»Aber nun könnte jederzeit jemand bemerken, daß er verschwunden ist«, endete Zanna, »und ich muß meinen Vater heute nacht von hier fortschaffen – danach haben wir keine Chance mehr. Aber wie kann ich ihn aus dem Maguschturm herausbringen, und selbst wenn ich das schaffe, was machen wir dann? Vater hat mir erzählt, daß es unter der Bibliothek einen Weg durch die Tunnel gibt, aber die Tür zu den Archiven ist immer verschlossen, und ich kann nicht hinein …«
»Doch, das kannst du«, erwiderte Aurian schnell. »Und ich erkläre dir jetzt, wie du es anstellen mußt. Aber nimm den Kristall mit für den Fall, daß du noch einmal mit mir sprechen mußt – und außerdem«, fügte sie lächelnd hinzu, »möchte ich wissen, wie die Sache ausgeht. Jetzt hör mir genau zu, Zanna. Du mußt folgendes tun …«
Nachdem sie dem Mädchen ihre Anweisungen gegeben hatte, blieb Aurian nichts anderes übrig, als sich mit einigem Unbehagen von Zanna zu verabschieden. Sie hatte versucht, tröstend und ermutigend zu klingen, aber in ihrem Herzen wußte sie, daß es noch eine ganze Menge gab, was bei Vannors Flucht schiefgehen konnte.
»Versuch, dir nicht allzu große Sorgen zu machen«, meinte Anvar. »Du hast alles getan, was du tun konntest, und Zanna mangelt es weder an gesundem Menschenverstand noch an Mut. Stell dir nur vor, ein junges Mädchen wie sie, und sie hat Janok getötet!« In seinen Augen blitzte wilde Freude auf, und Aurian erinnerte sich daran, wie sehr er unter dem brutalen Küchenmeister zu leiden gehabt hatte – und wie eben jenes Martyrium dazu geführt hatte, daß sie ihn schließlich kennenlernte.
Bevor sie jedoch Zeit für eine Antwort fand, brachte ein gewaltiges gedankliches Brüllen, das laut genug war, um ihr fast das Gehirn aus dem Schädel zu blasen, alle anderen Überlegungen mit Macht zum Schweigen.
»Aurian – schnell! Deine schwachsinnigen Pferdeleute schießen auf uns!« Die Stimme, die durch die Gedanken der Magusch hallte, gehörte Shia.
»Hölle und Pest über sie!« Fast noch bevor ihr die Worte über die Lippen gekommen waren, hatte Aurian Wolf seinen Pflegeeltern übergeben und war aus dem Zimmer gestürzt, Anvar nur um den Bruchteil einer Sekunde hinter sich. Chiamh stolperte, so schnell er konnte, hinter den beiden her – aber er hatte mehr Verstand, als ihnen nachzurufen, daß sie auf ihn warten sollten. Statt dessen hämmerte er auf die Türen von Parrics Kammer, um den Rudelfürsten vor den bevorstehenden Schwierigkeiten zu warnen. Parric und Sangra, die glücklicherweise noch nicht völlig betrunken waren, kamen sofort heraus, gefolgt von einer zerzausten Iscalda, die sich ihre verschlafenen Augen rieb. Schiannath und Yazour jedoch waren nirgendwo zu finden.
Die Magusch waren kaum am Fuß der Treppe angelangt, als sie von einer dringenden Warnung des Moldans aufgehalten wurden: »Zauberer – seid auf der Hut. Die Xandim haben gegen euch und den Rudelfürsten die Waffen ergriffen. Sie sind schon bis zu den äußeren Türen vorgedrungen und rücken gerade in diesem Augenblick auf euch zu.«
Anvar murmelte einen zornigen Fluch. Dann, wie auf ein unsichtbares Signal hin, stürzten die beiden Magusch gleichzeitig die Treppe hinauf und verriegelten die Tür hinter sich. Aurian hatte jetzt auch wieder Kontakt mit Shia: Die Katzen, die sich auf ihre Nachtsicht verlassen konnten, hatten es bisher geschafft, den Pfeilen auszuweichen und sich auf den Berg zu flüchten. Anscheinend versuchten die Bogenschützen der Xandim gerade, genug Mut zusammenzuraffen, um die Verfolgung aufzunehmen – ein törichtes Unterfangen schon bei Tageslicht, bei Dunkelheit jedoch reiner Wahnsinn. Aurian berichtete Shia mit knappen Worten, was sich innerhalb der Festung ereignet hatte, und warnte ihre Freundin, nur ja nicht zurückzukehren. »Wenn sie euch weiter auf den Fersen bleiben, lauft zu Chiamhs Tal – sobald ihr an den hohen stehenden Steinen vorbei seid, werden sie es nicht wagen, euch weiter zu verfolgen.«
»Nur, wenn uns keine andere Wahl bleibt«, beharrte Shia. »Ich möchte wenigstens so weit in eurer Nähe bleiben, daß ich euch, wenn nötig, helfen kann.«
Auf dem ersten Treppenabsatz trafen sie auf Chiamh und die anderen. »Schiannath und Yazour sind irgendwo in der Festung«, erklärte das Windauge den beiden Magusch mit grimmigem Gesichtsausdruck. »Wir müssen sie finden und warnen, wenn es nicht schon zu spät ist.«
»Das ist es nicht«, sagte der Moldan zu jenen, die ihn hören konnten. »Sie sind über einen Seitengang zu den Lagerräumen gegangen. Bisher hat man sie noch nicht entdeckt.«
Als Chiamh die Nachricht weitergab, drängte sich Iscalda zwischen den anderen hindurch. »Ich werde gehen. Schiannath ist mein Bruder.«
»Warte.« Anvar legte ihr eine Hand auf den Arm, um sie aufzuhalten. »Ich gehe. Basileus kann mich zu ihnen führen.« Als er sah, daß Aurian den Mund öffnete, um sich ebenfalls für diese Aufgabe anzubieten, zögerte er nicht lange, ihr zuvorzukommen. »Nein, meine Liebste. Ich bin ganz offensichtlich der Richtige für diese Unternehmung – du hast dich noch immer nicht ganz von deiner Verwundung und dem Kampf auf Stahlklaue erholt. Ich bin viel schneller, wenn ich allein gehe.«
Aurian sah ihn finster an. »Verwünscht!« murmelte sie. »Ich hasse es, wenn du recht hast. Also gut. Aber paß auf dich auf – und komm schnell zurück.« Sie begleitete ihn bis zum Fuß der Treppe und preßte ihn fest an sich, bevor sie ihn endlich gehen ließ. Anvar hörte das Krachen des Riegels, der hinter ihm wieder vorgeschoben wurde, und erschauerte. Plötzlich fühlte er sich sehr unsicher – und furchtbar allein. »Du und deine blöden Heldentaten«, murmelte er bei sich. Dann wandte er sich nach links und lief flugs den Korridor hinunter. Je eher er wieder hinter der zweifelhaften Sicherheit dieser dicken Eichentür verschwinden konnte, um so besser würde er sich fühlen.
Schiannath hatte Yazour durch die Gewölbe unter den Lagerräumen geführt – vor allem durch den Teil der Keller, in dem die Xandim ihre Vorräte an Bier und Met aufbewahrten. Die eigentlichen Küchen in dem gewaltigen Bau waren eher primitiv, denn das Pferdevolk zog es vor, den größten Teil des Kochens – und übrigens auch des Essens – im Freien vorzunehmen, wobei aber von jeder einzelnen umherwandernden Schar erwartet wurde, daß sie einen Teil ihrer Beute in die Festung brachte, damit auch die Alten und Kranken, die dort lebten, zu essen hatten. Diese Bewohner, die für gewöhnlich nicht selbst auf die Jagd gehen konnten, machten das Essen dann haltbar, so daß sie für Notfälle wie Belagerungen oder Dürrezeiten gerüstet waren.
Die alten Leute waren auch die Bierbrauer des Stamms und tauschten die Ergebnisse ihrer Mühen gegen andere Dinge, die die Jäger und Handwerker besaßen. Ihre Vorräte an berauschenden Getränken waren zwar für gewöhnlich unbewacht, wurden aber nach einem fairen Tauschsystem verteilt, das die meisten Xandim von sich aus zu achten bereit waren. Trotzdem hatte Schiannath, nachdem er die ganze Nacht über mit Yazour Kriegergarn gesponnen hatte und ihnen das Bier ausgegangen war, keinen Augenblick gezögert, eine Expedition in diese Gewölbe zu unternehmen, um sich noch etwas zu trinken zu ›organisieren‹. Yazour wußte nicht, daß das genau die Art von schlechtem Benehmen war, die seinen Freund schon früher mit den Älteren und dem Rudelfürsten in Schwierigkeiten gebracht hatte.
Trotz der vollmundigen Versicherungen des jungen Xandims, daß sie nichts zu befürchten hätten, beschlich Yazour ein Gefühl des Unbehagens, während er sich durch die große Falltür in den hinteren Teil des Lagerraums geleiten ließ, von dem aus man über eine steinerne Treppe hinunter in die Kellergewölbe gelangte. Zuerst hatte er einfach angenommen, das bereits getrunkene Bier habe seine Phantasie über Gebühr entflammt. Es war sehr kalt hier unten, und die Luft fühlte sich trocken, tot und drückend an. Während sie durch den niedrigen, überwölbten Gang wanderten, hallte das verstohlene Echo ihrer Schritte von den abgerundeten Wänden schaurig wider, bis sie schließlich von einem Geräusch umgeben waren, das wie das Schlagen Hunderter kleiner Flügel klang. Die bernsteinfarbene Flamme der Fackel flackerte in Schiannaths erhobenen Händen und ließ die Schatten der Männer an den Wänden auf und nieder hüpfen, als hätten sie ein eigenes Leben. Yazour fühlte sich auf höchst unangenehme Weise an Aurians grauenerregende Geschichte von den Todesgeistern erinnert.