Aurians Gesicht leuchtete auf. »O ja!«
Als Aurian und das Windauge, das nun wieder seine menschliche Gestalt angenommen hatte, den schmalen Zickzack-Pfad des Kliffs hinunterkletterten, der zu der Festung führte, war Chiamh der erste, der sah, daß es Schwierigkeiten gab. Die Höhenangst der Magusch machte sich selbst auf diesem breiten Weg bemerkbar, und der Abstieg erwies sich als weitaus nervenaufreibender, als es der Aufstieg gewesen war. Wieder einmal verfluchte Aurian die ungeheure Neugier der Maguschgeborenen, die sie überhaupt zu diesem Abenteuer verleitet hatte. Den ganzen Weg nach unten klammerte sie sich verzweifelt an den Klippen fest – und die einzige Richtung, in die sie nicht geschaut hatte, lag unten.
»Schau nur! Da unten!«
Aurian warf dem Windauge einen säuerlichen Blick zu. »Muß ich?«
Unerwarteterweise erwiderte Chiamh ihr unbehagliches Lächeln nicht. »Ich glaube, du solltest es tun«, sagte er ernst.
»Na schön, aber wir müssen einen Augenblick stehenbleiben, sonst wird mir schwindlig.« Mit diesen Worten suchte sie den Schutz der tröstenden Steinwand zu ihrer Rechten und blickte dann hinunter, vorbei an den zahlreichen mit Zinnen versehenen Dächern der Festung. Der gewundene Pfad lag in einer Biegung des Kliffs, die ihr nur einen ungefähren Blick auf den großen überwölbten Eingang der Feste ermöglichte – und auf die Menge, die sich davor versammelt hatte. Obwohl die Dämmerung sich nun mit ungeheurer Geschwindigkeit auf das Land herabsenkte, konnte sie die dunklen Gestalten zahlreicher Menschen erkennen, von denen viele Fackeln bei sich trugen. Jetzt, da sie ihre Aufmerksamkeit auf die Geschehnisse weiter unten gerichtet hatte, drang auch das schwache Gemurmel protestierender Stimmen mit dem Wind zu ihr herauf. Aurian fluchte. Auf den obersten Stufen der Treppe, die zu dem Eingang hinaufführte, stand Parric mit Iscalda und Schiannath – offensichtlich im Zentrum des Zorns eines Speere schwenkenden Mobs.
»Große Göttin! Wir müssen hinunter – schnell!« rief Chiamh.
Die Richtigkeit seiner Worte war nicht zu bestreiten. »Geh du voran!« rief Aurian ihm zu. »Ich folge dir, so schnell ich kann.«
Das Windauge hatte seinen Abstieg schon fast beendet, bevor es endlich einzelne Stimmen in der Menge wahrnehmen konnte. Wie üblich war der großmäulige Galdrus einer der lautesten.
»Schwerfälliger Körper, schwerfälliger Kopf«, murmelte Chiamh bei sich, während er auf den Mob zulief, aber dieser Umstand machte den Krieger Galdrus nicht weniger gefährlich. Galdrus war schon seit langem der Anführer all jener, die über das junge Windauge spotteten und besondere Freude daran hatten, es zu schikanieren. Einen Augenblick lang gerieten Chiamhs schnelle Schritte ins Stocken, dann rannte er unbeirrt weiter. Die Tage der Furcht vor Galdrus und den anderen waren nun vorbei. Es war an der Zeit, den widerspenstigen Respekt zu festigen, den die übrigen Xandim Chiamh in der letzten Zeit entgegengebracht hatten.
»Man hat uns einen neuen Anführer versprochen, Fremdländer!« brüllte Galdrus dem unglücklichen Parric zu. »Und doch sind es nur noch drei Tage bis zum Dunkelwerden des Mondes, und wir haben von dir noch kein einziges Wort gehört. Und wir wollen auch nichts mehr von dir hören!«
Viele Stimmen gesellten sich lautstark zu der seinen:
»Du bringst unsere Feinde, die schwarzen Geister und das Himmelsvolk über uns!«
»Du besudelst unsere Festung mit schmutzigen Wölfen und fremdländischen Magiern!«
»Du steckst unter einer Decke mit Gesetzlosen und Verbannten!«
»Du hast unseren wahren Rudelfürst verflucht!«
»Wir wollen Phalihas!«
Und noch weitere Xandim liehen dem mißmutigen Singsang ihre Stimme. »Wir wollen unseren Rudelfürst!«
»Befreit Phalihas!«
Parric versuchte, ihnen eine Antwort zu geben, aber seine mit lauter Stimme gerufenen Worte gingen in dem Gebrüll unter. Die Stimmung des Pöbels erhitzte sich von Minute zu Minute. Chiamh lief noch schneller – und erst, als plötzlich einer der Aufrührer sich umdrehte und ihn kommen sah, erkannte dieser seinen Fehler.
»Da ist er! Das Windauge!«
»Er ist derjenige, der den Fremdländern all diese Dinge erst ermöglicht hat!«
»Es ist alles seine Schuld!«
Ein Teil der Menge blieb, wo er war, um weiter Parric zu beschimpfen, aber eine große Gruppe, angeführt von Galdrus, löste sich von den übrigen und lief auf das Windauge zu, mit Gesichtern, die von Haß und Zorn verzerrt waren. Ein eisiger Knoten der Angst ballte sich in Chiamhs Magen zusammen. Er blieb stehen und wandte sich halb um; all seine Instinkte schrien ihm eine Warnung zu, rieten ihm, davonzulaufen – und dann änderte er seine Meinung. Sein Gespräch mit Basileus und das Erscheinen der Fremdländer hatten sein Leben verändert: Die Tage des Davonlaufens waren tatsächlich vorüber.
Also griff er nach dem frischen Wind, der um ihn herumwirbelte, nahm eine Handvoll davon heraus und verknüpfte sie zu der Gestalt eines gräßlichen, leuchtenden Dämons. Das war der größte Fehler, den er begehen konnte. Galdrus und mehrere seiner Männer hatten diesen Dämon schon einmal gesehen. Damals hatte er sie in Angst und Schrecken versetzt und zutiefst gedemütigt, und gerade diese Erinnerung gab ihrem Zorn nun neue Nahrung. Und was noch schlimmer war, sie wußten, daß der Dämon trotz seines furchterregenden Aussehens nur eine Erscheinung war und ihnen nichts anhaben konnte.
»Es ist in Ordnung.« Galdrus’ Bellen durchschnitt die ersten entsetzten Schreie der Panik. »Das Ding ist genauso harmlos wie das Windauge. Holt ihn euch!«
Der Mob tobte vorwärts, aber trotz der tapferen Worte ihres Führers waren nur wenige von ihnen bereit, der Dämonengestalt, die vor dem Windauge hockte, in die Nähe zu kommen. Selbst Galdrus verspürte nicht die geringste Lust dazu. Einen Augenblick lang konnte Chiamh vor Erleichterung aufatmen, dann ging plötzlich einer der Männer in die Hocke, griff nach einem Stein und warf diesen. Bevor das Windauge wußte, wie ihm geschah, fand es sich inmitten eines Hagels von Wurfgeschossen wieder. Seine Verfolger schossen sich langsam, aber unerbittlich auf ihn ein, und trotz des zunehmenden Zwielichts wurden ihre Würfe immer genauer. Ein kleiner Stein traf ihn mit unangenehmer Wucht an der Schulter, und er schrie vor Schmerz auf. Sein Dämon flackerte und begann zu verblassen. Er war alles, was die zornigen Männer noch davon abhielt, ihn in Stücke zu reißen, und jetzt verlor er ihn … Während Chiamh sich noch bemühte, die Dämonenerscheinung wieder aufleben zu lassen, schoß ein weiterer Stein direkt an seinem Gesicht vorbei und schlitzte ihm dicht über dem Auge die Haut auf. Fluchend ließ Chiamh seinen Dämon fahren und gab Fersengeld.
Während er zurück zu dem Klippenweg rannte, hörte Chiamh das blutdurstige Geheul des Mobs dicht hinter sich – viel zu dicht. Viele Steine trafen ihn am Rücken, aber trotz der Schmerzen, die sie verursachten, verlieh seine grenzenlose Angst ihm die Kraft, immer weiterzutaumeln, während er zur Göttin flehte, daß er in der zunehmenden Dunkelheit nicht den Halt verlor und ausrutschte. Dann traf ihn ein Stein am Kopf, und während er zu Boden stürzte, wurde die Welt für einen Augenblick in tiefes Schwarz getaucht.
Halb betäubt und aus mehreren Wunden blutend, bemühte er sich nach Kräften, wieder aufzustehen, aber ihm war übel und schwindlig, und seine Glieder verweigerten ihm den Dienst. Jetzt hatte der Mob ihn fast erreicht … Er sah verzerrte Gesichter, furchteinflößend wie das bestialische Antlitz seines Dämons, während Hände gierig nach ihm griffen …
… und plötzlich mitten in der Bewegung verharrten, als wären sie gegen eine unsichtbare, aber stabile Mauer geprallt, die bei der Berührung in einem unirdisch silbrigen Licht erglühte …
Dann war Aurian neben ihm. Eisiger Zorn blitzte silbern in ihren Augen auf; der Erdenstab in ihren Händen funkelte in seinem schauerlich grünen Licht, während sie dessen Macht als Schild benutzte, um das Windauge von seinen Angreifern abzuschirmen. Und nun beugte sie sich vorsichtig über ihn, während ihr Gesicht von dem Glanz ihres Schildes sanft beleuchtet wurde. Chiamh spürte, wie ihn ein seltsames und unheimliches Kribbeln durchlief, während sie seinen Körper mit ihren Heilerinnensinnen erforschte und, wie er wußte, nach irgendwelchen Hinweisen auf gebrochene Knochen oder innere Verletzungen suchte. Als sie ihm dann sanft eine Hand auf die Stirn legte, löste sich all sein Schmerz in Nichts auf, und er konnte wieder mühelos durchatmen, obwohl er sich irgendwie schläfrig fühlte, so schläfrig … Chiamh bemühte sich nach Kräften, bei Bewußtsein zu bleiben, wobei er sich beharrlich in Erinnerung rief, daß die Gefahr noch nicht vorüber war.