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Aus ihrem Nest wärmender Umhänge heraus sah die Magusch, wie ein breites, ein wenig einfältiges Grinsen Anvars Züge verzerrte und glückselige Freude über ihre Rückkehr in seinen Augen aufleuchtete. Ihr Herz flog ihm entgegen.

»Die Fähigkeiten, denen wir das zu verdanken haben, kamen von dir«, sagte er zu ihr. »Und ich liebe dich auch.« Noch immer hielt er ihre Hand fest umklammert. »Aber wirst du – wirst du jetzt wieder ganz gesund?«

Für einen kurzen Moment verschleierte sich Aurians Blick, und sie richtete ihr Augenmerk nach innen. Dann blickte sie auf und nickte mit einem müden kleinen Lächeln. »Alles sauber geflickt. Mir tun einfach nur alle Knochen weh – und ich bin so furchtbar, furchtbar müde. Ich muß eine Weile schlafen, um wieder zu Kräften zu kommen, und damit die Heilung ihre letzte Wirkung tun kann – und dann«, ihre Finger bohrten sich in Anvars Hand, »dann suchen wir diese Hexe Meiriel – und mein armes Kind.«

Anvar war wie vom Donner gerührt. »Es war Meiriel? Aber Parric glaubte, sie sei tot …«

»Bei allen Göttern, ich wünschte, sie wäre es«, fauchte Aurian. »Aber das ist ein Irrtum, der sich aus der Welt schaffen läßt. Gibt es irgend etwas Neues?« wollte sie wissen. »Ist irgend etwas geschehen?«

Anvar drückte ihr tröstend die Hand und schüttelte den Kopf. »Aber wir werden …«

»Du lebst!« Shias Stimme hallte überglücklich in Aurians Gedanken wider, als zwei große Katzen mit vom Regen durchweichtem Fell in die große Halle schossen. Shia stieß die Magusch vorsichtig mit der Schnauze an, und während sie vor Glück schnurrte, fielen eisige Tröpfchen aus ihren langen, schwarzen Schnurrhaaren auf Aurians Gesicht.

Aurian brachte es trotz ihrer Sorgen fertig, der großen Katze zuzulächeln. »Ja, ich lebe«, stimmte sie ihr zu. »Obwohl nur die Götter wissen, wie das möglich ist. Aber …« Ihre Gedankenstimme war überschattet von Furcht. »Was ist dir widerfahren, Shia? Gibt es etwas Neues von meinem Sohn?«

Die große Katze ließ den Kopf sinken. »Wir haben versagt«, gestand sie kläglich. »Unsere Feindin hat eine Barriere aus Magie errichtet, die wir nicht überwinden konnten, und dann haben wir ihre Spur verloren. Den Geflügelten ist es anscheinend ähnlich ergangen. Ich glaube, die Magie hat sie vor ihren Blicken geschützt. Dann spürten wir, daß dein Leben in Gefahr war. Selbst auf eine solche Entfernung konnten wir fühlen, wie dein Geist langsam davonglitt …« Shias Gedankenstimme zitterte kurz. »Khanu und ich sind zurückgekehrt, während die Wölfe den Berg durchkämmen, um festzustellen, ob sie Wolfs Entführerin irgendwo aufspüren können.« Dann wandte sie den Blick von der Magusch ab. »Aurian – ich glaube, irgend jemand hat deiner Feindin geholfen. Wir können uns zwar irren, aber Khanu und ich waren überzeugt davon, ganz schwach die Witterung fremder Katzen aufgenommen zu haben – unserer eigenen Leute. Ich schäme mich so …«

»Psst«, unterbrach sie eine Stimme. Als sie sich umsah, erblickte Aurian das Windauge der Xandim. »Mach dir keine Vorwürfe«, sagte er zu Shia, wobei er die beiden Magusch an seiner Gedankenrede teilhaben ließ. »Es könnte schlimmer sein. Immerhin wissen wir, in welche Richtung die Wahnsinnige gegangen ist«, beschwichtigte er sie. »Sie mag zwar in der Lage gewesen sein, sich vor normalen Blicken zu verbergen, aber mit meiner Andersicht habe ich sie auf dem Wind aufgespürt – doch war ich gezwungen, zurückzukehren, um Aurian zu helfen, als ich spürte, daß ihr Leben in Gefahr war. Als ich diese Hexe zum letzten Mal gesehen habe, hat sie jedoch keinerlei Versuche unternommen, dem Kind Schaden zuzufügen …«

Seine Stimme war warm und tröstlich. Viel zu tröstlich, wenn man die Umstände betrachtete. Argwohn ließ Aurians Kopfhaut prickeln. »Und die schlechten Nachrichten?« wollte sie wissen. »Na komm schon, Chiamh – was ist es, was du uns nicht sagst?«

Chiamh seufzte. »Die Wahnsinnige hat das Baby hoch hinauf auf die höchsten Hänge des Windschleiers gebracht – und sie ging in Richtung Drachenschwanz. Shia hatte recht – zwei fremde Katzen waren in ihrer Nähe, wie Schatten an ihre Fersen geheftet. Sie hat deinen Sohn auf den gefürchteten Stahlklauegipfel gebracht. Selbst wenn wir sie dort aufspüren, werden die Wölfe nicht in der Lage sein, ihr zu folgen. Niemand außer den Schwarzen Geistern kann sich auf den Hängen Stahlklaues bewegen – und überleben.«

Das entsetzte Schweigen der beiden Magusch wurde von Shias Knurren unterbrochen. »Keiner außer den Geistern, sagst du? Aber Chiamh, ich bin einer von deinen Schwarzen Geistern! Keine Angst, Aurian, Khanu und ich werden den Stahlklauegipfel besteigen. Ich habe dort noch etwas zu erledigen, vor allem, wenn sich Gristheena und ihre Leute auf die Seite deiner Feinde geschlagen haben. Sei versichert, daß ich dir Wolf zurückbringen werde.«

Meiriel stolperte über das kahle Feld der Steine auf die zerklüfteten Felsbänke des Drachenschwanzes zu, wobei sie abwechselnd ihre Magusch-Sicht segnete, die es ihr gestattete, sicher durch die Dunkelheit zu kommen, und den Wind verfluchte, der ihr immer wieder klebrige Haarflechten ins Haar schlug und ihr den Regen in die brennenden Augen trieb, um ihr nach Kräften eben jene Nachtsichtigkeit zu rauben, die sie im Augenblick so dringend brauchte.

Trotz des Sturms, trotz der Schwierigkeiten des Aufstiegs brannte eine wilde Freude in Meiriels Herzen. Endlich, endlich hatte sie ihre Feindin geschlagen, diese Mörderin ihres geliebten Seelengefährten! Ihr magischer Schild hatte ihre Verfolger genarrt. Und nun hatte sie Aurians Kind in ihrer Gewalt, dieses verfluchte, unnatürliche Ungeheuer, dessen sie sich jetzt auf jede Weise entledigen konnte, die ihr passend erschien. In der Ferne hörte Meiriel das Geheul von Wölfen und tat das grausige Geräusch mit einem Achselzucken ab. Statt dessen blickte sie hinunter, und ihre scharfen Augen erspähten den verborgenen Weg, der von dem Plateau hinunter zu einem halb zerstörten Felsvorsprung führte. Sobald sie den Stahlklauegipfel erreicht hatte und sicher sein konnte, ihre Verfolger abgeschüttelt zu haben, würde das Kind …

»Gewundene Schlange einer Zauberin – das glaube ich nicht!«

»Wer ist da?« Meiriel wirbelte herum, und ihre Stimme war schrill vor Panik. Obwohl die Worte leise gewesen waren, hatte man sie selbst über dem Tosen des Sturms deutlich vernehmen können.

»Du irrst dich, Wahnsinnige. Dein heimtückischer Angriff war nicht so perfekt durchgeführt, wie es den Anschein hatte. Aurian wird leben – und wenn du auch nur noch einen einzigen Funken Verstand in deinem Kopf hast, wirst du ihr Kind ebenfalls am Leben lassen – als Geisel oder als Köder.«

»Wer bist du?« kreischte Meiriel. Schluchzend vor Angst, lief die Magusch, deren Freude nun vollkommen erloschen war, den Hang hinunter, der von dem Plateau herunterführte, wobei sie halb stolperte, halb fiel. Schließlich kroch sie auf allen vieren über den zerklüfteten Felsvorsprung, von dem man auf den Stahlklauegipfel gelangte. Und sobald sie den Windschleier hinter sich gelassen hatte, war die Stimme ihres Peinigers verstummt.

Der Weg über den Drachenschwanz war ein Alptraum. Meiriel mußte Zentimeter um Zentimeter auf Händen und Knien hinüberkriechen, wobei ihre Haut und ihr Fleisch von den rasierklingenscharfen Kanten spitzer Felsbrocken aufgeschlitzt wurden. Sie hinterließ eine deutliche Blutspur, die jedoch von dem unbarmherzigen Regenguß sogleich davongespült wurde. Der Sturm kreischte ihr seine Verachtung ins Gesicht, rüttelte ihren halb erfrorenen Körper auf dem ungeschützten Felsvorsprung durch und umklammerte sie mit machtvollen Fingern; jeden Augenblick drohte sie, von ihrem gefährlich hohen Weg heruntergerissen und in die dunklen Tiefen des Abgrunds geschleudert zu werden. Wegen der Energie und der Konzentration, die sie für ihren schwierigen Marsch brauchte, war sie gezwungen gewesen, ihren magischen Schild sinken zu lassen, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr.