Hreeza kicherte trocken. »Schönes Wunder – eine Horde skelettmagerer, zerzauster alter Vagabunden!« schnaubte sie. Aber trotzdem floß der Mut in warmen Strömen zurück in ihre Adern, und ihr altes Herz bebte vor Stolz. »Sentimentale Närrin!« schalt sie sich – aber es tat trotzdem gut. Wenn sie ihre Pläne doch nur in die Tat umsetzen konnte!
Vor einigen Tagen in Aerillia hatte Hreeza angenommen, der schwierigste Teil ihrer Mission würde darin bestehen, dieses kleine Biest von Königin dazu zu bringen, ihr geflügelte Träger zur Verfügung zu stellen und sie in aller Heimlichkeit von dannen ziehen zu lassen. Sobald dieser Teil des Planes jedoch mit Erfolg abgeschlossen gewesen war, hatte Hreeza sich plötzlich hoch über den Wolken in einem hin und her schwingenden Netz wiedergefunden – und abrupt ihre Meinung geändert. Dies zu überleben, davon war die alte Katze überzeugt, das war der wirklich heikle Teil. Sie hatte sich jedoch geirrt. Nach mehreren Tagen, die sie damit zugebracht hatte, durch Regen und Kälte zu schleichen, immer hungrig, in beständiger Angst vor Entdeckung, wäre Hreeza freudig wieder zurück in das Netz geklettert – solange am Ende der Reise nur ein warmes Feuer und eine ausgiebige Mahlzeit auf sie gewartet hätten. Ihre Genesung in der Zitadelle des Himmelsvolkes hatte sie schrecklich verweichlicht, dachte die alte Katze angewidert.
Nichtsdestotrotz hatte Hreeza ausgeharrt. Sie hatte die Außenbezirke des Territoriums, das ihr Volk beherrschte, wieder und wieder durchmessen, hatte die schwer faßbaren Chueva aufgespürt, die Einsamen, Ausgestoßenen, die man aus dem Clan verbannt hatte, weil sie zu alt waren, zu krank oder einfach unfähig zu jagen. Seit die gnadenlose Gristheena die Herrschaft an sich gerissen hatte, gab es mehr Chueva als je zuvor. Nach und nach hatte Hreeza sie gefunden: furchtsame, gehetzte, niedergedrückte Geschöpfe, deren Leben oft nur noch an einem seidenen Faden hing. Sie hatte auf sie eingeredet, hatte geschmeichelt, gelockt, genörgelt, hatte ihnen zugesetzt und sie drangsaliert. Sie hatte für sie gejagt, hatte ihnen eine sichere Zuflucht besorgt und hatte sie schließlich zu der seltsamsten Armee, die es je gegeben hatte, um sich geschart. Und nun hatte sie sie zurückgebracht, mitten hinein in das Herz Stahlklaues – um Gristheena zu stürzen oder zugrunde zu gehen.
»Du alte Närrin!« murmelte Hreeza vor sich hin, als sie nun in Stahlklaues Krater hinunterblickte und die dort versammelten Scharen derer sah, die einst ihr eigenes Volk gewesen waren. Was war nur in sie gefahren? In dem sicheren Wissen, daß es ihr nicht gelingen würde, die kleine Schar von Chueva lange zusammenzuhalten – entweder würde man sie entdecken, da sie so viele waren, oder sie würden einer nach dem anderen den Mut verlieren und beschämt davonschleichen – in diesem sicheren Wissen also hatte Hreeza beschlossen, so bald wie möglich zuzuschlagen. Als sie von ihren Spioninnen hörte, daß im Krater eine große Katzenversammlung stattfinden sollte, hatte sie dem Schicksal für diese glückliche Fügung gedankt. Aber als sie jetzt einen Blick auf ihre Gegner warf, alles Katzen in der Blüte ihrer Jahre, durchtrainiert und wohlgenährt, verließ sie plötzlich der Mut, und sie begann zu glauben, daß die Reise durch die Luft in diesem Netz ihren Verstand getrübt haben mußte. Wenn sie ihren Plan in die Tat umsetzte, würde sie die erbärmliche Schar ihrer Anhänger, die in der kurzen Zeit schon so abhängig von ihr geworden waren, in den sicheren Tod führen.
Hreeza seufzte. Vielleicht hatten diejenigen, die sie Feiglinge geschimpft hatte, doch recht. Vielleicht wäre es wirklich besser, sich mit gesenktem Kopf davonzuschleichen und einfach in die Nacht zu verschwinden. Vielleicht sollte sie ihre Anhänger mitnehmen und sich irgendwo ein neues Zuhause suchen, fern von hier, in einem anderen Land. In den Bergen in der Nähe von Aerillia war genug Platz, und jetzt, da sie mit den Geflügelten reden konnte, würde man sich vielleicht miteinander arrangieren können …
Da plötzlich trat unten in der Arena, begleitet von zwei großen Katzen, eine zweibeinige Gestalt in Erscheinung. Sie hinkte, ihr Rücken war gekrümmt, und sie stank nach Wahnsinn und Bosheit. Hreezas Schnurrhaare zuckten neugierig, und sie öffnete den Mund, um eine bessere Witterung zu bekommen. Was in aller Welt … Dann fingen ihre scharfen Ohren das Geräusch eines hohen, dünnen Wimmerns auf, jämmerlich und schwach. Ein leiser Duft drang zu ihr herüber, so unverkennbar und voller Erinnerungen, daß Hreeza spürte, wie ihr Herz sich zusammenzog. In Aerillia hatte sie mit Aurians verzaubertem Sohn gespielt; wenn die Magusch anderweitig beschäftigt war, hatte sie, Hreeza, sich um Wolf gekümmert, wie sie sich um das Kind einer anderen Katze gekümmert hätte.
Plötzlich waren alle Gedanken an Flucht und Rückzug vergessen. Hreeza sprang auf die Füße, und die alte Kriegerin stieß ein Brüllen aus, in dem ein solcher Zorn lag, daß sogar die Berge erbebten. Ganz so, als wäre sie plötzlich wieder jung und kräftig, sprang sie von der luftigen Höhe ihres Verstecks hinunter – und wie ein einziger gewaltiger schwarzer Sturzbach folgten die Chueva ihr auf dem Fuß, die Nackenhaare auf ihren knochigen Rücken aufgestellt, die Augen erfüllt von einem feurigen Glühen, die Köpfe stolz erhoben und auf den Lippen ihren eigenen, unerschrockenen Schlachtgesang.
8
Die Bergkönigin
Anvar rannte durch die Dunkelheit bergab und klammerte sich mit kältetauben Fingern an die rauhen Maschen des Netzes, das ihn umgab; Regen strömte ihm prickelnd über den ganzen Körper. Das Heulen des Sturmes wurde immer lauter in seinen Ohren – und verwandelte sich plötzlich in ein anderes Geräusch. Anvars Magen krampfte sich zu einem Knoten der Furcht zusammen, Furcht um den alten Wolf, als er hörte, wie sich ein Crescendo wilden Brüllens über das Klagen des Windes erhob. Die großen Katzen unter ihm waren in einen Kampf verstrickt.
Dann hörte der Magusch zu seinem Erstaunen eine krächzende alte Katzenstimme in seinen Gedanken, die vor Trotz und Haß laut kreischte. Er war nicht der einzige, der sie gehört hatte.
»Hreeza!« Shias Schrei hallte in Anvars Kopf wider. »Das ist Wahnsinn!« Und dann waren sie unten, inmitten eines Blutbades. Die Himmelsleute, geführt von Chiamh, hatten sie in der Nähe der Tunnelmündung am Rande des Kraters abgesetzt, einerseits, um einen möglichen Rückzug Meiriels in diese Richtung zu vereiteln, und andererseits, um ihnen Gelegenheit zu geben, vor der Unmenge kämpfender Katzen, die sich auf dem ganzen Boden des Kraters breitgemacht hatten, Deckung zu finden. Zu Anvars Empörung warfen ihre geflügelten Begleiter nur einen entsetzten Blick auf das Gemetzel um sie herum und schossen dann wie ein Schwarm erschrockener Vögel in die Luft. Der Magusch stieß einen wilden Fluch aus und verbannte die Angelegenheit dann aus seinen Gedanken. Mit dieser Sache konnte er sich später noch beschäftigen. Man mußte die verschiedenen Probleme nacheinander angehen – und es sah so aus, als hätte er im Augenblick wahrhaftig Schwierigkeiten genug.
Der Regen ließ langsam nach, so daß Anvar seine Nachtsichtigkeit wieder einsetzen konnte. Entgeistert nahm er nun die blutigen Kämpfe wahr, die um ihn herum stattfanden, und versuchte, einen Sinn darin zu finden – und, was noch wichtiger war, einen Blick auf Meiriel zu erhaschen. Chiamh jedoch war dem Magusch gegenüber im Vorteil. Das Windauge mit seiner Andersicht sah das Glühen von Lebensenergie statt der körperlichen Gestalt eines Menschen – und das Leichenfunkeln von Meiriels gräßlicher, kranker Aura war leicht zu entdecken.
Shia mit ihren Katzensinnen hatte ebenfalls keine Schwierigkeiten, ihre persönliche Feindin zu erspähen.