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Sie dachte, sie würde ihren Vater niemals die gewundene Treppe des Turms hinunterbringen. Für Zannas überanstrengte Nerven schien der Abstieg eine ganze Ewigkeit zu dauern. Obwohl sich Vannor mit seiner linken Hand am Geländer festklammerte und seine Tochter ihn auf der anderen Seite mit ihrer Schulter stützte, geriet er doch immer wieder ins Stolpern und taumelte wie ein Betrunkener. Hinzu kam noch die Gefahr, der Lady Eliseth zu begegnen, die jeden Augenblick von ihrem nächtlichen Ausflug zurückkehren konnte.

Als sie endlich am Fuß der Treppe angelangt waren, hätte Zanna am liebsten vor Erleichterung und Müdigkeit geweint. Neben der Notwendigkeit, ihrem Vater zu helfen, behinderte sie auch der Korb mit seinen lebenswichtigen Nahrungsvorräten, den sie auf dem Treppenabsatz neben den beiden Wachen – eine schlafend und die andere tot – stehen gelassen und nun wieder mitgenommen hatte. Der Korb erwies sich auch als äußerst nützlich, um die beiden Flaschen aus dem Gefängnis ihres Vaters zu transportieren, eine mit Wasser, die andere mit Schnaps gefüllt. Aber trotz des geflochtenen Griffs, den sie sich über den Arm hängen konnte, war der Korb immer noch sperrig und schwer – und er beraubte sie der Hand, die sie gebraucht hätte, um Vannor, falls er fiel, festzuhalten. Schon jetzt zitterte sie unter der Anstrengung, ihren Vater zu stützen – und wer konnte sagen, wie weit sie noch gehen mußten?

Als Tochter und Vater die Schwelle nach draußen überquerten, schien die kalte Nachtluft sie wiederzubeleben – diese und die Tatsache, daß sie der bedrückenden Atmosphäre im Turm endlich entronnen waren.

Glücklicherweise war der Weg durch den Hof zur Bibliothek nicht lang, obwohl er viel länger dauerte, als ihr lieb sein konnte, da Vannor nur mit unendlicher Langsamkeit von der Stelle kam. Der Mond war schon lange untergegangen, so daß kein Lichtstrahl die Flüchtlinge verriet. Keine Wachen traten ihnen in den Weg, um sie aufzuhalten, und keine Lady Eliseth sprang, fürchterlich in ihrem Zorn, aus den Schatten heraus, um eine Erklärung für die Flucht der beiden Sterblichen zu fordern. Es war beinahe zu schön, um wahr zu sein. Zanna, die in der nächtlichen Kühle zitterte, hatte das ungute Gefühl, daß sie ihr Glück schon über Gebühr beansprucht hatten. Das Blatt konnte sich jederzeit wenden.

Die Bibliothek war in der Dunkelheit ein Labyrinth von Hindernissen, und Zanna konnte sich lediglich mit Hilfe ihrer Erinnerung zur inneren Tür vortasten. Wieder und wieder hörte sie Vannors gedämpftes Fluchen und spürte, wie er ins Taumeln geriet, wenn sie wieder einmal mit einem unsichtbaren Hindernis zusammengestoßen waren – einem Tisch, einem Stuhl, einem in den Raum hineinragenden Regal. Zumindest, so versuchte sie sich zu trösten, würden sie sich keine Sorgen bereiten müssen, daß sie Spuren hinterließen. Die in Sachen Ordnung äußerst anspruchsvolle Lady Eliseth hatte sich in letzter Zeit sehr häufig in der Bibliothek aufgehalten und sich einen Luftzauber ausgedacht, mit dem sie alle Spinnweben und allen Staub losgeworden war.

Als sie im hinteren Teil des Raumes angelangt waren, mußte Zanna ihren Vater für eine Weile allein lassen, während sie sich mit ausgestreckten Händen weitertastete, um nach dem schmiedeeisernen Gitter zu suchen, das das Tor zum Archiv bildete. Als sie es endlich gefunden hatte, stand sie vor der nächsten schwierigen Aufgabe, nämlich allein mit Hilfe ihrer suchenden Finger das Schlüsselloch zu finden. Nach einer Reihe verzweifelter Versuche glitt der Schlüssel endlich ins Loch, und Zanna spürte, wie sich die Tür auf gut geölten Angeln öffnete, ohne ein Geräusch zu verursachen, das den tiefen Frieden in dieser Domäne des Wissens hätte stören können. Hastig tastete sie sich zurück zu der Wand, an der sie Vannor zurückgelassen hatte. Als sie ihn fand, war er über dem Tisch, an dem er gesessen hatte, zusammengesunken.

»Vater! Komm schon, du kannst jetzt nicht schlafen!« Obwohl sie ihn so kräftig schüttelte, wie sie es nur vermochte, dauerte es sehr lange, bis er endlich aufwachte. Als nächstes hörte sie eine Anzahl finsterster Flüche, für die er, wäre er ganz bei Verstand gewesen, jeden Mann umgebracht hätte, wenn dieser es gewagt hätte, sie in Gegenwart seiner Tochter auszusprechen. Dennoch taumelte er folgsam hinter ihr her und hielt sich an ihrer Hand fest wie das Opfer eines Schiffbruchs, das sich an ein letztes Stück Treibholz klammert. Zanna schob ihn in das Archiv, griff dann nach dem Metallgitter und schloß mit einem deutlich vernehmbaren Seufzer der Erleichterung die Tür hinter sich.

Es war jedoch noch nicht vorbei. Trotz der Tatsache, daß sie zumindest für den Augenblick den Magusch entkommen waren, lag das Schlimmste noch vor ihnen – wie Zanna schon bald herausfinden sollte. Vannor hinter sich her zerrend, tastete sie sich erst durch zwei Biegungen des langen Ganges, bevor sie es riskierte, ein Licht zu entzünden, aber als sie endlich wagte, eine ihrer Kerzen zu benutzen, war sie froh, daß sie nicht länger gewartet hatte. Die schwache Flamme enthüllte einen schmalen, niedrigen Korridor mit roh behauenen Wänden – und nur ein halbes Dutzend Schritte vor ihnen lag eine steile Treppe, die in wer weiß welche Tiefen der Düsternis führte.

Das war zuviel! Zanna, die noch immer bei dem Gedanken daran zitterte, wie knapp sie ihrem Schicksal entronnen waren, gelangte zu der Einsicht, daß weder sie noch ihr Vater weitergehen konnten, ohne sich etwas auszuruhen – selbst dann nicht, wenn alle Furien dieses infernalischen Höllenschlunds ihnen auf den Fersen wären. Vannor brauchte nicht erst überredet zu werden. In der Zeit, die es sie gekostet hatte, ihre Kerze zu entzünden, war er an der Wand hinuntergeglitten und lag nun wie ein Häufchen Elend zu ihren Füßen. Zanna fluchte laut. Es ist einfach nicht fair, dachte sie wild. Während des größten Teils ihres Lebens hatte ihr Vater für sie gesorgt. Wie war es nur möglich, daß das Blatt sich nun solchermaßen gewendet hatte?

Dieser Gedanke erinnerte Zanna an Aurian. Hatte auch sie diesen verzweifelten Zorn verspürt, dieses Gefühl von Hilflosigkeit, als sie gezwungen gewesen war, aus Nexis zu fliehen? Nun, sie hat es geschafft, dachte Zanna halsstarrig – dann werde ich es auch schaffen!

Dennoch brauchte sie eine ganze Weile, um ihren Vater wiederzubeleben. Als erstes angelte sie den einzigen ihr noch verbliebenen Becher aus dem Korb, mischte noch einmal Wasser und Brandy zusammen und hielt das Getränk an seine Lippen. Es schien ihn tatsächlich ein wenig zu beleben – wenn auch nur teilweise. Vannor prustete, öffnete die Augen und sah sich verwirrt um. »Wo, zur verdammten Hölle, sind wir?«

»In den Katakomben unter der Bibliothek – zumindest werden wir dort sein, wenn wir es schaffen, diese Treppe da hinunterzukommen.« Zanna kämpfte gegen den Drang, sich an dem Ärmel ihres Vaters festzuklammern. »Vater – du hast mir einmal erzählt, daß die Archive irgendwo in die Abwasserkanäle münden, in denen du dich früher versteckt hast … aber weißt du auch, wie man von hier aus dort hinkommt?«

»Nein, mein Kind.« Vannor schüttelte den Kopf. »Von hier aus nicht. Ich weiß nur, daß wir immer weiter abwärts gehen müssen. Wir müssen uns auf die älteren und kälteren Teile der Gewölbe zubewegen – das jedenfalls hat Elewin gesagt –, bis wir in eine Höhle gelangen und zu einem Tunnel mit einer verrosteten Eisenleiter … Die führt dann in die Kanalisation, und danach haben wir es ja halbwegs geschafft …«

Na wunderbar, dachte Zanna kläglich. Das ist ja wirklich eine große Hilfe! Aber wenn wir uns hier unten verirren, sollte es wohl selbst die Fähigkeit der Magusch übersteigen, uns zu finden – und mir wäre jedes Schicksal lieber, als von neuem Eliseth in die Hände zu fallen.

Mit einem unterdrückten Seufzer hängte sie sich den Korb wieder über den Arm und griff mit derselben Hand nach der Kerze. Dann schob sie ihre freie Schulter unter Vannors Arm und half ihrem Vater auf die Beine, bevor sie ihn zur Treppe und von dort aus in die unergründliche Dunkelheit dahinter führte.