Diese kleine Geste des Windauges half der Magusch, sich endlich zu entspannen. Sie streichelte die weiche, stoppelige Nase und lächelte. »Chiamh, das ist ja wunderbar! Ich wünschte, ich wüßte, wie du das machst«, sagte sie leise. Chiamh schnaubte, seine Ohren zuckten, und er schüttelte seine lange schwarze Mähne. Aurian lachte vor Entzücken, aber in einem der hintersten Winkel ihres Geistes war sie sich immer noch der Tatsache bewußt, daß die Zeit drängte. »Bist du sicher, daß du mich immer noch reiten lassen willst? Geht das wirklich in Ordnung?«
Das Windauge sah sie an und nickte nachdrücklich.
»Danke«, sagte Aurian, »aber ich brauche etwas, worauf ich mich stellen kann, da du keinen Sattel hast. Du bist größer, als ich dachte.« Sie sah sich suchend um, bis sie eine Stelle entdeckte, an der ein kleiner Felsbrocken aus dem Rasen herausragte. »Das müßte reichen.« Chiamh, dessen Blick ihrem Zeigefinger folgte, ging hinüber zu dieser Stelle und stand geduldig da, während Aurian mühsam einen großen, von Flechten überwucherten Stein erklomm. Als sie ein Bein über seinen Rücken schwang, biß er die Zähne zusammen und schloß die Augen, und nur mit Mühe gelang es ihm, nicht zusammenzuzucken. Aber sobald sie erst auf seinem Rücken saß, fühlte er sich besser. Sie hatte so etwas schon vorher getan, stellte er überrascht fest. Ihre Beine umklammerten ihn mit einer gewissen Sicherheit, aber nicht zu fest, und sie wußte genau, wie sie sich halten mußte, um ihm die Sache leicht und bequem zu machen. Plötzlich konnte sich Chiamh entspannen und das Ganze genießen. Sobald er fühlte, wie ihre Finger sich um das lange, rauhe Haar seiner Mähne schlossen, wußte er, daß sie bereit war, und stürmte los, quer über das kurze grasbewachsene Plateau hinweg.
Aurian saß mühelos auf dem Rücken des galoppierenden braunen Pferdes, ihr Haar flatterte im Wind, und ihre Augen tränten, so gewaltig war die Geschwindigkeit, die Chiamh an den Tag legte. Die Welt flog an ihnen vorbei, die hellen Frühlingsblumen, die das Gras sprenkelten, verschwammen unter den hämmernden Hufen zu einem Regenbogen bunter Farben. Es war herrlich! Außerstande, sich zu beherrschen, stieß sie einen wilden Freudenschrei aus, der von den nahen Gipfeln widerhallte.
Nur allzuschnell war der Ritt vorüber. Vor ihnen erblickte Aurian ein paar hohe, aufrecht stehende Steine: das Tor, das zu einem schmalen, pinienbewachsenen Tal führte, dessen felsige Flanken steil in die Höhe ragten. Das Windauge verlangsamte sein wildes Tempo und kam bedächtig im Schatten der riesigen Steine zum Stehen. Die Magusch ließ sich widerwillig von seinem Rücken hinuntergleiten und trat ein paar Schritte zurück, damit er genug Platz hatte, um seine Verwandlung vorzunehmen. Und wieder einmal sah Aurian, wie sich seine Umrisse in Nebel hüllten, zusammenschrumpften und eine aufrechte Gestalt annahmen – und Chiamh, der Mann, stand vor ihr, leicht außer Atem und über das ganze Gesicht strahlend.
Einen Moment lang sahen sie sich stumm an, bevor sie wie auf ein unausgesprochenes Signal hin einander in die Arme fielen. »Chiamh, das war einfach wunderbar«, sagte Aurian, als sie sich voneinander lösten. »Diesen Ritt werde ich niemals vergessen, solange ich lebe.«
»Ich auch nicht«, versicherte ihr das Windauge. Dann hielt er ihr die Hand hin und fügte hinzu: »Komm – ich möchte dir mein Tal zeigen.« Hand in Hand ließen sie das sonnenbeschienene Plateau hinter sich und traten in den kühlen Schatten des Pinienwaldes.
»Hat sich Wolf von seinem unerfreulichen Abenteuer erholt?« erkundigte sich Chiamh. Sie hatten ein kurzes Bad in dem eisigen Bergtümpel genommen und saßen nun vor einem hastig entzündeten Feuer im Eingang seiner Höhle, nippten an heißem Kräutertee und blickten hinunter in das Tal, vorbei an den Schatten des großen Felsturmes, der über der Behausung des Windauges aufragte.
Aurian, die sich geistesabwesend damit beschäftigte, weiße Siebensterne, die sie in der Nähe gepflückt hatte, zu einer Kette zu flechten, blickte bei dem Klang seiner Stimme auf und nickte. »Anscheinend schon – obwohl er immer noch irgendwie etwas schreckhaft ist. Ich glaube, er hatte in den letzten Nächten schlimme Träume, das heißt, wenn ein Wolf träumen kann – aber heute wirkte er schon viel glücklicher und ausgeglichener, sonst hätte ich ihn nicht allein gelassen.«
Chiamh nickte. »Trotzdem war es richtig, daß du mitgekommen bist. Abgesehen von der Tatsache, daß ich deine Gesellschaft genieße …« Er lächelte sie an. »Abgesehen davon mußtest du endlich mal, wenigstens für kurze Zeit, von deinen Sorgen loskommen.« Sein Gesicht wurde nachdenklich. »Wie lange ist es her, Aurian, seit du zuletzt eine Chance hattest, einmal nur an dich selbst zu denken?«
Seine Sorge rührte Aurian. »Bei den Göttern, ich weiß es nicht mehr«, sagte sie und seufzte. »Wahrscheinlich nicht mehr seit Forrals Tod.« Die Erinnerung an dieses Ereignis, die trotz all der vergangenen Zeit immer noch schmerzte, warf einen Schatten auf den hellen Nachmittag.
»Ah, Forral«, sagte Chiamh. »Parrics Freund und Wolfs Vater.«
»Parric hat dir davon erzählt?«
»Ja, ganz kurz. Als wir uns kennenlernten.« Das Windauge ergriff ihre Hand. »Ich trauere mit dir um deinen Verlust«, sagte er leise, und Aurian wußte, daß dies keine leeren Worte waren. »Was ist geschehen, nachdem ihr beide, du und Anvar, nach Süden gekommen seid? Wie seid ihr in den Besitz der Harfe und des Stabes gelangt?« fuhr er fort, und die Magusch stellte zu ihrer eigenen Überraschung fest, daß sie ihm offen von ihren Abenteuern erzählen konnte. Obwohl sie versuchte, ihren Bericht möglichst kurz zu halten, neigte sich die Sonne, als sie mit ihrer Geschichte langsam die Gegenwart erreichte, bereits dem Kliff zu ihrer Linken entgegen, und die Luft in dem schattigen Bergtal wurde empfindlich kühl. »Und jetzt«, beendete sie ihre Erzählung hastig, »haben wir den Stab und die Harfe, aber wir müssen immer noch das Schwert finden – und das ist versteckt, und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo ich suchen soll.«
»Ich könnte dir vielleicht helfen, weißt du«, erwiderte Chiamh. »Vielleicht könnte ich mit Hilfe einer Vision herausfinden, wo es versteckt ist.«
»Eine Vision?« Aurian beugte sich vor, und in ihren Augen glomm ein Hoffnungsfunke auf. »Wie meinst du das?«
»Das … ich …« Chiamh breitete hilflos die Hände aus, denn ihm fehlten die Worte, um zu erklären, was er meinte. »Wenn ihr beide, du und Anvar, heute abend zu mir hierherkommen würdet, dann werde ich es euch zeigen.«
»Natürlich tun wir das.« Aurian blinzelte hinauf in die untergehende Sonne. »Aber ich glaube, wir sollten uns jetzt langsam auf den Rückweg machen, Chiamh. Es wird spät, und Wolf vermißt mich vielleicht.« Sie sprang auf die Füße und drehte sich plötzlich wieder zu ihm um, als ihr etwas einfiel. Sie hatte vorgehabt, das Windauge zu fragen …
»Chiamh – wer ist Basileus? Weißt du das? Als ich mit dem Tode gerungen habe, hat er mir geholfen – aber was ist er?«
Das Windauge lächelte geheimnisvoll. »Ich glaube, das könnte er dir besser selbst erklären. Jetzt, da du von Stahlklaue zurück bist, bin ich sicher, daß du schon bald Basileus’ Bekanntschaft schließen wirst – was nur gut ist. Aber wenn du vor Einbruch der Nacht zu deinem Sohn zurückkehren möchtest, haben wir im Augenblick keine Zeit dazu. Kannst du dich noch ein kleines Weilchen gedulden?«
»Ich denke schon«, murmelte Aurian ein wenig ungnädig. Geduld war noch nie ihre Stärke gewesen. Chiamh grinste. »In diesem Falle stellt sich die Frage – möchtest du zurückreiten?«