Выбрать главу

Mit einem plötzlichen Aufblitzen knochenweißer Fangzähne stürzte sich der Wolf sich auf die Kehle des Eunuchen. Bohan, der ohnehin schon fast das Gleichgewicht verloren hatte, ließ sich zurückfallen, und sein Schwert wirbelte fruchtlos durch die leere Luft, während er zu Boden stürzte. In einem Augenblick blinden Entsetzens wartete er darauf, daß sich die mörderischen Zähne in sein Fleisch senkten – aber sein Angreifer war nicht mehr da. Das Wolfsweibchen sprang derweil, das Junge vorsichtig zwischen seine Kiefer geklemmt, auf das offene Fenster zu, während ihr Gefährte wie ein silberner Blitz hinter ihr her stob. Mit einem einzigen Satz hatten sie das Fenstersims erreicht und waren verschwunden.

In Bohans Gehirn gellte ein Schrei des Zorns und der Angst wider, den seine stumme Kehle nicht zu äußern vermochte. Aurian hatte ihm ihren Sohn anvertraut, und er hatte versagt. Ohne auch nur einen Augenblick lang über die Konsequenzen nachzudenken, rannte er zum Fenster und kletterte hinaus auf die unsichere schmale Brücke.

Ein Schweißtropfen glitzerte auf Chiamhs Stirn und spiegelte das unheimliche Silber seiner Augen wieder, während er mit aller Kraft versuchte, sein Phantasiegebilde auf der anderen Seite der Tür aufrechtzuerhalten. Den Dämon hatte er aufgegeben – diese Erscheinung war den Xandim mittlerweile zu vertraut – und statt dessen ein Bild von Shia entworfen, die fauchend vor der Tür stand, mit blitzenden Augen und zornig hin und her schlagendem Schwanz. Zuerst hatte er damit den feindseligen Pöbel vor der Tür übertölpeln können – noch durch die dicken Holzvertäfelungen waren ihre Angstschreie zu hören gewesen. Aber Chiamh konnte das Trugbild jetzt nicht mehr lange halten. Um die Illusion fortdauern zu lassen, mußte er seinen Geist in seinem Körper festhalten. Doch ohne sehen zu können, was sich auf der anderen Seite der Tür ereignete, wußte er nicht, wie genau das Bild war, das er entwarf. Außerdem war es ihm auf diese Weise nicht möglich, auf die Ereignisse zu reagieren. Es war ohnedies eine extrem schwierige Angelegenheit, vor allem, da ihm nur winzigste Fetzchen Zugluft zur Verfügung standen, aus denen er seine Phantasiegebilde weben konnte.

Nur allzu bald war der Schwindel durchschaut. Auf der anderen Seite der Tür erhob sich ein Gejohle höhnischer Schreie und wütender Flüche, und plötzlich war die Axt wieder da, um sich in das schwächer werdende Holz zu fressen. Chiamh stieß einen heftigen Fluch aus, den er von Parric gelernt hatte, wappnete sich und versuchte es noch einmal. Diesmal war das Phantasiegebilde Aurian selbst: Ihre grünen Augen blitzten, der Erdenstab in ihrer Hand stieß smaragdgrüne Feuersäulen aus. Wieder hörte das Windauge die gedämpften Laute zurückweichender Schritte – aber seine Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Fluchend sprang er einen Schritt zurück, während seine Illusion draußen zerfiel und weitere Axthiebe auf die Tür niederprasselten, die unter den wiederholten Angriffen zu bersten begann. Was jetzt?

Das Windauge spürte eine kühle Hand auf seinem Arm und sah sich plötzlich Auge in Auge mit Aurian. Ihre Anwesenheit überraschte ihn – er hatte sich so sehr konzentrieren müssen, daß er ganz vergessen hatte, das sie tatsächlich da war, und nicht nur ihr Trugbild.

»Hier – laß mich dir helfen.« Die Magusch hob die Hand, ihre Augen wurden schmal vor Anstrengung – und das Donnern der Axtschläge ließ nach. Auf der anderen Seite der Tür herrschte eine plötzliche, unheimliche Stille.

»Was hast du gemacht?« stieß Chiamh hervor.

»Ich habe deinen Möchtegern-Holzfäller aus der Zeit genommen.« In ihren Augen stand ein gefährliches Glitzern. »Das sollte sie eigentlich für eine Weile nachdenklich stimmen.« Chiamh ließ sich an der Wand herabsinken und begriff jetzt erst, wieviel Kraft seine Bemühungen ihn gekostet hatten. »Könntest du sie nicht alle aus der Zeit nehmen?« erkundigte er sich hoffnungsvoll. »Nur so lange, bis uns die Flucht gelungen ist?«

»Ich wünschte, ich könnte es.« Aurian schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich kann immer nur einen Zauber gleichzeitig bewerkstelligen, und das auch nur auf kurze Entfernung. Sobald ich ein paar von ihnen aus der Zeit genommen hätte, würde der Rest sich einfach aus meiner Reichweite entfernen und uns auflauern, wenn wir rauskommen. Wir brauchen Anvar, um mehr zu erreichen – mit der Harfe hätte er die Möglichkeit, eine Vielzahl unserer Feinde einfach erstarren zu lassen, so wie er es neulich nachts getan hat. Er hat die Harfe zwar dagelassen, aber sie ist auf ihn eingestellt, so wie der Stab auf mich eingestellt ist. Es gibt gewisse Regeln, die die Herrschaft über die Artefakte bestimmen. Ich kann die Harfe nicht allein benutzen, ohne sie vorher seiner Herrschaft zu entreißen, und das ist nicht nur an sich sehr gefährlich, sondern auch aus anderen Gründen das letzte, was wir uns wünschen könnten …«

Mittlerweile hatten ihre Belagerer neuen Mut gefaßt. Sowohl die Magusch als auch das Windauge sprangen erschrocken zurück und stolperten hastig die Treppe hinauf, als ein Pfeilhagel gegen die Tür donnerte. »Verdammt noch mal!« schrie Aurian, als sie das verräterische Knistern von Flammen hörte. Schon drang der Geruch von verbrennendem Holz zu ihnen herauf ins Treppenhaus. Dunkle Brandflecken formten sich an den Stellen, an denen sich die brennenden Pfeile ins Holz gebohrt hatten, und dünne Rauchschwaden drifteten durch die Risse in der Tür. Aurian gefror das Blut in den Adern, als sie daran dachte, daß Anvar irgendwo in der Festung gefangen saß und sie weder in der Lage war, diese letzte Zuflucht bis zu seiner Rückkehr zu verteidigen, noch an den Angreifern vorbeikommen konnte, um ihm zu Hilfe zu eilen.

Plötzlich packte Parric ihren Arm. »Vorwärts!« brüllte er. »Jetzt, da die Bastarde da draußen Feuer benutzen, können wir nicht mehr länger die Stellung halten. Wir müssen hier raus!«

13

Durch Erde …

»Das wird nicht einfach«, mahnte sich Zanna, während sie durch den niedrigen Eingang des Dienstbotenquartiers kroch und über die rissigen Bodenfliesen auf die Küche zueilte. Obwohl ihr Gespräch mit der Lady Aurian sie in ihrem Beschluß bestärkt und ihr neue Hoffnung gegeben hatte, konnte die Magusch ihr weder Schlaf noch Nahrung geben, beides Dinge, die sie jetzt dringend gebraucht hätte. Zannas Gedanken irrten umher, und ihre Glieder waren schwer vor Müdigkeit – aber in nächster Zukunft würde es keine Ruhe für sie geben. Die Lady war nicht da, um ihr zu helfen, falls sie einen Fehler begehen oder sich in Gefahr bringen sollte. Sie konnte sich nur auf sich selbst verlassen. Die Stunden vor Einbruch der Morgendämmerung würden kaum reichen für all das, was sie noch zu tun hatte – und es gab keine Garantie, daß sie es überhaupt schaffen würde.

Es kostete sie mehr Mut, als sie sich je zugetraut hätte, wieder zurück in die Küche zu gehen, in der die anderen Bediensteten schliefen und die obendrein überall Erinnerungen an Janok wecken würde. Obwohl sie den Rat der Magusch beherzigt und ihre zerfetzten, blutbefleckten Lumpen durch wärmere Kleider aus den Schränken im vereinsamten Schlafsaal der weiblichen Dienstboten ersetzt hatte, zitterte sie vor Angst und Kälte, als sie den Riegel hochhob und die schwere Tür gerade weit genug öffnete, um hindurchschlüpfen zu können.

Der höhlenartige Raum war nun deutlich dunkler, da die Feuer heruntergebrannt waren, aber als Zanna eintrat und die Tür hinter sich zuzog, hörte sie ein schläfriges Murmeln von den dunklen Gestalten in der Nähe des Herdes. Einer der Dienstboten regte sich und rollte, gestört von der plötzlichen Zugluft, zur Seite. Ohne nachzudenken tauchte Zanna in dem dunklen feuchten Raum neben der Spüle unter. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie preßte sich die Knöchel auf die Lippen, um das Geräusch ihres Atems zu dämpfen. Schließlich entnahm sie der wieder eingekehrten Stille, daß der Schläfer zu seinen Träumen zurückgekehrt war, aber sie wartete trotzdem noch ein Weilchen, denn sie hatte Angst, daß sie ihn wieder stören würde, sobald sie versuchte, ihren Schlupfwinkel zu verlassen.