Und ich habe geglaubt, ich wäre so klug, dachte Zanna erbittert. Was für eine wunderbare Idee: unter dem Namen Inella als Dienerin an die Akademie zu gehen und die Magusch auszuspionieren. Und dann haben sie Vater gefangen … Sie unterdrückte ein Schluchzen. Ich wollte ihn freilassen, und wir wollten zusammen fliehen. Diesmal konnte sie das Schluchzen nicht mehr unterdrücken. Aber ich kann ihn nicht retten – ich habe mir hundertmal das Gehirn zermartert, und es gibt einfach keine Möglichkeit, an den Wachen vorbei aus der Akademie zu kommen. Und er hat solche Schmerzen … Der Erzmagusch tötet ihn, ganz allmählich, nach und nach – und ich kann nichts dagegen tun. Ich kann nur zusehen, wie er leidet …
Das Problem war, daß sie fürchtete, Vannors Leiden nicht länger mitansehen zu können – nicht mehr lange jedenfalls –, ohne ihrer Herrin gegenüber ihre Gefühle zu verraten. Zanna hatte Angst, daß Eliseth sie zu guter Letzt doch noch durchschauen würde, und was würde dann aus ihr werden? Schon jetzt ging sie viel zu viele Risiken ein und verbrachte bei der Suche nach einem Ausweg für sich und ihren Vater zuviel Zeit außerhalb des Turms. Das hatten ihr die schrecklichen Ereignisse des heutigen Tages klargemacht. Aber sie war so verzweifelt gewesen, und sie wollte endlich von hier fort … Wenn sie doch nur nachdenken könnte …
Du bist hierhergekommen, um nachzudenken, schalt sich Zanna selbst. Aber du denkst nicht nach! Du versteckst dich weinend und feige im Lagerraum … Ungeduldig wischte sich das junge Mädchen die Tränen aus den Augen. Ihre Tränenströme würden sie nicht weiterbringen, sagte sie sich. Was ist aus deiner Entschlossenheit geworden? Du hast immer zu Maya und der Lady Aurian aufgesehen. Du hast dir gewünscht, ihren Mut zu haben. Nun, Mädchen – das ist deine Chance. Du warst doch immer so stolz auf dein Gehirn – also benutz es jetzt auch! Das war deine Idee – du wolltest es so.
Vannors Tochter schöpfte aus dem Gedanken an die beiden Frauen, die sie immer sosehr bewundert hatte, neue Hoffnung. Allein das Wissen, daß sie immer noch gegen Miathan und Eliseth kämpften, gab ihr neuen Mut – denn sie hatte einmal die Wettermagusch belauscht und auf diese Weise herausgefunden, daß Aurian immer noch lebte. Und Zanna klammerte sich hartnäckig an die Überzeugung, daß Maya, obwohl sie schon so lange verschwunden war, ebenfalls nicht tot sein konnte. Wenn die Lady Aurian an meiner Stelle wäre, überlegte sie, was würde sie tun? Ach, wenn sie doch nur hier wäre. Wenn ich sie doch nur um Rat fragen könnte …
Einen Augenblick mal – vielleicht kann ich das doch! Zanna setzte sich plötzlich mit vor Aufregung hämmerndem Herzen auf.
Aber war das möglich? Konnte er so weit reichen? Du wirst es nie erfahren, wenn du es nicht versuchst, sagte sie sich entschlossen, als ihr das Regal mit den Kristallen wieder einfiel, das in der Küche hing. Erst heute, als Janok sie erwischt hatte, hatte der Küchenmeister Lady Eliseths silberweißen Kristall aufgenommen, gewartet, bis er zu schimmern begann, und dann hineingesprochen. »Ich habe sie«, hatte er gesagt, und die Magusch hatte geantwortet. Lady Aurians Kristall war der grüne, das wußte Zanna – und er enthielt noch immer dieses verräterische Lichtfunkeln, das bewies, daß sie noch lebte. Wenn sie eine solche Kugel doch nur benutzen könnte, um mit Aurian zu sprechen – aber natürlich nicht die, die in der Küche stand. Die würde man vermissen. In den mittlerweile verlassenen Quartieren, die früher den Hausdienern gehört hatten, stand jedoch ein ähnliches Regal, vergessen und von Staub überzogen … Es war eine kleine und schwache Hoffnung, aber sie wärmte Vannors unzähmbarer Tochter das Herz. Vergessen waren ihre Schmerzen und ihre Verzweiflung, als sie sich daran machte, einen neuen Plan zu schmieden.
»Morgen werde ich einige unserer Nahrungsvorräte den Sterblichen von Nexis überlassen.«
»Du willst was tun?« rief Eliseth. »Miathan, hast du den Verstand verloren?«
Zu ihrer Erbitterung blieb der Erzmagusch völlig ungerührt. »Hier«, sagte er und zog mit einer spöttischen Verbeugung eine Karaffe unter seinem Umhang hervor, die mit einem hellen Wein gefüllt war. »Während ich unten die Vorräte überprüft habe, bin ich über eine Flasche von deinem Lieblingsgetränk gestolpert.« Mit einer nachlässigen Handbewegung warf er ihr die Flasche zu, und Eliseth schrie erschrocken auf, als ihre Finger auf dem kühlen Glas abrutschten und sie die Flasche um ein Haar hätte fallen lassen.
»Verdammt, Miathan – hör auf, den Narren zu spielen«, brauste sie auf. »Ich weiß ganz gut, daß der Wein nur eine List ist, um mich abzulenken.« Sie stellte die Flasche auf den Tisch, ohne ihm etwas von ihrem Inhalt anzubieten. »Also – was soll dieses närrische Gerede, unsere wertvollen Nahrungsmittel an diese nutzlosen, winselnden Sterblichen zu verschwenden?«
Miathan setzte sich unaufgefordert auf einen von Eliseths Stühlen und fuhr geistesabwesend über das weiße Fell, das über der Lehne hing. Schließlich begann er zu sprechen: »Es ist kein närrisches Gerede, du dummes Weib. Meiriels Tod hat mir zu denken gegeben …« Sein Gesicht verdüsterte sich bei dieser Erinnerung, und auch Eliseth mußte ein Schaudern unterdrücken, als sie daran dachte, wie sie in der vergangenen Nacht aufgewacht war, um an den grausamen Qualen teilzuhaben, mit denen die Heilerin zu Tode gekommen war. Obwohl die Entfernung die Wucht dieser Schmerzen ein wenig gedämpft hatte, war es trotzdem völlig klar gewesen, wie Meiriel gestorben war – und durch wessen Hand.
»Hör mir zu!« fuhr Miathan sie mit scharfer Stimme an, und die Wettermagusch zuckte zusammen. »Es ist wichtig, daß du verstehst, was ich tue und warum ich es tue. Deine hellseherischen Versuche, eine Spur von Aurian zu finden, waren bisher erfolglos. Doch sollte uns Meiriels Tod eine ausreichende Warnung sein, was ihre Fähigkeiten betrifft. Wenn sie nach Norden zurückkehrt – und zurückkehren wird sie –, müssen wir bereit sein. Wir brauchen die Sterblichen von Nexis auf unserer Seite, und dankenswerterweise verfügen sie nur über eine geringe Intelligenz und ein sehr kurzes Gedächtnis. Wenn wir behaupten, daß es Aurian gewesen sei, die den Winter verursacht hat und daß du diejenige warst, die ihm ein Ende setzte, und wenn wir dann den hungernden Pöbel füttern, haben wir eine gute Chance, ihre Unterstützung zu gewinnen.«
»Das gefällt mir nicht«, erwiderte Eliseth, ohne nachzudenken. »Also wirklich, schon allein der Gedanke, vor diesem niedrigen Ungeziefer im Staub zu kriechen, um seine Gunst zu gewinnen! Und möglicherweise brauchen wir das Essen noch.«
»Wir haben jetzt Frühling, du Idiotin!« brüllte der Erzmagusch. »Die Sterblichen verhungern jetzt, denn bisher hatte nichts Zeit zu wachsen. In wenigen Monaten wird es mehr als genug Essen für jeden geben – dank deines Versagens, als du die Kontrolle über den Winter verloren hast. Und wenn erst einmal genug zu essen da ist, nutzen uns unsere Vorräte überhaupt nichts, wenn wir einen Handel mit den Sterblichen schließen wollen.«
Eliseth biß sich auf die Lippen, um ihren Zorn im Zaum zu halten. »Na schön«, fauchte sie zurück. »Mach, was du willst. Verschwende unsere Vorräte, wenn du unbedingt mußt – aber dafür verlange ich etwas von dir.«
»Was verlangst du?« Miathans Augen bohrten sich die ihren.
Die Wettermagusch zuckte mit den Schultern. »Keine große Sache«, erwiderte sie mit seidenweicher Stimme. »Während du dich um die Angelegenheiten hier in der Stadt kümmerst, könnte es uns immer noch von Nutzen sein, wenn ich versuchen würde, meine hellseherischen Kräfte dazu zu benutzen, doch noch einen Blick auf Aurian zu werfen …«