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»Schon gut, Elewin. Sie werden es nicht wieder tun«, beschwichtigte ihn Aurian. Während sie mit ihm sprach, untersuchte sie ihn mit ihren Heilerinnensinnen – aber auch die sagten ihr nichts anderes, als ihre Instinkte es bereits getan hatten. Mit Krankheiten und Verletzungen konnte sie es aufnehmen, aber gegen Alter und Verzweiflung war sie hilflos. Der Körper des Haushofmeisters schwand dahin. Sie wußte, daß ihr Patient während der vergangenen Monate immer wieder tapfer gegen Krankheit und Not gekämpft hatte, aber irgend etwas hatte ihn schließlich in die Knie gezwungen. Es lag ein Schatten über seinem Geist, den sie nicht durchdringen konnte, und sie fragte sich, was es war, das ihn veranlaßt hatte, die Zügel des Lebens schießen zu lassen.

»Elewin, warum?« fragte sie ihn direkt. »Nachdem du so weit gekommen bist – was bringt dich jetzt dazu, aufzugeben?«

»Herrin, bitte plage mich nicht.« Die Stimme war kaum mehr als ein ungeduldiges Flüstern. »Ich bin müde. Ich habe genug gekämpft. Ich will meine Ruhe.« Mit diesen Worten drehte er das Gesicht von ihr weg in die Dunkelheit, und Aurian spürte, wie ihr eisige Kälte über den Rücken kroch, als sie sah, daß er seinen Blick auf die Geistererscheinung heftete, die sonst nur sie allein sehen konnte. Sie schüttelte den Kopf. Es würde jetzt nicht mehr lange dauern.

»Meiriels Tod hat ihn schwer getroffen«, murmelte eine leise Stimme in Aurians Ohr. Sie drehte sich um und sah, daß Anvar neben ihr kniete. Sein Gesicht war angespannt und von Gram gezeichnet. »Aurian, bitte – gibt es nichts, womit du ihm helfen könntest?« bat er sie, und sie erinnerte sich wieder an die Zuneigung, die stets zwischen dem jungen und dem alten Mann bestanden hatte. Jetzt klang Anvars Stimme gepreßt vor Anstrengung – eine Anstrengung, von der Aurian wußte, daß sie dem Versuch entsprang, daß Unvermeidliche zu leugnen.

»Du warst heute nachmittag bei Elewin. Ist irgend etwas geschehen, das erklärt, warum er so schnell seinem Ende entgegenstrebt?« fragte ihn seine Seelengefährtin. Gleichgültig, daß es hoffnungslos war – um Anvars willen konnte sie nicht einfach aufgeben. Sie sah, wie er die Hände des alten Mannes nahm und fest umklammert hielt.

»Er sprach viel über Meiriel … und dann wurde er stiller und stiller, und als er danach wieder zu reden begann, schien er mehr und mehr umherzuirren.« Mit konzentrierter Miene versuchte Anvar sich zu erinnern. »Angefangen hat es damit, daß er sich darüber beklagte, müde zu sein – und als er sich hinlegte, konnte ich ihn nicht mehr dazu bringen, wieder aufzustehen … Aurian, ich habe so etwas schon einmal gesehen.« Seine Stimme war gedämpft vor Kummer. »Bei meinem Großvater, in dem Winter, in dem du zur Akademie kamst. Es war so, als hätte er einfach aufgegeben. Aber damals hat es Wochen gedauert, nicht Stunden …«

Aurian spürte einen Luftzug in ihrem Rücken, als die Tür sich öffnete und Chiamh, noch immer voller blauer Flecken und Staub, hereinhumpelte. Sie hatte ihn schlafend in seinen eigenen Räumen zurückgelassen, obwohl seine Heilung nur oberflächlich und unvollständig gewesen war, um so rasch wie möglich zu Elewin zu eilen.

»Warum hast du keine Nachricht geschickt?« wollte das Windauge wissen und starrte die Magusch, als er neben sie ans Bett trat, wütend an. »Der alte Mann liegt auch mir am Herzen, wie du weißt.« Seine Augen folgten Aurians Blick in die schattige Ecke, und sie wußte, daß auch er sah, was dort lauerte. Er erschauerte und verfiel in Schweigen.

»Gib gut acht auf deine Herrin, Anvar.« Erschrocken über den Klang von Elewins Stimme fuhren alle im Raum herum. »Du hast dich besser gemacht, als es irgend jemand erwartet hätte – außer mir«, fuhr er fort. »Du hast mir mein Vertrauen wohl vergolten, mein Junge – ich bin stolz auf dich.« Dann wandte er sich wieder von ihnen ab, und seine grauen Augen waren dunkel vor Schmerz. »Stolzer als ich auf mich selbst bin«, murmelte er. »Meiriel war krank – sie konnte sich nicht helfen! Finbarrs Tod hat ihren Verstand verbogen. Ich sollte über sie wachen, auf sie aufpassen. Das war das letzte, was ich noch tun konnte, nachdem ich schon Miathan betrogen hatte …« Tränen strömten dem Haushofmeister übers Gesicht. »Aber ich habe sie im Stich gelassen«, flüsterte er. »Sie alle habe ich im Stich gelassen. Zu alt, zu schwach. Es tut mir leid …« Mit einem Seufzer entrang sich ein letzter Atemzug seinen Lippen.

»Du alter Narr!« schrie Anvar wild, und seine Stimme brach vor Kummer. Dann hämmerte er mit beiden Fäusten auf die Bettdecke. »Sie waren es nicht wert!«

Aurian ergriff seine Hände. »Pflichterfüllung war Elewins Leben«, sagte sie sanft. »Er hatte keine eigene Familie, nur die Leute in der Akademie. Pflichterfüllung und Loyalität bedeuteten ihm alles – und ich vermute, das war es auch, was ihn während dieser letzten harten Monate noch aufrechterhalten hat. Sobald er davon überzeugt war, daß er in beiden Punkten versagt hatte …« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Armer Mann.«

Chiamh vergrub sein Gesicht in den Händen. Am Fußende des Bettes hielt Parric die schluchzende Sangra in den Armen. Eng aneinander geschmiegt, teilten auch die beiden Magusch ihren Kummer. Aurian schaute über Anvars Schulter hinweg in den Schatten, wo der Tod gestanden hatte, aber die Ecke war leer, die Geistererscheinung verschwunden. Diesmal war er nicht betrogen worden – doch diesmal hatte derjenige, den zu holen er erschienen war, auch sein Kommen ersehnt. Nach langen Jahren treuen Dienstes hatte Elewin nun endlich seine wohlverdiente Ruhe gefunden.

10

Im Innern des Kristalls

In der Küche der Akademie, an einem besonders ins Auge fallenden Platz an der Wand, befand sich ein geschnitztes Holzregal, das acht Globen aus schimmerndem Kristall beherbergte, von denen jeder einst in einem sanften, jeweils andersfarbigen Licht erstrahlt war. Genau solche Regale befanden sich auch in den Dienerquartieren und den Pförtnerhäusern am Anfang und Ende des steilen Pfades, der von dem Gipfel des Felsens zum Fluß hinunterführte. Jetzt jedoch waren fünf der Kristalle düster und leblos geworden – nie mehr würden ihre maguschgeborenen Besitzer Befehle erteilen oder irgend jemandem ihren Willen aufzwingen. Nur drei glühten noch: der rote, der silberweiße und der grüne.

Als Janok, der Küchenmeister der Akademie, sich in der Küche umsah, um sicherzustellen, daß seine Untergebenen auch wirklich alle hart arbeiteten, blieb sein Blick an den Kristallen hängen. Er rieb sich sein stoppeliges Kinn und sah die Globen nachdenklich an. Erst vor zwei Tagen war der fünfte, der blauviolette Kristall, erloschen. Auch die Lady Meiriel war also gestorben. Es sind nicht mehr viele von ihnen übrig, dachte Janok. Langsam, aber sicher starben seine Herren aus.

Janok brachte den Magusch im Gegensatz zu vielen anderen Nexianern keinen besonderen Haß entgegen. Warum sollte er auch, da sie ihm doch eine so behagliche Existenz verschafften? Solange ihre Mahlzeiten üppig, appetitlich und immer zur rechten Zeit fertig waren, ließen sie den Küchenmeister in seinem kleinen Reich herrschen, wie es ihm gefiel – und da er sich der Gunst seiner mächtigen Herren erfreute, wagte es keiner der anderen Diener, sich ihm in den Weg zu stellen. Aber wie lange mochte diese erfreuliche Situation noch andauern? Während sich die Zahl der Magusch nach und nach verringerte, beunruhigte dieser Umstand Janok immer mehr.

Zwei Dinge gaben ihm Grund zur Sorge: Falls Miathan und Eliseth ein ähnliches Schicksal bevorstand, würde er dann in der Lage sein, seine Machtposition zu halten und zu verhindern, daß sich die anderen Diener gegen ihn stellten – und würden die Zeitzauber, die die Magusch ihren Vorräten auferlegt hatten, auch dann noch Bestand haben, wenn sie selbst tot waren? Wenn Janok nur diese Vorräte in die Hand bekommen könnte – mit so viel dringend benötigter Nahrung würden ihm unten in Nexis alle Türen offenstehen.