Chiamh trat einen Schritt nach vorn, um mit seinen kurzsichtigen Augen den Stab zu begutachten, obwohl er es sorgfältig vermied, ihn zu berühren. Dann heftete er seinen Blick auf die Magusch. »Herrin – warum hast du es vorgezogen, die Wahnsinnige mit deinem Schwert zu töten statt mit diesem machtvollen Werkzeug der Magie?«
»Ich …« Aurian runzelte die Stirn. »Nun, zum einen hatte ich große Angst, daß ich Wolf Schaden zufügen könnte. Aber hauptsächlich habe ich es deshalb nicht getan, weil es einfach nicht richtig gewesen wäre.« Sie geriet kurz ins Stocken. »Der Stab ist eine der Vier Großen Waffen, die geschaffen wurden, um der Zerstörung entgegenzuwirken. Wenn ich ihn benutzt hätte, um jemanden zu verletzen, dann …« Sie schauderte. »Etwas Furchtbares wäre geschehen. Oh, es hätte funktioniert, da bin ich mir sicher, aber es hätte irgendeine Reaktion ausgelöst, eine Art Gegenschlag … Ich habe mich daran erinnert, was der Leviathan über eine Waffe sagte, die zwei Seiten hat …« Außerstande, es besser zu erklären, zuckte sie mit den Schultern.
Chiamh erschauderte. »Herrin, du bist sehr weise – und der Göttin sei Dank dafür.«
Voller Sorge wurde Anvar plötzlich bewußt, wie bleich Aurian war. Obwohl sie versuchte, es zu verbergen, konnte er sehen, daß sie vor Erschöpfung zitterte. Während er Wolf vorsichtig in die Beuge seines linken Armes bettete, legte er ihr den rechten um die Schultern. »Komm jetzt – laß uns Shia suchen, und dann kehren wir in die Festung zurück.«
Aurian nickte. »Ich könnte einen ganzen Monat lang schlafen – aber soviel Zeit haben wir nicht.« Sie duckte sich unter seinem Arm weg und hob Coronach vom Boden auf, wischte die blutbefleckte Klinge an ihrem Umhang ab und steckte sie wieder in die Scheide. Dann schob sie sich den Stab in ihren Gürtel und streckte die Arme nach ihrem Sohn aus.
Die Steine in der Nähe des schwarzen Felsvorsprungs waren blutüberströmt. Das Blut heftete auf Aurians Stiefeln und bedeckte ihre Hände, die sie benutzen mußte, um das letzte Wegstück die steile Anhöhe hinauf zu bewältigen. Mit einem Schaudern wischte sie sich ihre klebrigen Finger an dem Saum ihres nun schon so häufig mißbrauchten Umhangs ab und sehnte sich nach einem Becher guten, starken Ales, um den metallischen Geschmack, der sich in ihrer Kehle festgesetzt hatte, endlich loszuwerden.
Aurian blickte zurück und sah Chiamh, der gemeinsam mit Wolf am Fuß des Hügels wartete, während Anvar hinter der Magusch her kletterte. Auch er war blaß und wirkte angespannt. Glücklicherweise hatte es bei den Katzen weniger Opfer gegeben, als Aurian nach Anvars kurzem Bericht über die Schlacht vermutet hatte, aber einige der Verletzungen, die sie auf ihrem Weg durch den Canyon gesehen hatte, waren schrecklich gewesen. Nachdem sie von Shia erfahren hatte, daß Hreezas Leben nicht in Gefahr war, hatte Aurian ihre Hilfe angeboten, wo sie nur konnte, obwohl ihre Bemühungen nur von vergleichsweise geringem Erfolg gekrönt waren, und das trotz der Kraft, die sie sich von dem erschöpften Anvar geliehen und mit ihrer eigenen sowie der Macht des Stabes vereint hatte.
Khanu, dessen dichtes Fell an einigen Stellen aufgerissen war und der an einem Ohr eine heftig blutende Schnittwunde davongetragen hatte, war den Magusch quer durch den Canyon entgegengekommen, um sie zu Shia und in Sicherheit zu bringen. Als sie auf dem Gipfel ankamen, führte er sie stolz durch die dichten Reihen von Katzen, die dort warteten. Es war ein atemberaubender Anblick. Eine von diesen großen Katzen allein war schon ehrfurchtgebietend in ihrer Größe und Kraft, aber so viele von ihnen nebeneinander zu sehen … Erstaunt ließ Aurian ihre Blicke über die Tiere gleiten: anmutige, muskulöse Weibchen und grobknochige Männchen, prächtig anzuschauen mit ihren struppigen Halskrausen; ergraute Veteranen, langbeinige Jungtiere und flaumige, goldgesprenkelte schwarze Katzenbabys, deren Pfoten und Ohren noch viel zu groß für sie waren. Aurian mußte schmunzeln. Hundert goldene Augen blitzten und flackerten im frühen Sonnenlicht wie ein Drachenschatz, während die großen Katzen, allesamt von schweigender Neugier erfüllt, sie vorübergehen ließen. Aurian erhaschte einen Blick auf die gewaltigen geschwungenen Klauen und die glitzernden Fangzähne und war plötzlich sehr froh, daß sie Shia als Fürsprecherin hatte. Sie war ein Eindringling, ein verhaßtes menschliches Wesen, und wäre sie allein gewesen, hätte sie nicht lange genug gelebt, um auch nur einen weiteren Atemzug zu tun. Überrascht erinnerte sie sich plötzlich an ihre erste Begegnung mit Shia in der Khazalim-Arena. Das Band zwischen ihnen war inzwischen so stark, daß es unmöglich schien zu glauben, ihre geliebte Gefährtin hätte sie damals beinahe getötet.
Shia stand an der Spitze des Felsvorsprungs und wachte über Hreeza. Die alte Katze, die zwar arg gebeutelt war und aus vielen Wunden blutete, hob mit sturem Stolz den Kopf, um zuzusehen, wie die Magusch ihre Freundin in die Arme schloß. »Dank den Göttern, daß du in Sicherheit bist«, sagte sie zu der Katze. »Wie hast du all diese Kämpfe nur unversehrt überstehen können?«
»Die meisten von ihnen waren sehr froh, mich zu sehen«, erwiderte Shia selbstgefällig. »Obwohl eine dabei war, die sich nicht gefreut hat.« Aurian folgte ihrem Blick zu dem Leib einer riesigen Katze, die in der Nähe lag. Der muskulöse, durchtrainierte Körper war im Tod erschlafft. Shia ihrerseits sah ihre Leute an. »Gristheena ist besiegt!« Das Donnern ihrer Gedankenstimme schwoll zu einem tosenden Brüllen an, das selbst die Steine unter ihnen erbeben ließ. »Wer wird euch jetzt führen?«
»Shia! Shia!« Allein die Lautstärke ihrer Antwort war genug, um Aurian beinahe umzuwerfen. Sie brauchte ihre ganze Selbstbeherrschung, um sich nicht erschrocken die Ohren zuzuhalten.
»Nein!« Shias Erwiderung brachte das Gebrüll der Katzen zum Verstummen.
Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille, bis eine alte hohläugige Chueva aus den hintersten Reihen der versammelten Katzen ihre Stimme erhob: »Wenn du uns nicht führen wirst, wer wird es dann tun?« Gedämpftes Murmeln war zu hören, in dem die Freunde der Sprecherin sie offensichtlich zum Schweigen zu bringen versuchten. Dann erhob sich die alte harsche Stimme abermals: »Nun, irgend jemand muß es doch sagen! Sei keine Närrin, junge Shia. Du mußt uns rühren. Willst du vielleicht, daß wir so etwas noch einmal erleben?« Ihre knochige Pfote zeigte auf die vielen Verwundeten, die auf dem Boden des Kraters lagen. »Unser Volk hat schrecklich gelitten unter diesem letzten grausamen Winter. Darunter und unter der Ungerechtigkeit von Gristheenas Herrschaft. Unsere Zahl hat sich traurig verringert. Gerade jetzt ist ein starkes Erstes Weibchen von ungeheurer Wichtigkeit, sonst wird unser Stamm sterben. Willst du uns weiter schwächen, indem du die besten von uns einer Herausforderung nach der anderen aussetzt, bis wir endlich eine neue Führerin haben?«
Obwohl die streitsüchtige alte Katzendame mit ihrer freien Rede alle Regeln gebrochen hatte, erhob sich nun ein zustimmendes Murmeln.
»Seid still!« unterbrach Shia die anderen Katzen. »Taheera hat weise gesprochen, oder etwa nicht? Aber sie ist alt. Zu alt, fand Gristheena, um unserem Stamm weiterhin von Nutzen zu sein. Zu alt für eine Herausforderung. Nur den Stärksten war es gestattet, bei unserem Stamm zu bleiben. Nur die Stärksten konnten regieren. Aber seht doch, wohin uns unsere Anbetung von Jugend, Kraft und Stärke geführt hat.« Nun war es an ihr, die anderen an all die Katzen zu erinnern, die sich unten im Krater in Schmerzen wanden.
»Mein Volk, es ist Zeit für eine Veränderung. Wir müssen uns unsere Fähigkeiten bewahren, soviel steht fest: Wir müssen zum besten unseres Stammes unsere Jäger und Krieger ausbilden, ermutigen und unterstützen. Aber Weisheit soll uns führen!« Shia hielt inne, und ihre goldenen Augen glitten über die versammelten Katzen. »Nach dem Recht der Herausforderung gebührt der Rang des Ersten Weibchens mir, aber ich kann nicht hierbleiben, um euch zu führen. Die Bande der Freundschaft halten mich fest, und mein Weg führt in eine andere Richtung, denn nicht nur hier auf dem Stahlklaueberg wird die Sicherheit unseres Volkes bedroht. Mit eurem Einverständnis werde ich für die Zeit meiner Abwesenheit eine andere Regentin ernennen. Ich werde die Sicherheit unseres Stammes der kühnen Katze überantworten, die es gegen alle Hoffnung gewagt hat, Gristheena herauszufordern; der weisen Katze, die eure verbannten Freunde und Höhlengefährten heimgeführt und vor dem Hungertod in den Bergen bewahrt hat. O Katzen, habt ihr aus all dem Leiden und Sterben gelernt? Wollt ihr das Gesetz von Klauen und Zähnen und Angst verwerfen und euer Vertrauen in die Weisheit setzen? Wollt ihr Hreeza als eure Führerin akzeptieren?«