Während der Moldan mit seiner Erzählung weiter fortschritt, vergaßen die beiden jedoch nach und nach ihr Spiel und überließen es ihren vernachlässigten Feuerbällen, sich wie ein Glühwürmchenschwarm unter der gerippten steinernen Decke zu versammeln. Es gab keinen Zweifel daran, daß Basileus sowohl Aurian als auch Anvar in den Bann seiner Geschichte gezogen hatte, und Chiamh bewunderte die Klugheit und das Talent des Erdelementarwesens, dem es gelang, vor allem Aurian davon abzuhalten, einige überaus unangenehme Fragen zu stellen.
Aurian hatte jedoch eine ganze Menge Fragen, die sie Basileus gern gestellt hätte. Obwohl sie sich immer noch darüber ärgerte, daß der Moldan sich weigerte, ihr den Inhalt seines privaten Gesprächs mit Chiamh zu verraten, vertraute sie doch dem Windauge und schenkte nun nach und nach auch Basileus ihr Vertrauen. Außerdem war sie durchaus in der Lage, unverrückbare Sturheit zu erkennen, wenn sie ihr begegnete: Wie Anvar ihr hinterhältig ins Gedächtnis gerufen hatte, war Halsstarrigkeit auch ein Teil ihres eigenen Charakters. Obwohl der Moldan ihr versichert hatte, daß das, was er mit Chiamh besprochen hatte, lediglich die Xandim anging und nichts mit ihr zu tun habe, lag es doch in der Natur der Magusch, neugierig zu sein und sich einmischen zu wollen. Dieselbe Neugier hatte sie jedoch dazu verleitet, die Angelegenheit für den Augenblick ruhen zu lassen (die Chancen, Chiamh die gewünschte Information zu entlocken, standen ohnehin besser), um sich statt dessen der unglaublichen Erfahrung hingeben zu können, mit einem Wesen zu sprechen, das so alt war wie die Berge selbst.
»Und du sagst, dieser verrückte Moldan sei in den Tunneln unter der Akademie gefangen?« fragte sie Basileus erschrocken.
»So ist es – und so war es schon seit vielen, vielen langen Jahrhunderten. Und wenn Ghabal schon zuvor wahnsinnig gewesen ist, wage ich kaum, mir vorzustellen, in welchem Zustand sein Geist sich jetzt befinden muß.«
Anvar, der das Glück gehabt hatte, eine Auseinandersetzung mit einem dieser machtvollen Erdelementarwesen zu überleben und der außerdem Hunderte von Stunden mit Finbarr in eben jenen Tunneln zugebracht hatte, war nicht weniger entsetzt. »Bei den Göttern, ich hoffe nur, daß Miathan ihn da unten nicht findet.« Er erschauderte. »Eine solche Entdeckung würde möglicherweise unsere Probleme mit dem Erzmagusch lösen, uns aber in Nexis vor größere Schwierigkeiten stellen, als wir sie je zuvor gehabt haben – das heißt, falls es dann überhaupt noch eine Stadt gibt, in die wir heimkehren können.« Mit einem Frösteln überlegte er, ob Basileus wohl von seinem, Anvars, Kampf mit der Moldan des Aerillia-Gipfels wußte – und wenn nicht, wie er reagieren würde, wenn er es herausfände.
»Fordere keine Schwierigkeiten heraus, wenn du’s vermeiden kannst«, warnte Aurian ihn, wobei sie sich nicht auf die Worte bezog, die er laut ausgesprochen hatte, sondern auf den kleinen, furchtsamen Gedanken, den sie von ihrem Seelengefährten empfangen hatte. Bevor Anvar jedoch etwas erwidern konnte, war Aurian sicher, eine andere Gedankenstimme gehört zu haben – einen dünnen, schwachen Ruf, der von sehr weit weg zu kommen schien.
»Hat das noch jemand gehört?« fragte die Magusch scharf.
»Was gehört?« Anvar schien verwirrt zu sein.
»Ich hätte schwören können, daß ich ganz schwach irgendwo in meinen Gedanken eine fremde Stimme meinen Namen habe rufen hören.«
»Ich habe nichts gehört«, sagte der Moldan.
»Ich auch nicht.« Chiamh schüttelte den Kopf.
»Dann habe ich es mir wohl eingebildet.« Aurian rieb sich die Augen. »Vielleicht wird es Zeit, daß wir alle etwas Schlaf bekommen. Wir haben morgen wieder einen schwierigen Tag vor u … Da ist es wieder!«
Während sie den anderen bedeutete, zu schweigen, schloß sie die Augen und bemühte sich mit jeder Faser ihres Wesens, das schwache Wispern eines Gedanken aufzufangen: den leisen, aus weiter Ferne kommenden Ruf ihres Namens. Einen Augenblick war nichts zu hören. Hatte sie sich das nun eingebildet oder nicht? Aber nein! Plötzlich war es wieder da: »Herrin … Lady Aurian? O bitte, sei da. Bitte antworte mir – bitte.«
»Da ist jemand – und dieser Jemand ruft um Hilfe«, erklärte Aurian ihren Kameraden. »Der Ruf ist sehr schwach, aber wenn ich meine Kraft mit Hilfe des Stabes auflade, kann ich den Rufer wahrscheinlich erreichen.« Hastig beugte die Magusch sich vor und angelte nach dem Artefakt.
»Sei vorsichtig«, warnte Anvar sie. »Was ist, wenn es Eliseth ist? Sie könnte vielleicht wieder versuchen, dir eine Falle zu stellen, so wie seinerzeit in der Wüste.«
Aurian runzelte die Stirn. Nur ungern erinnerte sie sich daran, daß die Wettermagusch sie beinahe verleitet hätte, sich selbst und Anvar zu töten. »Ich hoffe fast, daß es Eliseth ist«, erwiderte sie grimmig. »Jetzt, da ich meine Kräfte wiederhabe, wird sie feststellen, daß sich die Dinge seit dem letzten Mal ganz gehörig gewandelt haben.«
Als die Magusch ihre Finger um den Stab schloß, spürte sie, wie seine Macht geschmolzenem Feuer gleich durch ihre Adern schoß. Ihre eigene Magie flammte mit jäher Wildheit auf, gestärkt durch die Kraft des Artefakts. »Anvar, Chiamh«, sagte sie schnell, »haltet den Stab fest, damit ihr eure Gedanken mit den meinen verbinden könnt. Was es auch sei, ich möchte, daß ihr es ebenfalls hört.« Als sie spürte, daß die Gedanken ihrer Freunde mit ihren eigenen verbunden waren, schloß sie die Augen und konzentrierte sich mit aller Macht auf das schwache, ferne Gedankenflüstern.
Nachdem Aurian ihr Bewußtsein jenem leisen Ruf entgegengestreckt hatte, schien die Gedankenstimme auf sie zuzuspringen, als sei der Rufer bisher in einem Zimmer eingesperrt gewesen, dessen Tür sich plötzlich geöffnet hatte. Die Stimme, die nach ihr gerufen hatte, war nun verzweifelt und den Tränen nahe.
»Hier bin ich!« durchbrach Aurian das verängstigte Flehen. »Wer bist du?«
»Lady Aurian? Bist du das wirklich? Oh, den Göttern sei Dank! Ich habe nicht geglaubt, daß ich dich jemals finden würde. Herrin – ich bin es, Zanna. Vannors Tochter …«
»Was? Wie, in aller Welt, hast du es geschafft, mich auf diese Weise zu erreichen?«
»Durch einen Kristall, Herrin. Einen von denen, die du in der Akademie benutzt hast, um die Diener herbeizurufen. Ich habe mich als Dienerin ausgegeben und bin hierhergekommen, um die Magusch auszuspionieren, aber jetzt, da der Erzmagusch meinen Vater gefangen hat …«
Mit wachsendem Entsetzen lauschte Aurian Zannas Geschichte. Wie lange war es her, überlegte sie voller Schuldbewußtsein, daß sie zum letzten Mal auch nur einen einzigen Gedanken an Vannor verschwendet hatte? Sie hatte den Kaufmann immer gern gehabt, und sich vorzustellen, daß er sich hilflos und gequält in den grausamen Händen von Miathan und Eliseth befand, ließ ihr das Blut in den Adern erstarren. Und was Zanna betraf … Die Magusch war zutiefst überrascht von dem Mut und der Kühnheit des jungen Mädchens – und entsetzt, daß sie selbst Vannors Tochter mit ihrem Verhalten ein Beispiel gegeben hatte. Meine Güte, dachte die Magusch, sie ist doch kaum mehr als Kind – und mußte schleunigst ihre Meinung ändern, als Zanna ihr erzählte, wie Janok zu Tode gekommen war.