Wie um sie vollends in Verwirrung zu stürzen, hing an dem Gürtel des Wachmanns kein Schlüsselring, aber nachdem sie unter heftigen Flüchen die Taschen des toten Mannes durchwühlt hatte, fand Zanna endlich, wonach sie suchte. Sie betete, daß dies der richtige Schlüssel sein möge, steckte ihn in das Schloß – und atmete erleichtert auf, als dieses sich mit einem Klicken öffnete. Dankbar zog sie den Schlüssel wieder heraus, glitt schweigend in den Raum hinter der Tür und schloß diese wieder zu.
Im Wohnzimmer gab es keinerlei Licht bis auf eine kleine Anzahl dumpfer rubinroter Flecken, bei denen es sich wohl um die verglühenden Kohlen im Ofen handeln mußte. Zanna, die genau wußte, wo die einzelnen Möbel standen, trat an den Tisch und entzündete eine Kerze, aber was sie dort in dem heller werdenden Licht sah, ließ sie mit einem unterdrückten Entsetzensschrei zurückprallen. Die einst glatte Holzfläche des Tisches was zerfetzt und zersplittert und genau wie der Fußboden darunter mit rostroten Blutflecken übersät. »Nein«, wisperte sie, zu Tode erschrocken. »Oh, ihr Götter, nein!« Nach allem, was geschehen war, nach allem, was sie durchgestanden hatte – da konnte sie doch jetzt nicht zu spät kommen, oder?
Zanna focht den schwersten Kampf ihres Lebens aus, um nicht auf der Stelle davonzulaufen. Sie wollte nicht wissen und konnte auch nicht ertragen, was sie im Nebenzimmer erwarten mochte. Aber sie mußte es herausfinden: Sie konnte es nicht riskieren, es nicht herauszufinden. »Sei keine verdammte Närrin«, schalt sie sich zornig. »Würde sich die Lady Aurian wie ein Feigling davonjagen lassen?« Während sie sich das Bild der Magusch vor Augen hielt, um neuen Mut zu fassen, griff sie nach der Kerze, ohne sich auch nur im geringsten um die heißen Wachstropfen zu kümmern, die sich auf ihre zitternde Hand ergossen – und ging entschlossen ins Schlafzimmer.
Vannor lag wie ein zerbrochenes Spielzeug mit verzerrten Gliedern auf dem Bett. Sein Körper war schlaff und reglos und sein eingefallenes Gesicht von einem geisterhaften aschfarbenen Grau. Blut befleckte die grüne Seidendecke, und seine rechte Hand war verbunden. Sosehr sich Zanna auch bemühte, sie konnte unter den Fetzen des Hemdes keine Bewegung entdecken, die verriet, daß ihr Vater noch atmete. Sosehr sie es auch versuchte, sie konnte sich nicht dazu überwinden, zu ihm hinzutreten. »Vater«, versuchte sie zu flüstern, aber das Wort wollte nicht an dem Klumpen vorbei, der sie in der Kehle würgte. Sie ging einen zögernden Schritt auf ihn zu und dann noch einen, aber es schien, als wäre die Luft selbst zu einer undurchdringlichen Mauer geworden, die sie von ihm fernhalten wollte.
»Vater – o Vater!« Ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen war, kniete sie plötzlich vor dem Bett und schluchzte herzzerreißend in die kühle Seide der Decke. Ihre Tränen, einmal losgelassen, ließen sich nun nicht mehr aufhalten. Ohne einen Gedanken an die Gefahr, in der sie selbst schwebte, überließ sich Zanna ganz ihrer Trauer, und ihr Körper erbebte unter heftigen Schluchzern, während sie den Vater betrauerte, den zu retten sie zu spät erschienen war.
»Was … wer … Zanna?«
Aber es war nicht seine Stimme, die ihren Kummer als erstes durchdrang – es war seine kalte, schwache Hand, die ihr über das zerzauste Haar strich. Zanna sprang mit einem Entsetzensschrei auf den Lippen zurück, taumelte und fiel hart auf den Boden. Dann blickte sie auf und sah ihren Vater an, der sich kraftlos auf einen Ellbogen stützte und mit trüben Augen zu ihr hinunterschaute.
»Es ist Zanna. Was machst du denn hier?« krächzte er. »Ich dachte, ich träume …«
»Und ich dachte, du wärst tot!« rief Zanna, die sich noch immer ein wenig davor fürchtete, ihn anzusprechen. Sie konnte kaum glauben, daß ihr Vater wirklich da war, daß er noch lebte und mit ihr sprach, daß er kein Geist war, den sie da sah und hörte.
Der Hauch eines Lächelns ließ das hagere Gesicht des Kaufmanns für einen Augenblick weicher werden. »Nein, mein Liebes, ich bin nicht tot – obwohl ich fast wünschte, ich wäre es.«
»Das darfst du nicht sagen!« Zanna spürte, wie heißer Zorn in ihr aufwallte. »Verdammt, wenn du nur wüßtest …«
»Es tut mir leid.« Er streckte die Hand aus, um sie in die Arme zu nehmen – und fiel schlaff auf sein Lager zurück. Sein Gesicht wurde knochenbleich vor Schmerz, als er versuchte, die verletzte Hand zu bewegen.
Zanna flog an seine Seite und brauchte all ihre Kraft, um ihn hochzuziehen und mit Hilfe der Kissen aufzustützen. Schweiß trat Vannor auf die Stirn, und Zanna sah, wie er die Zähne zusammenbiß, um nicht laut aufzuschreien – damit sie nicht bemerkte, wie sehr ihm jede Bewegung weh tat. Sie umarmte ihn, so fest sie es wagte; so glücklich war sie, ihn endlich wiederzusehen, daß sie am liebsten wieder in Tränen ausgebrochen wäre – aber jetzt, da sie wußte, daß er noch lebte, gab es drängendere Angelegenheiten – wichtigere Dinge sogar, als herauszufinden, was ihm die Magusch angetan hatten. Es blieb ihnen so entsetzlich wenig Zeit, und verletzt wie ihr Vater war, wie sollte es Zanna da gelingen, sie beide aus der Akademie herauszuschaffen?
»Ist da irgendwo Wasser?« flüsterte Vannor. Zanna beeilte sich, einen Krug herbeizuholen, und fügte dann einem Impuls gehorchend einen Spritzer von dem starken Schnaps hinzu, den sie in einer Karaffe auf dem Nachttischchen entdeckt hatte. Dann hielt sie Vannor den Becher hin und stellte, während er trank, mit einiger Erleichterung fest, daß ein wenig Farbe in sein Gesicht zurückkehrte.
»Vater«, sagte sie drängend, »hör mir gut zu. Ich bin hier eingedrungen, um dich rauszuholen – das ist unsere einzige Chance zu fliehen, aber wir müssen uns beeilen. Ich habe …« Aber die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Wie konnte sie ihrem Vater, der sie immer noch als kleines Mädchen betrachtete, erklären, daß sie in dieser Nacht zwei Männer getötet hatte und daß sie beide flüchten mußten, bevor irgend jemand die Leichen fand? »Weißt du«, improvisierte sie, »die Lady Eliseth ist in die Stadt gegangen, aber sie könnte jeden Augenblick zurückkehren, und wir dürfen keine Zeit verlieren. Wenn ich dir helfe, glaubst du, du könntest dann gehen?«
Ein altes, wohlvertrautes Glitzern trat in die Augen ihres Vaters. »Um aus diesem verfluchten Schlangenloch herauszukommen? Ich würde auf den Händen hier herauskriechen …« Er verschluckte sich fast an dem Wort, als bereite es ihm eine besondere Qual. »Nun, ich würde jedenfalls kriechen«, fügte er lahm hinzu. »Komm, Mädchen – hilf mir auf. Und nimm diesen Schnaps mit, wenn du ihn tragen kannst. Wir werden ihn vielleicht noch brauchen, bevor wir fertig sind. Wenn auch nur, um mich aufrechtzuhalten.« Er grinste sie an, als wäre sie auch ein Mann, ein Waffenkamerad, und Zannas Herz schwoll vor Stolz. »Ich nehme doch an«, fügte er hinzu, »daß du, nachdem du schon so weit gekommen bist, auch einen Plan hast, wie du uns hier rausbringst?«
»Verflucht!« Zanna schlug sich mit der Hand auf die Stirn. »Um ein Haar hätte ich den beschissenen Schlüssel vergessen!«
»Zanna!« Vannors Tadel war eine väterliche Instinktreaktion. »Solche Ausdrücke hast du aber nicht bei mir gelernt!«
»O doch, hab’ ich wohl!« Zanna kicherte – aber da ihr Kopf in diesem Augenblick in den Tiefen von Aurians Schrank verschwunden war, zweifelte sie daran, daß ihr Vater die Antwort gehört hatte. Hastig durchstöberte sie die zusammengefalteten Kleidungsstücke im Schrank, bis sie eine verblichene, alte graue Robe fand, wie die Magusch sie immer trugen. Sie zog das Kleid aus dem Stapel heraus, ließ ihre Hand in die Tasche gleiten, die Lady Aurian erwähnt hatte – und seufzte vor Erleichterung, als sich ihre Finger um ein kunstvolles Gebilde aus eiskaltem Metall schlossen. Schnell zog sie das Ding heraus, und da lag er, im Kerzenlicht funkelnd – ein kunstvoll gefertigter Schlüssel, der aussah wie poliertes Silber. Aurians Schlüssel zu den Archiven – und Zannas Schlüssel zur Freiheit.