Eliseth schob sich ihren schweren Umhang von den Schultern und hielt ihre schlanken weißen Hände über die tanzenden Flammen. Bern, der wieder nach seinem eigenen Becher gegriffen hatte, in dem sich noch immer das scharfe, minderwertige Zeug befand, mit dem er in letzter Zeit seinen Kummer ertränkt hatte, setzte sich auf den anderen Stuhl und konnte sich nur mit Mühe beherrschen, ihn nicht weiter von der kaltäugigen Magusch wegzuschieben. Während der ganzen Zeit überschlugen sich seine Gedanken. Was konnte sie von ihm wollen? Welche Möglichkeiten hatte er, sie zu beschwichtigen?
Eliseth, die ihn durch ihre dichten Wimpern hindurch beobachtete, ließ den Bäcker eine Weile zappeln, bevor sie ihn von seiner Spannung erlöste. Schließlich, als sie den Eindruck hatte, daß seine Neugier und Angst ihren Höhepunkt erreicht hatten, begann sie zu sprechen:
»Sterblicher, du hast den Magusch einmal einen großen Dienst erwiesen, indem du uns das Versteck der Rebellen verraten hast, die unsere Stadt verseuchten. Eine solche Loyalität verdient größtes Lob – und nun habe ich das Gefühl, mich abermals auf dich verlassen zu können.« Mit schnellen, wohlgewählten Worten erklärte sie ihm, wie er die Rebellen noch einmal verraten könnte. Sie sah, wie seine Augen sich zuerst vor Überraschung weiteten – und dann, erfüllt von einer berechnenden Gier, wieder schmaler wurden.
Eliseth lächelte. Sie hatte seine Natur richtig eingeschätzt. Als sie ihren Vorschlag vorgebracht hatte, lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück, nahm einen Schluck von dem abscheulichen Wein und überlegte, was dieser niedrige Abschaum von einem Sterblichen wohl als Gegenleistung von ihr zu erbitten wagen würde.
Berns Ansinnen war eine vollkommene Überraschung. »Was?« stieß sie hervor. »Korn? Bist du sicher?«
Der Bäcker nickte mit ernstem Gesicht. »Herrin – es gibt kein Mehl mehr in Nexis. Ich bin ruiniert – ich kann mein Geschäft nicht betreiben. Denkt nur, was es für mich bedeuten würde, wenn ich der einzige Bäcker in der Stadt wäre, der arbeiten kann. Und ich habe Gerüchte gehört«, fügte er hinterhältig hinzu, »daß die Magusch da oben in der Akademie noch alle möglichen Vorräte horten …«
Eliseth vermerkte in Gedanken die Notwendigkeit, der Quelle solcher Gerüchte auf die Spur zu kommen, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Bern richtete. Es fiel ihr schwer, ein Lächeln zu unterdrücken, als sie ihm schließlich antwortete. »Natürlich kannst du die Vorräte haben, die du benötigst«, sagte sie gnädig. »Aber unter einer Bedingung – du mußt noch in dieser Nacht aufbrechen.«
Bern sah sie wie vom Donner gerührt an. »Aber ja, natürlich Herrin, nur …« Er schluckte schwer. »Wie soll ich denn jetzt noch Vorkehrungen treffen, um mein Korn abzuholen«, stammelte er.
Eliseth staunte über die Kühnheit des Mannes, obwohl er immerhin davor zurückgeschreckt war, offen auszusprechen, daß sie vielleicht ihr Wort nicht halten könnte. »Das kann auf der Stelle erledigt werden«, erwiderte sie schroff. »Gibt es einen sicheren Platz, an dem du das Korn lagern kannst, solange du nicht da bist?«
Bern nickte und zeigte ihr den Weg zu seinem Vorratsraum im Keller. Die Magusch sah sich zufrieden um. »So – jetzt sei still«, befahl sie. Dann streckte sie ihre Gedanken nach dem Ort aus, an dem die Vorräte in der Akademie lagerten, und benutzte ihre Kraft für einen Apportzauber. Es gab einen hellen Lichtblitz und ein Tosen verlagerter Luftmassen – und der Keller war vom Fußboden bis zur Decke voll von Säcken mit wunderbarem goldenem Korn.
»Oh – Herrin!« Der Gesichtsausdruck des Bäckers sagte Eliseth alles, was sie wissen mußte.
»Jetzt werde ich alles für dich tun«, platzte es aus ihm heraus. »Alles, wirklich alles …«
»Du weißt schon, was ich von dir will.« Die Magusch hatte langsam genug von dem Sterblichen. Sie wollte, daß er endlich verschwand und noch vor Morgengrauen Nexis den Rücken kehrte. Nachdem sie ihn aus dem Keller hinausgeführt hatte, ließ sie die Tür hinter sich fest ins Schloß fallen, legte eine Hand auf das Holz und sah zu, wie der Wachzauber zu schimmern begann – wie ein Lichtschein über einer Wasseroberfläche. »So«, sagte sie zu dem Bäcker. »Jetzt paß auf. Um deine kostbaren Vorräte zu schützen, habe ich die Tür und das Gitter mit einem Zauber belegt, der jeden töten wird, der sie berührt.«
Die habgierigen Augen des Bäckers wurden rund vor Entsetzen. »Aber Herrin …«, stammelte er.
»Sobald du deine Mission erfolgreich zu Ende geführt hast«, fuhr Eliseth ungerührt fort, als hätte er überhaupt nichts gesagt, »wirst du mir in der Akademie Bericht erstatten, und der Zauber wird entfernt. Das ist alles. Jetzt triff deine Vorbereitungen, Sterblicher, und sieh zu, daß du auf der Stelle aufbrichst – sonst könnte ich mich vielleicht noch versucht fühlen, meine Großzügigkeit zu bedauern.«
Mehr mußte sie nicht sagen. Eliseth wußte, daß Bern jetzt voll und ganz ihr gehörte. Als sie die Bäckerei verließ, konnte sie sich das Lächeln nicht länger verkneifen, denn sie mußte daran denken, wie frustriert der Bäcker sein würde, wenn er nach Vollendung seiner gefährlichen Aufgabe nach Hause kam und feststellte, daß Miathan am selben Tag, an dem Bern aufgebrochen war, Vorräte verteilt hatte – und zwar ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Außerdem freute sie sich diebisch darüber, daß sie auch Miathan ein Schnippchen geschlagen hatte. Ein hämisches Grinsen kroch über Eliseths Züge, als sie sich den maßlosen Zorn des Erzmagusch ausmalte, mit dem er am nächsten Morgen feststellen würde, daß der größte Teil seiner Kornvorräte auf mysteriöse Weise verschwunden war.
Die qualvollen Stunden der Dunkelheit krochen mit unendlicher Langsamkeit dahin, während Zanna in ihrem Versteck saß. Jetzt, da sie einen Plan hatte, wurde sie von einer beunruhigenden Mischung aus Aufregung und Beklommenheit beherrscht und konnte es kaum erwarten, den Lagerraum zu verlassen und zur Tat zu schreiten. Unglücklicherweise war das letzte, was sie im Augenblick brauchen konnte, eine Begegnung mit Janok. Zanna wußte, daß sie ihre Ungeduld, so gut sie nur konnte, im Zaum halten und warten mußte, bis alle – vor allem der brutale Küchenmeister – fest schliefen.
Sich in der Dunkelheit aus dem Lagerraum herauszutasten, war ein Alptraum, aber selbst wenn Zanna daran gedacht hätte, sich eine Kerze mitzunehmen, hätte sie es nicht wagen können, sie zu entzünden. Nun war sie gezwungen, sich auf Händen und Knien aus ihrem engen kleinen Versteck hinauszuschlängeln, während sie blind nach den aufgestapelten Fässern, Kisten und Säcken tastete, die den Raum in ein wahres Labyrinth verwandelten. Es schien eine ganze Ewigkeit zu dauern. Sie war stocksteif, und noch immer schmerzte ihr Körper von Janoks Schlägen. Nach dem langen, regungslosen Warten bedeutete jede einzelne Bewegung eine reine Folter für ihre Muskeln, aber das war im Augenblick die geringste ihrer Sorgen. Zanna hatte das Gefühl, sich völlig verirrt zu haben, und der Raum schien sich vor ihren Augen zu drehen. Er war doch nur so klein, wie war es da möglich, daß sie noch immer nicht auf irgendeine Wand gestoßen war?
Plötzlich setzte Zannas Herzschlag aus, als sie spürte, wie ein Stapel ins Wanken geriet und fiel. Hastig versuchte sie noch, das Unglück zu verhindern, aber ohne Erfolg. Dann bekam sie plötzlich keine Luft mehr, als mehrere unförmige, vollbeladene Säcke auf sie hinunterstürzten. Kartoffeln, wenn man von dem sauberen, scharfen, erdigen Geruch ausgehen durfte. Einen Augenblick erstarrten Entsetzens lang lag sie einfach nur da und wartete auf das laute Krachen, das jedoch ausblieb. Schließlich wagte sie es, unter den schweren Säcken, die über ihr lagen, hervorzukriechen. Dank sei den Göttern, dachte sie, als sie sich ihre Prellungen rieb, daß nicht einer der irdenen Krüge umgestürzt war! Nach weiteren langen Sekunden des Tastens und Suchens scharrten ihre Knöchel über eine kühle rauhe Oberfläche. Endlich hatte sie die Wand erreicht. Sie versuchte, die Richtung zu erraten, in der die Tür lag, und hatte Glück. Oh, was für ein Segen es war, endlich wieder aufstehen und sich ungehindert bewegen zu können! Langsam ging sie durch den dunklen Korridor, wobei sie eine Hand über die Wand gleiten ließ, um sich zu orientieren.