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Aurian nahm einen Schluck von dem zuckersüßen Met aus ihrer Tasse, und Chiamh sah, wie sie versuchte, angesichts der klebrigen Süße des Getränks nicht das Gesicht zu verziehen. Obwohl die Xandim ein mehr als passables Bier zu brauen imstande waren, wurde bei Gelegenheiten von größerer Bedeutung – wie zum Beispiel wichtigen (wenn auch inoffiziellen) Beratungen – traditionellerweise etwas Stärkeres serviert. Der heutige Tag hatte ihnen eine kurze Atempause verschafft, was die Probleme der Pferdeleute betraf, damit sie Elewin begraben konnten. Morgen jedoch würden schwerwiegende Entscheidungen bezüglich der zukünftigen Führung der Xandim notwendig werden, und man würde einen Entschluß treffen müssen, welche Rolle dieses Volk bei Aurians Kampf gegen den Erzmagusch zu spielen hatte. Heute abend waren Parric, Chiamh, die beiden Magusch und Sangra zusammengekommen, nicht nur, um ihren Kummer über das Dahinscheiden des Haushofmeisters miteinander zu teilen, sondern auch, um sich zu beraten und einen Plan und eine Strategie zu entwickeln, die sie am Morgen den versammelten Rudelführern vortragen konnten.

Parric nahm einen Schluck aus seinem Hornbecher und betrachtete die ernsten Gesichter der anderen.

»Ich weiß, daß keinem von euch danach zumute ist, heute abend schwerwiegende Entscheidungen zu treffen«, sagte er mit gequälter Miene, »aber nach dem, was gestern geschehen ist, sollten wir uns besser schleunigst etwas ausdenken. Der Mond hat sich wieder verdunkelt, so daß man mich herausfordern kann, und ich will nicht und muß ja auch nicht länger Rudelfürst sein. Außerdem«, fügte er bitter hinzu, »habe ich keine Lust, so einen Kampf noch einmal auszutragen. Für niemanden. Es muß doch unter den Xandim irgend jemanden geben, der die Führung übernehmen kann – jemanden, der unserer Sache aufgeschlossen gegenübersteht. Was geschieht nach dem Gesetz der Xandim, wenn der Rudelfürst seinen Führungsanspruch nicht verteidigen will? Können wir irgend jemanden für das Amt benennen?«

»Nun?« drängte Aurian Chiamh, der still und ganz in Gedanken versunken dagesessen hatte. Jetzt wandte das Windauge seine Aufmerksamkeit wieder den anderen zu und antwortete auf Parrics Frage. »Ja«, sagte er. »Mit deiner Zustimmung kann einer der Herausforderer an deine Stelle treten – er muß jedoch trotzdem um die Führung kämpfen, falls irgend jemand sich ihm entgegenstellt. Aber wen willst du an deiner Stelle im Amt des Rudelfürsten sehen?«

»Schiannath«, erwiderte Aurian an Parrics Stelle. »Abgesehen von dir, Chiamh – und offensichtlich kannst du ja nicht Rudelfürst werden –, ist er der einzige Xandim, auf dessen Unterstützung wir zählen können.«

»Aber wartet«, unterbrach Anvar sie. »Ich dachte, Schiannath hätte schon einmal versucht, den Rudelfürsten zu bezwingen, und wäre dabei besiegt worden. Also kann er seine Herausforderung wiederholen?«

»Weil Parric ihn benannt hat«, erwiderte Chiamh. »Im wesentlichen handelt er dann ja für einen anderen, nicht für sich selbst.« Nach einem Augenblick des Schweigens fuhr er fort: »Es besteht kein Zweifel, daß Schiannath den Xandim befehlen würde, euch zu helfen, wenn er Rudelfürst wird. Im Augenblick glaubt er, alles, was ihm in letzter Zeit an Glück widerfahren ist, sei euch zu verdanken. Er wird alles für dich tun, was in seiner Macht steht, Aurian.«

»Aber ich habe doch eigentlich gar nichts für ihn getan«, protestierte Aurian.

Das Windauge zuckte mit den Schultern. »Nein? Wärst du nicht gewesen, wäre Parric niemals in unser Land gekommen. Ich wäre nicht gezwungen gewesen, etwas gegen den Rudelfürsten zu unternehmen, und Phalihas hätte aller Wahrscheinlichkeit nach seine Herrschaft aufrechterhalten können. Schiannath wäre immer noch ein Verbannter und seine Schwester gefangen in ihrer Pferdegestalt. Zweifle nicht an seiner Ergebenheit, Aurian. Sie ist nicht unverdient – und im Augenblick hat sich alles zu eurem Besten entwickelt.«

Obwohl Chiamh versuchte, seine eigenen Gefühle zu verbergen, gab es da etwas – eine winzige Spur des Zögerns, ein Anflug von Bitterkeit –, das ihn verriet. Stirnrunzelnd schaute Anvar das Windauge an. »Du sagst, es sei alles zu unserem Besten. Willst du damit andeuten, daß es nicht zum Besten von Schiannath oder den Xandim ist?«

Chiamh zögerte. Während der letzten Tage hatten ihn starke Erinnerungen an seine Vision von vor so langer Zeit heimgesucht. Bisher war alles eingetreten, was er vorhergesehen hatte. Er hatte Aurian und Anvar bei ihrem Kampf gegen die bösen Mächte geholfen, und auch Schiannath hatte seine Rolle gespielt. Bisher war nur ein einziger Teil seiner Vision nicht in Erfüllung gegangen: die furchterregende Prophezeiung, daß das Kommen Aurians das Ende der Xandim-Rasse bedeuten würde. Seit Tagen hatte er nun mit seinem Gewissen gerungen und darüber nachgedacht, ob er dem Magusch erzählen sollte, was er vorhergesehen hatte. Hatte Aurian nicht schon genug Schwierigkeiten? War es fair, ihre Last zu vergrößern, indem er ihr auch noch das Schicksal einer Rasse aufbürdete, die nicht mal ihre eigene war? Auf der anderen Seite – sollte er sie nicht wenigstens warnen, daß ihr Tun vielleicht ernsthafte Konsequenzen haben würde? Wenn er es nicht tat und das Schlimmste geschehen würde, würde dann nicht ihn die Schuld treffen? Und doch, wenn die Vision der Wahrheit entsprach, gab es dann überhaupt eine Möglichkeit, das Schicksal abzuwenden, gleichgültig, ob er seine Befürchtungen aussprach oder nicht? Chiamh spürte, daß Aurian ihn anstarrte. Auch Anvar sah ihn stirnrunzelnd an. Die beiden Magusch würden sich eindeutig nicht zufriedengeben, ehe sie nicht irgendeine Art von Erklärung erhalten hatten.

»Na schön«, meinte das Windauge schließlich. »Ich sollte es euch wahrscheinlich erzählen – nicht, daß es wirklich einen Unterschied macht …«

»Nein! Tu es nicht!« Chiamh schrak zusammen, als die Stimme von Basileus scharf in seinen Gedanken widerhallte. Nach Aurians erstauntem Aufkeuchen und Anvars weit aufgerissenen Augen zu urteilen, hatten die Magusch den Moldan wohl ebenfalls gehört. Das Windauge bemerkte, wie die beiden einen raschen Blick wechselten.

»Wer, zum Teufel, war das?« wollte Aurian wissen. »Das war doch gewiß dasselbe Wesen, das mich gegen den Tod verteidigt hat. Und warum sollst du es uns nicht sagen – was immer es auch sein mag. Wenn es etwas ist, das wir wissen müßten …«

»Es ist etwas, das ihr Magusch nicht wissen müßt.« Die Gedankenstimme des Moldans war streng und unerbittlich. »Kleines Windauge, du darfst das nicht tun«, fuhr er fort, und den finsteren Mienen seiner beiden Freunde entnahm Chiamh, daß Basileus nun nur noch mit ihm sprach und die Magusch ihn nicht hören konnten.

»Du und ich, wir wissen beide, was du vorhergesehen hast«, fuhr Basileus nun mit etwas sanfterer Stimme fort. »Wenn Aurian das Flammenschwert ergreift, werden ihre Handlungen den Xandim möglicherweise wirklich ein Ende bereiten – aber hier steht weit mehr auf dem Spiel als das Schicksal einer einzelnen Rasse.«

»Na ja, du hast leicht reden«, erwiderte Chiamh, der – so wütend war, daß er beinahe vergessen hätte, seine Antwort nur an den Moldan zu richten. »Es ist ja auch nicht deine Rasse, die möglicherweise ausgelöscht wird!«

Der Moldan seufzte. »Junges Windauge«, sagte er sanft, »meine Rasse wurde vor langer, langer Zeit von den Zauberern auf grausame Weise gefoltert. Die Moldan wissen besser als alle anderen Wesen der Welt, welchen Schaden die Magusch anrichten können. Um aber die Welt vor jener neuen bösen Macht zu bewahren, die einige der Magusch an sich gerissen haben, würde ich mich jederzeit selbst opfern – mich und alles, was von meiner Rasse übrig ist. Vielleicht wird es sowohl für die Moldan als auch für die Xandim das Ende bedeuten – vielleicht auch nicht. Vielleicht war deine Vision unklar oder irreführend, und wir wollen beide hoffen, daß es so ist. Aber ob du bei der Deutung dessen, was du gesehen hast, richtig gelegen hast oder nicht, du hast keine Recht, diese Magusch mit deinen Ängsten und Zweifeln zu belasten. Wenn du ihnen offenbarst, was du weißt, hinderst du sie vielleicht an ihrem Kampf, und wenn die böse Macht obsiegen sollte, dann wird das mit Sicherheit das Ende der Xandim-Rasse bedeuten.«