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»Natürlich helfen wir dir, Kleine«, erwiderte der erste Wachmann freundlich. »Es tut mir leid, daß wir dich aufgehalten haben, weißt du – aber das ist eben unsere Aufgabe hier. He, Marek, gib mir mal diese verdammte Laterne da. Das arme Mädchen muß doch sehen können, was es tut.«

Da Aurians Anweisungen ausgesprochen genau gewesen waren, fand Zanna die benötigten Kräuter ohne weitere Schwierigkeiten. Dann verabschiedete sie sich von den Wachen und eilte mit zitternden Knien zurück über den Hof zum Turm der Magusch. Bei den Göttern, das war wirklich knapp gewesen – und noch war die Gefahr nicht vorüber! Warum, zum Teufel, war die Lady Eliseth ausgerechnet heute nacht ausgegangen? Nun, Zanna konnte nur beten, daß sie genug Zeit haben würde, ihren Vater zu befreien, bevor die Magusch wirklich zurückkam und der ganze Schwindel aufflog.

»Könnt ihr zwei hübschen, schwer arbeitenden Herren vielleicht ein wenig Wein brauchen, um euch die Nacht etwas angenehmer zu machen? Ich habe ihn eigentlich für Lady Eliseth geholt, aber sie schläft – und wir wollen ihn doch nicht verschwenden, oder?« Zanna streckte den beiden Wachen vor Vannors Tür hoffnungsvoll den Korb hin. Da sie noch nie in ihrem Leben versucht hatte, kokett zu sein, konnte sie sich nur auf die Geschichten der Küchenmägde und auf Erinnerungen stützen, wie sich ihre ältere Schwester den Jungen gegenüber immer benommen hatte. Hoffentlich packte sie es richtig an! Zanna hatte mit Soldaten genausowenig Erfahrung wie im Flirten, sonst hätte der Erfolg ihrer List sie nicht sosehr überrascht. Wenn Wein im Spiel war, mußte das Mädchen, das ihn anbot, noch weitaus unattraktiver sein als sie, um zurückgewiesen zu werden. Ein Strahlen erhellte die Gesichter der beiden Soldaten, die Vannors Tür bewachten. Sie waren ein wenig einnehmendes Paar: der erste, ein schmutziger Bär von einem Mann, der in eine verfilzte Masse gelockten roten Haares gehüllt war; der zweite, kleiner und drahtiger, mochte vielleicht einmal hübsch gewesen sein, aber sein Gesicht wurde von einer gezackten roten Narbe entstellt, die sich von einer Seite zur anderen erstreckte und seinen Mund schrecklich verzerrte. Das allein wäre nicht so schlimm gewesen, dachte Zanna – aber seine Augen waren kalt und schmal und hatten den wilden, mitleidlosen Blick eines Mannes, der lebte, um zu töten.

Schließlich begann der große rothaarige Wachposten zu lächeln. »Na, ich muß schon sagen, das ist ein netter Gedanke, kleines Fräulein«, sagte er und streckte gierig die Hand nach der Flasche aus.

»Einen Augenblick mal«, unterbrach ihn der andere argwöhnisch. »Warum, im Namen aller Götter, sollte uns irgendein Weibsbild zu dieser nächtlichen Stunde Wein und etwas zu essen bringen?«

»Jedenfalls bestimmt nicht, weil sie ein Auge auf dich geworfen hat, soviel steht mal fest«, höhnte sein Kamerad. »Was glaubst du denn, du Idiot?« Er nahm einen langen Schluck aus der Flasche. »Es ist ganz schön einsam da unten in den Dienstbotenquartieren, was, mein Vögelchen?« Mit lüsternem Zwinkern drehte er sich nun zu Zanna um.

»Oho«, sagte der kleinere Mann, dem nun auch endlich ein Licht aufgegangen war. »Dann sauf mal nicht alles aus.« Hastig grabschte er nach der Karaffe. »Ich bin sicher, das kleine Fräulein hatte den Wein nicht ganz allein für einen häßlichen alten Bastard wie dich bestimmt.«

»Bedien dich. Ich finde, er schmeckt ein bißchen komisch – aber wahrscheinlich ist das genau die Art von Pferdepisse, die diesen Maguschbastarden gefällt.« Der große Wachposten reichte die Flasche weiter und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund. »Ich persönlich bin ja mehr für Bier, bin ich«, fügte er hinzu. Gerade in dem Augenblick, als Zanna darüber nachdachte, daß sie sich nicht die Mühe hätte machen müssen, nach Bechern zu suchen, wurde sie von einem Paar behaarter sehniger Arme emporgerissen. »Und für Weiber«, fuhr die Wache fort und grinste ihr höhnisch ins Gesicht.

Zanna biß die Zähne zusammen und zwang sich, ruhig zu bleiben. Irgendwie – sie wußte selbst nicht wie – gelang es ihr, ein Lächeln zustande zu bringen. »Nun, da müssen wir uns wohl drum kümmern, wie?« erwiderte sie – und bemühte sich krampfhaft, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten, während sie spürte, wie seine Hand unter ihre Röcke glitt.

»He, Moment mal!« Eine grobe Hand griff nach ihrem Arm und riß sie ihrem Bewunderer weg. »Jetzt bin erst mal ich an der Reihe, du stinkender Sack Kuhmist!« Der zweite Wachposten drückte seinem Kameraden mit finsterer Miene die Weinflasche in die Hand. »Hier – du hast ja vorhin nicht viel mitbekommen«, sagte er mit gespielter Großzügigkeit. »Trink du das Zeug aus, während ich mit der kleinen Dame hier Bekanntschaft schließe.« Dann preßte er Zanna gegen die Wand, während er ihr Gesicht mit geifernden Küssen bedeckte. Zanna kämpfte gegen eine Woge der Übelkeit an und zwang sich, die widerliche Prozedur über sich ergehen zu lassen.

»Du Dreckskerl!« Der erste Soldat leerte die Flasche und schleuderte sie von sich, so daß sie an der Wand zersplitterte. »Gib sie mir zurück, du pockennarbiger kleiner Bastard. Ich hatte sie zuerst!« Mit einer fleischigen Hand zerrte er seinen Rivalen weg.

Der kleine Mann mit dem Charakter eines Mörders murmelte einen Fluch und tastete nach seinem Messer. Zanna ergriff die Gelegenheit, um sich ihm zu entwinden. »Still!« zischte sie. »Wollt ihr denn, daß die verdammten Magusch uns hören?«

Während dieser Gedanke langsam in das eindrang, was man wohl als das Gehirn der beiden Söldner bezeichnen mußte, hörten die Wachen auf, sich zu balgen und drehten sich mit offenen Mündern zu ihr um. Zanna zwang sich zu einem neuerlichen Lächeln. »Es ist überhaupt nicht nötig, daß ihr euch streitet«, sagte sie einschmeichelnd. »Wir haben doch den ganzen Rest der Nacht vor uns.«

»Was für ein kluges kleines Mädchen du bist«, meinte der große Soldat strahlend. »Komm schon, Liebchen – wie wäre es jetzt mit einem Kuß für mich?« Er streckte die Arme aus, um sie an sich zu ziehen – und taumelte würgend über seine eigenen Füße, das Messer seines Rivalen zwischen den Schulterblättern.

Der Mann mit den Mörderaugen setzte dem anderen einen Stiefel auf den Rücken und zog sein Messer aus der Leiche. »Und jetzt haben wir die ganze Nacht – ganz allein für uns zwei.« Das blutige Messer noch immer in Händen, ging er auf Zanna zu, und ein widerliches Grinsen spielte um seine Lippen, als sie vor ihm zurückwich. »Du mußt nicht schüchtern sein, Kleine. Für den Anfang wollen wir mal sehen, wie du unter diesen ganzen Klei …«

Plötzlich wurden seine Augen glasig. »Bei den Göttern, was ist denn los? Du Hexe, du hast mich vergiftet …« Er taumelte und stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden, nachdem die Handvoll zerstampfter Kräuter, die Zanna in den Wein getan hatte, endlich Wirkung zeigten.

Zanna ließ sich an der Wand zu Boden sinken und atmete tief durch, bis sich der Schwindel aus ihrem Gehirn verflüchtigte und sie auch den Drang, sich zu übergeben, wieder unter Kontrolle hatte. Dann bückte sie sich hastig und tastete in dem Gürtel des großen rothaarigen Wachpostens nach seinen Schlüsseln, eine Aufgabe, die um so schwieriger war, weil sie sich nicht überwinden konnte, ihn anzusehen. Er mochte zwar ein lüsterner Narr gewesen sein, aber er hatte trotzdem einen durch und durch harmlosen Eindruck erweckt – schließlich mußte ihr Verhalten ihm wie eine offene Einladung erschienen sein –, und er war freundlich zu ihr gewesen. Jetzt jedoch war er tot – und das war allein ihre Schuld.

»Ich wollte das nicht. Ich wollte sie doch nur betäuben«, murmelte sie hilflos, aber das entsetzliche Schuldbewußtsein, das sie in der Kehle würgte, wollte nicht von ihr abfallen.