Was würde ihn mehr erzürnen? Wenn sie antwortete oder wenn sie schwieg? Aber Zanna blieb kaum Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Janoks Hände schossen vor – trafen sie –, verletzten sie. Zanna spürte, wie ihr ein warmes Rinnsal von Blut das Kinn hinunterlief. Dann preßte der Küchenmeister sie mit seinem ganzen Gewicht gegen die Wand. Janoks behaarte Arme umfingen sie, und sein nach Schweiß riechender Körper berührte ihr Fleisch. Sie konnte die Feuchtigkeit fühlen, die warm und klebrig durch den dünnen Stoff ihrer Bluse sickerte, und kämpfte mit Gewalt die Übelkeit nieder, die in ihr aufwallte. Sein widerlich riechender Atem und der Gestank seines ungewaschenen Körpers ließen sie würgen.
Janok zerrte hart und erregt an ihren Gliedern. Zanna gelang es, eine Hand frei zu bekommen, und sie stach ihm mit steifen Fingern in die Augen, aber er fing ihr Handgelenk in einem gnadenlosen Griff auf und hielt ihre Hand hilflos über ihrem Kopf gefangen. Während er sie mit einem Arm und seinem Knie bewegungsunfähig machte, riß er an ihren Kleidern, bis es ihm gelang, ihre Bluse zu zerfetzen. Zanna spürte, wie kalte Luft über ihre Brüste strich, und wandte dann entsetzt den Kopf ab, als seine groben Finger ihr Fleisch kneteten. Dann glitt die Hand weiter nach unten, hob ihre Röcke hoch und tastete über ihren Unterleib. Sie wußte, was ihr jetzt bevorstand: Hatte sie nicht unzählige Male mit angesehen, wie es hilflosen, kreischenden, weinenden Küchenmägden ergangen war?
Das war einfach zuviel. Zanna krümmte sich und versuchte verzweifelt zu entkommen. Sie hatte nur einen einzigen Gedanken; ihr ganzes Wesen war beseelt von einem einzigen Wunsch. Gegen seine Größe und Kraft waren ihre Bemühungen vollkommen fruchtlos, aber sie erzürnten ihn trotzdem. Wütend ließ er ihren Kopf gegen die Wand krachen, und aus den Augenwinkeln sah sie die Kristalle auf dem Regal ins Wanken geraten. Ihr feuriges Glitzern im flackernden Kerzenlicht paßte sehr gut zu dem schwindelerregenden, helldunklen Schmerz, der durch ihren Schädel schoß. Aurian, dachte sie verzweifelt – aber die Magusch war viel zu weit weg, um ihr helfen zu können. Jetzt hing alles ganz allein von ihr, Zanna, ab – und was konnte sie gegen einen Mann ausrichten, der so viel größer und stärker war als sie selbst?
Wieder schlug Janok sie – zuerst mit der flachen Hand ins Gesicht und dann, als dieser Schlag sie noch immer nicht ausreichend eingeschüchtert zu haben schien, folgten zwei oder drei tiefere Schläge mit seiner Faust. Das raubte ihr endgültig die Kraft zu kämpfen. Zanna sackte, nach Luft ringend, an der Wand zusammen. Janoks starke Hände waren alles, was sie davon abhielt, sich vor Schmerzen zusammenzukrümmen. Einen Augenblick lang glaubte sie, das Bewußtsein zu verlieren.
»So!« Plötzlich schloß sich Janoks Hand in eisernem Griff um ihren Arm, und er zerrte sie zu dem erstbesten Bett hinüber. Ein seltsamer, unzusammenhängender und benommener Gedanke schoß durch Zannas unschuldigen Sinn: Warum war er nach all dieser Brutalität plötzlich so fürsorglich? Er hätte sie doch ebensogut auf den Boden werfen und dort nehmen können. Bevor sie jedoch weiter über diese seltsame Entwicklung nachdenken konnte, warf Janok sie mit dem Gesicht nach unten aufs Bett, wo er sie mit einer Hand festhielt, während er sich mit der anderen die Kleider vom Leib riß.
Dieser kurze Augenblick der Ablenkung war alles, worauf Zanna gewartet hatte.
Sie war mittlerweile weit jenseits aller Vernunft; reiner Instinkt trieb sie an – und das war um so überraschender für Janok, da er geglaubt hatte, ihr jeglichen Widerstand ausgetrieben zu haben. Nun aber entwand sie sich der Hand, die sie auf die Matratze preßte, schaffte es, sich halb herumzudrehen, und biß in den Arm, der sie mit aller Kraft festzuhalten versuchte.
Damit hatte sich das Blatt gewendet. Janok heulte fluchend auf und drosch mit seiner freien Hand auf sie ein, so daß sie ein Meer von Sternen vor den Augen explodieren sah. Zanna ließ jedoch nicht locker. Drahtige, schwarze Haare kitzelten ihre Kehle, und der salzige, metallische Geschmack von Blut ließ sie würgen, aber sie verbiß sich immer tiefer und tiefer in Janoks Fleisch. Es verstrich überraschend wenig Zeit, bis Janok seinen Griff lockerte und sie ihm entschlüpfen konnte.
Halb taumelnd, stolperte Zanna über die Fetzen ihres Rocks hinweg quer durch den Raum; die gierigen, peinigenden Hände des Küchenmeisters griffen hinter ihr ins Leere. Sie hatte nur einen Gedanken, als sie auf die Tür zuschoß – auf die Tür und auf das kleine Regal daneben. In dem kurzen Augenblick des Zögerns, den sie brauchte, um sich an der glatten, schlüpfrigen Kante hochzuziehen, hatte Janok sie wieder eingeholt –, und Zannas suchende Finger hatten die Zunderbüchse heruntergeworfen und das Messer gefunden, das sie nur wenige Minuten zuvor dort hingelegt hatte.
Das Mädchen konnte Janoks Überraschung spüren – fast schien es eine Enttäuschung für ihn zu sein –, als sie aufhörte, gegen ihn zu kämpfen. »Aha«, murmelte er und preßte ihren Körper von hinten abermals gegen die Wand. »Ich wußte doch, daß du es wolltest. Natürlich. Das wollt ihr doch immer.«
»Ja«, murmelte sie. »Aber ich würde gerne dein Gesicht sehen …«
»Natürlich.«
Zanna spürte seine harten Hände auf ihrem Körper, als er sie umdrehte. Sie fühlte, wie er sich an sie preßte, während ihre Finger sich um das Messer schlossen, das sie halb verborgen in den zerfetzten Überresten ihres Rockes hielt. Dann bohrte sich die Klinge bis zum Heft in seinen Bauch, und Janok krümmte sich laut schreiend zusammen, während ihm das Blut über die Hände spritzte. In diesem Augenblick empfand Zanna nichts für ihn als einen brennenden, alles verzehrenden Haß. Plötzlich erinnerte sie sich an etwas, das Parric ihr vor langer Zeit erzählt hatte. Entschlossen legte sie ihre Finger noch einmal um den klebrigen Griff und rammte das Messer mit aller Kraft nach unten, um die Klinge in Janoks Eingeweide zu stoßen. Er fiel zu Boden, schrie und preßte sich die Arme vor den Leib, rollte sich zuckend über den Fußboden und lag schließlich in einer immer größer werdenden Lache seines eigenen Bluts da.
Er brauchte sehr lange, um zu sterben. Zanna, starr vor Schreck, spürte, wie plötzliche Panik ihre betäubten Sinne durchdrang. Was war, wenn irgend jemand ihn hörte? Sie mußte hier weg – und zwar schnell. Es blieb keine Zeit mehr, nach dem richtigen Kristall zu suchen – sie ließ sich einfach auf alle viere nieder, sammelte die zerstreuten Edelsteine ein und ließ sie in ein Stück Stoff gleiten, das sie von ihrem ohnehin ruinierten Rock abgerissen hatte. Sobald sie alle Kristalle beieinander hatte, floh sie durch die Tür am anderen Ende des Raumes.
Ohne auch nur einen einzigen weiteren Gedanken an vorsichtigeres Vorgehen zu verschwenden, stürmte Zanna die hölzerne Treppe hinunter und gelangte in das Refektorium im unteren Stockwerk. Dort jedoch hielt sie zunächst einmal inne, während ein Schaudern sie durchlief und sie sich mit dem Rücken gegen die Tür lehnte wie ein gehetztes Tier. Vor ihren Augen drehte sich alles, und ihre Knie hatten sich in Pudding verwandelt. Sie blickte hinunter auf das stinkende, klebrige Blut, das ihre Hände und ihren Leib beschmierte, krümmte sich jäh zusammen und übergab sich. Als ihr Magen schließlich leer war, richtete sie sich mit zitternden Gliedern auf und wischte sich automatisch den Mund mit den blutigen Händen ab – ein Fehler, der sie von neuem würgen ließ. Mit gewaltigen, schluchzenden Atemstößen zwang Zanna sich zur Ruhe. Sie hatte einen Mann getötet: Nun, im Augenblick blieb ihr keine Zeit, darüber nachzudenken. Ihr Vater brauchte sie, und sie mußte sich beeilen.
Alle Geräusche aus dem Raum über ihr waren jetzt verstummt. Ganz langsam begann Zanna zu begreifen: Wenn wirklich irgend jemand Janoks Schreie gehört hätte, müßte dieser Jemand schon lange hier sein. Die Tatsache, daß die Dienerquartiere sowohl von der Küche als auch von den Wachposten auf der anderen Seite des Hofs sehr weit entfernt waren, hatte sie gerettet. Eine Woge der Erleichterung schlug über ihr zusammen. Sie ließ sich an einer mondlichtbeschienenen Stelle vor dem Fenster auf die Knie sinken und wünschte, sie hätte soviel Vernunft gehabt, an die Kerze zu denken. Nun, da würde es wohl beim Wünschen bleiben müssen. Sie würde jedenfalls ganz bestimmt nicht wieder dort hinaufgehen, vorbei an Janoks Leiche, um sie zu holen – für nichts auf der Welt.