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»Schau der Tatsache ins Auge, Eliseth – so weit reichen deine Fähigkeiten nicht«, erwiderte der Erzmagusch ungeduldig. »Wie viele Male hast du es nun schon versucht und bist gescheitert? Seit Aurian die Berge erreicht hat, gibt es irgend etwas, das sie abschirmt.«

»Und wir müssen herausfinden, was das ist«, beharrte sie. »Miathan, hör zu. Du hast mich davon abgehalten, Vannor zu quälen, was meine Kräfte hätte anschwellen lassen – du wolltest selbst mit ihm experimentieren. Laß es mich jetzt versuchen; das ist der Gefallen, um den ich dich bitte. Der Kaufmann wird noch am Leben sein, wenn ich fertig mit ihm bin, das verspreche ich dir.«

»Da ich dich kenne, wird er sich sicher wünschen, er wäre tot«, erwiderte Miathan sarkastisch. »Na schön, Eliseth. Du kannst es versuchen, wenn es dir Spaß macht. Tu, was du tun mußt, aber denk daran …« Er beugte sich vor und sah ihr tief in die Augen. »Ich will Vannor lebendig, und zwar aus einer Vielzahl von Gründen. Wenn du ihn tötest, wirst du meinen Zorn am eigenen Leib zu spüren bekommen – oder zumindest an deinem Gesicht.« Sein Lächeln war kalt und grausam. »Es wäre doch interessant zu sehen, welche Wirkung zwanzig weitere Jahre auf diese makellosen Züge hätten …«

Eliseth erschauderte. »Ich werde vorsichtig sein, Erzmagusch – das schwöre ich.«

»Es liegt bei dir – du kennst ja die Konsequenzen, die auf dich warten, wenn du nicht vorsichtig bist.« Mit diesen Abschiedsworten erhob sich der Magusch und ging, ohne Eliseth noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Die Wettermagusch starrte die Tür an, die sich hinter ihm geschlossen hatte, und ballte die Fäuste so fest zusammen, daß sich die Fingernägel ins Fleisch bohrten. Eines Tages, Miathan, dachte sie, eines Tages werde ich dich umbringen.

Eliseth wickelte sich ein weißes Leinenhandtuch um ihre langen, bleichen Finger und benutzte es, um die Weinkaraffe zu öffnen. Dann hob sie sie in das Licht des Feuers und betrachtete durch die helle, klare Flüssigkeit das bernsteinfarbene Flackern der tanzenden Flammen. Sie seufzte. Obwohl Miathans Keller schier unermeßlich groß waren, war dies eine der letzten Flasche von dem weißen Wein. Der Erzmagusch zog die schwereren, kräftigeren Weine vor, in deren dunklen Tiefen rubinfarbenes Feuer glomm. Nun, dagegen war nichts zu machen – noch nicht. »Wenn ich erst Erzmagusch bin«, murmelte Eliseth, »wird sich hier einiges ändern.« Ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Aber bis es endlich soweit war, ließ sich in dieser Hinsicht nichts tun …

Die Wettermagusch konzentrierte ihre Kräfte auf die geschliffenen Glasfacetten der Karaffe und schloß ihre Hand um den schlanken Flaschenhals. Die Erschaffung des unnatürlichen Winters und die anschließenden Nachforschungen in Finbarrs vernachlässigten Archiven hatten sie vieles über die vergessenen und verbotenen Zauber der Kalten Magie gelehrt. Auf ihren Befehl hin prallten die Flammen im Kamin wie geschlagene Straßenköter zurück und flackerten blau auf, und das Licht der Kerzen wurde kleiner und erlosch beinahe. Ein Hauch eisiger Kälte schoß durch die Luft und legte sich auf die Flasche, um den Wein in ihrem Innern unter einem glitzernden weißen Frostfilm zu verbergen.

»Genug!« Eliseth bot dem Zauber Einhalt, bevor die Flüssigkeit gefrieren konnte und verdarb. Und dann, während sie die Karaffe noch immer vorsichtig mit dem Taschentuch festhielt, begann sie den kühlen Wein in einen Kristallkelch zu gießen. Dann ging sie hinüber zu ihrem Lieblingsstuhl am Feuer und setzte sich erwartungsvoll hin, wobei sie über die Ironie nachdachte, eine so alte, mächtige und tödliche Magie für etwas so Banales wie die Kühlung eines Weins einzusetzen. Aber andererseits, warum nicht? Heute abend hatte sie das Gefühl, sich ein wenig verwöhnen zu müssen. Ihre Laune bedurfte dringend der Verbesserung: denn in letzter Zeit waren die Dinge nicht allzugut gelaufen.

Es war ein Fehler gewesen, überlegte sie, ihren Zorn an ihrer Magd auszulassen, obwohl die faule kleine Schlampe eine Strafe wirklich verdient hatte. Eliseth nahm einen weiteren Schluck von dem köstlichen Wein und ließ die Erinnerung an die Qualen des Mädchens noch einmal aufleben. Unbeweglich und festgefroren hatte Inella mitten im Zimmer gestanden, und nur ihre Augen hatten ihr Entsetzen verraten, als die Magusch über ihr stand und ihre Finger bog, um den Schmerz brennender, eisiger Kälte in Inellas Körper anschwellen zu lassen. Erst nachher hatte sie den Blick verschleierten Grolls in den Augen ihrer Dienerin bemerkt und ihren Fehler eingesehen. Obwohl sie durch die Folterung der Magd ein befriedigendes und dringend benötigtes Ventil für ihre jüngsten Frustrationen gefunden hatte, hatte sie der Loyalität des Kindes möglicherweise irreparablen Schaden zugefügt – und heutzutage, rief sich die Magusch energisch ins Gedächtnis, mußte sie für jegliche Unterstützung, die sie bekommen konnte, dankbar sein.

Mit sanften Fingern strich sich Eliseth die Falten von der Stirn. Seit Miathans gehässiger Zauber ihrem Antlitz zehn weitere Jahre hinzugefügt hatte, mußte sie größte Sorgfalt auf ihre Schönheit verwenden. Aber noch war nicht alles verloren. Die dunklen Schwellungen, die Inellas Arme und Gesicht entstellten, ihre gebeugte Haltung und die steifen, unbeholfenen Bewegungen hatten Eliseth verraten, daß noch ein anderer seine Rache an ihr genommen hatte: Zweifellos hatte Janok schon lange auf eine solche Gelegenheit gewartet. Wunderbar! Eliseth fand ihr Lächeln wieder. Der Küchenmeister hatte ihr direkt in die Hände gespielt. Sie würde sich eine Weile taub stellen und zulassen, daß er das Kind mißhandelte – und dann würde sie ihn bestrafen und Inella retten; auf diese Weise würde sie sich aufs neue die Dankbarkeit ihrer Magd sichern.

Sterbliche waren ja so leicht zu manipulieren – mit einer einzigen erzürnenden Ausnahme. Als sie an Vannor dachte, ertappte sich Eliseth bei einem neuerlichen Stirnrunzeln. Sie sprang auf die Füße, füllte ihren Kelch noch einmal aus der frostigen Karaffe und schluckte den köstlichen Wein hastig hinunter, um ihren Zorn zu beschwichtigen. Seit vielen Tagen schon, während der Mond die Hälfte seines Zyklus zurückgelegt hatte, hatte sie versucht, Miathan zu überreden, ihr zu gestatten, die dunkle Energie von Furcht und Schmerz des Sterblichen zu benutzen, um ihre Zauberkraft zu schüren. In jener ersten Nacht, als sie in die Kammer des Kaufmanns hinaufgestiegen war, um ihr Glück zu versuchen, hatte der Erzmagusch ihrem Tun Einhalt geboten und seitdem Vannor für sich behalten. Er schien nicht zu begreifen, wie ungeheuer wichtig es war, daß Eliseth ihre hellseherischen Fähigkeiten vergrößerte, um die vielen Meilen zu überwinden, die sie von Aurian trennten. Und der frühere Anführer der Rebellen war der Schlüssel dazu – dessen war sie sicher.

Die Wettermagusch fauchte einen Fluch. Miathan! Er hatte darauf bestanden, daß man mit Vannors Kraft sparsam umgehen müsse, daß man ihm keine ernsthaften oder verkrüppelnden Verletzungen zufügen dürfe, die ihn vielleicht töten könnten. Was für ein Unsinn! Der Kaufmann war stark wie ein Ochse. Dieser geifernde Narr von einem Erzmagusch wurde langsam weich. Oder vielleicht nicht? Es war immer ein Fehler, Miathans Schläue zu unterschätzen, wie sie schmerzlich am eigenen Leibe erfahren hatte. Hatte der alte Fuchs seine eigenen Pläne mit Vannor? Oder versuchte er lediglich, Eliseths Macht zu begrenzen? Nun, was auch immer er im Schilde führte, es würde nicht funktionieren. Sie hatte jetzt lange genug gewartet. Angeregt von dem Wein, den sie getrunken hatte, loderte Entschlossenheit wie eine weißglühende Flamme in ihr auf. Lächelnd machte sie sich daran, ihren Kristall zu holen, um das Pförtnerhaus zu rufen und die beiden dort untergebrachten Söldner zu sich zu befehlen, die ihr bei dem Kaufmann zur Hand gehen sollten. Dieser verfluchte Miathan mit seinen blödsinnigen Experimenten! Aber zumindest hatte sie ihn endlich zum Nachgeben gezwungen. Solange sie Vannor nicht tatsächlich tötete, konnte sich der Erzmagusch kaum über das beklagen, was sie dem Sterblichen antat – nicht, wenn sie Ergebnisse vorzuweisen hatte. Und heute nacht, das wußte sie, war ihr der Erfolg sicher. Sie würde Aurian finden, gleichgültig um welchen Preis.