Beim Anblick so vieler fremder Leute auf der Wiese trat das Windauge unwillkürlich einen Schritt zurück in den sicheren Schutz des Eingangs. Noch nie hatte er so viele Menschen auf einmal gesehen, und ihre Gegenwart beunruhigte ihn ein wenig. Den größten Teil seiner Tage hatte er in erzwungener Einsamkeit zugebracht, bevor das Auftauchen der Fremdländer sein Leben verändert hatte. Und obwohl er die Wärme dieser neu gefundenen Freundschaften genoß, verlangte es ihn gelegentlich immer noch nach der Einsamkeit und dem Frieden seines eigenen kleinen Tals und der luftigen Freiheit seiner Kammer der Winde, in der er jetzt gern eine Weile über die unglaublichen und gewaltigen Ereignisse nachgedacht hätte, die ihn in letzter Zeit überrollt hatten.
Einem Impuls folgend, beschloß Chiamh, seine Pläne zu ändern und für eine Weile nach Hause zu gehen. Er konnte sein Bad genausogut in dem vom Fluß gespeisten Teich in seinem Tal nehmen, und außerdem mußte er in seiner Wohnhöhle unbedingt wieder mal nach dem Rechten sehen. Das zumindest war es, was er sich einredete. In Wirklichkeit lief Chiamh davon – doch das war etwas, worüber er lieber nicht nachdenken wollte.
Zunächst einmal mußte er allerdings, ohne gesehen zu werden, durch das überfüllte Lager gelangen, aber das stellte für jemanden wie ihn keinerlei Schwierigkeit dar. Entschlossen trat er in einen Teich aus Schatten in den Tiefen des Durchgangs, nahm die körperlosen Fetzen Dunkelheit zusammen und wob einen Mantel aus Zwielicht um sich herum. In seinem Schattenmantel solchermaßen vor neugierigen Blicken geschützt, schlüpfte er mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen auf den Eingang zu.
»Ho, Chiamh!«
Als er seinen Namen hörte, blieb das Windauge mit einem Ausruf der Bestürzung wie angewurzelt stehen. Dann drehte er sich um und sah eine Silhouette vor dem von Fackellicht beleuchteten Eingang der inneren Halle. Aurian. »Das ist wirklich ein ausgesprochen guter Trick«, sagte sie beim Näherkommen, »aber ich sollte dich warnen – bei uns Magusch funktioniert er nicht. Warum die Verkleidung, mein Freund?« Sie lächelte ihm zu, und Chiamhs Erbitterung zerschmolz.
»Sieh mal nach draußen«, erwiderte er. »Es hat den Anschein, als kampierte die gesamte Xandim-Bevölkerung auf diesen Wiesen. Ich verspürte den Drang nach Abgeschiedenheit und …«
»Und ich habe deine Flucht vereitelt«, entschuldigte sich Aurian.
»Ich hatte nicht den Wunsch, vor dir zu fliehen. Ich wollte nur für eine Weile nach Hause …«
»Ist das hier denn nicht dein Zuhause?«
Chiamh schüttelte den Kopf. »Ich lebe weiter oben auf dem Berg – für gewöhnlich. Es ist sehr schön da.« Plötzlich fand er den Gedanken an Einsamkeit doch nicht mehr so verlockend. »Möchtest du es gern sehen?«
»Ist es noch sehr weit?« Aurian, die von ganzem Herzen froh darüber war, den breiten Klippenpfad endlich hinter sich gelassen zu haben, stand oben auf dem Bergpfad, der sich zu der Felsenspitze jenseits der Festung hinaufschlängelte, und ließ ihren Blick über das windgepeitschte Gebirgsplateau gleiten. Von einem zweiten Tal war jedoch nichts zu sehen, und sie wollte Wolf nicht zu lange allein lassen. Obwohl ihr Sohn kaum unangenehme Nachwirkungen von seiner Entführung davongetragen zu haben schien, hatte er doch große Angst ausgestanden, und die Magusch wollte in seiner Nähe sein, falls er Trost brauchte – obwohl das Junge in Wirklichkeit mit seinen wölfischen Wächtern ganz zufrieden zu sein schien, die in der Nacht zurückgekehrt waren. Dennoch war Aurian den ganzen Vormittag über um ihn herumgeschlichen, bis Anvar und Shia sie mit vereinten Kräften dazu bewogen hatten, hinaus an die frische Luft zu gehen – damit sie selbst endlich etwas Frieden und Ruhe fanden.
Anvar mußte unbedingt ein wenig Zeit für den alten Elewin haben, der es sich so sehr gewünscht hatte, den jungen Diener aus der Akademie wiederzusehen, den er einst beschützt hatte. Nun, so schien es, hatten ihre Positionen sich umgekehrt. Der Haushofmeister, noch immer geschwächt von seiner Krankheit, hatte Meiriels Tod schlecht aufgenommen. Er schien irgendwie in sich zusammengesunken zu sein – lustlos und verdrießlich und plötzlich sehr, sehr alt; und Anvar hatte sich mit vor Sorge gefurchter Stirn darangemacht, seinen früheren Mentor ein wenig aufzuheitern. Auch Shia und Khanu hatten ihre eigenen Pläne: Sie wollten einen kurzen Abstecher zurück zur Stahlklaue machen – zu Fuß diesmal –, um festzustellen, wie Hreeza in ihrer neuen Rolle als Erstes Weibchen zurecht kam.
Plötzlich bemerkte Aurian, daß das Windauge mit ihr sprach, und schaffte es gerade noch rechtzeitig, ihre Gedanken wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren, um seine Antwort auf ihre halbvergessene Frage zu hören. Chiamh schob sich eine vom Wind zerzauste Locke aus den Augen. »Mein Tal ist noch ein gutes Stück von hier entfernt, und ein Teil der Strecke geht bergauf.« Mit einem schmerzlichen Stich der Enttäuschung bemerkte er Aurians Zögern. Er hatte sich so darauf gefreut, ihr sein Heim zu zeigen – ihm war bisher überhaupt nicht bewußt gewesen, wie sehr. Da plötzlich kam ihm eine Idee. Aber konnte er es schaffen? Plötzlich stand sein Entschluß fest. Lächelnd drehte er sich zu Aurian um. »Zu Pferd wäre man in Null Komma nichts da.«
»Aber wir haben kein Pferd«, bemerkte Aurian. Das Windauge grinste breit. »Nein, wirklich nicht? Mach dich bereit, meine Freundin, dann zeig ich dir ein Wunder.«
Aurian wußte, wenn es auch bisher nur ein abstraktes Wissen war, daß die Xandim ihre Gestalt wechseln konnten, aber da sie so lange in Aerillia gewesen war, hatte sie diese Veränderung niemals selbst beobachtet. Mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen sah sie nun zu, wie Chiamhs Umrisse verschwammen und sich plötzlich ausdehnten; seine Knochen wurden dicker, und sein Hals und Kopf schwerer und länger, während er sich nach und nach in einen Vierbeiner verwandelte. Urplötzlich war die Veränderung vollbracht. An der Stelle des Windauges stand nun ein stämmiges braunes Pferd mit zottiger Mähne.
»O Chiamh«, flüsterte Aurian. Sie traute ihren Augen kaum. Zögernd trat sie näher an das Pferd heran, unsicher, ob sie es wagen durfte, den Hengst zu berühren. Dies war schließlich kein normales Tier, sondern ein Mann. Und außerdem ein Verbündeter und Freund, versuchte Aurian sich klarzumachen. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und legte ihm sanft eine Hand auf seinen warmen, muskulösen Hals.
Mit einem erschrockenen Schnauben sprang Chiamh zurück, unfähig, sich zu beherrschen. Sein Verstand arbeitete irgendwie anders, wenn er in seiner Pferdegestalt steckte, und die Berührung einer fremden, menschlichen Hand war beunruhigend. Einen Augenblick lang war er versucht, sich wieder zurückzuverwandeln. Er zweifelte daran, daß er an seinem Angebot, sie auf seinem Rücken zu tragen, festhalten konnte. Normalerweise mußte schon eine echte Notsituation bestehen, damit ein Xandim dem anderen erlaubte, ihn in Pferdegestalt zu reiten – oder es mußte ungeheure Vertrautheit zwischen den beiden herrschen. Er und Aurian waren in sehr kurzer Zeit Freunde geworden, aber …
Das Windauge bemerkte, daß Aurian sich zurückhielt, offensichtlich im Zweifel darüber, ob sie sich ihm wieder nähern durfte. Sie runzelte die Stirn, und kaum merkliche Veränderungen in ihrer Haltung und ihrem Duft verrieten ihre Angst. Es machte ihn unglücklich, ihr finsteres Gesicht zu sehen – und das alles nur, weil er unbedingt hatte angeben müssen, begriff er mit plötzlichem Schuldbewußtsein. Hatte sie nicht schon genug Sorgen ohne die verrückten Launen eines halbwilden Pferdes? Auf einmal stand seine Entscheidung fest. Waren sie nicht zusammen auf dem Wind gereist? Und war dies wirklich so anders?
Während er seinen Pferdeinstinkten nun unerbittlich seinen Willen aufzwang, rückte Chiamh einen Schritt nach vorn. Aurian streckte die Hand aus, zögerte dann, offensichtlich immer noch unsicher, und das Windauge verfluchte sich dafür, daß er ihr die Dinge nicht besser erklärt hatte, bevor er sich in das Abenteuer seiner Verwandlung gestürzt hatte. Denn weder seine Andersicht noch seine Fähigkeit zur Gedankenrede würden funktionieren, solange er seine Pferdegestalt trug. Einen Augenblick lang dachte er darüber nach, sich zurückzuverwandeln, um mit ihr zu sprechen – aber nein. Wahrscheinlich würde er dann nie mehr den Mut finden, wieder Pferdegestalt anzunehmen. Statt dessen tat er also einen Schritt nach vorn und rieb seine lange Nase an ihrer ausgestreckten Hand.