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»Finbarr …«

Dann schrie Aurian auf und stürzte, selbst bis ins Innerste getroffen von Meiriels Todeskampf, auf die Knie. Ohne Zeit zu verlieren, kroch sie jedoch sogleich halb blind vor Schmerz und mit dröhnendem Schädel auf Händen und Knien über Steine, die schlüpfrig geworden waren von warmem Blut. Mit ungeheurer Kraftanstrengung rollte sie Meiriels schlaffen Körper herum. Der Kopf, halb abgetrennt vom Rumpf, fiel zur Seite, aber die Magusch hatte keine Augen für den gräßlichen Anblick. Der Schmerz, den die Todesqualen ihrer Gegnerin in ihr auslösten, verebbte langsam; nun konnte sie auch wieder klar sehen. Wolf lag unter einer Falte von Meiriels Umhang und stieß ein jämmerliches, verängstigtes Wimmern aus. Aurian zerrte an dem schweren, durchnäßten Stoff, zog ihn beiseite und riß ihr blutüberströmtes, weinendes Kind in die Arme.

Eine schnelle Überprüfung mit ihren Heilerinnensinnen bestätigte schon bald, daß Wolf bis auf Kälte und Hunger und ein oder zwei Schrammen nur geringen körperlichen Schaden genommen hatte, aber auch wenn die geistige Verbindung zwischen ihnen seit seiner Geburt schwächer geworden war, konnte Aurian seine Angst und seine Qual spüren. Da er ihre Erbe teilte, schien es wahrscheinlich, daß das Kind ebenfalls die Todeskrämpfen seiner Entführerin miterlebt hatte. Aurian versuchte, ihre aufgewühlten Gefühle unter Kontrolle zu bekommen, damit sie Wolf beruhigen und trösten konnte. Zu schwach vor Erleichterung, um auch nur aufzustehen, kniete sie nach wie vor in Meiriels Blut, wiegte ihren Sohn sanft in den Armen und dankte den Göttern, daß er in Sicherheit war.

In diesem Augenblick stürmte Anvar, dicht gefolgt von Chiamh, aus dem Tunnel heraus. Nach einer verzweifelten, fruchtlosen Suche nach Meiriel hatten ihre Todeskrämpfe ihn wie ein Schlag in den Magen getroffen – und mit ihrer Hilfe war es ihm dann auch endlich geglückt, sie zu finden. Als er Aurian mit Wolf in den Armen sah, wie sie über dem Körper der Magusch kauerte, hätte sein Herzschlag um ein Haar ausgesetzt. Er rannte zu ihr hinüber; in seinen Gedanken überschlugen sich widerstreitende Gefühle von Ärger, Zorn und Erleichterung, und als er neben ihr auf die Knie sank, konnte er kaum schnell genug sprechen, so viele Fragen wollte er auf einmal stellen.

»Bist du in Ordnung? Geht es Wolf gut? Bist du verrückt, hier rauszukommen und zu kämpfen, so kurz, nachdem sie dich beinahe umgebracht hätte?«

Zum ersten Mal löste Aurian den Blick von ihrem Kind, und ein zorniges Funkeln blitzte in ihren Augen. Sie sah erst Anvar an und dann das Windauge. »Ich mußte kommen. Seht doch selbst, wie sehr ihr beide diese Sache verpfuscht habt«, brauste sie auf. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck weicher, und sie legte Anvar eine Hand auf den Arm. »Es tut mir leid. Das wollte ich nicht – obwohl du mehr verdient hättest als harte Worte, nachdem du versucht hast, mir einen Schlaftrunk in den Wein zu mischen. Ihr Narren – dachtet ihr denn wirklich, ich würde auf so etwas reinfallen?«

Anvar blickte zu Chiamh hinüber und sah, daß sich sein Verdruß in den Zügen des Windauges widerspiegelte. Dann brach er zu seiner eigenen Überraschung in lautes Gelächter aus. Es war reine Erleichterung, das wußte er – und außerdem eine Reaktion auf die Qualen der vergangenen Stunden: Wolfs Entführung, Aurian, die beinahe zu Tode gekommen wäre, der blutige Kampf der Katzen und die körperlichen und geistigen Schmerzen, die Meiriels Tod auch ihm zugefügt hatte. Aurian fing seinen Blick auf, und plötzlich stimmte sie in sein Lachen ein. Obwohl ihr Gelächter für eine Weile gefährlich außer Kontrolle geriet, spürte Anvar, wie die Ängste und Sorgen der Nacht langsam von ihm abfielen, als ließe der Druck in seinem Innern endlich nach.

Schließlich verwandelte sich Aurians Lachanfall in etwas, das verdächtig nach einem Schluchzen klang, und sie umarmte Anvar unbeholfen, mit Wolf zwischen ihnen. Anvar erwiderte ihre Umarmung mit Rücksicht auf das Junge so vorsichtig wie nur möglich, bevor sie sich widerstrebend voneinander lösten und unsicher vom Boden aufstanden. Dann sahen sie zu dem verblüfften Windauge hinüber. Aurian klopfte ihm auf die Schulter. »Ich danke dir, Chiamh, mein Freund. Ich danke dir für alles, was du heute nacht getan hast – aber nächstes Mal versuch nicht, mir eine von deinen seltsamen Xandim-Drogen in den Wein zu mischen.«

Chiamh lächelte sie ein wenig töricht an. »Das scheint auch wenig Sinn zu haben – aber, Lady, du mußt dich jetzt ausruhen, sonst setzt du noch deine Genesung aufs Spiel.«

»Du hast recht – ich bin so müde, daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann.« Aurian seufzte und fuhr sich müde mit der Hand über die Augen. Dann zog sie eine Grimasse; ihr Ärmel hatte einen Blutfleck auf ihren Wangen hinterlassen. »Außerdem müssen wir Wolf nach Hause schaffen – und wo stecken eigentlich Shia und Khanu?«

Anvar sah, wie sie besorgt die Stirn runzelte. »Unten im Canyon – ich weiß nicht, was ihnen zugestoßen ist. Chiamh und ich haben sie bei unserer Suche nach Meiriel aus den Augen verloren …« Seine Worte verklangen. Aurian hörte ihm nicht zu. Ihr Blick wurde leer, während sie sich anschickte, nach den Katzen zu rufen – dann riß sie plötzlich die Augen auf. »Shia sagt, Hreeza sei hier – und sie sei verletzt.«

»Hreeza?« Anvar schnappte nach Luft. »Wie, zum Kuckuck, ist die denn hierhergekommen?«

Aurian zuckte mit den Schultern. »Laß es uns rausfinden. Nein – warte.« Plötzlich drückte sie Anvar Wolf in die Arme und drehte sich wieder zu Meiriels Leiche um. Anvar konnte die Spannung in ihrem Kiefer sehen, als sie sich über den schauerlichen Kopf beugte und die ins Leere starrenden Augen schloß. Einen winzigen Moment blieb Aurian so stehen, ihre Hand strich das verfilzte Haar der Magusch glatt, und Anvar war verblüfft, als er plötzlich Tränen in ihren Augen glitzern sah. »Es tut mir leid, Meiriel«, wisperte sie.

»Was?« Anvar konnte nicht an sich halten. »Warum sollte es dir leid tun? Sie hatte die Absicht, Wolf zu ermorden, und es fehlte wahrhaftig nicht viel, und sie hätte dich getötet.«

Aurian schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie leise. »Das war nicht Meiriel. Ich betrauere das Dahinscheiden der Heilerin, die ich einst gekannt habe, der Frau, die einst eine Freundin war, die mir das Leben gerettet hat, als ich ein kleines Mädchen war – und die mich in den kostbaren Künsten des Heilens unterwiesen hat.« Dann wurde ihr Gesichtsausdruck hart. »Was die Wahnsinnige betrifft, die versucht hat, meinen Sohn zu töten – die hat bekommen, was sie verdient hat.«

Dann sprang sie entschlossen auf, wischte sich die blutigen Hände an ihrem Umhang ab und hob sie hoch über ihren Kopf. Auf ihren Befehl hin entsprang ihren Fingern ein zischender Flammenstrahl, der Meiriels blutüberströmten Körper auf der Stelle verzehrte.

»Jetzt können wir gehen.« Aurian wandte sich von dem Scheiterhaufen ab und streckte die Hände aus, um den Erdenstab aus der Blutlache herauszuholen, in der er noch immer lag. Anvar, der mitbekam, daß das Artefakt mit dem Lebensblut einer Magusch besudelt worden war, spürte, wie ein Schaudern des Unbehagens über seinen Rücken kroch – und seine Gedanken gingen in die gleiche Richtung wie die seiner Seelengefährtin.

»Verdammt!« murmelte Aurian. »Durchtränkt mit Blut – das bedeutet nichts Gutes.« Vorsichtig streckte sie die Hand nach dem Stab aus, ergriff ihn – und schrie laut auf, wobei sie ihn um ein Haar überrascht wieder fallen gelassen hätte. Als ihre Finger das Artefakt berührt und hochgehoben hatten, war es für einen winzigen Moment mit einem blendenden smaragdfarbenen Glühen aufgeflammt – und als der Glanz nachließ, war von dem Blut keine Spur mehr zu sehen.

»Unglaublich!« flüsterte Anvar.

Aurian hielt den Stab mit spitzen Fingern fest, als könnten die Zwillingsschlangen sie beißen. »Ja«, murmelte sie, »aber warum?«

Chiamh trat einen Schritt nach vorn, um mit seinen kurzsichtigen Augen den Stab zu begutachten, obwohl er es sorgfältig vermied, ihn zu berühren. Dann heftete er seinen Blick auf die Magusch. »Herrin – warum hast du es vorgezogen, die Wahnsinnige mit deinem Schwert zu töten statt mit diesem machtvollen Werkzeug der Magie?«

»Ich …« Aurian runzelte die Stirn. »Nun, zum einen hatte ich große Angst, daß ich Wolf Schaden zufügen könnte. Aber hauptsächlich habe ich es deshalb nicht getan, weil es einfach nicht richtig gewesen wäre.« Sie geriet kurz ins Stocken. »Der Stab ist eine der Vier Großen Waffen, die geschaffen wurden, um der Zerstörung entgegenzuwirken. Wenn ich ihn benutzt hätte, um jemanden zu verletzen, dann …« Sie schauderte. »Etwas Furchtbares wäre geschehen. Oh, es hätte funktioniert, da bin ich mir sicher, aber es hätte irgendeine Reaktion ausgelöst, eine Art Gegenschlag … Ich habe mich daran erinnert, was der Leviathan über eine Waffe sagte, die zwei Seiten hat …« Außerstande, es besser zu erklären, zuckte sie mit den Schultern.

Chiamh erschauderte. »Herrin, du bist sehr weise – und der Göttin sei Dank dafür.«

Voller Sorge wurde Anvar plötzlich bewußt, wie bleich Aurian war. Obwohl sie versuchte, es zu verbergen, konnte er sehen, daß sie vor Erschöpfung zitterte. Während er Wolf vorsichtig in die Beuge seines linken Armes bettete, legte er ihr den rechten um die Schultern. »Komm jetzt – laß uns Shia suchen, und dann kehren wir in die Festung zurück.«

Aurian nickte. »Ich könnte einen ganzen Monat lang schlafen – aber soviel Zeit haben wir nicht.« Sie duckte sich unter seinem Arm weg und hob Coronach vom Boden auf, wischte die blutbefleckte Klinge an ihrem Umhang ab und steckte sie wieder in die Scheide. Dann schob sie sich den Stab in ihren Gürtel und streckte die Arme nach ihrem Sohn aus.