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Meiriel biß die Zähne zusammen und schleppte sich halsstarrig immer weiter, obwohl in ihrem Kopf die mysteriöse Nachricht, die sie auf dem Windschleier erhalten hatte, immer noch widerhallte. Woher mochte diese Stimme gekommen sein? War das ein Trick, und wenn ja, von wem? Was hatte das zu bedeuten? Konnte es wirklich wahr sein, daß Aurian noch lebte? Meiriel schrie vor Schmerz und Wut laut auf und spie auf die regennassen Steine des Felsvorsprungs. Sie mußte davon ausgehen, daß es der Wahrheit entsprach. Da war etwas in dieser Stimme gewesen, das sie überzeugt hatte – und außerdem wagte sie es nicht, ein solches Risiko einzugehen. Die Stimme hatte in einer Hinsicht jedenfalls recht gehabt. Wenn Aurian wirklich noch lebte, würde Meiriel das Baby noch brauchen – auf die eine oder andere Weise.

Als sie auf der anderen Seite des Vorsprungs angelangt war, hatte sich die Magusch wieder einigermaßen unter Kontrolle. Selbst wenn Aurian hierherkommen sollte, hatte Meiriel immer noch ein oder zwei Kunststückchen für sie auf Lager, zu denen nicht zuletzt ihre neue Freundschaft mit den wilden Bewohnern dieses zerklüfteten Gipfels zählte. Als dieser Narr Parric mit seiner notdürftig zusammengesuchten Armee nach Süden aufgebrochen war, hatte Meiriel auf dem Stahlklauegipfel Zuflucht gesucht, um nicht von den Xandim und ihren scharfäugigen Spähern entdeckt zu werden, wenn sie den Windschleier überquerten.

Die Magusch hatte keine Ahnung von der Xandim-Legende gehabt, daß der Drachenschwanz unpassierbar war und die unsicheren Felsvorsprünge in Wind und Wetter immer wieder ihre Gestalt änderten. Sie hatte den Weg mit einiger Mühe hinter sich gebracht und auf ihrer Wanderung die Schwarzen Geister des Berges kennengelernt. So viele von ihnen waren plötzlich dagewesen, daß sie sich gezwungen sah, ihre Zauberkräfte zu benutzen, um sich zur Wehr zu setzen – und bei der Anwendung ihrer Magie hatte sie herausgefunden, daß es eine Möglichkeit gab, sich mit den fremden Wesen zu verständigen. Bei ihrem Treffen mit dem Ersten Weibchen hatte Meiriel ferner herausgefunden, daß sie und Gristheena einander ziemlich ähnlich waren. Die große Katze war verwundet und litt noch immer unter der jüngsten Niederlage, die sie durch irgendeinen Gesetzlosen erlitten hatte. Ihre Position als Führerin war derzeit ziemlich geschwächt, und sie war froh gewesen, mit Hilfe der Kräfte der Magusch ihre Autorität zurückzugewinnen. Und Meiriel? Die verfolgte ihre eigenen Zwecke.

Heute abend hätte die Magusch es ohne Gristheenas Hilfe nicht geschafft. Meiriel blickte hinüber zu den beiden großen Katzen, die neben ihr herliefen – eine als Wächterin und die andere mit einem kleinen, in Stoff gehüllten Bündel, das sie vorsichtig zwischen ihren gewaltigen Kiefern trug. Bei diesem Anblick spielte ein grimmiges Lächeln über Meiriels Gesicht. Dank sei den Göttern, daß sie nicht gezwungen gewesen war, diese Last über die zerklüfteten Felsen zu tragen!

Nun rief die Magusch der einen Katze zu, daß sie stehenbleiben solle, trat zu ihr heran und betastete mit einem blutbefleckten Finger das kleine Bündel. Aus dem Innern drang ein jämmerliches, protestierendes Wimmern. Meiriel nickte zufrieden und stapfte schließlich weiter, den holprigen Pfad hinunter zu Stahlklaues verwüstetem Herzen. Sie mußte so bald wie möglich zu Gristheena zurück und dann – nun, dann würde man weitersehen.

»Dieser verwünschte Regen – ich sehe rein gar nichts!« murmelte Anvar.

»Wir auch nicht«, erwiderte einer seiner geflügelten Träger verbittert. »Und wir sind diejenigen, die das Fliegen besorgen müssen, wir riskieren Leben, Flügel und Glieder in diesen trügerischen Gipfeln.«

»Oh, hör schon auf zu jammern!« brummte Anvar, den seine Sorgen ziemlich ungnädig gestimmt hatten, aber Chiamh fuhr schnell und mit lauterer Stimme dazwischen: »Wie überaus mutig sind die Krieger des Himmelsvolkes, die sich freiwillig zu dieser gefährlichen Mission gemeldet haben. Ihr habt euch nimmer endende Dankbarkeit verdient von jenen, die die Verbündeten eurer Königin sind.«

Anvar spürte, wie das Windauge ihm einen spitzen Ellbogen in die Rippen rammte, und hastig fügte er Chiamhs Worten seine eigenen Dankesbekundungen hinzu. »Das war ein guter Schachzug«, sagte er dankbar, denn Chiamh hatte die Geflügelten auf diese Weise daran erinnert, daß die beiden Magusch ihre Monarchin gerettet hatten. Er wünschte nur, das Windauge hätte auch etwas gegen diesen abscheulichen Sturm tun können. »Hast du irgendeine Vorstellung, wo wir sind?« flüsterte er.

Anvar nahm noch ein silbernes Aufblitzen in Chiamhs Augen wahr, und schon begann das Windauge, die düstere Landschaft mit seiner Andersicht abzusuchen. »Wir befinden uns auf einem der Gipfel, von denen man einen Blick auf das Herz Stahlklaues hat«, erwiderte er in Gedankenrede. »Dieser Teil ist gut bewacht, aber nicht mehr in der Höhe, in der wir uns jetzt befinden, denn unsere geflügelten Freunde haben uns in einem Gebiet abgesetzt, das die Katzen nicht mehr erklimmen können. Der Lärm des Sturms übertönt unsere Schritte, aber sei trotzdem so still wie möglich und paß auf, daß du im Dunkeln nicht danebentrittst! Diese Stelle eignet sich bestens als Aussichtspunkt – und als ich sie das letzte Mal sah, hat sich unsere Feindin ebenfalls in diese Richtung aufgemacht. Wenn sie sich tatsächlich mit den Katzen verbündet hat, muß sie auf jeden Fall hierher kommen. Und sobald sie da ist, werden die Himmelsleute uns schnellstens runterbringen – und unsere Falle schnappt zu!«

»Dann gehört Gristheena mir!« Selbst in Gedankenrede war Shias Stimme ein wildes Knurren.

»Und mir!« wiederholte Khanu, ihr getreuliches Echo.

Anvar fing das seltsame kleine Gedankensymbol auf, das bei Shia soviel bedeutete wie ein resigniert gen Himmel gerichteter Blick, und lächelte bei sich.

»Ich würde nicht lächeln, wenn ich du wäre«, wies Shia ihn schroff zurecht. »Aurian wird euch alle beide umbringen, wenn sie aufwacht und feststellt, daß Chiamh ihr diese Schlafdroge in den Wein geschmuggelt hat.«

»Mir macht das nichts aus«, protestierte das Windauge. »Aurian bestand darauf, mit uns zu kommen, und im Augenblick ist sie nicht in der Verfassung dazu. Außerdem«, fügte er hinzu, »wenn wir Wolf sicher zu ihr zurückbringen, wird sie zu glücklich sein, um uns umzubringen.«

»Da hast du recht«, erwiderte Anvar. »Wahrscheinlich wird sie uns nur ziemlich übel zurichten.« Obwohl er eigentlich kaum zu Scherzen aufgelegt war, war er doch dankbar für diese gutmütige Neckerei. Es beruhigte seine Nerven, die strammer gespannt waren als eine Armbrust.

»Psst!« unterbrach sie Khanu. »Ich habe etwas gehört!«

Anvar konnte in dem undurchdringlichen Gemisch aus Unwetter und Dunkelheit nichts erkennen, aber Chiamh mit seiner Andersicht sah alles. Den tiefen, finsteren, zerklüfteten Krater in Stahlklaues Herzen, den vorspringenden Obsidianfelsen, auf dem hier und da glühwürmchengleiche Lichter aufflackerten, während die Katzen sich unten sammelten und von einem Ort zum anderen strichen. Auf der anderen Seite des finster glitzernden Felsvorsprungs sah er den dunklen, formlosen Eingang eines Tunnels. Aus seiner Öffnung stieg ein geisterhaftes, schwaches Licht auf, rot und flackernd, halb verschleiert und durchschossen mit Speichen fahler Düsternis. Die Wahnsinnige! Chiamh hielt den Atem an und sah zu, wie das übelkeitserregende Funkeln ihres Unlichtes aus dem Tunnel hinaus ins Freie und quer über den Felsvorsprung drang. In diesem Augenblick flüsterte er: »Jetzt!« Die Netze, auf denen seine Begleiter gerade noch gestanden hatten, wurden hochgerissen und zusammengezogen. Die Himmelsleute flogen auf und stoben hinunter in den Krater.

Hreeza, die schon jetzt in dem vom Himmel klatschenden Regen heftig zitterte, wünschte sich immer öfter, niemals hierhergekommen zu sein. Das war keine Aufgabe für so eine alte Katze! Sie mußte wohl laut gedacht haben, denn ganz in ihrer Nähe erklang eine tadelnde Stimme: »Für eine einzelne alte Katze mag das ja gelten, aber wir sind viele. Du hast es so gewollt, Hreeza – das war deine große Vision, und du hast unserem Leben einen neuen Sinn gegeben. Nun vertraue auch auf das Wunder, das du selbst gewirkt hast!«