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»Was?« rief Hreeza. »Mich?«

Aurian spürte den warmen Ton in Shias Gedanken, der Belustigung verriet. »Natürlich, alte Freundin«, sagte die große Katze. »Wer wäre besser geeignet als du?«

Die Katzen sahen einander wie vom Donner gerührt an. Shias Rückkehr hatte sie in Aufruhr gestürzt. Zuerst waren sie von einer wilden Freude erfüllt gewesen und dann entsetzt darüber, daß sie ausgerechnet Menschen mit ihrer Freundschaft auszeichnete. Aurians Hilfe bei den Verwundeten hatte jedoch eine ganze Menge dazu beigetragen, ihnen klarzumachen, daß nicht alle Zweibeiner böse waren, und jetzt, da Shia sie von ihrem unmittelbar bevorstehenden Aufbruch informiert hatte, waren sie entsetzt über ihre Entscheidung, sie so bald wieder zu verlassen. Aber obwohl die bitteren Lektionen der vergangenen Nacht ihre Spuren hinterlassen und sie bewogen hatten, Shias mitreißenden Worten zu lauschen, war eine Zustimmung zu diesem Vorschlag doch etwas ganz anderes. Der Verzicht auf den Ritus der Herausforderung ging gegen jeden Glauben des Stammes.

Es entstand ein langes Schweigen. Dann erhob sich aus den letzten Reihen der Versammelten eine vereinzelte Stimme. »Nun, ich meine, wir sollten Hreeza als unsere Führerin akzeptieren.« Es war natürlich wieder die unbezähmbare Taheera. »Was haben wir schon zu verlieren?« fuhr die alte Katze fort. »Wir haben es nun schon so lange auf andere Art versucht – und seht, wohin uns das geführt hat. Wir alten Katzen haben viele Jahreszeiten auf dem Buckel. Wir haben unsere Zeit gehabt, haben gejagt, haben Junge zur Welt gebracht; wir haben Krankheit und Not erlebt und überlebt; haben Kriege und Rebellion innerhalb und außerhalb des Stamms gesehen. Wir erinnern uns; wir sind weise. Sollten wir, nur weil wir zu alt sind, um zu kämpfen und zu jagen und Junge zu tragen, beiseite geschoben werden? Warum macht sich der Stamm unser Wissen nicht zunutze? Soll Hreeza ihr Glück versuchen, meine ich – und wir alten Chueva werden ihr helfen. Gebt ihr eine Chance. Wenn sie versagt, können wir immer noch auf die alten Methoden zurückgreifen.«

Als die alten Chueva ihre Stimmen erhoben, um Taheera beizupflichten, erhob sich auch ein Sturm der Zustimmung. Die jüngeren Katzen unterhielten sich flüsternd miteinander, unentschlossen und vielleicht voller Widerwillen, in Zukunft auf ihre Autorität zu verzichten. »Schöne Worte«, sagte eine von ihnen, »aber was ist, wenn wir uns verteidigen müssen? Wie soll eine alte Katze uns in die Schlacht führen?«

Shia warf nun das ganze Gewicht ihrer Worte in die Debatte: »Hreeza muß unter den jungen, kräftigen Katzen eine Kriegerin auswählen, die diese Aufgabe übernimmt. Außerdem sollte sie unter den Fähigsten von euch nach einer Jagdführerin Ausschau halten. Gebt ihr ein Jahr und seht, was passiert«, sagte sie eindringlich. »Unter Hreezas Herrschaft wird der Stamm, da bin ich mir ganz sicher, bestens gedeihen.«

»Das möchte ich ihr auch geraten haben«, murmelte eine vereinzelte Stimme von irgendwo in der Menge, aber davon abgesehen erhoben sich keine weiteren Einwände. »Hreeza! Hreeza soll uns führen!« brüllte Taheera, und als die anderen Katzen in ihren Ruf einstimmten, bebten erneut die Berge. »Hreeza! Hreeza!«

Hreeza wandte sich mit flammenden Augen an Shia. »Jetzt sieh, was du angerichtet hast, du junge Närrin«, brauste sie auf.

Aber Aurian konnte sehen, daß sie insgeheim zutiefst erfreut war. »Hier, laß mich einen Blick auf deine Verletzungen werfen«, sagte sie zu der alten Katze. »Weiß der Himmel, du wirst in nächster Zeit alle Hände voll zu tun haben, und es ist bestimmt vernünftiger, wenn du deine Herrschaft bei bester Gesundheit antrittst.«

Anvar zog die geschnitzte Knochenflöte aus der Tasche, die man den Magusch gegeben hatte, damit sie die Himmelsleute aus der Luft herbeirufen konnten. »Und sobald du Hreeza geheilt hast, müssen wir zurück nach Hause«, fügte er entschlossen hinzu.

Aurian blickte hinauf zu den hoch aufragenden Bergen eines fremden Landes und seufzte. »Nichts lieber als das – wenn wir nur ein Zuhause hätten.«

9

Auf den Flügeln des Windes

Die Sonne näherte sich bereits ihrem Zenit, als Chiamh aus dem schattigen Eingang der Xandim-Festung trat. Diese Tatsache überraschte ihn einigermaßen. Hatte er wirklich so lange geschlafen? Am Tag zuvor hatten ihn ungefähr zur selben Zeit widerwillige Geflügelte von der Stahlklaue hierher zurückgeflogen, und mit ihm Shia, Khanu und die beiden Magusch. Sie alle waren durchgefroren bis auf die Knochen und benommen vor Erschöpfung, und niemand hatte noch genug Energie, um auf die ängstlichen Fragen von Parric, Schiannath und den anderen einzugehen, die zurückgeblieben waren. Sehr zur augenfälligen Empörung des augenblicklichen Rudelfürsten hatten sie nur die drängendsten Fragen beantwortet, während sie sich über die mit Eintopf gefüllten Schalen und den scharf gewürzten Wein hermachten, die Iscalda für sie aufgetischt hatte. Dann setzte Anvar, dem Aurians offensichtliche Erschöpfung große Sorgen bereitete, der Versammlung mit solcher Schroffheit ein Ende, daß Parric ernstlich in Wut geriet. Es hatte ihn bereits verärgert, daß er zurückbleiben mußte, um für den neuen Zustrom von Fremdländern Platz zu schaffen und seine Leute nach dem Schreck über Meiriels Angriff zu beschwichtigen.

Das Windauge hatte sich, um endlich entkommen zu können, so schnell wie nur möglich zu seinen Gemächern auf den Weg gemacht. Nach den peinigenden Ereignissen der vergangenen Nacht war er vollständig angezogen auf seine mit Heu gestopfte Matratze gefallen und eingeschlafen, bevor er auch nur Zeit fand, sich mit den bereitliegenden Fellen zuzudecken.

Als er schließlich wieder erwachte, waren seine Augen noch immer verquollen von zu wenig Schlaf. Um sich ein wenig zu erfrischen, hatte er beschlossen, ein Bad in dem eisigen Teich am Fuße des nahe gelegenen Wasserfalls zu nehmen. Also wickelte er frische Kleider zum Wechseln in eine dicke, warme Decke, mit der er sich selbst einhüllen wollte, bis er trocken war, und brach sich durch das Labyrinth von Korridoren und Gängen zum Eingang der Festung auf.

Chiamh stand auf der einen Seite des großen, überwölbten Tores, gähnte und reckte sich und ließ seinen Blick über die hügelige grüne Landschaft gleiten, die jenseits des gewaltigen Steinbaus lag, und über das offene Gelände dahinter, das sich langsam dem Meer zuneigte. Der Tag war kalt, es wehte ein frischer Wind, der die zerklüfteten grauen Wolkenberge über den Himmel jagte und das Land zwischen den heftigen Schauern immer wieder mit flüchtigen Sonnenstrahlen überhauchte. Heller als diese funkelten jedoch die bunten Zelte, die die Wiesen vor der Festung übersäten.

Das Windauge stutzte angesichts des weitläufigen Lagers von Pferdeleuten, das in seiner Abwesenheit aus dem Boden geschossen war – eine Reaktion auf die Boten, die er und Parric vorausgeschickt hatten, bevor sie den Turm von Incondor verließen. So vieles war seitdem geschehen, daß er diese Boten ganz vergessen hatte – und gestern abend waren ihm die düsteren Umrisse der Zelte in der verregneten Dunkelheit nicht weiter aufgefallen. Außerdem mußte er sich im Augenblick um wichtigere Dinge kümmern. Die Xandim jedoch waren dem Ruf des Rudelfürsten gefolgt. Den verschiedenartigen und typischen Mustern der Fellzelte entnahm Chiamh, daß sie aus allen Richtungen hierhergeströmt waren.