14
Durch Feuer …
»Wie viele Wachposten haben sie aufgestellt?« fragte Anvar den Moldan.
»Einen direkt um die Ecke, da wo die Korridore aufeinanderstoßen«, erwiderte Basileus. »Zwei im Eingang und die übrigen in der Vorratskammer, wo sie die Gefangenen bewachen – insgesamt ein Dutzend.«
»Ein Dutzend?« Anvar stöhnte entsetzt. Wie sollte er mit so vielen Männern fertigwerden? Aurian, die von dem größten Schwertkämpfer der Welt unterwiesen worden war, hatte sich während des größten Teils ihres Lebens in den Kampfkünsten geübt – sie hätte es vielleicht in Erwägung gezogen, es mit zwölf Männern gleichzeitig aufzunehmen, aber Anvar kannte seine Grenzen. Vielleicht konnte er seine Gegner einfach aus der Zeit herausnehmen … Doch als er die Hand nach der Harfe ausstreckte, die er gewöhnlich auf dem Rücken trug, fiel ihm ein, daß er sie in der ganzen Hektik und Verwirrung in seinem Zimmer gelassen hatte. Er fluchte erbittert. Wie hatte er nur so dumm sein können? Und vor allem, was sollte er jetzt tun?
»Fürchte dich nicht, Zauberer«, sagte der Moldan zu ihm. »Ich werde sie ablenken. Sei bereit, wenn ich dir das Zeichen gebe.«
Anvar preßte sich an die Wand und wartete, wobei er mehrfach schlucken mußte, um seine von der Nervosität trocken gewordene Kehle zu befeuchten. Und während sich seine Hand um den Schwertgriff schloß, der sich kalt und schlüpfrig anfühlte, konnte er mit seinen Maguschsinnen den prickelnden Puls des Lebens in den Silbervenen des glatten, dunklen Steins hinter sich spüren. Wie, um alles in der Welt, fragte er sich, wollte Basileus die Wachen ablenken? Was konnte ein unbelebtes Wesen wie ein Moldan schon tun, um den Ausgang des bevorstehenden Kampfes zu beeinflussen? Anvar brauchte seine ganze Selbstbeherrschung, um nicht auf der Stelle seinen Körper zu verlassen und sein Bewußtsein nach oben zu schicken, um zu sehen, was dort vor sich ging. Aber er war klug genug zu wissen, daß das ein törichter Fehler gewesen wäre. Was würde geschehen, wenn noch mehr Xandim-Rebellen hier entlangkämen, solange er nicht in seinem Körper war? Nein – er mußte Basileus wohl vertrauen und einfach abwarten.
Schiannath konnte seinen Zorn über den niederträchtigen Verrat seiner Landsleute kaum beherrschen. Obwohl er hilflos war – er lag mit gefesselten Händen und Füßen direkt an der Mauer des Vorratsraumes –, hielt ihn das nicht davon ab, darüber nachzudenken, wie er sich gegen sein Schicksal auflehnen könnte. Das Blut tropfte ihm von einer Schnittwunde an der Stirn in die Augen, und er hatte am ganzen Körper Schrammen und Prellungen von den Schlägen, die er empfangen hatte, denn er und Yazour hatten ihre Freiheit teuer verkauft. Aber seine Wunden machte Schiannath viel weniger Sorgen als die entsetzliche Angst, wieder einmal durch sein eigenes Volk gefangen und versklavt zu werden. Seine Rückkehr aus dem Exil war wie das Erwachen aus einem schlimmen Alptraum gewesen, und jetzt, so schien es, würde der Alptraum von neuem beginnen. Was würden sie ihm diesmal antun?
Um die Panik zu beherrschen, die wie würgende Galle in ihm aufstieg, wandte Schiannath seine Aufmerksamkeit den Dingen zu, die um ihn herum vor sich gingen. Warum hatten die Xandim plötzlich gegen Parric rebelliert? Auch wenn der Rudelfürst ein Fremdländer war, so hatte er doch den Kampf um dieses Amt in jeder Hinsicht fair erstritten – und außerdem hatte er versprochen, zurückzutreten, sobald seine Gefährten gerettet waren. Da die dunkle Phase des Mondes morgen nacht die Chance bot, einen neuen Führer zu wählen, war dieser Aufstand doch sinnlos, oder? War die Xandimtradition, daß alle Fremden sterben mußten, wirklich so wichtig? Soweit es Schiannath betraf, waren ihm diese seltsamen Nordländer bessere Freunde gewesen als irgend jemand seiner eigenen Rasse – mit Ausnahme von Iscalda natürlich.
Iscalda! Was würde jetzt mit seiner Schwester geschehen? Man konnte davon ausgehen, daß er und Yazour nicht die einzigen Opfer dieses feigen Angriffs waren. Was war aus Anvar geworden? Und aus Aurian, die sich seine ewige Dankbarkeit verdient hatte, als sie ihn – wenn auch nur für allzu kurze Zeit – wieder in den Schoß seines Volkes führte? Hatte man auch ihnen aufgelauert? Hatte man sie gefangengenommen? Waren sie verletzt – oder sogar tot?
Was hatten die Xandim eigentlich gegen diese Fremdländer? Warum haßten sie jeden, der nicht zu ihrem eigenen Stamm gehörte? Dann dachte Schiannath an Chiamh, der ebenfalls ein Xandim war; und doch hatte er, Schiannath, bevor er eines Besseren belehrt worden war, wie alle anderen Mitglieder seines Stammes das Windauge gefürchtet und ihm mißtraut. Schiannath blickte hinauf in die Gesichter seiner Wachen, die lachten und Witze rissen, um die hellen, falschen Flammen ihres Mutes weiter anzufachen. Er spürte die Angst hinter ihrer aufgesetzten Gleichgültigkeit, ihre Weigerung, Yazour und ihn selbst überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, und plötzlich begriff Schiannath, daß es sich um die irrationale, aus dem Bauch kommende Angst jeder Kreatur vor dem Unbekannten handelte, vor dem Undurchschaubaren oder einfach dem Anderen.
Verflucht sollten sie sein! Schiannath konnte nicht glauben, daß ihm das widerfuhr – nicht noch einmal –, nicht so kurz nach seiner Rettung! Die Ungerechtigkeit des Ganzen steigerte seinen Zorn nur noch. Halb blind vor Wut, kämpfte er gegen seine groben Fesseln an, die in die zarte Haut seiner Handgelenke schnitten. Aber die Rebellen hatten die Seile zu fest verschnürt – sie verstanden sich nur allzugut auf ihre Aufgabe.
Plötzlich nahm Schiannath aus den Augenwinkeln wahr, daß Yazour ebenfalls versuchte, sich zu befreien. Als ihre Blicke sich trafen, blitzte in ihm die wilde Hoffnung auf, daß sie sich vielleicht näher zueinander hinbewegen könnten, um sich so gegenseitig beim Lösen der Fesseln zu helfen. Aber ein Blick auf einen der Wachtposten – einen Fremden für Schiannath – ließ ihn diesen Plan aufgeben, noch bevor er Zeit hatte, weiter auszureifen. Der Mann, der mit gezücktem Schwert ganz in der Nähe der Gefangenen stand, ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Schiannath knirschte mit den Zähnen und fluchte leise vor sich hin. Bei der Göttin, es mußte doch irgend etwas geben, was er tun konnte!
Da plötzlich wehte eine Wolke fettigen, schwarzen Qualms aus dem leeren Kamin und füllte den Raum mit einem beißenden Nebel. Schiannath versteifte sich, und die Wachen schrien erschrocken auf. Konnten sie, die Gefangenen, dieses unvorhergesehene Ereignis irgendwie ausnutzen? Aber solche Überlegungen waren schnell vergessen, als immer mehr Qualm aus dem dunklen Kamin der Vorratskammer quoll und sich eine schwere, alles erstickende Wolke im Raum ausbreitete, eine Wolke, die an allem haften blieb, was sie berührte. Obwohl Schiannath und Yazour dem Boden näher waren als ihre Wächter und daher weniger von dem widerwärtigen Qualm abkriegten, konnte er spüren, wie der Rauch in seine Lungen drang. Seine Augen brannten und tränten, während er verzweifelt um seine Freiheit – und um sein Leben – kämpfte.
»Jetzt!« Die Stimme des Moldan hallte laut in Anvars Gedanken wider. Der Magusch nahm all seinen Mut zusammen und umklammerte sein Schwert noch fester als zuvor, bevor er um die Ecke stürmte und feststellte, daß der Korridor dahinter völlig unbewacht war. Der Grund für die Abwesenheit der Wachen wurde ihm einen Augenblick später klar, als er die Qualmwolken sah, die aus der Vorratskammer drangen, und die Flüche und die panischen Schreie hörte, die aus dem Innern des Raumes ertönten.
»Hast du etwa Feuer gelegt?« fragte er den Moldan erschrocken.
»Nein, Zauberer – es ist nur Rauch.«
Anvar atmete so tief ein, wie er nur konnte, und machte sich bereit, den Flur hinunterzustürmen.
»Warte.«
Anvar zog sich fluchend wieder zurück. Gerade als er den Mut aufgebracht hatte, loszulaufen … »Was ist denn jetzt schon wieder?« fragte er gereizt.