Obwohl es im Augenblick nicht regnete, waren die Steine noch immer feucht von dem Regenschauer, der kurz zuvor niedergegangen war, und ein schwacher, kühler Wind schlängelte sich winselnd und fauchend über die kahlen Flanken des Windschleiers. Bohan, der sein ganzes Leben in dem glutheißen Wüstenklima des Südens zugebracht hatte, zitterte unkontrolliert, und in seiner Brust knüpfte sich ein Knoten aus schierer Panik. Obwohl er sich immer wieder sagte, daß ihm die Kälte, wie schlimm sie auch werden mochte, nichts anhaben konnte, vergrößerte die wachsende Taubheit in seinen Füßen und seinen Fingern die Gefahr des ohnehin schon erschreckend schwierigen Aufstiegs, und je länger er wartete, um so größer würde das Risiko eines tödlichen Sturzes werden.
Er hatte keine andere Wahl. Bohan konnte die Schande nicht ertragen, seiner geliebten Aurian gestehen zu müssen, daß er ihr Kind verloren hatte. Er wußte, daß er irgendwie weiterklettern und Wolf finden oder bei dem Versuch sterben mußte. Langsam kroch er weiter über den Felsvorsprung, wobei er mit seiner rechten Hand den schmalen Spalt im Stein abtastete; seine ganze Konzentration richtete sich auf diese kleine Unebenheit in den Felsen, die seinen abgeschürften Fingern einen dürftigen Halt bot.
Und dann endete die Felsspalte plötzlich. Als die tastenden Finger des Eunuchen nur noch glatten Stein fanden, geriet er für einen entsetzlichen Augenblick ins Wanken, bis er sich mit der linken Hand, die noch sicheren Halt hatte, zitternd wieder gegen den kalten Stein der Klippen pressen konnte. Dabei verlagerte er jedoch zuviel Gewicht auf den zerbrechlichen Vorsprung unter seinen Füßen. Mit einem furchtbaren Krachen gab der Stein unter ihm nach.
Parric, für den das Wirken der Magusch nichts Neues war, hatte sorgsam darauf geachtet, daß er Aurian und Chiamh nur ja nicht in den Weg geriet. Während sie die Angreifer in Schach hielten, war er nach oben zu Sangra und Iscalda geschlüpft und hatte ihnen aufgetragen, die Zimmer zu durchsuchen und jeweils ein Bündel mit notwendigen Dingen zu packen: Sie sollten Umhänge, Waffen und alles Eßbare mitnehmen, das sie in den Kammern finden konnten. Er hatte gewußt, daß ein Rückzug unvermeidlich sein würde, und er wollte vorbereitet sein. Jetzt sah es so aus, als sei die Zeit gekommen.
Als sich die ersten brennenden Pfeile in die Tür bohrten, rannte er nach unten und packte Aurian am Ellbogen. »Das reicht!« rief er. »Sie versuchen uns auszuräuchern. Wir müssen jetzt gehen, bevor es zu spät ist.«
»Nein!« Die Magusch entwand sich dem Griff des Kavalleriehauptmanns. »Führ du die anderen hinaus. Ich bleibe hier, bis Anvar kommt.«
»Hast du den Verstand verloren?« brüllte Parric. »Du weißt nicht, wo er ist oder wie bald er hier sein kann – oder ob er überhaupt noch lebt …«
»Er lebt! Hast du vergessen, daß ein Magusch den Tod eines anderen spüren kann?« fuhr Aurian den kleinen Mann an, und ihre Augen sprühten Feuer. »Fang nicht an zu streiten, Parric. Bring die anderen hier raus, und ich werde auf Anvar warten.«
»Verdammt, Aurian, das wirst du nicht. Sieh dir das doch an!« Die Tür war ziemlich dick, und es würde eine Zeitlang dauern, bis sich das Feuer hindurchgefressen hatte, aber die winzigen, gelben Flammenzungen bahnten sich bereits ihren Weg über die versengten Paneele. Chiamh benutzte die Wasservorräte aus den oberen Räumen, um die Flammen zu löschen, aber das Feuer auf der anderen Seite der Tür brannte lichterloh, und Chiamhs Löschaktion konnte das Ganze nur für eine Weile hinauszögern. Im Treppenhaus war es bereits unangenehm heiß. Die Luft war zum Schneiden dick und von einem beißenden Qualm erfüllt.
»Wenn du mir nicht in die Quere kommst, werde ich versuchen, diese Flammen mit Hilfe von Magie zu löschen«, brauste Aurian auf. »Und jetzt laß mich los, damit ich mich konzentrieren kann.«
Parric, der mittlerweile völlig verzweifelt war, zermarterte sich das Gehirn nach einer Möglichkeit, wie die Magusch zur Vernunft zu bringen wäre. Die Tatsache, daß er Anvar gegenüber einen wachsenden Widerwillen verspürte, war nicht gerade hilfreich, und es erzürnte ihn, daß sie sich seinetwegen solcher Gefahr aussetzte. Obwohl es ihm widerstrebte, ihr weh zu tun, stand doch eindeutig fest, daß sie vernünftigen Argumenten nicht mehr zugänglich war. Außerdem hatten sie gar keine Zeit mehr für solche Auseinandersetzungen .
Die Magusch richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die brennende Tür, und Parric ergriff seine Chance. Er hob sein Schwert, um sie mit dem Griff bewußtlos zu schlagen.
Kühle Finger schlossen sich um sein Handgelenk.
»Nein.« Chiamh klang sehr ruhig, aber sein freundliches Gesicht hatte einen harten Ausdruck angenommen, wie ihn der Kavalleriehauptmann noch nie zuvor an dem Windauge gesehen hatte. Dann flackerten die bernsteinfarbenen Augen silbern auf, und Parric spürte, wie das Schwert in seiner Hand zu brennendem Eis wurde. Mit einem wütenden Fluch ließ er die Klinge fallen, die auf die harten Steinstufen klirrte.
»Ruhe da hinten«, fauchte Aurian, ohne sich umzusehen.
Chiamh hob das zu Boden gefallene Schwert auf und gab es dem Hauptmann zurück. »Schäm dich«, sagte er leise. »Du hast kein Recht, eine solche Entscheidung für sie zu treffen. Geh, wenn wir dir nicht vertrauen können. Ich werde auf sie aufpassen.«
Parric sah das Windauge an und schüttelte den Kopf. »Nein«, zischte er durch zusammengebissene Zähne. »Ich werde Sangra und Iscalda wegschicken, aber ich selbst bleibe hier. Wenn ihr beiden Narren auf diesem Wahnsinn beharrt, dann werdet ihr alle Hilfe brauchen, die ihr kriegen könnt.«
»Na gut – aber ich werde keinen weiteren Verrat dulden.« Chiamhs Stimme war immer noch kalt. Parric unterdrückte eine ärgerliche Erwiderung. Statt dessen umklammerte er den Griff seines Schwertes, bis seine Knöchel weiß wurden, und schaute dem Windauge über die Schulter, um zu sehen, welche Fortschritte Aurian machte.
Die Magusch hatte von dem erhitzten Gespräch hinter sich nichts mitbekommen. Sie mußte mit ihren eigenen Problemen fertig werden. Es war eine einfache Sache, die Flammen und Feuerbälle unter Kontrolle zu halten, die sie selbst mit ihrer Magie geschaffen hatte, aber hier handelte es sich um ein wildes Feuer – eine undisziplinierte und unbezähmbare Naturgewalt. Aurian näherte sich dem glimmenden Holz, so weit sie es wagte, obwohl die Hitze und der beißende Rauch in ihren Augen brannten und bis in ihre Lungen drangen, so daß sie husten mußte. Sie hatte versucht, ihre Kräfte zu benutzen, um die Wärmeenergie der Flammen aufzusaugen, sie zu kühlen und in sich zusammenfallen zu lassen, aber schon bald begriff sie mit einem flauen Gefühl der Angst, daß das Feuer dafür bereits zu stark geworden war. Es mußte eine andere Möglichkeit geben. Wenn die Flammen das Holz durchdrangen, hatte sie nichts mehr, womit sie die angreifenden Xandim in Schach halten konnte – und wenn Anvar jetzt mit Schiannath und Yazour zurückkäme, würden auch sie vor einer Wand aus Feuer stehen.
»Wo sind sie jetzt«, fragte sie Basileus, der sie über die Schritte ihrer verschwundenen Kameraden auf dem laufenden gehalten hatte.
»Sie kommen näher. Sie werden gleich hier sein.« Der Moldan zögerte. »Was wirst du tun, wenn sie kommen?«
»Ich weiß nicht.« Verzweiflung klang aus der Gedankenstimme der Magusch. »Kannst du uns denn nicht irgendwie helfen?«
»Nein, leider nicht. Ich habe schon versucht, Zugluft zu erzeugen, um die Flammen zu löschen, aber damit habe ich sie nur weiter angefacht und die Dinge noch verschlimmert.«
»Ja, natürlich. Aber warte mal – einen Augenblick!« Die Worte des Moldan hatten Aurian auf eine Idee gebracht. »Chiamh!« schrie sie. »Schnell – komm hier rüber!«