Vannor lag in sich zusammengekauert auf Aurians Bett, als Eliseth in das Zimmer stolzierte, begleitet von zwei Söldnern mit steinernen Gesichtern. Als er sie eintreten hörte, erhob er sich mühsam und nahm auf der Stelle eine Haltung unbeugsamen Trotzes ein, als fürchtete er sich nicht im mindesten vor ihr. Aber die Wettermagusch hatte für einen flüchtigen Augenblick gesehen, wie sein Gesicht bei ihrem Eintritt erbleicht war, und sie hatte den Schatten einer furchtbaren Angst in seinen Augen bemerkt, einer Angst, die er nun vor ihr verbarg.
»Immer noch auf den Beinen, Vannor?« verhöhnte sie ihn. »Offensichtlich war der Erzmagusch viel zu milde mit dir. Aber jetzt bin ich ja da.« Ihre Stimme war ein leises, bösartiges Fauchen. »Heute nacht wirst du mir helfen.«
»Ich werde dir bei gar nichts helfen«, schnaubte Vannor, »so wie ich es vorher schon deinem Herrn gesagt habe.«
»Wahrhaftig.« Eliseths Stimme war eisig vor Zorn. »Das werden wir ja sehen.« Auf ihr Signal hin stürzten die beiden Wachen nach vorn und ergriffen den Kaufmann. Eliseth kehrte Vannor den Rücken zu und winkte den Söldnern, ihr mit dem Gefangenen zu folgen. Sie ging ins Wohnzimmer, legte ihren Kristall auf den blankpolierten Sims des schmalen Fensters, stellte zwei Kerzen daneben, so daß sich ihr Licht in den diamantförmigen Facetten widerspiegelte, und drehte sich schließlich zu Vannor um. »So, Sterblicher …« Sie sah Vannor, den die Wächter mit festem Griff umklammert hielten, etwa in der Art an, wie sie ein Insekt betrachtet hätte. »Laß uns jetzt das Ausmaß deines Trotzes erproben.«
Ihr leidenschaftsloser Blick wandte sich den Wachen zu. »Zuerst etwas Kleines«, überlegte sie so gelassen, als suche sie auf dem Markt einen Seidenstoff aus. »Aber doch etwas, das dich für alle Zeiten lehren wird, niemals wieder den Magusch zu trotzen. Eine Hand vielleicht, die rechte Hand – damit er nie wieder in einer Rebellion ein Schwert führen kann.«
»Nein!« heulte Vannor auf, während er sich verzweifelt wand und krümmte. Die Söldner hielten ihn so, daß seine Hände flach auf der glatten Oberfläche des Tisches lagen. Er kämpfte weiter, bis die Wettermagusch mit einem kleinen, verärgerten Ausruf die Hand zu einer abrupten, scharfen Geste hob. Urplötzlich konnte sich der Kaufmann nicht mehr bewegen, konnte nicht mehr sprechen; seine Glieder und seine Zunge waren eingehüllt in ein Tuch aus Eiseskälte, eine Kälte, die qualvoll bis auf seine Knochen drang. Seine Augen waren weit geöffnet und ebenfalls wie festgefroren, während er auf die Hand hinunterblickte, die schlaff und hilflos und bleich auf dem dunklen Holz des Tisches lag. Es gab keine Möglichkeit, wie er verhindern konnte, mit ansehen zu müssen, was sie ihm antaten. Lediglich Vannors Geist stand noch – wenn auch schwach – unter seiner eigenen Kontrolle, und sein Verstand konnte nichts tun als ohnmächtig zu fluchen.
Eliseth schien jedoch durchaus in der Lage zu sein, seine Gedanken zu hören. »So ist es schon viel besser«, murmelte sie mit einem selbstgefälligen kleinen Lächeln. »Die Kraft deiner gefesselten Gefühle wird deutlich erhöht, wenn du keine Möglichkeit hast, sie zu äußern.«
Der Kaufmann versuchte in seiner Qual und Hilflosigkeit, sich abzulenken, indem er sich vorstellte, und zwar mit kalten, präzisen Einzelheiten – was genau er Eliseth alles antun würde, wenn er nur erst wieder frei wäre –, aber die Magusch lachte lediglich. »Haß wird meinen Zwecken genauso dienen«, sagte sie zu ihm. »Genau wie deine Verzweiflung. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Du hast keine andere Wahl, als deine Freunde zu verraten.«
Aus den Augenwinkeln fing Vannor ein Aufblitzen von Silber auf und hörte das heisere Zischen von Stahl, als einer der Söldner seine Klinge zog. Das Blut des Kaufmanns verwandelte sich in Eis. Ihm seine Hand abschneiden? Nein, das konnten sie nicht! Sie …
Der Wachposten zog sein Schwert heraus und hielt es mit der Spitze nach oben hoch über den Tisch. Dann umklammerte er den Griff mit beiden Händen und ließ es mit voller Wucht nach unten krachen, so daß sich die scharfen Schneiden der Klinge wie ein silberner Nebel und gefährlich nahe vor dem Gesicht des Kaufmanns hinunterbewegten. Vannors Welt explodierte in einem Aufflimmern weißglühenden Schmerzes. Sein Geist stieß einen lautlosen Schrei aus, als der schwere Stahlknauf des Schwertgriffs einmal, zweimal, dreimal auf den Rücken seiner Hand hämmerte und Fleisch und zarte Knochen zu einer blutigen Masse zerquetschte.
»Genug.« Wie aus großer Ferne vernahm Vannor Eliseths kalte Stimme, ein leises Summen in seinen Ohren. Er wollte loslassen, wollte seinen Schmerz, sein Entsetzen und seinen Zorn in die dunkle Zuflucht gesegneter Bewußtlosigkeit stürzen, aber der Zauber der Magusch hielt ihn mit eisernen Klauen umklammert und verwehrte ihm einen so einfachen Fluchtweg. Diese verfluchte, bösartige, widerliche Hexe, tobte Vannor innerlich – aber nein; sie hatte ja gesagt, sie könne auch seinen Zorn benutzen. Ich werde das nicht zulassen, dachte er. Ich will verdammt sein, wenn ich ihr gestatte, mich zu benutzen!
Mit unendlicher Anstrengung löste er seinen Geist von dem Schmerz und der Verstümmelung, um sich auf schöne Dinge zu konzentrieren: auf den Wohlstand und Luxus früherer Tage, als er noch das Oberhaupt der Händlergilde gewesen war; die Wärme und Kameradschaft, die ihn mit Forral und Aurian, mit Parric und Maya verbunden hatte. Er dachte an die Menschen, die er liebte: Zanna … (Nein, nicht Zanna! Gerade noch rechtzeitig fiel Vannor ein, in welche Gefahr er Zanna damit bringen würde.) Statt dessen dachte er an seine wunderschöne erste Frau und an Sara … Aber zu seinem Erstaunen war es die Erinnerung an Dulsina, seine kluge, empfindsame Haushälterin mit ihrem leidenschaftlichen Herz und ihrer scharfen Zunge, die Vannor am meisten Kraft gab, seiner Peinigerin zu widerstehen. Ohne ihren Gefangenen eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte die Wettermagusch sich zu ihrem Kristall um und ließ ihre geistigen Energien in den faustgroßen Edelstein fließen, der vor einem Hintergrund samtschwarzer Nacht im Kerzenlicht flackerte. Dann stählte sie ihren Willen, öffnete sich für Vannors Schmerz und Entsetzen und befeuerte ihre Kräfte mit den heißen Wogen negativer dunkler Energie, die über ihrem leidenden Opfer zusammenschlugen. Es hatte viele Stunden erschöpfenden und sorgfältigen Übens gekostet, um an jenen Punkt zu gelangen, an dem ihre innere Sehkraft sich so weit ausdehnte, daß sie in das Jenseits hineinspähen konnte, aber jetzt … Eliseth schloß die Augen halb, als das spröde Regenbogenglitzern des Kristalls verschwamm und sich in einen dichten, milchigen Nebel hüllte – und im Inneren … »Ahhh.« Die Wettermagusch stieß einen langen Seufzer der Befriedigung aus. »Jetzt habe ich sie!«
Eliseths erster Eindruck war der eines warmen goldenen Flackerns von Feuerschein, und dann, als die Bilder langsam deutlicher wurden, konnte sie Aurian und Anvar sehen, die dicht nebeneinander saßen. Die beiden Magusch und zwei Sterbliche, ein Mann und eine Frau, unterhielten sich mit jemand anderem, den zu sehen ihr ärgerlicherweise nie so recht gelingen wollte. Sie runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. Dann konzentrierte sie all ihre Gedanken auf den Kristall, in dem verzweifelten Versuch, die Identität der fünften Person zu ermitteln. Aber alles, was sie wahrzunehmen vermochte, war eine in Schatten gehüllte Gestalt – menschlich und wieder doch nicht menschlich –, die vor ihren Augen zerfloß und zerfiel und all ihren Versuchen einer näheren Bestimmung auswich. Mit Mühe konzentrierte Eliseth sich so lange auf die Vision, bis sie hören konnte, was gesagt wurde – und um ihren Verdruß noch zu vergrößern, schien es so, als befände sich noch eine sechste Person in dem Raum! Unverkennbar sprachen Anvar und Aurian mit einem verborgenen Wesen, dessen Antworten für Eliseth nicht zu hören waren, und sosehr die Wettermagusch sich auch bemühte, dieses sechste Wesen blieb vollkommen unsichtbar.