Natürlich hing das Ganze in großem Maß von seiner dritten und schlimmsten Sorge ab. Der Küchenmeister warf einen Blick auf den grünen Kristall und runzelte die Stirn. Das Funkeln in seinem Herzen war schwächlich und trübe und bedeutete, daß der Besitzer des Kristalls noch immer sehr weit fort war – was Janok nur begrüßen konnte. Je weiter weg sie war, um so besser für ihn. Die Lady Aurian – in Gedanken verwandelte er ihren Titel in ein Schimpfwort – war verantwortlich dafür, daß der Sklave Anvar entkommen war. Selbst nach all der langen Zeit zuckte er noch immer zusammen, wenn er an die Strafe dachte, die Miathan ihm auferlegt hatte. Und an allem war nur diese arrogante rothaarige Hexe schuld.
Seit kurzem war es Janok jedoch aufgefallen, daß das grüne Licht in Aurians Kristall langsam heller wurde. Wo auch immer sie die ganze Zeit über gesteckt hatte, sie war offensichtlich auf dem Rückweg – und was würde dann geschehen? Janok fühlte sich auf einmal ausgesprochen unwohl in seiner Haut.
Während Janok noch so vor sich hin grübelte, begann einer der anderen Globen in einem hellen, silbernen Weiß zu erstrahlen und in regelmäßigen Abständen zu pulsieren. Der Küchenmeister murmelte einen Fluch und streckte zögernd die Hand nach dem Kristall aus. Die Lady Eliseth hatte noch nie ein besonders sanftes Temperament besessen – aber in letzter Zeit war sie geradezu bösartig, und das in einem solchen Ausmaße, daß sogar Janok ihre Ausbrüche zu fürchten begonnen hatte. Was wollte sie jetzt schon wieder? Eines zumindest stand fest: Es würde die Dinge nur verschlimmern wenn er sie warten ließ. Janok zuckte mit den Schultern und krampfte die Finger um den Kristall, um seine Macht zu aktivieren, bevor er ihn wieder auf das Regal zurücklegte. Ein kleiner silberner Fleck, halb so breit wie Janoks ausgestreckte Arme, schimmerte nun über der faustgroßen Kugel auf, und im Zentrum des Lichts erschien ein Bild von Eliseths Gesicht.
Janok nahm eine unterwürfige Haltung an. »Wie kann ich Euch dienen, Herrin?« fragte er.
»Mit größerer Aufmerksamkeit«, fauchte die Wettermagusch. »Wie kannst du es wagen, mich warten zu lassen, Sterblicher!«
»Ich bitte um Vergebung, Herrin«, erwiderte Janok mit einer Verbeugung. Er wußte nur allzugut aus bitterer Erfahrung, daß man Eliseth, wenn sie in dieser gereizten Stimmung war, mit irgendwelchen Entschuldigungen nur noch mehr erzürnte. »Wie kann ich meine Nachlässigkeit wiedergutmachen?«
Eliseths Augen wurden schmal, als suche sie im Inhalt oder im Ton seiner Feststellung nach etwas, an dem sie weiteren Anstoß nehmen konnte, dann jedoch ließ sie zu seiner Erleichterung achselzuckend von dem Unterfangen ab. »Ich brauche Inella«, keifte sie. »Ist das kleine Biest unten bei dir?«
»Leider nein, Herrin. Ich habe sie den ganzen Morgen noch nicht gesehen. Ich dachte, sie sei in Euren Gemächern.«
Janok bemühte sich nach Kräften, seinen Triumph zu verbergen. Ich wußte, daß das kleine Miststück früher oder später einen Fehler begehen würde, dachte er selbstgefällig.
»Nun, steh nicht einfach da rum und grins mich an, du Idiot! Such sie und schick sie zu mir hinauf – und vertrödle nicht den ganzen Tag dabei.«
Bevor Janok Zeit fand, etwas zu erwidern, war Eliseths Bild auch schon verschwunden, und die Dunkelheit kehrte in diese Ecke der Küche zurück. Die eifrig hin und her huschenden Küchenknechte, die alle in ihrer Arbeit innegehalten hatten, um das Gespräch mit der Magusch zu belauschen, brachen plötzlich in lärmende Aktivität aus, und Janoks Gedanken gingen in dem Getöse von Schrubben, Kratzen und Rühren unter.
»Ruhe!« keifte der Küchenmeister und murmelte einen Fluch. Als hätte er nicht schon genug zu tun, ohne den halben Tag darauf zu verschwenden, Lady Eliseths hinterhältige kleine Magd zu suchen! Dann plötzlich hellte sich seine Miene auf. Wenn die Wettermagusch unzufrieden war, dann würde nicht nur sie persönlich Inella bestrafen, sondern wahrscheinlich auch Janok die Möglichkeit geben, der Dienerin den ein oder anderen Hieb zu versetzen – etwas, worauf sie nicht lange würde warten müssen, denn es juckte ihn schon seit geraumer Zeit in den Fingern, das unverschämte Mädchen endlich verprügeln zu dürfen, ohne mit Vergeltungsmaßnahmen durch seine Herrin rechnen zu müssen. Janok grinste. Solange Inella sich des Schutzes der Lady Eliseth sicher gewesen war, war sie trotzig und dreist gewesen und hatte seine Autorität bei den anderen untergraben. Eine wahre Ewigkeit hatte er darauf warten müssen, daß das Mädchen endlich in Ungnade fiel – und jetzt, so schien es, würde er seine Rache endlich bekommen. Ein hämisches Lächeln glitt über Janoks Züge. Es gab nicht viele Plätze in der Akademie, wo man sich verstecken konnte. Er würde Inella finden. Im Handumdrehen.
Die meisten der kalten, steinernen Lagerräume hinter und unter den Akademieküchen waren den Knechten, die dort arbeiteten, verboten, denn dort befand sich das ungeheure Vorratslager, das die Magusch aus der Zeit herausgenommen hatten. Daher waren die Akademie und ihre Bewohner unabhängig und bestens versorgt, während die Menschen unten in der Stadt hungerten und litten und kaum wußten, wie sie die Not überleben sollten, die Eliseths grimmigem Winter gefolgt war. Sie brauchten auch nicht zu fürchten, daß irgend jemand ihnen ihre Vorräte stehlen oder durch List entwenden konnte – sollte sich überhaupt ein Sterblicher finden, der tapfer oder töricht genug war, so etwas zu versuchen. Der Zeitzauber hielt die Nahrungsmittel nicht nur frisch, sondern verhinderte auch, daß es den sterblichen Dienern gelingen konnte, etwas von dem so verzweifelt benötigten Essen in die Stadt hinunterzuschmuggeln, um es hungrigen Freunden und Familien zu geben.
Das Versteck war klein und nur schwer zu erreichen, vor allem bei Dunkelheit, aber zumindest schenkte es Zanna eine kurze Atempause, in der sie vor Janoks Brutalität und der Grausamkeit der Magusch sicher war. Ihr taten noch immer die Glieder weh. Der Küchenmeister hatte sie, als er sie in der großen Bibliothek entdeckte, übel verprügelt – aber das war nichts gewesen im Vergleich zu der Entdeckung, daß die Lady Eliseth, wenn sie verstimmt war, einem schlimmere Schmerzen zufügen konnte als jeder Sterbliche, und das, ohne auch nur einen Finger zu rühren.
Das Mädchen wischte sich mit zitternden Fingern eine Träne von einer verschmierten Wange und wand und krümmte ihren Körper in dem engen Raum. Wenn sie doch nur eine bequeme Haltung für ihre schmerzenden Knochen finden könnte! Nachdem ihre Herrin sie für die Nacht weggeschickt hatte, war sie hierhergekommen, um auf keinen Fall Janok über den Weg zu laufen – denn jetzt, da die Lady Eliseth böse auf sie war, wußte sie, daß er das Gefühl haben würde, endlich alles mit ihr machen zu können, was er wollte. Wenn sie in der Vergangenheit doch ihm gegenüber nur vorsichtiger gewesen wäre! Jetzt würde sie dafür büßen müssen – aber hier war sie zumindest für den Augenblick sicher. Allerdings würde sie am Morgen wieder auftauchen müssen, und was würde Janok ihr dann antun? Plötzlich blieb ihr keine Zeit mehr – und ihrem Vater auch nicht. Zanna wünschte nur, sie könnte in diesem engen kleinen Winkel hinter den großen Steinkrügen voller Honig, Mehl und Bohnen auch vor ihren Sorgen und Ängsten Schutz finden – und vor den Gedanken an ihr eigenes Versagen.
In den vergangenen Tagen hatte sie sich eine Zeitlang der Hoffnung hingegeben, daß sie doch noch eine Möglichkeit finden würde, ihren Vater zu befreien. Vannor hatte es geschafft, ihr eine Nachricht zuzuschmuggeln, verborgen unter den schmutzigen Tellern auf einem Tablett. Auf diese Weise hatte sie von dem geheimen Fluchtweg durch die Katakomben erfahren, der unter der Bibliothek entlanglief und von dort in die Abwasserkanäle mündete. Aber heute erst hatte sich Zanna davonstehlen können, um Nachforschungen anzustellen – und dabei herausgefunden, daß das schmiedeeiserne Tor vor den alten Archiven fest verschlossen war. Um die Dinge noch zu verschlimmern, hatte Janok sie bei ihren Nachforschungen erwischt – und obwohl ihre Strafe schon schlimm genug gewesen war, war das Schlimmste von allem, daß er sie in Zukunft wie ein Habicht beobachten würde. Jetzt würde sie sich nicht einmal in die Nähe der Bibliothek wagen können – nicht ohne einen verdammt guten Grund!