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Plötzlich erinnerte sie sich wieder daran, daß sie kurz zuvor unter den Spülen das Messer gefunden hatte, und tastete daher in der Dunkelheit den Boden unter sich ab, aber solches Glück konnte man in einer Nacht wohl kaum zweimal erwarten. Alles, was sie unter ihren Fingern entdeckte, waren Fett und Schmutz und die Überreste des alten Teppichbodens. Als sie schließlich auf ein Gewirr klebriger Spinnweben traf, deren Besitzerin über ihren Handrücken huschte, bevor sie sich auf den Fußboden fallen ließ, war die Sache endgültig für sie erledigt. Mit einem Schaudern riß sie ihre Hand zurück und biß sich auf die Lippen, um einen Schrei zu unterdrücken. Dann beschloß sie, daß es nun wirklich an der Zeit sei, sich wieder in Bewegung zu setzen.

Und während sie jetzt aus ihrem Versteck herausschlich und wie ein Geist durch die stille Küche huschte, ging Zanna in Gedanken noch einmal Aurians Anweisungen durch. Es war ein Glück, daß sie mit dem Inhalt und der Einteilung des Raums so vertraut war, daß sie fand, wonach sie suchte, ohne Lärm zu machen oder das Risiko eingehen zu müssen, ein Licht zu entzünden. Dennoch griff sie zur Sicherheit nach ein paar Kerzen und einer Zunderbüchse, denn sie wußte, daß sie diese Dinge später dringend brauchen würde. Schließlich nahm sie einen der flachen Körbe, die oft benutzt wurden, um Brot und ähnliche Dinge zum Magusch-Turm zu tragen, ließ ihre Kerzen hineinfallen und fügte noch drei Kelchgläser hinzu, die sie vorsichtig einwickelte, damit sie nicht klapperten und klirrten.

Während sie die Küche durchquerte, um zu der Speisekammer zu gelangen, in der Janok seine wichtigsten Vorräte aufbewahrte, (aufbewahrt hatte, rief sich Zanna schaudernd ins Gedächtnis), nahm sie den schlimmsten Teil der ganzen Sache in Angriff. Sie hatte sich schon die ganze Zeit vor dem Augenblick gefürchtet, in dem sie gezwungen sein würde, dicht an den zusammengekauerten Schläfern vorm Herd vorbeizugehen. Mit angehaltenem Atem und auf Zehenspitzen schlich sie an ihnen vorüber, während sie den Henkel ihres Korbes so fest umklammerte, daß sich das gewundene Flechtwerk in ihre Handflächen bohrte. Jedesmal, wenn sich eine der schlafenden Gestalten am Feuer in ihren Decken umdrehte, schnarchte oder seufzte, erstarrte sie wie ein gehetztes Tier, so daß sie nur langsam vorankam, immer wieder stehenblieb und dann weiter huschte wie eine der Mäuse, die des Nachts über den Küchenboden flitzten – eben jene Mäuse, die verzweifelt Schutz vor Zanna suchten, als diese schließlich die relative Sicherheit ihres Bestimmungsortes erreichte.

Es war pechschwarz in der Speisekammer, so daß Zanna die Tür hinter sich schloß und das Risiko einging, eine Kerze anzuzünden, obwohl es sich als äußerst schwierig erwies, mit Fingern, die so heftig zitterten, einen Funken zu entfachen. Als es ihr schließlich gelungen war, ließ sie ein wenig von dem Wachs auf ein Regal tropfen und stellte die Kerze hinein, so daß sie beide Hände frei hatte. Dann stöberte sie hastig zwischen Broten, kaltem Fleisch und Käse, bevor sie sich dem hölzernen Gestell zuwandte, das die Weinkrüge enthielt. Als ihre suchenden Finger endlich auf die kühle glatte Oberfläche einer Karaffe stießen, ließ sie auch diese zusammen mit ihren anderen Beutestücken in ihrem Korb verschwinden, blies dann die Kerze aus und überließ den Mäusen mit größerer Sympathie für die kleinen Tiere, als sie je für möglich gehalten hatte, den Rest des Festmahls. Nun mußte sie den nervenaufreibenden Marsch quer durch die Küche noch einmal auf sich nehmen, und das so schnell sie es nur wagte. So leise wie sie gekommen war, schlüpfte sie schließlich auf der anderen Seite aus der Küche heraus und huschte durch die schmale Gasse, die zu der Krankenstube führte, die einst Lady Meiriels Domäne gewesen war.

Einen entsetzlichen Augenblick lang dachte Zanna, die Tür sei verschlossen, aber nach einem kräftigen Stoß stellte sich heraus, daß sie lediglich geklemmt hatte, nachdem sie so lange nicht mehr benutzt worden war. Die Tür sprang mit einem protestierenden Stöhnen und einem Knall auf, der Zanna das Herz erneut bis zum Hals schlagen ließ. Verdammt, o verdammt! Nicht in diesen stillsten Stunden der Nacht, in denen jeder Lärm bis wer weiß wohin zu hören war … Nicht jetzt, da sie dem Pförtnerhaus so nahe war …

Zannas verworrene Gebete gingen in dem Scharren eiliger Schritte unter, die sich über den Hof näherten. Instinktiv suchte sie nach einem Platz, an dem sie sich verstecken konnte, aber außer in der Krankenstube konnte sie nirgends Schutz finden – und wenn man sie dort erwischte, würden ihr nur noch schlimmere Schwierigkeiten bevorstehen, als sie sowieso schon hatte. Und ein Fluchtversuch würde ihr bloß einen Pfeil eintragen, und zwar ohne daß sie vorher irgendwelche Fragen beantworten konnte.

Und dann war es zu spät zum Nachdenken. Ein gewaltiger Schatten ragte plötzlich vor ihr auf, und sie prallte gegen den Türrahmen zurück, einen Entsetzensschrei auf den Lippen, da sich die Spitze eines Schwertes an ihre Kehle preßte.

»Also wirklich – es ist ein Mädchen! Marek, statt da rumzustehen und in der Nase zu bohren; solltest du mir lieber die Laterne hier rüberbringen.«

Zanna blinzelte, als ihr das grelle Licht ins Gesicht fiel. Die beiden Wachen dahinter waren noch immer nur namenlose riesige Schatten für sie.

»Bist du nicht Lady Eliseths kleine Magd?« erkundigte sich nun dieselbe Stimme, die vorher gesprochen hatte. »Bei Tharas Titten, Mädchen – ich hätte dich um ein Haar für einen Rumtreiber gehalten und aufgespießt! Was, bei allen schwärenden Höllen, hast du mitten in der Nacht hier draußen zu suchen?«

Beinahe geistesabwesend senkte der Wachmann das Schwert, und seine Nachlässigkeit war eine solche Erleichterung für Zanna, daß sie plötzlich ihre Stimme und ihren Verstand wiederfand. »Das war nicht meine Idee«, murmelte sie verdrießlich. »Lady Eliseth kann nicht schlafen, hm? Sie reißt mich aus dem Bett – nachdem ich die halbe Nacht aufgewesen bin und mir die Augen verdorben habe für ihre blöde Näherei – und schickt mich runter, damit ich ihr was zu essen hole.« Zum Beweis hielt sie dem Wachposten ihren Korb hin.

»Also hör mal, Mädchen – ich weiß ja nicht, was für ein Spielchen du da treibst, aber die Wache, die vor uns Dienst getan hat, hat erzählt, die Lady sei kurz nach Mitternacht ausgegangen. Hat sich einfach ohne ein Wort zu sagen am Pförtnerhaus vorbeigedrückt, aber der junge Feddin hat sie trotzdem gesehen. Und seit ich im Dienst bin, ist sie nicht zurückgekommen. Also, was sagst du dazu?«

»Dazu sage ich, daß du im Dienst geschlafen haben mußt«, erwiderte Zanna kühn. »Die Lady ist doch schon vor Stunden zurückgekehrt. Möchtest du vielleicht mit mir nach oben in den Turm stiegen und ihr erklären, daß du sie nicht gesehen hast?« Sie stand steif wie ein Stock da, damit ihre Knie nicht zitterten, und betete zu allen Göttern, daß die Männer nicht genug Mumm hatten, um die Probe aufs Exempel zu machen. »Ich würde es ja nicht tun, wenn ich an eurer Stelle wäre«, fügte sie hinzu, als sie sah, daß die beiden zögerten. »Sie ist schlimmer als ein wildgewordener Stier, wenn sie nicht schlafen kann.« Um das Maß vollzumachen, schob sie sich nun das Haar aus dem Gesicht und ließ die beiden Wachen einen Blick auf die Schwellungen werfen, die Janoks Fäuste hinterlassen hatten.

Glücklicherweise hatten diese Muskelpakete von Söldnern, genau wie Zanna vermutet hatte, allergrößte Ehrfurcht vor dem Zorn der Wettermagusch.

»Das ist ja alles schön und gut, aber was hattest du in der Krankenstube zu suchen?« fragte der andere Wachposten, um hastig das Thema zu wechseln.

Zanna seufzte vor Erleichterung. Hier zumindest konnte sie die Wahrheit sagen – oder jedenfalls beinahe die Wahrheit. »Sie wollte ein paar Kräuter, um sich einen Schlaftrunk zu bereiten. Und ich bin schon sehr spät dran, weil ich meine Laterne auf dem Hof habe fallen lassen und es nicht wagte zurückzugehen, um mir eine andere zu holen. Bitte – könnt ihr mir nicht dabei helfen zu suchen, was sie haben will, damit ich, so schnell ich kann, wieder zurückkomme? Bei ihrer augenblicklichen Stimmung habe ich Angst, sie warten zu lassen.«