Solchermaßen für die vor ihm liegende Nacht gerüstet, stapelte der Junge einige Holzkisten übereinander, die ihm als Treppe dienten, über die er das hohe Fenster seiner Behausung verlassen konnte. Nachdem er sich durch die Gitterstäbe vor dem Fenster gezwängt hatte, ließ er sich auf die Gasse unter ihm fallen und verschwand in dem Labyrinth düsterer Straßen.
Grince glitt durch die Schatten wie dunkles Wasser, das hügelabwärts auf den Fluß und auf den Hafen zuströmte. Es war kalt draußen, aber in seinem Umhang brauchte er nicht zu frieren. Die anderen Bewohner der Nacht waren viel zu konzentriert auf ihre eigenen Geschäfte, um ihn überhaupt zu bemerken – einen kleinen Jungen, der offensichtlich keine Bedrohung für sie darstellte, und der nichts besaß, was sie begehrten.
Wie das Schicksal es wollte, brauchte der Junge nicht weit zu gehen, nicht mal bis zum Fluß hinunter. Seine größte Fähigkeit lag im Einbruch, und die hoch aufragenden, zerfallenden Häuser in dem alten Viertel hatten ihn immer am leichtesten mit Beute ausgestattet – falls sie etwas Eßbares in ihren düsteren Tiefen bargen. Heute abend hatte er Glück. Bei seinem dritten Versuch erwischte er einen Kerzenstummel, ein halbes Dutzend Haferkuchen und eine kleine, abgestandene Fleischpastete unbestimmten Alters. Während er seine Beute in eine tiefe Tasche auf der Innenseite des Mantel gleiten ließ, dankte Grince kurz den Göttern und schlängelte sich dann durch das Gitterfenster des Hauses zurück auf die Straße, wo er sich sogleich auf den Heimweg begab.
Es war jetzt schon spät, und die Leute, die sich auf den Straßen herumtrieben, wurden immer verzweifelter. Grince versuchte, auf dem Rückweg möglichst unsichtbar zu bleiben und schlug einen weiten Bogen um die halb verhungerten Gestalten, denen er begegnete. Als Tilda noch lebte, hatte er gerüchteweise von Banden gehört, die sich in der Verkleidung von Bettlern auf den Straßen herumtrieben, um auf diese Weise ihren Opfern möglichst nahe zu kommen.
Trotz der nicht unerheblichen Gefahren hatten diese späten Stunden jedoch auch ihre Vorteile, denn nun öffneten sich nach und nach die Türen der Tavernen, und ihre Kundschaft ergoß sich auf die Straßen. Mit etwas Glück würde Grince auf seinem Heimweg einer ganzen Anzahl von Trunkenbolden begegnen – und ein betrunkener, unvorsichtiger Mann, der nichts anderes im Sinn hatte als nach Hause zu kommen, war für einen jungen Taschendieb, der gerade erst sein Gewerbe erlernte, eine viel leichtere Beute als ein wachsamer und nüchterner Mann. Unglücklicherweise schien sich das Blatt für Grince an diesem Abend jedoch gewendet zu haben: Er hatte Pech. Die verarmten Stadtbewohner waren mittlerweile so verzweifelt, daß es sie des Nachts in Scharen auf die Straßen trieb – in der Hoffnung, ihren etwas glücklicheren Mitmenschen, die überhaupt noch etwas – irgend etwas – besaßen, die letzte Habe aus der Tasche zu stehlen. Außerdem waren die Leute jetzt vorsichtiger und neigten dazu, sich zu ihrem eigenen Schutz mit anderen zusammenzutun – und wann immer sich eine vielversprechende Möglichkeit bot, war die Konkurrenz durch gut bewaffnete Schufte größer, als einem kleinen Jungen lieb sein konnte. Mehrfach erspähte Grince ein mögliches Opfer, nur um auf der Stelle ausgebootet zu werden – für gewöhnlich von bewaffneten Räubern, die es nicht bei einem bloßen Diebstahl bewenden ließen, sondern Mord im Sinn hatten.
Mit einigermaßen gemischten Gefühlen beschloß Grince, die Sache für diese Nacht aufzugeben. Schließlich war seine Sicherheit wichtiger als ein paar Kupferpfennige in einer Lederbörse. Er hatte eine Verantwortung zu tragen. Der Gedanke an das, was seinem Hund zustoßen konnte, wenn er, sein Beschützer, auf der Straße getötet wurde, jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Die bloße Vorstellung, wie der arme Krieger, eingesperrt in sein Körbchen, langsam zu Tode hungerte, reichte, um den Jungen zu größter Vorsicht zu mahnen. Deswegen hatte ihm das weiße Hündchen auch, obwohl er sich dieser Tatsache nicht bewußt war, schon mehrfach das Leben gerettet.
Grince freute sich bereits auf das Wiedersehen mit seinen kleinen Kameraden. Krieger hatte sich, genau wie sein Herr, in seinem kurzen Leben früh daran gewöhnt, alle möglichen Dinge zu essen. Die Fleischpastete würde ein wahrer Schmaus für ihn sein, und danach konnten sie beide sich zusammen in das warme, gemütliche Bett kuscheln, ohne sich vor den Gewalttätigkeiten auf der Straße fürchten zu müssen. Dieser glückliche Gedanke gab Grinces Schritten neuen Schwung, während er seinem Heim entgegenlief. Da ihm alle Abkürzungen bestens vertraut waren, brauchte er nur wenig Zeit, um durch das Gewirr von Gassen zur großen Arkade zurückzufinden. Dort verlangsamte Grince den Schritt und wurde vorsichtiger, denn er wußte, daß ihm nun der gefährlichste Teil seiner Reise bevorstand. Er mußte genau aufpassen, daß niemand sah, wie er sich der Arkade näherte oder später durch das Fenster schlüpfte – sonst war das Geheimnis seines Verstecks im Nu heraus.
Jetzt stand ihm noch eine letzte, breitere Straße bevor, die er überqueren mußte, dann konnte er in dem schmalen Durchgang verschwinden, der direkt zu seinem Heim führte. Hier mußte er besonders vorsichtig sein – der Durchgang war für gewöhnlich ein bevorzugter Schlupfwinkel von Bettlern. Plötzlich hörte er hinter sich das Geräusch von Schritten, die sich ihm leise, aber energisch von der anderen Straßenseite näherten. Wie ein Kaninchen, das den Jäger wittert, blieb Grince wie angewurzelt stehen und preßte sich flach an die kalte, feuchte Wand. In der Ferne erspähte er eine hochgewachsene Gestalt, die in einem weiten mitternachtsschwarzen Kapuzenmantel verborgen war – und doch hatte diese Gestalt etwas an sich, das den kleinen Jungen schaudern ließ und ihn weiter in den Schatten hineintrieb, damit der Blick dieser finsteren, furchterregenden Erscheinung nur ja nicht in seine Richtung fiel und ihn durchbohrte.
Oh, werd endlich erwachsen, Grince, befahl er sich mit vernichtender Abscheu, während die Gestalt immer näher kam. Es ist nur irgendein verdammter Gimpel, der dumm genug ist, zu dieser nächtlichen Stunden allein durch die Gegend zu laufen. Willst du dir so eine Chance entgehen lassen? Man konnte bei so einem großen, weiten Umhang natürlich niemals sicher sein, daß man auf Anhieb die Taschen erwischen würde, aber vielleicht konnte er ja die Gestalt anbetteln … Vielleicht hätte er es gekonnt, aber Grince sollte das niemals herausfinden, denn er konnte sich absolut nicht dazu überwinden, sich dem unheimlichen Fremden zu nähern. Sein Herz hämmerte, und Schweiß trat ihm auf die Stirn, der sich in der kühlen Nachtluft sofort wie Eis anfühlte. Ihm war, als wären seine Füße auf dem Erdboden festgenagelt.
Eingehüllt in die schweren Falten seines Flickenmantels und mit vor Entsetzen zusammengekrampftem Magen, zog sich Grince weiter zurück in den Schutz seiner Gasse und sah zu, wie die hoch aufragende Gestalt an ihm vorüberging. Sobald sie an seinem Versteck vorbei war, wurde er ganz schlaff und zittrig vor Erleichterung. Dennoch wagte er nicht, auch nur einen einzigen Schritt zu tun, bevor die Schattengestalt völlig verschwunden war. Grince schloß die Augen und lauschte den leiser werdenden Schritten, während er von ganzem Herzen betete, daß bald alles vorüber sein möge.
Dann blieb die unheimliche Gestalt plötzlich stehen, und der Junge spürte, wie eine eisige Kälte ihn durchfuhr. Drehte die Gestalt sich um? Wußte sie, daß er dort war? Obwohl Grince sich fürchtete hinzusehen, war die Angst vor dem, was passieren konnte, wenn das Schattending sich unbemerkt an ihn heranpirschte, weit schlimmer. Nach einem kurzen Kampf mit den letzten Resten seines Mutes öffnete er die Augen und warf einen schnellen Blick um die Ecke.
»Eine milde Gabe, große Dame? Hast du ’nen Kupferpfennig für ’ne arme, alte, blinde Frau?«
Grince fuhr beim Klang der quäkenden Stimme zusammen. Zu seinem Entsetzen sah er eine Bettlerin, die sich gebeugt und mit schleppendem Gang auf die düstere Gestalt zubewegte. Das arglose alte Weib hatte behauptet, blind zu sein – aber woher hatte es gewußt, daß die in einen gewaltigen Umhang gehüllte Gestalt eine Frau war? Die Alte schlurfte mit ausgestrecktem Arm noch ein paar Schritte vor, und Grince, erstaunt darüber, daß das blinde Weib so leicht Erfolg gehabt hatte, dachte: Verdammt – wovor hatte ich bloß Angst? Ich habe meine Chance verpaßt. Und dann war da nur noch Schrecken. Die unheimliche Fremde streckte ihre Hand aus, es blitzte kurz weiß auf, als sie das alte Weib berührte – und die blinde alte Bettlerin war nur noch ein schlaffer, dunkler Haufen Lumpen auf den Pflastersteinen. Grince hörte ein leises Lachen, so kalt und freudlos wie eine Morgendämmerung im Winter, und schon war die Unheimliche weitergegangen, um eine Ecke gebogen und seinen Blicken entschwunden.