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»Du hast Glück gehabt«, murmelte die Magusch. »Wenn man es Glück nennen kann, von diesen törichten, blutdürstigen Tieren beinahe gesteinigt zu werden«, fügte sie trocken hinzu. »Der Umstand, daß sie dich in der Dunkelheit nicht richtig sehen konnten, war wahrscheinlich der Grund, warum du mit dem Leben davongekommen bist.« Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit der tollwütigen, tobenden Menge zu, die sie umgab und immer noch erfolglos versuchte, die silbernschimmernde Barriere, die die Magusch errichtet hatte, zu durchbrechen. Viele der Männer hatten jetzt ihre Schwerter gezückt, aber die meisten von ihnen schraken, wie Chiamh mit einiger Befriedigung feststellte, vor der Wildheit in Aurians Augen zurück und schienen plötzlich weit weniger versessen auf einen Angriff zu sein.

»Bastarde!« murmelte Aurian mit finsterem Gesicht. Dann hob sie eine Hand, und plötzlich flirrte die Barriere blutrot und heiß auf – und kurz darauf die Schwerter. Galdrus und seine Anhänger prallten schreiend zurück, ließen ihre feurig glühenden Waffen fallen und umklammerten ihre verbrannten Hände.

»Das wird ihnen eine Lehre sein«, hörte er Aurian kichern. Durch die Lücke, die der Rückzug ihrer Angreifer in der Menge hinterlassen hatte, sah Chiamh, wie sich ein weiteres, unheimlich flirrendes Licht näherte, und er überlegte kurz, ob der Schlag auf seinen Hinterkopf möglicherweise seinen Blick getrübt hatte. Da hörte er mit einem Mal eine wilde unirdische Musik, die so schön war, daß sie ihm die Tränen in die Augen trieb. Und mit einer Woge des Erschreckens stellte er fest, daß selbst seine schlechten Augen in der Lage waren, die Noten klar vor sich zu sehen, die da wie ein Sternennebel durch die Luft wehten. Und als dieser Sternengesang auf Galdrus und seine Schar niederging, fielen die Männer einer nach dem anderen zusammengekrümmt und wie schlafend zu Boden.

Der schauerliche Glanz wurde heller, und nun gingen Parric, Sangra, Iscalda und Schiannath langsam auf Aurians Barriere zu. Anvar war bei ihnen – und in seinen Armen lag die Harfe der Winde, die unermüdlich sang.

»Anvar! Oh, bin ich froh, dich zu sehen!« Aurian ließ ihren Schild sinken und eilte ihm mit offenen Armen entgegen, und als Harfe und Stab aufeinandertrafen, explodierte die Nacht zu einem wahren Rausch blitzender Lichtstrahlen, die als knisternde Aurora silberblau und grün gen Himmel stoben.

Parric und die anderen sprangen hastig zurück. »Seid bloß vorsichtig mit diesen schrecklichen Dingern!« rief der Kavalleriehauptmann. »Ihr werdet uns alle noch zu Asche verbrennen!«

Die beiden Magusch sahen einander an und brachen in schallendes Gelächter aus, und es war der Klang ihrer heiteren Stimmen, der dem Windauge schließlich in die Finsternis folgte.

»Was hast du mit ihnen gemacht?« Aurian zeigte auf die bewußtlos am Boden liegenden Xandim.

»Ich habe sie aus der Zeit genommen. Mit der Harfe.« Anvar grinste. »Ich wußte ja gar nicht, wie gut das funktioniert. Die Harfe scheint eine besondere Vorliebe für diese Art von Magie zu haben – wahrscheinlich eine Folge der Ewigkeiten, die sie am Zeitlosen See der Cailleach zugebracht hat. Ich habe übrigens dasselbe mit dem Rest des Mobs angestellt, der Chiamh nicht verfolgt hat, aber das ist nur eine vorübergehende Lösung. Die anderen Xandim, diejenigen, die sich nicht an der Rebellion beteiligt haben, sind nicht gerade glücklich über das Schicksal ihrer Kameraden. Wir müssen das eigentliche Problem lösen – und zwar schnell.«

Parric starrte ihn wütend an. »Das eigentliche Problem ist meine Angelegenheit«, sagte er kalt. »Immerhin bin ich der Rudelfürst.«

Die Antwort des Kavalleriehauptmanns war so uncharakteristisch, daß Aurian ihn überrascht ansah. »Was ist denn nur in dich gefahren?« fragte sie ihn. »Es ist unser aller Angelegenheit – wenn wir uns weiterhin der Hilfe und Unterstützung der Xandim versichern wollen. Wir müssen alle zusammen nachdenken, wenn wir eine gute Lösung finden wollen – und vor allem brauchen wir Chiamh.« Sie beugte sich hinunter, um das bewußtlose Windauge zu untersuchen. »Armer Mann. Ich hatte ja keine Ahnung, daß sie ihn so sehr hassen.«

»Die Xandim sind genau wie viele andere Leute auch. Die Angst vor dem Unbekannten bringt sie schier um den Verstand«, warf Anvar ein, und Aurian bemerkte, daß er seinen Blick auf Parric geheftet hatte. Sie seufzte. Was war in ihrer Abwesenheit zwischen den beiden Männern vorgefallen? Zum Teufel mit ihnen, dachte sie übellaunig. Es sieht so aus, als könnte ich sie nicht mal einen einzigen Nachmittag allein lassen, ohne daß etwas schiefgeht. Achselzuckend verschob sie das Problem auf später. »Wollt ihr den armen Chiamh vielleicht die ganze Nacht auf dem feuchten Boden liegen lassen?« erkundigte sie sich scharf. »Helft mir, ihn zurück in die Festung zu bringen. Sobald es ihm besser geht, können wir uns dieser Krise hier zuwenden, und entscheiden, was wir als nächstes tun.«

Anvar zog eine Grimasse. »Das«, murmelte er, »ist sicher leichter gesagt als getan – und es ist nicht unsere einzige Sorge.« Sein Gesicht war plötzlich sehr ernst. »Aurian, ich war gerade auf dem Weg zu dir, als all das hier passiert ist.« Mit einer weit ausholenden Bewegung seines Armes zeigte er auf die bewußtlosen Xandim. »Chiamh ist nicht der einzige, der heute nacht deiner Heilküste bedarf. Es geht um Elewin … Ich weiß nicht, was mit ihm los ist, aber – ach egal.« Er verzichtete darauf, ihr die Sache weiter zu erklären und zog an ihrem Arm. »Du solltest besser schnellstens mit mir kommen und selbst sehen, was da los ist.«

Der alte Haushofmeister lag im Sterben. Aurian wußte es in dem Augenblick, als sie in das Zimmer trat. Er lag vollkommen kraftlos auf seiner Pritsche. Seine eingefallene Haut war erfüllt von einer durchscheinenden Blässe, die der jungen Magusch ein vertrautes Frösteln über den Rücken jagte. Sein unregelmäßiger, schnarrender Atem durchschnitt die unnatürliche Stille, die in dem Raum lastete. Aufgrund ihrer vorangegangenen Begegnungen mit dem Tod in dessen Reich war sich Aurian überdeutlich dieser Geistererscheinung bewußt, die in den Schatten lauerte und nur auf den rechten Augenblick wartete. Mit einiger Mühe schüttelte Aurian die unheimliche und bedrückende Atmosphäre ab. »Mach Feuer«, wies sie Anvar mit scharfer Stimme an. »Und laß frische Fackeln holen.«

»So ist es richtig, Junge – und sieh zu, daß du schnell machst. Ich kann ja nicht die Hand vor Augen sehen.« Beim Klang der brüchigen alten Stimme fuhren die beiden Magusch herum, und Aurian hörte Anvar keuchen. Das war immer einer von Elewins Lieblingssätzen gewesen. Ungebeten tauchte die Erinnerung an kühle Herbstabende in der Akademie auf und an den alten Haushofmeister, der eben jene Worte benutzt hatte, wenn er die säumigen Diener zum Entzünden der Lampen aufforderte. Aurian preßte die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Es bedeutete Schlimmes, daß Elewins Geist in die Vergangenheit zurückwanderte.

Parric und Sangra waren den beiden Magusch ins Zimmer gefolgt. »Was ist mit ihm passiert?« wollte der Kavalleriehauptmann wissen. »Gestern ging es ihm noch gut – zumindest nicht schlechter als sonst auch.«

»Seit Chiamh ihn neulich geheilt hat, ging es ihm viel besser«, warf Sangra ein.

Anvar warf frisches Holz aufs Feuer, und die beiden Krieger traten ans Fußende der Pritsche, wobei sie sich mit leisen, besorgten Stimmen unterhielten, während Aurian nun neben Elewins Bett niederkniete und sein Gesicht im Licht der neu entfachten Flammen betrachtete. Der Haushofmeister hatte ihr den Kopf zugewandt, um sie anzusehen. »Herrin, sag ihnen, sie sollen aufhören zu flüstern«, brummte er gereizt. »Ich mag es nicht, wenn die Leute flüstern.«