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»Was? Warum, zum Teufel, hast du mich nicht davor gewarnt, daß man sie gefangengenommen hat?« protestierte Anvar empört.

»Ich warne dich jetzt.« Basileus klang völlig ungerührt. »Dich früher in Sorge zu versetzen, hätte keinen Sinn gehabt. So, Zauberer – nun bleib stehen und paß gut auf. Die nächsten zwei Biegungen werden uns in die Lagerräume bringen. Du mußt auf einen Kampf vorbereitet sein.«

Im Treppenhaus des Türmchens waren Aurian und ihre Kameraden vollauf damit beschäftigt, sich ebenfalls zum Kampf vorzubereiten. Die Magusch und Parric bewachten die Tür und lauschten mit wachsendem Unwillen dem immer lauter werdenden Getöse feindlicher Stimmen auf der anderen Seite. Man hatte sie auch schon zur Kapitulation aufgefordert, ein Ansinnen, das sie rundweg ablehnten. Sangra und Iscalda warteten mit gezückten Schwertern weiter oben auf der Treppe, während Bohan im Zimmer der beiden Magusch blieb, um Wolf zu beschützen. Das Windauge saß, wie eine Stoffpuppe in sich zusammengesunken, auf der untersten Treppenstufe, während sein Geist seinen Körper verlassen hatte, um auf einem winzigen Fetzen Zugluft zu reiten, der durch die Ritzen der Eichentür hereinwehte; auf diese Weise war es ihm möglich, den Feind auf der anderen Seite zu beobachten.

»Sie sind mit Schwertern, Bögen und Äxten bewaffnet.« Chiamhs Stimme hallte hohl in Aurians Kopf wider. »Außerdem haben sie Fackeln bei sich. Wir können sie nicht lange genug aufhalten – vor allem, wenn sie Feuer einsetzen. Wir müssen zur Flucht bereit sein.«

Aurian biß sich auf die Lippen. »Verdammt, Chiamh, ich werde nirgendwohin fliehen. Nicht ohne Anvar.« Sie spürte, wie sich der Kavalleriehauptmann neben ihr versteifte, und bevor er auch nur die Chance hatte, den Mund zu öffnen, fauchte sie: »Was es auch sei, Parric, ich will es nicht hören.«

Chiamhs Augen öffneten sich weit, als er schließlich wieder in seinen Körper zurückkehrte. »Ich will nicht vorschlagen, daß wir Anvar im Stich lassen. Dennoch müssen wir uns bereitmachen«, sagte er entschlossen. »Der einzig mögliche Fluchtweg, auf dem wir dieser Falle entkommen können, ist der Weg, den die Tiere nehmen – über die Planke und hinauf auf …«

Aurians Blut wurde plötzlich kalt bei dem Gedanken an diese zerbrechliche, notdürftige Brücke und an die schmalen Felsvorsprünge und die halb zerfallenen Ziegenpfade, die sich dahinter verbargen. Ihre Flüche übertönten Chiamhs nächsten Worte – und wurden ihrerseits von dem Krachen einer Axt übertönt, die sich tief in die Tür bohrte. Bevor irgend jemand Zeit fand zu reagieren, erbebten die Paneele schon unter dem nächsten schweren Schlag.

»Komm raus, du verräterisches Ungeheuer, bevor ich reinkomme, um dich und diese widerlichen, stinkenden Fremdländer, mit denen du dich angefreundet hast, eigenhändig zu holen.«

Ein drittes splitterndes Krachen hinterließ einen dünnen Riß in dem hölzernen Paneel.

In Chiamhs sanften braunen Augen funkelte heißer Zorn auf. »Galdrus! Das hätte ich mir denken können«, murmelte das Windauge. »Rauskommen, wahrhaftig! Na, das werden wir ja sehen.« In seine Augen trat ein silbernes Leuchten, während er die schwirrende Zugluft zu einem Trugbild formte und sich gleichzeitig mit aller Kraft bemühte, es auf der anderen Seite der Tür erscheinen zu lassen.

In der Zwischenzeit verfolgte die Magusch ihre eigenen Gedanken – und versuchte, die Wölfe im oberen Stockwerk zu erreichen. Schnell entwarf sie ein Bild von der Gefahr, in der sie sich befanden, gefolgt von einer Reihe geistiger Bilder, welche die beiden Tiere zeigten, wie sie Wolf packten und ihn über die Brücke trugen, von dort die Felsen hinauf und über das Plateau zu den Katzen in den sicheren Schutz von Chiamhs Tal. Solange es ihnen nur möglich war, Bohan auszuweichen, würden sie keine Probleme haben. Aurian wußte, daß der Eunuch, der immer eifersüchtig mit ihnen um die Fürsorge für ihren Sohn stritt, den Wölfen folgen und sich auf diese Weise in Sicherheit bringen würde; obwohl er (wie sie zu allen Göttern betete) wahrscheinlich nicht schnell genug sein würde, um die beiden Tiere zu fangen.

Dann nahm sie kurz Kontakt zu Shia auf, die – wie Aurian vermutet hatte – immer noch mit Khanu oben auf dem Felsweg kauerte.

»Bist du wahnsinnig?« murmelte die große Katze, als die Magusch ihre Pläne erläuterte. »Ach, egal – ich komme runter, um ihnen zu helfen, bevor dieser schwerfällige große Ochse noch abstürzt und versehentlich irgend jemandem den Kopf weghaut. Khanu wird den Klippenweg bewachen – obwohl deine hühnerherzigen Grasfresser bisher keine Anstalten gemacht haben, uns anzugreifen.«

Shia und der Eunuch waren immer schon durch ein ganz besonderes Band miteinander verbunden gewesen, und Aurian war erleichtert, daß die Katze bei der Hand sein würde, um ihm zu helfen. Nachdem sie für Wolf und Bohan getan hatte, was sie konnte, ging sie beherzt daran, Chiamh zu helfen, der eindeutig seine eigenen Schwierigkeiten hatte.

Bohan stand steif vor Anspannung an der Tür von Aurians und Anvars Zimmer und spitzte die Ohren, damit ihm auch nicht das leiseste Geräusch aus dem Treppenhaus entging und er endlich erfuhr, was sich dort unten ereignete. Das Schwert, das er mit einer seiner riesigen Hände umfaßt hielt, sah vor seinem gewaltigen Leib wie ein Spielzeug aus, während er die Wölfe bewachte, die ihrerseits Aurians Sohn beschützten.

Von ihrer Höhle unter dem Tisch beobachteten zwei Augenpaare, die im Widerschein des Feuers grün aufblitzten, als der Eunuch zu ihnen schaute. Das Weibchen war ein klein wenig hinter ihrem Gefährten in Deckung gegangen, um das Junge zu schützen, das ihrer Fürsorge anbefohlen war. Die Aufgabe hatte sich als schwieriger erwiesen, als sie erwartet hatten. In den vergangenen Tagen hatten sich Wolfs Augen vollends geöffnet, und er hatte sich zu einem kleinen grauen Bündel Neugier entwickelt, das auf stämmigen, unsicheren Beinen und mit dem ganzen unbezähmbaren Eifer, der allen neugeborenen Geschöpfen eigen ist, seine Umgebung erkundete. Und genau wie alle kleinen Geschöpfe, die von Geburt an verhätschelt und beschützt wurden, hatte auch er keine Ahnung von den Gefahren, die auf ihn lauerten. Er konnte die Gestalt und den Geruch seines vertrauten und geliebten Freundes Bohan erkennen, der direkt neben ihm stand, und er wollte spielen. Wieder und wieder versuchte er, seinen Beschützern zu entkommen und zu dem Eunuchen hinüberzugelangen, während das Wolfsweibchen ihn immer wieder mit einem sanften Pfotenhieb und einem leisen, aber warnenden Knurren aufhielt. Mittlerweile war das Junge so frustriert, daß es leise vor sich hin wimmerte.

Bohan versteifte sich, als er diesen leisen Laut hörte, der Wolfs Unbehagen verriet. Es war ihm von Anfang an verhaßt gewesen, seine Verantwortung für das Junge an die Wölfe abzutreten. Da ihm Aurians Maguschfähigkeit, mit den Wölfen zu reden, fehlte, sah er in ihnen nur wilde, gefährliche Tiere und vertraute ihnen nicht. Den Hauptwiderspruch in seinen Gedanken – daß nämlich Wolf selbst ebenfalls ein solches Tier war – übersah er geflissentlich. Das Junge war Aurians Sohn und verzaubert, und eines Tages würde er wieder menschliche Gestalt annehmen. Wenn Bohans geliebte Herrin das sagte, so genügte ihm das.

Wolf wimmerte abermals, und der Eunuch schnitt ein finsteres Gesicht. Nur mit Mühe gelang es ihm, den Drang zu bezwingen, das Junge zu ergreifen und es sicher in seinen tiefen Rocktaschen zu verbergen, wie er es sooft getan hatte. Er bückte sich ein wenig, um unter den Tisch zu spähen, als der männliche Wolf ein warnendes Fauchen ausstieß, das Bohan vor Überraschung einen Schritt zurücktreten ließ. Für gewöhnlich schienen die Wölfe immer genau zu wissen, mit wem sie sich die Fürsorge für das Junge teilten, und behandelten Aurians Gefährten wie Mitglieder ihres Rudels.