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Die Küche erschien ihr, obwohl auch sie in tiefe Schatten gehüllt war, gefährlich hell zu sein nach dem pechschwarzen Korridor. Dunkle, geduckte Silhouetten vor dem schummrigen, verräucherten Licht der mit Asche belegten Feuerstellen zeigten ihr, wo sich die schlafenden Küchendiener befanden, und Zanna mußte wieder einmal über das Ausmaß von Janoks Grausamkeit nachdenken, die dazu führte, daß er seinen wenigen Helfern nicht gestatten wollte, in die leeren Schlafräume des Hauspersonals überzusiedeln. Vor den Magusch duckt er sich und kriecht im Staub, dachte sie böse, aber uns behandelt er schlechter als Tiere, weil wir auf diese Weise schwach und ängstlich bleiben und nach seiner Pfeife tanzen. Und weil er das Gefühl von Macht genießt … Zanna schauderte und versuchte, nicht mehr an Janok zu denken, denn allein der Gedanke an diesen Mann verursachte ihr Übelkeit und ängstigte sie bis in die tiefsten Tiefen ihrer Seele hinein.

Die Tür, die direkt von der Küche in die große Halle führte, lag auf der anderen Seite des Raumes. Es kostete Zanna mehr Mut, als sie zu haben geglaubt hatte, sich durch die ganze Küche zu bewegen. Nur der Gedanke an ihren Vater, der eingesperrt war und schrecklich litt, konnte sie dazu bringen, den schlimmen ersten Schritt zu tun und danach dann weiterzugehen. Geführt von dem schwachen Feuerschein, glitt sie von Schatten zu Schatten zur Tür hinüber, wobei sie einen großen Bogen um die schlafenden Diener schlug. Ihre Schritte waren beinahe lautlos, doch mußte irgend jemand sicher das Hämmern ihres Herzens hören!

Als sie an den Spülen vorbeiging, fiel ihr Blick auf etwas, das in dem gedämpften Licht rötlich funkelte, als wäre ein Stück Kohle aus dem Feuer unter das tiefe Steinbecken gerollt. Was, in aller Welt …? Zannas Herz vollführte einen Satz. Eine Waffe? Ein Messer? Das war doch nicht möglich, oder? Mit einer einzigen flinken Bewegung bückte sie sich und schnitt sich die Finger an der rasiermesserscharfen Klinge eines Scherenmessers. Hastig packte sie den glatten Knochengriff, den sie mit den blutverschmierten Fingern kaum festzuhalten vermochte. Mit beträchtlich gehobener Stimmung und von neuer Zuversicht erfüllt, gelangte das junge Mädchen schließlich zur Tür und trat dankbar in die kühle, modrige Düsternis der verlassenen großen Halle.

Zanna schoß davon und ging an der holzvertäfelten Wand unter der vorspringenden Spielmannsempore in die Hocke. Dort blieb sie einige Minuten lang sitzen, bis sich ihr Herzschlag verlangsamt, ihr Atem sich beruhigt und ihr Zittern sich gelegt hatte. Obwohl ein wenig Licht durch die hohen Fenster sickerte, erschien ihr der riesige leere Raum nach dem Halblicht in der Küche furchtbar dunkel. Während sie darauf wartete, daß sich ihre Augen den veränderten Lichtverhältnissen anpaßten, glitten Zannas Finger wieder und wieder über ihre Waffe. Sie mußte wohl vom Tisch gefallen und dann mit einem versehentlichen Tritt unter die Spüle befördert worden sein, wo sie in der Dunkelheit übersehen worden war, bis der schwache Feuerschein sie für ihre Augen sichtbar gemacht hatte. Janok mußte heute wirklich viel zu tun gehabt haben, wenn ihm nicht aufgefallen war, daß das Messer fehlte. Für gewöhnlich wußte er immer genau, wo sich jedes einzelne Messer befand.

Der Gedanke an den brutalen Küchenmeister reichte, um Zanna auf der Stelle weiterzutreiben. Sie schob sich an der Wand hoch, drehte sich nach rechts und ging auf die Ecke zu, in der eine elegante offene Wendeltreppe, die sich um eine geschnitzte Säule schlängelte, nach oben auf die Spielmannsgalerie führte. Es gab leider keine Möglichkeit, diese Stufen geräuschlos zu nehmen – und die große Halle war eigens dazu geschaffen worden, jeden Laut bis in die hinterste Ecke zu tragen. Zanna erstarrte voller Entsetzen, als das hohle Schlurfen ihrer Schritte zu zischenden Echos anschwoll, die überall in dem riesigen Raum widerhallten. Sie mußte sich mit eisernem Griff unter Kontrolle bringen und sich in Erinnerung rufen, daß sie allein in der Halle war, bevor sie den Mut fand, ihren Weg fortzusetzen.

Glücklicherweise war die Galerie selbst mit Teppichboden ausgestattet, um den Musikanten eine gewisse Bequemlichkeit zu bieten. Nun gab Zanna endlich ihrem wilden Drang, loszurennen, nach. Während sie das Messer sorgfältig auf Armeslänge von sich weg hielt, jagte sie den langen Korridor hinunter, durch flackernde Teiche aus Dunkelheit und aus Licht, je nachdem, ob sie gerade an einem Fenster vorbeikam oder nicht. Am unteren Ende wandte sie sich nach links und fand die mit einem Vorhang verhangene Tür, die zu dem kurzen Flur führte, der sie dann schließlich zu einer anderen, einfacheren Tür bringen würde, durch die man in das Quartier der Hausdiener gelangte.

Zanna wußte gar nicht, was für ein großes Glück sie hatte. Zu Elewins Zeiten waren beide Türen immer fest verschlossen gewesen, wenn die Halle nicht benutzt wurde, damit die Diener nicht in Versuchung gerieten, diese heiligen Räume als Abkürzung zu benutzen, wenn sie von ihren Quartieren in die Küche wollten. Inzwischen hatten die Magusch jedoch nur noch so wenige Diener, daß solche Traditionen ins Wanken gerieten. Die zweite Tür öffnete sich für Zanna, wie sie es voller Selbstverständlichkeit erwartet hatte, und endlich konnte sie einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen. Jetzt konnte sie nichts mehr aufhalten! Sie hörte nicht, wie sich die Küchentür, die in die große Halle führte, öffnete und leise wieder schloß.

Auf einem Regal in bequemer Höhe neben der Tür fand Zanna eine Zunderbüchse und einen Kerzenstock. Sie legte ihr Messer auf das Regal, entzündete nach mehreren zittrigen Versuchen die Kerze – und verfluchte sich dann für ihre Dummheit. Was wäre, wenn irgend jemand – vielleicht sogar der Erzmagusch, wie sie mit entsetztem Schaudern dachte – zufällig draußen über den Hof ging und den Lichtschein sah? Angesichts dieser Möglichkeit schirmte sie die Flamme mit ihrer gewölbten Hand ab und beeilte sich, die Vorhänge an den drei Fenstern zuzuziehen, die sich in regelmäßigen Abständen auf dem Weg zu den Schlafräumen befanden. Als das getan war, fühlte sich Zanna deutlich sicherer. Sie hob ihre Kerze in Augenhöhe, ging vorüber an der einsamen Reihe ordentlicher, unbenutzter Betten und durchquerte den Raum. In der Nähe der Tür befand sich, wie sie es in Erinnerung hatte, das Brett mit den funkelnden Kristallen, die im Licht ihrer winzigen Kerzenflamme wie kaltes Feuer glitzerten. Erleichtert ließ sie ihre Kerze an den Edelsteinen entlangwandern, bis sie schließlich ein leises Glimmen von Grün entdeckte.

Endlich! Vannors Tochter setzte die Kerze auf das Regal und streckte die Hand aus, um nach dem Kristall zu greifen – als hinter ihr mit lautem Krachen die Tür aufflog.

»Hab’ ich dich, du kleines Miststück!« Rauhe Hände wirbelten sie herum und packten mit peinigender Gewalt ihre Arme, so daß Zanna vor Schmerz aufschrie. Es war sinnlos, gegen die gewaltige Stärke ihres Gegners anzukämpfen. Das Kerzenlicht spiegelte sich in Janoks Augen wider und gab ihm das Aussehen eines grausamen wilden Tieres. Zanna konnte vor Entsetzen keinen klaren Gedanken fassen. Jetzt war alles vorbei! Er hatte sie erwischt – hier an diesem menschenleeren Ort, an dem es keine Zeugen gab und niemanden, der ihre Schreie hören würde.

Janok kicherte und kostete ihre Furcht genüßlich aus. Seine Hände krampften sich um das zarte Fleisch ihrer Arme, bis sie leise wimmerte. »Nun?« fragte er. »Und warum schleichen wir in der Dunkelheit durch die Schlafsäle der Dienerschaft, möcht’ ich gern wissen? Hast du möglicherweise nach einem Liebhaber gesucht? Ich schätze, du hast nie einen gehabt, unattraktives kleines Ding, das du bist; aber du kommst ein Jahr zu spät, mein Mädchen. All die hübschen, kräftigen jungen Männer sind weggegangen oder tot, und hier gibt es niemanden mehr, der dich in sein Bett nehmen könnte. Das heißt, niemanden außer mir.«