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»Gristheena!« Ihr Jaulen schwoll zu einem schauerlichen Crescendo an, und schon stürzte sie sich in das Gewühl kämpfender Katzen, dicht gefolgt von Khanu. Mit kurzer Verspätung wurde Chiamh klar, daß der Weg der beiden sie in dieselbe Richtung führte wie ihn und Anvar – zu dem Felsvorsprung, auf den Meiriel entschlossen zuging, wobei sie sich ihren Weg durch die kämpfenden Katzen bahnte, als existierten diese überhaupt nicht. »Komm schon!« Das Windauge zupfte drängend an Anvars Ärmel. »Hier entlang!«

Chiamh, der seine Andersicht fest auf sein Opfer gerichtet hielt, ging voran, dicht gefolgt von Anvar, der ihn mit gezücktem Schwert vor den Angriffen der Katzen schützte. Schulter an Schulter erzwangen sich der Magusch und das Windauge ihren Weg, wobei sie der Bahn folgten, die Shia und ihr Kamerad mit Fangzähnen und Klauen in die Reihen der kämpfenden Katzen geschlagen hatten. Anvar erschauderte beim Anblick solch sinnloser Grausamkeit, wie sie jetzt in den Grenzen von Stahlklaues Krater zu finden war. In diesem Augenblick fiel es wahrhaftig schwer, sich daran zu erinnern, daß dies intelligente Geschöpfe waren und nicht nur wilde Tiere. Er konnte nur beten, daß sich Shias Landsleute auch weiterhin ganz auf ihre eigenen erbitterten Kämpfe konzentrierten und die beiden schwachen Menschen, die in ihr Reich eingedrungen waren, ignorierten.

Hreeza hatte den Felsvorsprung bereits erreicht. Ohne auf die einzelnen Kämpfe zu achten, die überall um sie herum tobten, hatte sie eine kleine Garde von Kameraden um sich versammelt, die sie für diese Aufgabe ausgewählt hatte, weil sie sich in etwas weniger bemitleidenswertem Zustand befanden als die übrigen Chueva. Nun kämpften sie sich mit Zähnen und Klauen auf möglichst direktem Wege zu der Stelle vor, an der sie ihre Todfeindin Gristheena vermuteten.

Schierer Blutdurst hatte sich Hreezas bemächtigt. Die vielen kleinen, geringfügigeren Wunden nahm sie überhaupt nicht wahr, ebensowenig wie das Brennen der langen Kratzer, die feindliche Klauen in ihre Flanken gerissen hatten. Der rote Nebel des Kampfes umwölkte ihren Geist und glühte in ihren Augen, und ihr heftig schlagendes altes Herz war zum Bersten voll von einem wilden Stolz, in den sich Zorn mischte und auch Trauer um jene ihrer armen, heldenhaften Anhänger, die in der Schlacht bereits gefallen waren und deren Todesschreie von den Felsen widerhallten, wie sie es für alle Zeiten in Hreezas Gedanken tun würden.

Wäre die alte Katze ein Mensch gewesen und hätte an solche Dinge geglaubt, so hätte sie zweifellos gesagt, daß die Götter in dieser Nacht mit ihr gewesen seien. Tatsächlich verdankte sie ihr glückliches Geschick ihrer Feindin. Die brutale, großspurige und mitleidlose Gristheena mochte zwar mächtig gewesen sein, aber sie wurde nicht geliebt. Schon jetzt und ohne daß Hreeza davon wußte, schwenkte der Kampf zu ihren Gunsten um. Viele der weniger bedeutsamen Katzen erkannten in den zurückkehrenden Chueva ihre früheren Kameraden und Höhlengefährten, die sie nun voller Freude begrüßten, statt ihrer Anführerin zur Hilfe zu eilen, der sie nur aus Angst gehorcht hatten. Als sich herausstellte, daß die allseits respektierte Hreeza das Erste Weibchen der Chueva war, wechselten die Canyon-Katzen mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Seiten. Hreeza traf kaum auf Widerstand, als sie sich von einem Felsen zum anderen zu dem gewaltigen Vorsprung vorkämpfte. Wären ihre Gedanken weniger stark auf ihr Opfer und mehr auf ihre Umgebung gerichtet gewesen, dann hätte sie bemerkt, daß viele Katzen respektvoll vor ihr zurücktraten, um sie durchzulassen.

Gristheena stand auf der Spitze des Felsens inmitten ihres erlesenen Zirkels tyrannischer Favoriten. Die stämmigen Katzen bildeten eine undurchdringliche, fauchende Mauer, die der alten Hreeza den Weg versperrte. Einen einzigen wahnsinnigen Augenblick lang hätte der Blutdurst Hreeza fast dazu verleitet, sich einfach auf sie zu stürzen und sich mit Zähnen und Klauen den Weg zu ihrer Feindin freizukämpfen. Aber sie war klug und listig und hatte nicht umsonst schon viele Gefahren überstanden. Gerade noch rechtzeitig gewann kalte Vernunft die Oberhand. Hreeza blieb stehen und erhob ihre brüchige alte Stimme zu einem mißtönenden, schauerlichen Geheul der Herausforderung: »Komm raus, Feigling – und kämpfe!«

Von ihrem Thron auf der steinernen Anhöhe blickte das Erste Weibchen hinunter auf ihre Herausforderin – und lachte. »Mit dir kämpfen, du zahnloser, splitterkralliger, trübäugiger alter Knochensack?« höhnte sie. »Warum sollte ich meine Klauen an deinem flohverseuchten Fell besudeln? Meine Anhänger: Befreit mich von diesem Chueva-Abschaum!«

»Warte!« Hreezas Fauchen klang leise und furchteinflößend, und es ließ sämtliche Katzen wie angewurzelt verharren. »Du solltest besser mit mir kämpfen, du aufgeschwollener Fleischsack!« zischte sie. »Denn wenn du das nicht tust, wird jede Katze im Clan wissen, daß Gristheena kein Feuer mehr im Bauch hat. Daß unser großes Erstes Weibchen sich nicht mal mehr gegen eine tatterige, halb verhungerte alte Chueva wehren kann – weil sie Angst hat!« Nun war es an Hreeza zu lachen, und ihr Spott ließ alle Katzen, die ihr zuhörten, schaudern. »Wirklich ein schönes Erstes Weibchen! Wenn das bekannt wird, werden selbst die kleinsten, noch halb blinden Kätzchen Schlange stehen, um dich herauszufordern!«

Gristheenas Ohren lagen jetzt flach an ihrem Schädel. Ihr Schwanz zuckte vor und zurück, und Schaum stand vor ihrem Kiefer, als sie mit einem grauenvollen Fauchen die Fangzähne bleckte. Ohne ein Wort der Warnung setzte sie zum Sprung an.

»Hier entlang!« schrie Chiamh. Hätte das Windauge seiner Stimme nicht durch Gedankenrede zusätzliche Kraft verliehen, hätte Anvar ihn über dem Getöse der kreischenden, fauchenden Katzen wohl nicht gehört. Voller Erleichterung stellte der Magusch fest, daß es Chiamh mit seiner Andersicht gelungen war, Wolfs Entführerin zu verfolgen, denn Shia und Khanu, die besser dazu geeignet waren, durch das Gedränge der Katzenleiber hindurchzuschlüpfen, waren schon spurlos verschwunden, und Anvar selbst hatte Meiriel in der allgemeinen Verwirrung aus den Augen verloren.

»Da drüben!« Das Windauge hob die Hand, und Anvar konnte einen flüchtigen Blick auf Meiriel erhaschen, deren Kleidung aus einem zerfetzten Flickwerk von Lumpen und abgewetzten Fellen bestand. Das Bündel in ihrem Arm mußte Wolf sein. Mit spinnengleichem Gang erklomm die Magusch den Felsvorsprung auf der anderen Seite.

»Weiter!« Anvar zupfte an Chiamhs Ärmel und packte mit der freien Hand den Griff seines Schwertes noch fester. Die Angst um Wolf hätte ihn sogar, wenn auch nur mit Widerwillen, einige von Shias Landsleuten töten lassen, doch soweit kam es glücklicherweise nicht. Die Katzen schienen vor den beiden Männern geradezu dahinzuschmelzen und stoben in alle Richtungen davon. Anvar und Chiamh kamen ungehindert am Fuß der kleinen Böschung an, und während der Magusch behende von einem Felsbrocken zum anderen sprang, blieb dem Windauge nichts anderes übrig, als sich unbeholfen seinen Weg durch die zerklüfteten Steine zu tasten.

Gristheena setzte mühelos über die Köpfe ihrer Anhängerinnen hinweg, um mit ihrem ganzen beträchtlichen Gewicht auf der alten Katze zu landen – und festzustellen, daß Hreeza nicht mehr an ihrem Platz war. Gristheenas Klauen schlossen sich knirschend über hartem Stein. Ihre Kiefer schnappten ins Leere – das einzige, was sie packten, war ihre eigene Zunge. Blut mischte sich mit dem Schaum auf ihrer Schnauze, und sie heulte auf vor Demütigung und Zorn – und heulte noch einmal, als ein Paar eiserner Kiefer die zarten Knochen ihres Schwanzes zerschmetterte. Schreiend wirbelte Gristheena herum. Ihr Schlachtruf wurde übertönt von dem unerträglichen Gelächter der zuschauenden Katzen. Hreeza fand noch Zeit zu einem letzten qualvollen Ruck an Gristheenas Schwanzwurzel, bevor sie leichtfüßig zur Seite sprang.

Der Kampf bewegte sich vor und zurück über den Felsvorsprung, während die beiden Katzen mit durch die Luft wirbelnden Gliedern bald diese, bald jene Position einnahmen und immer wieder versuchten, einander mit ihren großen geschwungenen Klauen möglichst schwere Verletzungen zuzufügen. Wieder und wieder versuchte das Erste Weibchen, möglichst dicht an Hreeza heranzukommen, denn ihr größeres Körpergewicht und ihre beträchtlichen Kräfte würden ihr im Nahkampf deutliche Vorteile gegenüber der alten Katze verschaffen. Aber stets entwischte Hreeza ihr, wobei es ihr gelegentlich gelang, ihrer Feindin einen empfindlichen Schlag auf die Nase oder in die Seiten zu versetzen. Langsam wurde die betagte Katze jedoch müde, ihre Bewegungen wurden unbeholfener, ihr Herz hämmerte, und ihr Atem ging in heiseren Stößen.