Chiamh mußte zu seinem Kummer einsehen, daß Basileus recht hatte. In jener Nacht vor vielen Monden war das Windauge schon einmal zu einer ähnlich harten Entscheidung gekommen, als er nämlich die Wogen des Bösen im Wind entdeckt hatte, bevor seine Vision ihn zu den klaren, leuchtenden Hoffnungsfunken im Süden führte: Aurian und Anvar, mit deren Schicksal das seine inzwischen so eng verwoben war. Er senkte den Kopf in Anerkennung der Weisheit des Moldans. »Ich verstehe«, erwiderte er leise, wobei er immer noch große Sorgfalt darauf verwendete, seine Gedanken vor den Magusch abzuschirmen. »Die Last meines Wissens muß ich allein tragen.«
Die Wettermagusch fluchte und schleuderte den Kristall von sich. Auf diese Weise kam sie nicht weiter! Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was dort in der Ferne geschah. Hölle und Pest auf Aurian – wie hatte diese kleine Hexe es nur geschafft, die Klarheit von Eliseths Vision so zu trüben? Mit finsterer Miene drehte sie sich um und stellte fest, daß die beiden Söldner sie fragend ansahen und offensichtlich weitere Befehle erwarteten. Zwischen ihnen hing Vannor wie festgefroren in ihrem Zauberbann, obwohl sein Gesicht grau war und seine Miene leer. Nur ihrer Magie war es zu verdanken, daß er noch bei Bewußtsein war – und in seinen Augen glomm noch immer ein unbesiegbarer Funken Trotz. War sein hartnäckiger Widerstand die Barriere gewesen, die ihren Versuch, ihre Feindin auszuspionieren, verhindert hatte? Nun, heute nacht jedenfalls hatte sie keine Verwendung mehr für ihn, soviel stand fest. Sie würde dafür sorgen, daß sein halsstarriger Geist ein für allemal gebrochen war, bevor sie versuchte, seine Energien noch einmal zu benutzen! Mit einer einzigen Handbewegung löste sie ihren Zauber auf, und die Knie des Kaufmanns gaben unter ihm nach, während aus dem Klumpen zerfetzten Fleisches und zerschmetterter Knochen, der einst seine Hand gewesen war, das Blut sickerte. Die Söldner griffen hastig nach Vannors Armen und zogen ihn wieder hoch.
»Laßt ihn los!« fauchte Eliseth den Wachen zu. »Verbindet ihm die Hand – ich will nicht, daß er verblutet.« Dann ergriff sie ihren Kristall und stolzierte aus dem Zimmer, während Vannor auf dem Fußboden zusammenbrach.
Als die Wettermagusch die gewundene Treppe zu ihren Räumen hinunterlief, hatte sich ihr Zorn bereits ein wenig abgekühlt. Immerhin waren ihre Bemühungen nicht völlig fruchtlos geblieben. Zumindest hatte sie herausgefunden, daß Aurian vorhatte, nach Norden zurückzukehren – und daß sie den Xandim bewogen hatte, ihr zu helfen. Eliseth nickte grimmig, während sie sich hastig an Früchten und Wein labte, um die Energien zu ersetzen, die sie durch ihre magische Arbeit verloren hatte. Na schön. Es war an der Zeit, daß sie einige ihrer Pläne in die Tat umsetzte. Es gab wenig, was sie in bezug auf Aurians mysteriöse Verbündete aus dem Südland tun konnte, aber in ihrem eigenen Land würde die junge Magusch nur wenig Unterstützung finden, falls sie es tatsächlich wagen sollte, hierher zurückzukehren. Und wenn Eliseth ihr eine Falle stellen wollte, dann war Vannor der perfekte Köder. Sie brauchte lediglich einen Sterblichen als Spion bei den Rebellen einzuschleusen und ihnen auf diese Weise die traurige Nachricht von der Gefangenschaft ihres ehemaligen Anführers zukommen zu lassen. Und sie glaubte auch, genau den richtigen Mann für diese Aufgabe zu kennen … Ohne die Sache weiter aufzuschieben, hüllte sie sich in ihren dunkelsten, wärmsten Umhang, griff nach ihrem Stab und verließ den Turm.
Die Wettermagusch schlüpfte über den Hof, wobei sie die schimmernden Teiche im Mondlicht sorgsam mied; sie war nur ein weiterer Schattenfetzen innerhalb der Schatten, die die Mauern warfen, und hatte nichts und niemanden zu fürchten. Der einsame Wachposten in dem oberen Pförtnerhaus bemerkte nicht das geringste, als sie an ihm vorbeiging. Die Schar bewaffneter Söldner, die das untere Tor bewachten, hatten die Aufgabe, nach Eindringlingen Ausschau zu halten und nicht nach Leuten, die die Akademie verließen. Außerdem waren sie voll und ganz in ein Würfelspiel vertieft. Eine Tatsache, die Eliseth sehr wohl vermerkte. Morgen würden diese Hanswurste bereuen, daß sie sich im Dienst der Magusch eine solche Unaufmerksamkeit hatten zuschulden kommen lassen! Dann aber tat sie die Angelegenheit für den Augenblick achselzuckend ab und glitt still wie ein Geist über die Brücke, bevor sie in den Schatten der Stadt verschwand.
11
Mörder in der Nacht
Seine Beute war in dieser Nacht noch spärlicher gewesen als gewöhnlich. Grince hatte, getrieben von seinem Hunger und den noch drängenderen Nöten seines kleinen weißen Kameraden sein gewohntes sicheres Jagdrevier innerhalb der großen Arkade verlassen. Obwohl die Straßen kalt und gefährlich waren, bestand doch immer die Chance, daß ein kluger Junge wie er das eine oder andere finden würde, um Leib und Seele für einen weiteren Tag beisammenzuhalten – vor allem, da dieser Junge in seinem neu entdeckten Gewerbe der Dieberei beständig besser wurde.
Es fiel ihm jedoch immer schwer, sein Heim zu verlassen – und sei es auch nur für einige wenige kurze Stunden. Grinces gemütliche Höhle in dem Labyrinth der verlassenen Lagerräume in der Arkade zeigte deutliche Beweise seiner wachsenden Fähigkeiten. Er hatte eine kleine Kammer am Ende eines staubigen Flurs entdeckt, deren Tür er hinter einer gewaltigen Sammlung von Kisten, Planken, geborstenen Holzbalken und anderem Müll vor neugierigen Blicken verborgen hatte. Auf dem Boden seines wackligen Müllhaufens hatte er sich seinen eigenen Eingang gebaut: zwei Kisten, deren Böden er herausgebrochen hatte und die nun so hintereinander lagen, daß sie einen schmalen Tunnel durch den Abfallhaufen bildeten. Abgesehen von diesem Zugang in die Arkade hatte der Raum ein hohes Gitterfenster, das nun mit alten, an dem Holzrahmen befestigten Säcken verhangen war, die die Zugluft fernhielten. Durch dieses Fenster nun stand dem kleinen Dieb der Weg zur anderen Seite offen, zu der kleinen Gasse, in der das Lagerhaus stand.
Sein Versteck war ein wahres Elsternnest, voll von den merkwürdigsten Kleinigkeiten, die Grince gestohlen oder gefunden hatte. In einem Kasten lagen seine Werkzeuge – ein zerbeulter Humpen, ein geflickter, löchriger Kochtopf und zwei angeschlagene Schalen (die jetzt von dem Hündchen benutzt wurden); das alles stammte von einem Müllhaufen hinter der Taverne. Daneben gab es noch einen vorsichtig glattgebogenen Löffel mit entsprechend welliger Silhouette, ein Eßmesser mit abgebrochenem Griff und vier hölzerne Schneidbretter, auf die Grince ganz besonders stolz war, da sie früher die Böden eben jener Kisten gewesen waren, die nun seinen Eingangstunnel bildeten. Der Haferbreitopf, der erste Diebstahl, der am Beginn seiner Karriere gestanden hatte, enthielt jetzt einen Vorrat frischen Wassers, den er unter größten Mühen von der Pumpe in der Arkade herbeigeschafft hatte, zusammen mit einem fest verschlossenen Krug, der ursprünglich und leider nur allzu kurze Zeit einen süßen, klebrigen Honig enthalten hatte.
Das Bett des kleinen Diebs beanspruchte eine ganze Ecke des Raums für sich allein. Er hatte eine alte Tür auf den Boden gelegt, um sich vor der Kälte des steinernen Fußbodens zu schützen, und noch eine dicke Schicht Stroh auf die hölzernen Paneele gestreut. Auf das Ganze hatte er dann einen wahren Regenbogen an Lumpen und Stoffetzen gehäuft: jeden Lumpen, den er finden konnte, und jedes Stück Stoff, das er ahnungslosen Schneidern in der Arkade entwenden konnte. Und an jedem Tag, nachdem sie dem nächtlichen Geschäft des Überlebens nachgegangen waren, kuschelten sich der müde Junge und sein Hund wie Ratten, die im Untergrund verschwanden, in die behagliche Wärme ihres Lumpenhügels.