»Vergiß nicht, daß du ein Zauberer bist und über die Magie der Luft gebietest«, bemerkte Basileus mit einer Spur Belustigung in der Stimme. »Wenn irgend jemand den Qualm nicht einzuatmen braucht, dann bist das du.«
»Verdammte Pest! Daran hätte ich wirklich selber denken können«, murmelte Anvar. Dann baute er sorgfältig einen Energieschild um sich herum auf, der saubere Luft durchlassen würde, aber keineswegs den ekelerregenden Qualm. Solchermaßen gewappnet, setzte er sich wieder in Bewegung.
»Ich an deiner Stelle würde mich ein wenig beeilen«, drängte ihn Basileus. »In bezug auf den Qualm ist möglicherweise mein Temperament mit mir durchgegangen.«
Das brauchte er dem Magusch nicht zweimal zu sagen. Schon jetzt wogten große, schwarze Rauchwolken aus dem Eingang der Vorratskammer. Aus den dunklen Wolken schossen mehrere laufende Gestalten hervor, die Anvar beinahe umrannten. Offensichtlich hatten die Xandimwachen den Kampf mit dem Qualm aufgegeben und traten jetzt hastig den Rückzug an. Obwohl Anvar froh war, daß er sich nicht mehr um sie kümmern mußte, verhieß ihre Panik nichts Gutes für Yazour und Schiannath. Der Magusch eilte weiter.
In dem Vorratsraum konnte man überhaupt nichts mehr sehen. Nicht mal die Nachtsicht eines Magusch konnte die dunklen Wolken durchdringen. So gern Anvar den beiden Gefangenen etwas zugerufen hätte, zwang er sich doch, Schweigen zu bewahren. Er hatte keine Ahnung, ob noch Wachen in der Vorratskammer zurückgeblieben waren, und das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war die Aufmerksamkeit der falschen Leute. Also folgte er dem Geräusch von Husten, Würgen und einer schwachen Stimme (er konnte nicht sagen, wem sie gehörte), die nach Hilfe rief; er tastete sich durch den Raum, stolperte über Bänke und stieß gegen Tische, bis er schließlich beinahe über zwei gefesselte Männer fiel, die in der Nähe der Wand lagen.
Schiannath und Yazour waren unterdessen nicht untätig gewesen. Sobald der Qualm ihre Wachen abgelenkt hatte, hatten sie die Gelegenheit ergriffen, sich an der Wand entlang aufeinander zuzubewegen, bis sie unmittelbar nebeneinander lagen. Mit einigen Schwierigkeiten hatten sie es geschafft, sich Rücken an Rücken zu setzen. Dann hatten sie verzweifelt versucht, die Fesseln des anderen zu lösen. Aber die Knoten in den Seilen gaben kaum nach und ließen sich nur schwer lösen, und die wachsende Panik hatte ihre Finger unbeholfen und zittrig werden lassen. Schon bald dämmerte ihnen die schreckliche Erkenntnis, daß sie ihre Flucht niemals würden bewältigen können, weil der Rauch sie vorher ersticken würde.
Schiannath hatte dem Tod so viele Male während des letzten Jahres ins Auge gesehen, daß die Vertrautheit des Schreckens einen Teil seiner Furcht ausblendete. Statt der Angst nachzugeben, kämpfte er daher nur um so verbissener, um sich und seinen Freund zu befreien, aber der heimtückische Qualm ließ sich nicht bezwingen. Er kroch ihm brennend in Augen, Kehle und Lungen, bis er nur noch nieste und um Luft rang und von seinen eigenen Tränen so blind war, daß er die dunkle Gestalt, die sich aus dem Nichts näherte, nicht sah.
»Halte durch, Schiannath – ich bringe euch sofort hier raus.«
»Anvar!« keuchte der Xandim. Wäre er nicht so überglücklich gewesen, hätte er vor Erleichterung weinen können, als er die Stimme des Magusch erkannte. Plötzlich spürte Schiannath, wie ein beunruhigendes Prickeln seinen Körper durchlief, und der Qualm, der ihn umgeben hatte, verschwand. Zum ersten Mal seit langen, qualvollen Minuten konnte er mühelos durchatmen, und die jähe Veränderung stürzte ihn fast in einen Begeisterungstaumel. Dann gaben die Seile, mit denen seine Handgelenke gefesselt waren, dem kalten Stahl einer Klinge nach, und seine Hände waren wieder frei. Nachdem er seine tränenden Augen mit dem Ärmel abgetupft hatte, schaute der Xandim auf und stellte fest, daß die dünner werdende, schwarze Klebemasse jetzt von etwas zurückgehalten wurde, das wie eine Blase aus sauberer Luft wirkte, eine Blase, die Yazour, den Magusch und ihn selbst einschloß.
Yazour schien sich in einem weit schlimmeren Zustand zu befinden als der Xandim. Er war, als Anvar ihn fand, kaum noch bei Bewußtsein gewesen. Jetzt atmete er so gierig ein und aus, als sei die Luft um sie herum voll köstlicher Aromen, und langsam trat auch wieder ein wenig Farbe in seine grausam bleichen Wangen. Anvar kniete neben ihm nieder und zerschnitt mit seinem Messer Yazours Fesseln. »Sieh zu, daß du die Füße frei kriegst, wenn du das schaffst«, riet er Schiannath, ohne aufzublicken. »Und beeil dich – uns bleibt nur noch sehr wenig Zeit.«
Schiannath verschwendete keine Sekunde mit überflüssigen Fragen. Sobald die beiden Gefangenen frei waren, erhoben sie sich taumelnd, und Anvar legte Yazour helfend einen Arm um die Schultern, während Schiannath das Schwert des Magusch ergriff und voranging. So schnell wie möglich tasteten sie sich durch den abflauenden Qualm auf die Tür zu.
Ohne Vorwarnung stürzte hinter ihnen aus dem Qualm eine Gestalt hervor und zielte mit einem Schwert auf Anvars Kopf. Aber so benommen er auch war, Yazours kampferprobte Reflexe ließen ihn nicht im Stich. Er hörte das Sirren der Klinge, schrie auf, ließ seine Knie unter sich nachgeben und zog den Magusch auf diese Weise mit sich zu Boden. Das Schwert schoß harmlos an Anvars rechter Schulter vorbei und traf mit fliegenden Funken und dem lauten Kreischen von Stahl auf Stahl auf eine andere Klinge, da Schiannath, von dem Aufschrei seines Gefährten gewarnt, unverzüglich reagiert hatte. Der Angreifer, den die Wucht des Schlages aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, stolperte und bot seinem Gegner ein leichtes Ziel. Einen kurzen Augenblick lang konnte Anvar das Entsetzen und die Verzweiflung in dem Gesicht des Mannes sehen, als er seinen Irrtum erkannte und, aufgespießt auf die Spitze von Schiannaths Schwert, zu Boden taumelte.
Der Kampf hatte begonnen und gleich wieder aufgehört, beinahe bevor Anvar begriffen hatte, was da vor sich ging. Er erhob sich ein wenig zittrig auf die Füße, als Schiannath gerade das Schwert aus dem Körper seines Gegners herauszog und die blutige Klinge flüchtig an dem Rock des sterbenden Mannes abwischte, bevor er sie Anvar reichte und selbst nach dem Schwert des Gefallenen griff.
»Danke.« Der Magusch nahm die Waffe aus Schiannaths starker, brauner Hand entgegen. »Wir alle können von Glück sagen, daß du so schnell bist – und du auch, Yazour.« Mit diesen Worten wandte er sich dem Khazalimhauptmann zu, um ihm aufzuhelfen, aber der Mann stand bereits neben ihm.
»Ihr dürft keine Zeit mehr verschwenden«, warnte Basileus Anvar. »Eure Gefährten werden belagert, und die Sache sieht schlimm aus für sie.«
»Kommt weiter«, drängte Anvar seine Kameraden. »Laßt uns gehen – Aurian braucht uns.«
Bohan hatte die Wölfe bereits aus den Augen verloren. Das bereitete ihm viel mehr Sorgen als die Tatsache, daß er um Haaresbreite ums Leben gekommen wäre, als er auf Händen und Füßen über die federnde, schlüpfrige Holzbrücke gekrochen war, die unter seinem Gewicht bedenklich nachgegeben hatte. Obwohl es nur ein kurzer Weg vom Fenster der Festung bis zum Bergvorsprung war, mußte er doch sehr aufpassen, nicht abzustürzen, und als er auf der anderen Seite angelangt war, waren die Wölfe zusammen mit Aurians Sohn in der Dunkelheit verschwunden.
Die Nacht war immer noch schwarz, und die Morgendämmerung würde noch ein oder zwei Stunden auf sich warten lassen. Der Eunuch preßte sich an die steile Oberfläche des Berges. Mühsam zwängte er seine dicken Finger in einen schmalen, schrägen Riß im Stein, und er brauchte seine ganze Kraft, um auf dem Felsvorsprung, der kaum breiter war als die Spanne einer großen Hand, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er hatte bereits zu seinem Entsetzen festgestellt, daß die schmale Felsspalte, an die er sich klammerte, immer schmaler wurde, bis fast nichts mehr von ihr übrigblieb, und wenn er sich nicht irgendwo festhalten konnte, würde er wegen seines massigen Körpers auf dem Felsvorsprung gewiß das Gleichgewicht verlieren. Bohan schloß gequält die Augen. Was sollte er tun? Jede Sekunde, die er hier verweilte, aus Angst, vorwärtszugehen und unwillig in die Festung zurückzukehren, gab den verfluchten Wölfen weiteren Vorsprung.