutter, zum Markt zu gelangen. Pflichtschuldigst nahm sie Hebba den schweren Korb ab und hakte die alte Köchin unter. Hebba zitterte in ihrem Umgang, und Zanna war plötzlich sehr dankbar für den Schal, der den Kopf der alten Frau einhüllte und ihr Gesicht fast verbarg.
Zanna war so in Gedanken versunken, daß sie das Getrampel von Stiefeln nicht hörte, bis Tarnals Ellbogen sich scharf in ihre Rippen bohrte. »Soldaten!« zischte er ihr zu. »Benimm dich ganz normal – denk daran, daß der Junge nichts zu befürchten hat.«
Sie war ihm für seine Warnung sehr dankbar – auf diese Weise hatte sie Zeit, sich zu fassen und einen Gesichtsausdruck anzunehmen, von dem sie hoffte, daß er liebenswürdige Dummheit verriet. Zanna starrte die Patrouille bewundernd an, als sie an ihr vorbeizog, und wünschte sich wie jeder Junge in diesem Alter, selbst ein Soldat zu sein und ein glänzendes Schwert zu tragen.
Als sie jedoch an den Soldaten vorbei waren, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als Röcke anzuhaben, damit sie dem Zittern ihrer Beine hätte nachgeben können, ohne daß irgend jemand es bemerkte. Tarnal grinste ihr ermutigend zu. »Gut gemacht«, flüsterte er. »Sie haben nicht den geringsten Verdacht geschöpft.«
Die drei kamen noch an zwei weiteren Patrouillen vorbei, bevor sie das Flußufer erreichten, und zu diesem Zeitpunkt war Zanna, begeistert von dem Erfolg ihrer Verkleidung, sehr dankbar dafür, daß sie ihrer Eitelkeit nicht nachgegeben und sich die Haare hatte schneiden lassen. Aber als sie die Walkmühle erreichten und Tarnal das Gitter anhob, um sie in die schmutzigen, tropfenden, schleimüberzogenen Kanäle einzulassen, löste sich ihr Optimismus bei dem Gedanken, wieder in die Kanalisation hinunterzusteigen, abrupt auf. Die Erinnerung an diesen letzten, alptraumhaften Marsch, bei dem sie ihren verwundeten Vater durch die engen, stinkenden Tunnel geschleppt hatte, war noch zu frisch. Aber die Notwendigkeit, mit Hebbas Ängsten und Befürchtungen fertigzuwerden, ließ sie ihre eigenen vergessen. Irgendwie schafften Tarnal und sie es mit vereinten Kräften, die rundliche alte Köchin in den Tunnel hinunterzubefördern, obwohl Hebba ein solches Wehgeschrei anstimmte, daß Zanna ihr zu guter Letzt am liebsten eine Ohrfeige gegeben hätte.