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Mehrere Minuten krochen dahin, während derer sich die zusammengesunkene Gestalt der Bettlerin auf der Straße nicht von der Stelle rührte. Und noch viel länger dauerte es, bis der zu Tode erschrockene Junge es wagte, sein Versteck zu verlassen. Kälte und Hunger drängten ihn schließlich zum Weitergehen – und natürlich der Gedanke an sein armes Hündchen, das immer noch frierend und hungrig in seinem Korb eingeschlossen war. Um seine eigene Gasse zu erreichen, mußte Grince die Straße überqueren und fast bis zur unteren Ecke gehen – und damit seinem Dafürhalten nach dem alten Weib viel zu nahe kommen. Aber wenn er die ersehnte Sicherheit seines Schlupfwinkels erreichen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig. Ich werde einfach rennen, dachte er. Ich renne direkt an ihr vorbei und sehe nicht hin, denn wenn ich es tue …

Als es schließlich soweit war, mußte er natürlich doch hinschauen. Obwohl er lief, so schnell er nur konnte, schien es Grince, als würden seine Augen magisch von dem Körper auf der Straße angezogen. Viele Nächte danach sollte er noch Grund haben, seine Neugier zu verfluchen. Seine Schritte gerieten ins Stocken, und der Atem gefror ihm in der Kehle bei dem Anblick, der sich ihm nun bot. Der Körper war auf groteske Weise verdreht, das Gesicht ihm halb zugewandt, und die milchigen, blicklosen Augen schauten im Tod zu ihm auf. Im Licht der Lampe konnte er die blutlose Blässe der eingefallenen, faltigen Haut sehen – und den Ausdruck unendlichen Grauens, der sich in den letzten Augenblicken eines verlöschenden Lebens in die Gesichtszüge eingeprägt hatte. Auf der Stirn der alten Frau prangte wie ein Brandmal der Abdruck einer Hand, der noch immer in flammendem Silber zu brennen schien.

Plötzlich hatte sich Grince wieder in der Gewalt. Mit einem Entsetzensschrei floh er zurück in die Sicherheit seiner Höhle in der Arkade und taumelte schließlich durch das Fenster, ohne auch nur einen Gedanken an den Abgrund zu verschwenden, der auf der anderen Seite lag. In seinem kleinen Zimmer angekommen, riß er auf der Stelle Kriegers Körbchen herunter und tauchte in die scheinbare Sicherheit seines Bettes ein, wo er sich zitternd zusammenkauerte. Dann preßte er seinen Hund trostsuchend an die Brust und biß sich auf die Lippen, um die Tränen zurückzuhalten. Wie gut, daß er Krieger hatte, dachte er. Wenn der Hund nicht wäre, für den er sorgen mußte, würde er wahrscheinlich niemals mehr den Mut aufbringen, sich wieder hinaus auf die Straße zu wagen.

Obwohl es auf den nächtlichen Straßen von Nexis wie üblich von Bettlern, Huren, Dieben und anderem menschlichen Abfall nur so wimmelte, konnte Eliseth unbesorgt selbst durch die dunkelsten Hintergassen wandern. Auch wenn sie unter den wehenden Falten ihres Kapuzenmantels verborgen war, war dennoch eine gewisse Aura um sie herum, der Hauch von etwas, das sowohl Macht als auch Gefahr bedeutete. Nur einer hatte es gewagt, sich ihr zu nähern, und dieser eine war blind gewesen. Beinahe verachtungsvoll hatte Eliseth die schon schwächer werdende Flamme des Lebens der alten Bettlerin mit einer einzigen Berührung zum Verlöschen gebracht, wobei sie sich die Energie der Alten einverleibt hatte, um sie ihren eigenen Kräften hinzuzufügen. Zu ihrer Überraschung schenkte ihr selbst eine so schwächliche und abgenutzte Existenz einen prickelnden Energiestoß, der wie Wein durch ihre Venen geronnen war und sich so gut angefühlt hatte – so überaus gut –, daß sie endlich verstand, warum Miathan so süchtig geworden war nach seinen Menschenopfern. Nun ja, dachte sie. Wir leben, um dazuzulernen. Ich muß dieser Sache doch einmal nachgehen – aber nicht heute nacht. Heute nacht hatte die Wettermagusch etwas anderes zu erledigen, und ihre schnellen Schritte hatten sie nun fast bis an ihr Ziel gebracht: den Ort, den sie mit Hilfe ihres Kristalls gefunden hatte, das Heim desjenigen, den sie zu finden begehrte.

Die Bäckerei war von innen frisch gestrichen und von außen weiß getüncht worden, und Böden und Fenster waren blitzsauber. Auch das zerfallende Mauerwerk des einsturzgefährdeten Daches war wieder bestens in Schuß. Bern hatte hart gearbeitet, um all die Schäden zu beheben, die noch auf das Konto der Vernachlässigung durch seinen Vater gingen – mit einer Ausnahme. Das Geschäft war nach wie vor ein Fehlschlag, und dafür gab es einen sehr einfachen Grund: Weder Geld noch gute Worte konnten einem heute in Nexis auch nur ein einziges Krümelchen Mehl verschaffen.

Bern saß, wie er es sich in diesen langen, schlaflosen Nächten angewöhnt hatte, unten in der Bäckerei, eine Flasche neben sich und die Füße auf einen bequemen Sims auf dem warmen alten Backsteinofen gelegt. Es war mehr ein Ritual, daß Bern immer noch ein Feuer in den großen Öfen entzündete, so wie es in jenen Zeiten gewesen war, als Torl gerade erst gestorben und das Geschäft endlich sein gewesen war. Die Flammen wärmten das Haus, trugen aber wenig dazu bei, das kalte, unangenehme Gefühl des Versagens zu mildern, das im Herzen des Bäckers glomm. Er hatte die Rebellen verraten und seinen Vater ermordet, um dieses Geschäft an sich zu reißen – und was hatte ihm das eingebracht? Seine Vorräte an Mehl und Hefe waren während des dunklen, endlosen Winters irgendwann ausgegangen, und das Mädchen, das er heiraten wollte, ein dunkelhaariges Frauenzimmer mit blitzenden Augen, die Tochter eines verwitweten Schneiders, der ganz in der Nähe lebte, dieses Mädchen hatte ihn verlassen, als seine finsteren Launen und seine bösartigen Wutanfälle ihr zuviel geworden waren. Bern fluchte laut vor sich hin. Es war alles so verdammt ungerecht! Unmittelbar nachdem es ihm gelungen war, seinen so lange gehegten Ehrgeiz zu befriedigen, war der funkelnde Traum in seinen Händen zu Asche verbrannt.

Mitten in seinen finsteren Gedanken mußte Bern wohl eingenickt sein, denn das Zuschlagen der Tür riß ihn mit einem Ruck aus dem Schlaf. Der Fluch, der augenblicklich in ihm aufgewallt war, erstarb ihm jedoch auf den Lippen, als er die Augen öffnete und eine große, schwarz verhüllte Gestalt über sich erblickte, deren Gesicht von den Schatten einer Kapuze verborgen wurde. Seine Hand, die instinktiv hervorgeschossen war, um nach einem langen eisernen Schürhaken zu greifen – der nächsten verfügbaren Waffe –, erstarrte mitten in der Luft zu Eis. Ohne ein Wort des Grußes ließ die Gestalt weiße, wohlgeformte Hände sehen und zog sich die Kapuze vom Kopf.

»Du!« stieß Bern hervor – und fiel vor der Wettermagusch, eine Flut von Entschuldigungen murmelnd, auf die Knie.

Eliseth lachte. »Wahrhaftig, Sterblicher, ich bin es. Hast du nicht damit gerechnet, daß du mich wiedersehen würdest nach jener Nacht, in der du zur Akademie gelaufen kamst, um deinen Vater zu verraten?«

Bern, der tatsächlich niemals auf einen solchen Gedanken gekommen war, verharrte unterwürfig in erschrockenem Schweigen.

Die Magusch lachte noch einmal laut auf und trat über seine der Länge nach ausgestreckte Gestalt hinweg, um sich auf den besten Stuhl neben dem Feuer zu setzen. »Sind die Zeiten so hart für dich, Bäcker, daß du deinen Gästen nicht mal eine Erfrischung anbieten kannst?« fragte sie ihn scharf.

»Herrin – ich bitte um Vergebung.« Bern sprang mit zittrigen Gliedern auf und beeilte sich, einen Kristallkrug zu holen, der einst zur Aussteuer seiner Mutter gehört hatte, sowie eine Flasche des guten Weins, der in diesen Tagen nur allzu selten geworden war und den er sich für eine besondere Feier aufbewahrt hatte – oder einen Notfall wie diesen. Nachdem er die Karaffe und die Gläser auf das niedrige Tischchen vor seine furchteinflößende Besucherin gestellt hatte, schenkte er ihr mit zitternden Händen ein.