Der Himmel hatte seine Nachtfinsternis abgeworfen und hüllte sich nun in ein reiches, tiefes Blau, das von der Morgendämmerung jenseits der gezackten Gipfel des Stahlklauegipfels heraufbeschworen wurde. Der kalte Wind, dem es endlich gelungen war, die Regenwolken vom Himmel zu vertreiben, schlängelte sich in kaum noch wahrnehmbaren Höhen über den dunklen Fels des Canyons. Die Katzen waren mittlerweile samt und sonders verschwunden, denn sie alle wurden unwiderstehlich von dem Kampf der Königin angezogen, der sich weiter hinten abspielte. Meiriel streckte zaghaft ihren Geist aus, um Gristheenas Gedanken aufzufangen, prallte jedoch lediglich von einer undurchdringlichen schwarzen Wand ab. Furcht senkte sich in ihr Herz. Gristheena tot? Unmöglich! Aber wenn ihre Verbündete tatsächlich nicht mehr lebte, sollte sie besser sehen, von hier zu verschwinden – und zwar schnell. Mit beschleunigtem Schritt huschte Meiriel dem dunklen Maul des Tunnels entgegen, der aus dem Krater herausführte.
Der ungleichmäßige Tunnel war schmal und so niedrig, daß sie sich bücken mußte, während sie immer weiter lief, und die Dunkelheit stellte selbst ihre Maguschsichtigkeit auf eine harte Probe. Obwohl sie wußte, daß dies eine reine Illusion war, gaben ihr die dunklen, massigen Steinwände zu beiden Seiten das Gefühl, endlich ein gewisses Maß an Sicherheit erreicht zu haben, und sie ließ von ihrem Illusionszauber ab, der im Augenblick nur unnötig Energie kostete. Als ein Zirkel fahlen Tageslichts vor ihr erschien, trat sie ihm beinahe widerwillig entgegen, aber sie konnte schließlich nicht für alle Zeiten in dem dunklen Tunnel ausharren. Nachdem sie vorsichtig aus dem Tunnel heraus- und auf einen breiten Felsvorsprung getreten war, vernahm sie das dumpfe Donnern von Schwingen am Himmel über sich. Ein wirbelnder Windstoß blies ihr eine Staubwolke ins Gesicht und hätte sie beinahe umgeworfen. Meiriel rang nach Luft, wischte sich die feinen Staubkörnchen aus ihren tränenden Augen – und keuchte abermals, diesmal vor Entsetzen über den Anblick Aurians.
Kalte Furcht durchzuckte Meiriels Körper. Die Zeit schien sich unendlich in die Länge zu ziehen und zu verlangsamen, während sie in das unerbittliche Gesicht ihrer Gegnerin sah und ihre Gedanken gleichzeitig in ungläubigem Protest aufschrien. Tief in ihrem Herzen hatte sie der mysteriösen Stimme, die sie auf dem Windschleier vernommen hatte, keinen Glauben geschenkt. Sie erinnerte sich daran, daß sie ihr Messer in Aurians Herz gebohrt hatte, erinnerte sich an das Gefühl, mit dem die Messerspitze Fleisch durchtrennte und über eine Rippe scharrte. Und sie erinnerte sich an das dunkle Blut, das aus einer tödlichen Wunde über ihre Hand gequollen war. Aurian mußte tot sein!
Mit einem ungeduldigen Tritt befreite sich Aurian aus den verhedderten Maschen zu ihren Füßen. Ein wütendes Zischen, und ihr Schwert glitt aus seiner Scheide – eben jene Klinge, die Meiriel aus alten Zeiten noch so gut im Gedächtnis war. In der anderen Hand hielt die Magusch einen Stab, auf dem ein grünes, zwischen Schlangenkiefern steckendes Juwel thronte. Der Stab summte vor Macht und verknotete die Luft um sich herum, während er das fahle Morgenlicht mit einem Schwall smaragdgrünen Leuchtens durchtränkte. Bei diesem Anblick bohrte sich tiefes Entsetzen in Meiriels Herz. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück, während sie zitternd und mehr oder weniger unbewußt einen magischen Schild um sich herum errichtete. Sie bezweifelte, daß er der Macht des Stabes lange würde standhalten können, aber vielleicht würde er ihr die Zeit verschaffen, die sie brauchte.
»Du siehst blaß aus, Meiriel. Hast du einen Geist gesehen?« Aurians Stimme war wie ein Peitschenschlag. In ihren Augen brannte das silbrige Feuer eisigen Zorns. »Gib mir mein Kind zurück.«
Die Verzweiflung gab Meiriel ein gewisses Maß an Mut. Sie preßte Wolf noch fester an die Brust, um eine Hand an seine Kehle zu legen. »Zwing mich doch, ihn dir zurückzugeben«, höhnte sie. »Schlag mich, und dein Balg folgt mir in den Tod. Wenn du auch nur den leisesten Versuch unternehmen solltest, in Gedanken nach deinen Freunden zu rufen, werde ich ihn ermorden.«
Aurian zitterte vor Anstrengung. Noch immer war sie geschwächt und entkräftet von der tödlichen Wunde, die sie empfangen hatte, und dem Verlust der Energie, die ihre Heilung sie gekostet hatte. Noch nie war es so wichtig gewesen, daß sie einen klaren Kopf behielt, obwohl der Anblick ihres Kindes in den Klauen Meiriels ihr beinahe das Herz zerriß. Innerlich verfluchte die Magusch die Himmelsleute, die zu feige gewesen waren, sich auf das Gebiet ihrer alten Katzenfeinde zu wagen und bei dem Angriff auf eine Magusch ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Das Widerstreben der Geflügelten hatte Aurian kostbare Augenblicke gekostet, während sie sich allein aus ihrem Netz befreien mußte. Hätte sie Meiriel angreifen können, solange ihre Feindin noch durch den Staub in ihren Augen geblendet war, wäre mittlerweile alles vorbei und Wolf in Sicherheit gewesen.
Verschiedene Möglichkeiten überschlugen sich in Aurians Gedanken und wurden eine nach der anderen verworfen. Selbst die Möglichkeit, sowohl ihre Feindin als auch Wolf aus der Zeit herauszunehmen, bis sie Hilfe holen konnte, kam nicht in Frage. Bei dem Schild, den Meiriel um sich herum errichtet hatte, würde ihr immer noch genug Zeit bleiben, das Kind zu töten, bevor der Zauber seine Wirkung zeigte. Das einzige, was die Magusch tun konnte, war Zeit schinden – und hoffen, daß ihre Kameraden auf die Idee kamen, den Tunnel zu durchsuchen, bevor es zu spät war.
Aurian betrachtete die Wahnsinnige mit dem verwüsteten Gesicht, dem verfilzten Haar und den wilden Augen und erinnerte sich voller Traurigkeit an die ordentliche, energische, tüchtige Heilerin, die ihr einst das Leben gerettet und ihr Dinge beigebracht hatte, die sich wieder und wieder als Segen erwiesen. »Warum nur, Meiriel, warum?« flehte sie. »Wo liegt der Sinn in alledem? Siehst du denn nicht, daß Miathan dein Feind sein sollte und nicht ich? Ich kann einfach nicht glauben, daß du – ausgerechnet du! – einem unschuldigen Kind etwas antun würdest …«
»Einem Kind?« kreischte Meiriel. »Das da ist ein Ungeheuer!«
Aurian biß die Zähne zusammen und zügelte ihren Zorn, da sie es nicht wagen konnte, die Wahnsinnige weiter zu reizen. »Wolf ist ein normales Kind, Meiriel – nur daß Miathan ihn verflucht hat. Wenn du deine Fähigkeiten mit den meinen vereinen würdest, könntest du mir helfen, den Fluch …«
Meiriels Gesicht verzerrte sich vor Haß. »Dir helfen?« höhnte sie. »Wenn du nicht gewesen wärst, dein stinkender sterblicher Liebhaber und dieses Halbblutmonster unter deinem Herzen, würde mein Finbarr immer noch leben.«
Das war es also! »Dann stecken wir jetzt also in einer Sackgasse«, sagte sie gepreßt. »Ich kann dich nicht angreifen, solange du Wolf in den Armen hältst, aber solltest du ihn töten, verlierst du dein einziges Faustpfand – und in diesem Falle wäre der Tod die erfreulichste aller Alternativen, die das Schicksal für dich bereithält.«
»Das könnte wohl sein – wenn du mich hier festhalten könntest«, gab Meiriel zurück. Aurian sah, wie sich die Stirn der Magusch vor Konzentration zusammenzog. Sie vollführte eine scharfe Bewegung mit ihrer freien Hand, und die Luft um sie herum begann zu schimmern, während sie selbst blasser wurde … Aber Aurian, der die Kraft des Stabes zu Gebote stand, durchschaute die Illusion, ihre Gedanken überschlugen sich, und sie faßte einen Plan. Während Meiriel ihren Unsichtbarkeitszauber wob, konnte ihre Feindin unmöglich gleichzeitig einen magischen Schild aufrechterhalten. Sie fluchte, sah sich wild um und täuschte Bestürzung vor. Und als Meiriel in dem festen Vertrauen, unsichtbar zu sein, davonschleichen wollte, schlug Aurian zu, wobei sie den Erdenstab fallenließ, um mit beiden Händen ihre Klinge führen zu können. Coronach schwang mit einem funkelnden, tödlichen Bogen durch die Luft und bohrte sich in Meiriels Hals. Ohne einen Laut brach die Wahnsinnige zusammen – aber noch während ihr Geist entfloh, verfing sich ein letztes geflüstertes, verklingendes Wort in Aurians Gedanken …