»Kann ich?«
Forral zwang sich zu einem Lächeln, und da begriff die Magusch erst, welche Seelenstärke dieser große Mann besaß. »Ich habe immer gesagt, daß du alles schaffen kannst, was du willst«, erwiderte er und wandte sich dann erneut an die hochaufragende Gestalt des Todes. »Du hast sie gehört. Wenn du sie haben willst, dann kannst du sie dir verdammt noch mal selber holen.«
Da war es wieder – dasselbe alte, unbezwingbare Grinsen, das Aurian immer so geliebt hatte. Sie erwiderte es lächelnd, teilte einen letzten Augenblick der Verbundenheit mit ihm – und riß sich dann los, um kreiselnd wieder in ihren Körper hineinzugleiten. Sie hatte es fast geschafft, als sie zu ihrem Entsetzen spürte, wie ihre Bewegungen langsamer wurden. Der Tod riß sie zurück – zurück in den Nebel.
»Es ist nicht eure Entscheidung – weder deine noch seine.« Die Stimme der Erscheinung war unerbittlich wie das Zuschlagen eines Sargdeckels. »Deine Zeit ist vorbei, Aurian. Du mußt mir folgen …«
»Es gibt nichts, womit du mich dazu zwingen kannst.« Dessen war die Magusch sich jetzt sicher. »Ich muß zurück zu Anvar, muß gegen den Erzmagusch kämpfen und vor allen Dingen mein Kind retten …«
»Ach, ich kann dich nicht zwingen, wie?« zischte der Tod. Und wieder wurde Aurians Seele von der Umklammerung eisiger Klauen zerrissen, und die schnarrende Stimme der Erscheinung höhnte: »Du magst ja den Erdenstab besitzen, o Magusch – aber eines hast du vergessen. Wir haben früher einmal einen Handel geschlossen, und du schuldest mir immer noch ein Leben. Diese Schuld mußt du jetzt begleichen …« Die Worte endeten in einem erschrockenen Aufkreischen, und abermals spürte die Magusch, daß sie frei war.
»Zauberin, kehre zurück in deinen Körper!« Die Stimme hatte hier nichts zu suchen – sie war fremd. Diese Sache ging sie nichts an! In der Zwischenwelt, die sie umfing, wurde Aurian plötzlich von Angst erfaßt und ertappte sich dabei, wie sie die Hand nach einem nicht vorhandenen Schwertgriff ausstreckte.
Der Tod schien gleichermaßen erschrocken zu sein. »Das geht dich nichts an!« fauchte die Erscheinung wütend.
»Es geht mich nichts an – nur bin ich in der Lage, zu sehen, was wichtig ist und was nicht«, erwiderte die Stimme. »Dies ist nicht der rechte Zeitpunkt für dich, deine Schuld einzufordern, o Grauer – und das weißt du sehr gut. Deine Ziele mögen sich von denen der Lebenden unterscheiden, aber deine Gier nach dieser einen hellen Seele würde unser aller Untergang bedeuten. Es darf nicht sein, nicht zu dieser Zeit. Warum mußt du sie unbedingt jetzt haben? Früher oder später wird sie ohnehin zu dir kommen.«
In den Schatten ihres Bewußtseins konnte Aurian eine gewaltige Gestalt sehen, die unaussprechlich alt, mächtig – und durch und durch fremd – zwischen ihr und dem Schnitter der Seelen schwebte. Einen entsetzlichen Augenblick lang schien der Tod zu zögern, dann fauchte er: »Na schön, ich werde sie verschonen – diesmal.« Die grimmige Erscheinung verschwand und ließ Aurian allein mit dem fremden Wesen.
»Ich bin Basileus«, sagte der Schatten. »Ich bin der Körper und die Seele dieser Festung. Wir sprechen uns später wieder – aber jetzt mußt du zurückkehren. Fliehe, kleine Zauberin – zu dem, der dich liebt – er wird dir helfen!«
»Was? Zurück zu Forral?« Eine Sekunde lang war Aurian verwirrt – dann wurde ihr alles klar. »Anvar!« rief sie freudig und ließ ihre Seele auf seinen suchenden Geist zuschießen. Sie suchte und suchte nach ihm in dem grauen Nichts des Jenseits. Und plötzlich, zu ihrer glückseligen Überraschung, leuchtete ihr ein helles grünes Licht entgegen: ein klarer und mächtiger Leitstrahl, der sie durch die Schleier hindurchführte, die sie von ihrem Liebsten trennten.
»Verdammt, ich verliere sie!« stöhnte Anvar gequält auf. Aurians Gesicht war aschfahl. Blut und Schaum traten bei jedem keuchenden flachen Atemzug, den sie zu nehmen versuchte, aus ihrer Wunde. Ihr Herzschlag setzte immer wieder aus und war unregelmäßig wie bei einem Läufer auf der letzten Etappe eines Rennens, und nur Anvars unbeugsamer Wille, vielleicht vereint mit dem von Aurian, ließ ihr Herz überhaupt weiterschlagen.
Wie durch eine Nebelwand wurde er sich einer Gestalt hinter sich bewußt – Chiamh.
»Ich werde meine Suche nach dem Kind später fortsetzen«, sagte das Windauge. »Jetzt brauchst du mich hier.« Seine Augen waren immer noch silbrig von der Andersicht, als er sich über Aurians stille Gestalt beugte und seine Hände die Luft über ihr zu einem Netz zu verschlingen schienen. »Es sieht schlimm aus«, murmelte er. »Ich kann dafür sorgen, daß sie noch eine Weile weiteratmet – aber …« Er blickte zu Anvar auf, und der Blick seiner Silberaugen war konzentriert und durchdringend. »Geh du und such nach ihrem Geist – jenseits des Schleiers«, befahl er. »Benutze ihren Stab, den, den du einst geschnitzt hast und den sie mit Macht erfüllt hat. Er wird euch vielleicht verbinden. Ich – ich werde uns etwas Hilfe holen, wenn ich kann.« Mit diesen Worten ließ er sich, den Kopf auf die Brust gesenkt, in eine tiefe Trance fallen. Noch während Anvar die Hand ausstreckte, um den Stab zu ergreifen, der mit Aurians anderen Besitztümern auf dem Boden verstreut lag, hörte er das Windauge ein einziges Wort flüstern: »Basileus.« Anvar legte Aurians kalten, schlaffen Hände um den Stab und hielt sie dort mit seinen eigenen Händen fest. Dann ließ er seine Kraft und seinen Willen und seine Liebe in das Artefakt hineinströmen, und sein Geist machte sich auf in jenen leeren Raum, in dem seine Liebste sich nun aufhielt.
Und er fand sie. Sie kam ihm bereits entgegen, stürzte von flatternden Fetzen grau umweht auf das Licht des Stabes zu. Ihre Geistergestalt war gräßlich verstümmelt, als hätte sie sich wieder und wieder dem Zugriff riesiger Krallen widersetzen müssen. Anvar schrie ihren Namen – und hörte seinen Namen, mit ihrer Stimme gerufen, als Echo in seinem Kopf. Als er die Angst und das Entsetzen in ihrem Schrei spürte, hielt er sie so fest er nur konnte, und sie klammerte sich an ihn, während das smaragdene Glühen des Erdenstabs sie beide wie ein kostbarer Segen umschlang.
Jetzt jedoch war nicht die rechte Zeit, ihr Wiedersehen zu feiern, keine Zeit für Liebe, keine Zeit für Angst. »Aurian«, sagte er drängend. »Ich brauche deine Hilfe. Deine Heilung geht über meine Kräfte – diese Dinge habe ich noch nicht gelernt. Du mußt jetzt zurückkommen – du mußt dich mit mir in der Macht des Stabes vereinen, so wie wir es in der Wüste getan haben, und mir dann deine heilenden Kräfte leihen, damit ich dir helfen kann.«
Ihre Augen weiteten sich. »Geht das denn?« fragte sie atemlos. Dann sah er, wie ihre Kiefer sich verkrampften. »Verdammt, das sollte es besser«, murmelte sie. Die Welt begann zu kreisen und …
Plötzlich steckte Anvar wieder in seiner irdischen Gestalt und kniete über der Magusch, aber diesmal spürte er ihren Geist in tiefer und vertrauter Verbindung mit dem seinen. Er spürte auch ihr Erschrecken, als sie das Ausmaß des Schadens ermessen konnte, den Meiriels heimtückisches Messer angerichtet hatte. Er hörte sie fluchen. Dann jedoch klang ihre Stimme ruhiger. »Wir sollten uns besser beeilen. Ich wußte nicht, daß es so viel zu tun geben würde.«
Ohne den Stab der Erde hätten sie es jedoch nie geschafft. Und ohne Aurians Kenntnisse, die sie ironischerweise eben jener Frau verdankte, die sie nun zu töten versucht hatte, hätten die beiden Magusch keine Chance gehabt. Anvar, der einfach voller Vertrauen seine Kraft in Aurians Hände gegeben und seine Hände ihrem Willen anbefohlen hatte, ließ seine Geliebte sich selbst heilen. Und nach einer entsetzlichen, verfluchten, endlosen und erschöpfenden Ewigkeit, die sie damit zugebracht hatten, durchtrennte Muskeln und zerfetztes Gewebe zusammenzufügen, spürte Anvar, wie Aurians Geist sich aus dem seinen ausklinkte. Einen Augenblick lang herrschte kalte Angst in seinem Herzen – dann öffnete Aurian die Augen. »Ich liebe dich«, flüsterte sie. »Du hast gute Arbeit geleistet, mein Partner, beim Heilen – und bei allem anderen.«