»Folgt ihm!« befahl Anvar den Himmelsleuten schroff, die immer noch wie gelähmt vor Schreck in der Nähe herumstanden. Zwei von ihnen machten sich nun an die Verfolgung. Shia und Khanu brachen aus dem verhedderten Netz aus und sprangen hinter ihnen her, dicht gefolgt von den beiden Wölfen, die zu spät gelandet waren, um der Magusch helfen zu können.
»Aurian!« Anvar beugte sich über die schlaffe Gestalt der Magusch, die reglos mit dem Gesicht nach unten auf dem wasserdurchtränkten Erdboden lag. Er ließ seine Arme unter sie gleiten und drehte sie vorsichtig um, war jedoch in der Finsternis nicht in der Lage, irgendwelche Einzelheiten zu erkennen. Ihre Haut fühlte sich grausam kalt an. Irgendwo im Hintergrund hörte er das Geräusch rennender Füße. Dann war er plötzlich von Xandim umringt, denen der Regen es unmöglich machte, ihre Fackeln zu entzünden, und die nun auch noch das wenige Licht verschluckten, das es Anvar mit seiner Nachtsichtigkeit ermöglicht hätte, ein wenig zu sehen. Verzweifelt nahm er all seinen Zorn und all seine Angst zusammen und verwandelte sie in ein kurzes, helles Aufflackern von Magusch-Licht, das die Xandim mit einem erschrockenen Aufschrei zurückweichen ließ.
»Was, in Chathaks Namen, geht hier vor? Aus dem Weg mit euch, ihr Narren! Laßt mich durch!« Zu seiner Erleichterung erkannte Anvar die Stimme des Kavalleriehauptmanns. »Aurian ist angegriffen worden!« rief der Magusch. »Schnell, Parric – hilf mir, sie hineinzuschaffen.« Er hörte den Kavalleriehauptmann fluchen, und dann war der kleine Mann auch schon an seiner Seite. »Ist sie schlimm verletzt, Anvar?«
»Ich glaube ja.« Er hob Aurian von dem regendurchweichten Boden auf und folgte Parric, der ihnen in Windeseile einen Weg durch die Menge bahnte, mit schnellen Schritten zur Festung. Wie schwer Aurian verletzt war, daran wagte Anvar gar nicht zu denken, aber in jenem kurzen Aufflackern von Magusch-Licht hatte er gesehen, daß ihr Gewand von dunklem Blut durchnäßt war. Blut, das aus der Wunde rund um ein gezacktes Messer quoll, das tief in ihrer Brust steckte.
7
Der Bergkönig
Aurian irrte irgendwo außerhalb ihres Körpers umher. Von oben konnte sie die bleiche, stille Gestalt sehen, die in der großen Eingangshalle der Xandim-Feste auf einem Bett aus Umhängen lag. Bin ich das? fragte sie sich. Ist das möglich – wirklich? Sie fühlte sich wie in einem Traum – seltsam losgelöst. Sie wußte, daß sie schlimme Verletzungen davongetragen hatte; sie wußte, daß man ihr ihren Sohn gestohlen hatte. Seltsamerweise spielte nichts von alledem im Augenblick eine Rolle. Sie betrachtete alles von außen, von oben, von einem Punkt jenseits der Ereignisse …
Von ihrem Blickwinkel aus konnte die Magusch Parric sehen, einen ihrer ältesten sterblichen Freunde, der jetzt mit gramverzerrtem Gesicht über ihrem Körper kniete. Außerdem war da auch Chiamh, der Xandim-Seher, der ganz in der Nähe in einer Ecke lehnte. Sein Gesicht war ausdruckslos und leer, während er den Wind ritt, um ihr verschwundenes Kind aufzuspüren. Aber sie wußte, daß er nicht ganz bei der Sache war. Ein Fetzen seines Bewußtseins blieb bei ihr in der großen Halle und sorgte sich um ihre Genesung. Und da – das Schmerzlichste von allem, wenn irgend etwas in diesem tröstlichen, luftleeren Raum ihr überhaupt noch Schmerzen verursachen konnte – war Anvar. Ihr Geliebter hatte keine Zeit auf Tränen verschwendet. Statt dessen hockte er über ihrer leblosen Gestalt und versuchte mit jeder Faser seiner Kraft und seiner Liebe, ihren fliehenden Geist zurück in ihren Körper zu ziehen.
Armer Anvar. Wie groß waren denn seine Chancen schon? Jetzt begriff Aurian, was Forral empfunden haben mußte, als die Todesgeister ihn töteten und er sie, Aurian, gesehen hatte, viel jünger damals noch und viel unschuldiger – und verzweifelt bemüht, das Unvermeidliche zu verhindern. Bei den Göttern! Wie viel wäre ihr damals erspart geblieben, wenn sie dies nur gewußt hätte. Der Abschied vom sterblichen Leben war so leicht! Man mußte nur loslassen und …
Das flüchtige Aufflackern einer Erinnerung zuckte durch Aurians Gedanken. Ein kleines Boot, ein mondheller Fluß und weiße Gischt, die auf den stürmischen Wassern eines tödlichen Wehrs funkelte … Ein eisiges Hineintauchen und ein Gedanke: Es wäre so leicht, einfach loszulassen und alles vergessen zu dürfen …
Das reichte, um die Magusch aus ihrem losgelösten Traum herauszureißen. O ihr Götter, das konnte doch nicht sein? Was, zum Teufel, denkst du dir eigentlich? beschimpfte Aurian ihren dahintreibenden Geist mit wütenden Worten. Du darfst jetzt nicht sterben! Aber wie sollte sie es verhindern? Sie spürte, wie kalte Angst ihr Herz umklammerte. Plötzlich stand eine Vision von Forral vor ihren Augen, verschleiert, durch wogende Nebel, aber trotz der dichten Schleier konnte sie den Schmerz auf seinem Gesicht sehen und das Funkeln von Tränen in seinen Augen. Entschlossen wandte sich Aurian von dem Schatten ab und brachte die Sehnsucht in ihrem Herzen zum Schweigen. »Geh weg«, fauchte sie. »Ich kann jetzt nicht aufgeben!«
»Er wird vielleicht nicht weggehen – diesmal nicht. Er ist zu dir gekommen – um dich abzuholen und um dich in mein Reich zu begleiten.« Die schauerliche Stimme drang wie Krallen aus Eis mit einem immer dumpfer werdenden Schnarren in Aurians Wesen. Die Magusch schauderte. Sie hatte diese Stimme schon früher einmal gehört – vor langer, langer Zeit, in einem staubigen, sonnendurchglühten Hof im Land der Khazalim. »Was willst du von mir?« flüsterte sie.
Der Tod lachte. »Was könnte ich wohl wollen, du kleine Närrin? Du hast deine Karten überreizt; die Zeit in deiner Welt überzogen. Schon einmal hast du mir getrotzt – aber diesmal gehörst du mir!«
Die riesige, in ein Leichentuch gehüllte Gestalt ragte hoch und dunkel vor Aurian auf, aber mit aus Verzweiflung geborener Kraft und einem gequälten Aufheulen, das aus den Tiefen ihrer geschundenen Seele kam, riß sie sich aus der Umklammerung seiner eisigen Klauen los und wich ihm aus.
»Nein!« schrie sie ihm ihren Trotz entgegen. »Ich habe jetzt die Macht des Erdenstabes. Er ist durchwirkt mit Hoher Magie und gibt mir daher genug Macht, um dir, selbst in deinem eigenen Reich, zu widerstehen! Wenn du mich haben willst, dann wirst du kämpfen müssen, und zwar um jeden einzelnen Schritt auf dem Weg!« Aurian hatte alle Mühe, ihr Erstaunen über ihre eigenen Worte zu verbergen. Das mit dem Stab hatte sie doch überhaupt nicht gewußt? Woher nur waren diese Worte plötzlich gekommen?
Der Tod zischte ihr einen frostigen Fluch entgegen. Dann drehte er sich zu Forral um und winkte den Krieger fauchend zu sich heran. »Trotzig wie immer«, murmelte er. »Sie war deine Geliebte, Schwertkämpfer – hol du sie! Tu es, und sie wird für alle Ewigkeiten dir gehören.«
Forral sah die Erscheinung traurig an und schüttelte den Kopf. »Nicht jetzt – und nicht so. Nicht, solange sie mich nicht will.«
»Natürlich will ich dich, du Narr!« Aurian nahm Zuflucht zu scharfen Worten, um ihre Tränen zurückzuhalten. »Aber erinnerst du dich daran, was du mir vor langer Zeit einmal gesagt hast, darüber, daß ich mein Leben in der menschlichen Welt leben müsse – und was ist mit unserem Kind?« Obwohl Aurian von heftigen Schuldgefühlen geplagt wurde – ein körperlicher Schmerz in dieser unirdischen Welt, der ihr wie ein Speer durchs Herz fuhr –, zwang sie sich weiterzusprechen: »Ich liebe auch Wolf«, sagte sie leise. »Und ich muß jetzt zurück, um ihn zu retten. Er ist alles, was von dir und mir übriggeblieben ist.«
Forral lächelte traurig. »Nicht ganz«, erwiderte er. »Das darfst du niemals glauben. Aber er ist ein Kind – verwirrt, bedroht und voller Angst. Wenn ich ihn beschützen könnte, ihn und dich, dann würde ich es tun – aber ich kann nicht. Du hast recht, Liebste. Du solltest zurückgehen.«