Die Kristalle, die sie jetzt aus ihrem notdürftigen Beutel kullern ließ, klapperten über die hölzernen Dielenbretter. Das schwache, kalte Licht ließ sie rätselhaft funkeln, doch nur zwei bargen das Glitzern hellen Feuers in ihren Herzen: der dunkelrote und der blausilberne Edelstein. Aber irgendwo mußte noch ein weiterer sein, einer, in dem ein schwacher grüner Funke schlummerte. Zanna hielt die Kristalle einen nach dem anderen ins Mondlicht und spähte in ihre mit Juwelen besetzten Tiefen, bis sie den gefunden hatte, nach dem sie suchte. Wie eine Statue kniete sie im Licht des Mondes, wölbte die Hände über den Kristall und konzentrierte sich mit einem Gebet an alle Götter, die sie kannte, auf das Bild der Lady Aurian.
12
Ein Hilfeschrei
Was Aurian an der Xandim-Festung am besten gefiel, war die Tatsache, daß sich das Innere so vollkommen vom Äußeren unterschied. Während das riesige Gebilde von außen stämmig und solide wirkte und aus geraden Linien und scharfen Winkeln bestand, konnte doch jeder, der Augen hatte, sofort erkennen, daß die Wände des Gebäudes in ihrem Innern kein totes, von Menschen geschaffenes Artefakt beherbergten, sondern ein lebendes Wesen. Die Flure und Kammern hatten Böden und Wände, die ohne sichtbare Verbindung ineinander wuchsen; die gewölbten Decken wiesen Rippenmuster auf, die wie Knochen aussahen: alles, angefangen von den Fenstern bis zu den Feuerstellen, von den Oberschwellen der Türen und den Fackelhaltern, von den Bänken, die genau in der richtigen Höhe aus den Wänden hervorsprangen, um Menschen bequeme Sitze zu bieten, bis hin zu den breiten Steinvorsprüngen, die die Xandim mit Schaffellen und Heidekraut bedeckten, so daß sie bequeme Betten ergaben – das alles ging so nahtlos und fließend ineinander über, daß es sich nur um ein organisches Etwas handeln konnte.
Chiamh hatte die Magusch und ihre Begleiter in einer Zimmerflucht auf der Rückseite der Festung untergebracht, in einem quadratischen Türmchen, das sich über den Hauptteil des Gebäudes erhob und bis zu den Felsen reichte, die sich dahinter auftürmten. Der wuchtige kleine Turm hatte zwei Stockwerke, die jeweils aus einer ganzen Anzahl kleiner, miteinander verbundener Zimmer bestanden. Das obere Stockwerk erreichte man durch eine Wendeltreppe, die unten mit einer schweren Tür versperrt werden konnte und so unerwünschte Besucher abhielt. Die Räume waren eng, aber gemütlich und leichter zu heizen als die riesigen, von Echos erfüllten Hallen im Hauptteil des Gebäudes, und jeder fühlte sich sicherer, wenn er mit den anderen zusammenblieb. Selbst Parric hatte sich – sehr zum offensichtlichen Ärger der Xandim-Älteren – geweigert, die offiziellen Quartiere des Rudelfürsten zu beziehen. Auch er hatte es vorgezogen, mit seinen Freunden zusammenzusein.
Aurian und Anvar teilten sich zwei Kammern im oberen Stockwerk mit Shia, Khanu und den Wölfen; Bohan und Yazour bewohnten angrenzende Zimmer, und Chiamh schlief in einem Nebenzimmer dahinter. Schiannath und Iscalda, die sich nach ihrer Verbannung ihrer Stellung unter den Xandim immer noch ein wenig unsicher waren, hatten es ebenfalls vorgezogen, bei den Magusch zu bleiben Sie teilten sich das untere Stockwerk mit Parric und Sangra. Nach Elewins Tod hatte Yazour beschlossen, nach unten zu ziehen, um bei Schiannath und Iscalda zu sein, mit denen er sich schnell angefreundet hatte. Das erleichterte die Situation in dem überfüllten oberen Stock ein wenig, denn die großen Katzen nahmen erstaunlich viel Platz ein, und die Wölfe zogen es vor, ein kleines Gebiet für sich allein zu haben, fern von allzu großer menschlicher Störung. Sie hatten sich eine Höhle unter dem Tisch geschaffen und ein Loch in die Strohmatten gescharrt, um sich ein Bett zu schaffen, das Aurian schließlich mit den Überresten ihres zerfetzten, fadenscheinigen alten Umhangs ausgestattet hatte.
Chiamh, der auch an die Bedürfnisse des nichtmenschlichen Teils ihrer Gesellschaft dachte, hatte dieses Quartier mit großer Sorgfalt ausgewählt. Die Kluft zwischen dem Fenster von Bohans Zimmer und den Felsen maß kaum mehr als zwei Spannen, und er hatte eine grobe, aber funktionstüchtige Brücke konstruiert, über die Shia und die Wölfe Zugang zu einer Reihe von schmalen Felsvorsprüngen fanden, von denen aus sie mühelos auf den Windschleierberg gelangten; dort konnten sie nach Herzenslust jagen oder einfach auch nur umherziehen, ohne zwischen den vielen Xandim, die sowohl in als auch vor der Festung hausten, Spießruten laufen zu müssen.
Obwohl sich Aurian und Anvar noch nicht lange in diesem Quartier aufgehalten hatten, war der kleine Raum in diesem entlegenen Winkel der Festung doch bereits angefüllt mit Zeichen ihrer Gegenwart. Gestützt auf Parrics Autorität als Rudelfürst, stellten sie eine neue Ausrüstung für ihre Rückreise nach Norden zusammen. Auf dem Bett und auf den Bänken stapelten sich Kleider, zu denen auch Hosen und Röcke aus weichem Leder zählten, Hemden aus Leinen und Wolle, Stiefel aus kräftigem, aber geschmeidigem Fell und lange, dicke Mäntel aus gesponnener Wolle, die in den verschiedenen Grün- und Goldtönen des Graslands gefärbt waren, dazu Umhänge aus einer dünnen, öligen Haut, die in den Satteltaschen nur wenig Platz einnahmen, ihnen aber bei Regen gute Dienste leisten würden.
In Aurians Augen sah der Raum warm und heimelig aus. Ein rußverschmierter Kupfertopf voller Wasser dampfte über der lodernden Flamme in einem großen Kamin leise vor sich hin. Auf dem Tisch häuften sich Teller und Tassen aus Horn oder Knochen, daneben standen ein Krug mit Wasser, eine Karaffe Bier und eine Flasche Milch. Auch kleine Lederbeutel voller trockener Beeren, Blüten und Blätter, mit denen man verschiedene Tees zubereiten konnte, waren dort zu finden, sowie Notvorräte an Brot, Käse und Früchten, denn von ihrem Quartier aus war es ein weiter Weg zu den Speisekammern und Vorratsräumen der Festung.
Der Stab der Erde und die Harfe der Winde lehnten hinter dem Bett der Magusch in einer Ecke an der Wand, sicher geschützt vor neugierigen Händen und unachtsamen Füßen. Ihr vereintes Leuchten – eine changierende Mischung aus Grün und schimmerndem Silber – wetteiferte mit dem wärmeren, safranfarbenen Glühen von Lampen und Feuer und wirkte wie ein durch zahllose Blätter gefiltertes Sonnenlicht auf die Gesichter derer, die sich in dem Raum aufhielten.
Aurian, die mit Wolf auf dem Schoß neben Anvar auf dem Bett saß, lauschte mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen Basileus’ Schilderung der Geschichte der Moldan. Shia und Khanu waren noch nicht wieder von ihrem Besuch bei Hreeza auf dem Stahlklaueberg zurückgekehrt, und Bohan lag im Nebenzimmer und schlief. Parric und Sangra, denen es nicht möglich war, an dem unheimlichen, in Gedanken stattfindenden Gespräch zwischen den Magusch, dem Moldan und dem Windauge teilzunehmen, waren losgezogen, um auf das Gedenken Elewins zu trinken. Chiamh, der Basileus’ Geschichte schon einmal gehört hatte, achtete kaum auf die Worte des Elementarwesens. Statt dessen beobachtete er mit entzückter Faszination das Spiel, das die Magusch miteinander spielten, während sie dem Moldan lauschten.
Das Spiel gestaltete sich folgendermaßen: Aurian hob den Arm, um über der Innenfläche ihrer Hand einen kleinen grünen Feuerball aufblühen zu lassen – wie eine sich entfaltende Knospe. Diesen warf sie dann mit einer schnellen, ruckartigen Geste hoch in die Luft. Dem Diktat ihres Willens folgend, kreiste und wirbelte der Ball anschließend zwischen Wandbehängen, Fackelhaltern und Möbeln hindurch. Anvar folgte Aurians Flammengebilde mit einer eigenen durchscheinenden Kugel aus blauem Feuer und versuchte, Aurians Ball zu fangen, der wieselflink durch die Kammer schoß; die Schwierigkeit lag in diesem Falle natürlich in der Tatsache, daß die beiden Magusch außerdem noch den Worten des Moldans lauschten. Aurian benutzte dieses Spiel, um ihrem Seelengefährten Gelegenheit zu geben, seine Fähigkeiten im Bereich der Feuermagie zu verbessern, die noch nie seine starke Seite gewesen war und darüber hinaus eine Form der Macht, bei der ihm die Harfe der Winde, deren Element die Luft war, nicht helfen konnte. Anvars Feuerbälle zeigten eine unübersehbare Tendenz, launisch und ziellos durchs Zimmer zu huschen, wobei sie eine Spur kobaltblauer Funken hinter sich her zogen. Chiamh, der die ungelenken Versuche Anvars kritisch beäugte, fand, daß dem Magusch ein wenig Übung wirklich nicht schaden konnte.