Grince hatte zwei dicke Decken aus cremefarbener, ungebleichter Wolle von einer Wäscheleine im Norden der Stadt gestohlen, sehr zum Unwillen und zur Verwirrung der Hausfrau, die sie in der Zuversicht dort hingehängt hatte, daß die Wände ihres Hinterhofs zu hoch für unerwünschte Eindringlinge waren. Diese Decken breitete er nun über sein Nest, damit sie mit ihrem Gewicht und ihrer Wärme dem ansonsten ziemlich wackligen Gebilde Halt gaben, und obenauf thronte sein kostbarstes Beutestück – ein schweres Schafsfell, das eines Nachts aus einer Gerberei in der Nähe des Marktplatzes spurlos verschwunden war.
Seit seiner Erbeutung des Schafsfells und der Decken hatte Grince die dünneren Stoffe, die er von den großen Stoffballen der Näherinnen in der Arkade stibitzt hatte, an den Wänden seiner Höhle befestigt, wo sie dem Raum mit ihren Farben ein hübscheres Aussehen gaben und außerdem gegen Zugluft schützten. Er hatte keinen Platz, an dem er hätte Feuer machen können, was außerdem auch zu riskant gewesen wäre, aber er besaß eine bunte Sammlung von Lampen – teils blankpolierte Schätze aus irgendwelchen Haushalten, teils verbeulte alte Dinger mit rissigen und rußverschmierten Zylindern. Zusammen mit Kerzen aus Bienenwachs und Talg standen sie in der Mitte des Zimmers und spendeten ihm Licht.
Um seine Notdurft zu verrichten, hatte Grince einen arg mitgenommenen Eimer in einer Ecke des Raumes stehen. Ein Holzstück, das von einem Stein beschwert wurde, diente als notdürftiger Deckel. Ein mit Stroh und Sägespänen gefüllter Kasten stand ganz in der Nähe und diente den Zwecken des Hundes. Jeden Abend mußte der Junge zwei höchst unangenehme und gefährliche Märsche nach draußen unternehmen, um diese beiden Gefäße in ein Kanalisationsrohr in der Nähe zu kippen.
Daneben hatte sich Grince eine Vielzahl höchst nützlicher Dinge zusammengestohlen, wie zum Beispiel ein altes Schwert, dessen Klinge zwei Handbreit unter dem Griff abgebrochen war und das sich als höchst nützlich erwies, wenn er gelegentlich ein Fenster aufstemmen mußte. Außerdem besaß er eine ganze Anzahl alter Kleider, die er von irgendwelchen Wäscheleinen abgenommen hatte, sowie Handschuhe, Schals und Taschentücher, die sicher irgendwann für irgend etwas nützlich sein würden. Schließlich fanden sich in einem kleinen Kästchen Nadeln verschiedener Größe, Wollknäuel, alte Holzstöckchen und eine Ansammlung rostiger Nägel, die wohl ebenfalls eines Tages Verwendung finden würden. Auch eine Zunderbüchse fehlte nicht und ein Fläschchen mit Lampenlicht, das Grince nachfüllte, wann immer er die Gelegenheit dazu hatte. Dann gab es da noch verschiedene Kämme, Ringe und andere Kleinigkeiten, deren Wert sich unmöglich schätzen ließ – ebensowenig wie es eine Möglichkeit gab, sie zu verkaufen. Grince behielt sie nur deshalb, weil ihr Funkeln ihn aufheiterte und sie ihm das Gefühl gaben, ein richtiger, kühner und wagemutiger Dieb zu sein. Er verwahrte sie auf einem Regal neben seinem Bett, zusammen mit seinem größten Schatz – einem langen, scharfen Dolch mit juwelenbesetztem Griff, ein Glücksfund, den er – noch immer wurde ihm beim bloßen Gedanken daran furchtbar übel – einer Wasserleiche entwendet hatte, die der Fluß ans Ufer gespült hatte.
In einem Sack, der an einem Haken von der Decke baumelte, bewahrte Grince seine Nahrungsvorräte auf – sofern er welche besaß. Das war die einzige Möglichkeit, sie vor den diebischen Ratten zu schützen, die sich nicht draußen halten ließen, wie sehr er es auch versuchte. Heute abend jedoch war der Sack trotz allen Bemühungen schlaff und leer geblieben, und sein Hündchen Krieger begann vor Hunger zu wimmern.
Grince seufzte und warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf seinen sicheren, warmen Schlupfwinkel. Immer wieder war er überrascht von seinem eigenen Einfallsreichtum. Es war ein weit besseres Heim als die schmutzige Hütte, die er mit Tilda geteilt hatte – und es gehörte ihm allein. Hier gab es niemanden, der ihn beschimpfen oder schlagen konnte, keinen von diesen widerlichen Trunkenbolden, die als Kunden seiner Mutter ein und aus gingen. Wenn er sich einsam fühlte, hatte er immer noch Krieger – den besten Freund, den ein Junge sich nur wünschen konnte. Obwohl er eine Art vorsichtiges Zutrauen in seine eigenen Fähigkeiten erworben hatte, war die Stadt noch immer voller Gefahren, und es widerstrebte ihm, diesen sicheren Ort zu verlassen. Was war, wenn in seiner Abwesenheit Krieger etwas Schreckliches zustieß? Was, wenn irgend jemand seinen Schlupfwinkel finden und ihn, Grince, aussperren würde? Was wäre, wenn …
»Oh, sei doch nicht so furchtbar blöd«, schimpfte Grince mit sich selbst. Schließlich hatte er keine andere Wahl. Es hieß entweder stehlen oder verhungern – und wenn es ihm auch nichts ausmachte, selbst hungrig zu Bett zu gehen, kam das für Krieger einfach nicht in Frage. Der Hund wuchs nun sehr schnell und brauchte so viel zu fressen, wie er nur bekommen konnte. Grince nahm das weiße Hündchen in den Arm, streichelte und liebkoste es und setzte es dann wieder in sein besonderes Körbchen, das er zusammen mit einigen anderen Dingen einem ahnungslosen Händler in der Arkade entwendet hatte. Das Körbchen hatte einen Deckel, der sich gut schließen ließ, und einen Griff, der es Grince ermöglichte, es ebenso wie den Sack mit den Nahrungsvorräten an den Haken in der Decke zu hängen. Und wenn es erst so weit war, daß Krieger zu groß geworden war für das Körbchen, würde er ebenfalls stark genug sein, um sich gegen die riesigen, blutrünstigen Ratten zur Wehr zu setzen, aber in der Zwischenzeit ging sein ängstlicher Herr lieber kein Risiko ein.
Nun schob Grince entschlossen seinen Dolch und das zerbrochene Schwert in den Gürtel und zog seinen »Straßenmantel« an – ein Kleidungsstück, auf das er überaus stolz war, da er es selbst gefertigt hatte, eine Angelegenheit, die ihn größte Überlegung gekostet hatte. Einer der Stammkunden seiner Mutter, ein langbeiniger Seemann, den seine Unfähigkeit zurück an Land gezwungen hatte, hatte ihm als kleinem Jungen beigebracht, Nadel und Faden zu benutzen – mit der von Herzen kommenden Zustimmung der nachlässigen Tilda. Obwohl Grince solchen Unfug als Altweiberkram abgetan hatte, hatte der alte Tarn, der Seemann, ihm all solche Überlegungen schnell – und mit Gewalt – ausgetrieben. Jetzt, in den kalten Nächten dieses nördlichen Frühlings, war der Junge dankbar für alles, was er bei ihm gelernt hatte.
Grince hatte sein seltsames Kleidungsstück aus Leder- und Pelzfetzen, aus Samt, Brokat und anderen warmen Stoffen gefertigt, die er irgendwo in den Lagerräumen in der Arkade gefunden hatte. Sein Flickwerk aus Stoffen verschiedenster Dicke und Farbschattierungen half ihm, aufs beste mit den Schatten zu verschmelzen. Das Gewand war kurz genug, um seine Füße zum Laufen frei zu lassen, und weit genug, um es sofort abzustreifen – falls eine unerwünschte Hand nach ihm greifen sollte. Im Gegensatz zu einem normalen Umhang waren Schlitze in den Seiten, durch die er seine Arme stecken konnte, um eine zum Abkühlen nach draußen gestellte Pastete an sich zu reißen oder die Kordeln einer Geldbörse durchzuschneiden – und das Innere des Mantels war mit einer Vielzahl von Taschen besetzt, die es ihm ermöglichten, seine Beutestücke nach Hause zu tragen.
Der alte Tarn hatte den Jungen auch mit einem Fundus an ungeheuerlichen Geschichten ausgestattet. Besonders gut in Erinnerung geblieben war Grince die Erzählung von einem magischen Umhang, der seinen Besitzer unsichtbar machte, und er stellte sich gerne vor, daß sein Umhang ähnliche Kräfte besaß, obwohl er klug genug war, ihn nie auf die Probe zu stellen. Dennoch war es sein spezieller Diebesmantel, und er gab ihm das Zutrauen, das er für seine Arbeit brauchte. Während das Kleidungsstück bei Tag zu auffällig gewesen wäre, verließ er nachts niemals sein Versteck, ohne vorher seinen Mantel anzuziehen.