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»Ich bin doch schon da.« Die Stimme des Windauges erklang ganz in ihrer Nähe, und sie zuckte zusammen. Wenn seine Miene auch ein wenig angespannt wirkte, so war Aurian doch zu sehr mit ihrem Plan beschäftigt, um darauf zu achten.

»Chiamh, du bist doch ein Experte in Sachen Luft – meinst du, du könntest dir irgend etwas ausdenken, wie du die Luft von den Flammen auf der anderen Seite der Tür fernhalten kannst?«

Chiamhs Augen weiteten sich vor Überraschung, dann breitete sich langsam ein verstehendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Ah«, sagte er. »Eine kluge Idee. Ich will sehen, was ich tun kann.«

Aurian trat zur Seite, um ihm Platz zu verschaffen, und das Windauge ging in der Nähe der Tür in die Knie. Trotz der Hitze zitterte er ein wenig, als seine Augen glasig wurden und diese unheimliche, reflektierende Quecksilbertönung annahmen. Sein Blick verschwamm und wich der durchscheinenden, scharfen, kristallenen Klarheit seiner Andersicht. Ganz schwach würde ihm noch bewußt, daß die Magusch eine Hand ausstreckte, um seinen in sich zusammenfallenden Körper zu stützen, während er seinen Geist auf die andere Seite der brennenden Tür schickte. Die silbernen Luftfäden dort flirrten unruhig in der Hitze, wirbelten um das Feuer herum und bildeten eben jene Ströme, die die gierigen Flammen nährten. Die Flammen selbst waren für Chiamhs Andersicht kaum erkennbar, da sie nur noch schwache, glimmende Schatten ihres eigentlichen Selbsts waren. Die ungeduldigen Angreifer, die sich in sicherer Entfernung von dem Feuer im Korridor scharten, waren als glühende Phantome zu sehen. Die Aura der Lebensenergie, die sie umhüllte, zeigte den wütenden, dunkelroten Schimmer von Mordlust und Gier. Das Windauge schauderte in dem Bewußtsein, daß sie sich früher oder später um diese Männer würden kümmern müssen; aber zuerst mußte das Feuer gelöscht werden.

Mit aller Macht versuchte Chiamh, sich auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren. Er versuchte, die sich windenden Luftranken an sich zu reißen und sie von den verzehrenden Flammen fernzuhalten. Aber weil sein Geist außerhalb seines Körpers weilte und er viel Energie brauchte, um diesen unnatürlichen Zustand aufrechtzuerhalten, verfügte er nicht über seine gewohnten Kräfte und besaß bloß die Gewalt seines Geistes, um die silbrigen Fäden festzuhalten und nach seinem Willen zu formen. Die wilden Strömungen, die das Feuer bewirkte, trugen erheblich zu seinen Schwierigkeiten bei, da sie der Luft eine eigene Stärke und Gewalt verliehen, mit der sie ihm trotzen konnte. Dennoch obsiegte Chiamh schließlich, obwohl dieser Kampf mit den mächtigen Luftströmungen zu den schwierigsten Dingen gehörte, die er je im Leben bewältigt hatte. Wenn er auch die Flammen nicht löschen konnte, so konnte er das Feuer doch zumindest in seinem Fortschritt aufhalten und Anvar damit die wenigen zusätzlichen Sekunden verschaffen, die er noch brauchte.

Die Situation im Treppenhaus verschlimmerte sich noch weiter. Die Feuchtigkeit des Holzes war mittlerweile aufgezehrt, und die Flammen fanden immer mehr Nahrung. Das Knistern des Feuers wurde lauter, und die Magusch mußte genau wie Anvar einen Schild errichten, der den Qualm von ihr, Chiamh und Parric fernhielt, der immer noch wütend drei oder vier Schritte entfernt wartete.

Aurian, die während der vergangenen Minuten über den Körper des Windauges gewacht hatte, wußte, daß Chiamh in Schwierigkeiten war. Sie konnte die Verwüstungen des geistigen Kampfes in seinem Gesicht sehen. Scharfe Linien der Anstrengung tauchten um seine Augen und seinen Mund auf, und sein langes, braunes Haar war so von Schweiß durchnäßt, daß sie es ihm immer wieder aus den unheimlichen Silberaugen streichen mußte. Obwohl sie langsam fürchtete, daß er sich bei dieser Rettungsaktion verletzen könnte, widerstrebte es ihr doch, seiner Trance ein Ende zu setzen, weil sie befürchtete, die Dinge damit noch zu verschlimmern. Sie hatte sich jedoch oft genug selbst überanstrengt und wußte aus eigener Erfahrung, daß Chiamh in ernster Gefahr stand, sich in seiner Magie zu verlieren. Wenn man einen so großen Teil seiner Energie darauf verwendete, seinen magischen Kräften Nahrung zu geben, bestand immer die Gefahr, daß man irgendwann nicht mehr in seinen Körper zurückkehren konnte.

»Anvar, wo bist du?« Sie stieß einen verzweifelten Gedankenschrei aus und betete, daß ihr Seelengefährte inzwischen nah genug war, um ihn zu hören. »Wir können hier nicht mehr lange die Stellung halten.«

»Wir sind fast da.« Anvars Antwort klang schwach und müde. »Wir haben ein oder zweimal Ärger gehabt, aber bisher konnten wir uns durchkämpfen – wahrscheinlich deshalb, weil sich die meisten Xandim vor eurer Tür versammelt haben.«

»Den Göttern sei Dank, daß dir nichts passiert ist.« Schon die Tatsache, daß sie ihn jetzt endlich wieder hören konnte, gab Aurian neuen Mut. »Sag mir sofort Bescheid, wenn ihr unsere Angreifer sehen könnt.«

»Na dann mach dich mal bereit«, erwiderte Anvar trocken. »Wir sind jetzt an der Stelle, an der die Korridore sich kreuzen.«

»Gut. Ich sage dir, wann es losgeht.« Aurian wandte sich nun wieder Chiamh zu und war erleichtert zu sehen, daß er zwar immer noch sehr blaß war, daß sein Geist jedoch wieder in seinen Körper zurückgekehrt war und seine Augen wieder ihre normale Farbe angenommen hatten.

»Ich habe euch beide gehört«, erklärte er der Magusch. »Ich bin bereit.«

Aurian zog Coronach aus der Scheide. »Wenn ich das Signal gebe, laufen wir auf den Korridor hinaus, um Anvar zu helfen«, sagte sie zu Parric. Ohne ihm Gelegenheit zu geben, dagegen zu protestieren, drehte sie sich wieder zu der Tür um, die ohne Chiamhs Unterstützung jetzt in einem Flammenmeer zusammenbrach.

»Jetzt!« Während Aurian dieses Wort rief, sowohl mit ihrer körperlichen Stimme als auch mit ihrer Gedankenstimme, schlug sie mit einem solchen Energiestrahl auf die Überreste der Tür ein, daß die brennenden Holzteile in den Korridor hinausexplodierten und die dort wartenden Xandim trafen. Die Männer stoben schreiend auseinander und schlugen auf fliegende brennende Holzstückchen und auf die Funken ein, die sich in ihrer Kleidung und ihrem Haar verfangen hatten. Mit einem lauten Kampfschrei stürzte Aurian in den Korridor hinaus, dicht gefolgt von Parric und Chiamh. Gemeinsam fielen sie wie ein Rudel Wölfe über die verwirrte Schar von Xandimsoldaten her.

Shia hatte Khanu den Berg hinaufgeschickt, um Wolf und seine Zieheltern in Chiamhs Tal zu begleiten. Nachdem Aurian sie dann darum gebeten hatte, war sie in die unteren Bereiche der Festung zurückgekehrt und hatte sich entlang der schmalen Felsvorsprünge hinter dem massiven Gebäude auf die Suche nach Bohan begeben. Obwohl sie es sich nur ungern eingestand, war sie doch von einer wachsenden Angst um den Eunuchen erfüllt. »Warum taucht er nicht auf?« murmelte Shia bei sich. »Großer, tolpatschiger Ochse – ist wahrscheinlich über seine eigenen Füße gestolpert.« Der Gedanke brachte sie mit einem Schaudern zum Stehen. Auf diesen uralten, zerfallenen Felsen konnte ein einziger Fehler schon tödlich sein. Sie näherte sich gerade der Festung, als ein Schrei durch die Nacht hallte.

Ein Schrei? Shia legte die Ohren an. Das konnte unmöglich sein, aber … Fauchend sprang sie von einem Felsvorsprung zum anderen den Berg hinunter, als würde sie von einer Horde Dämonen verfolgt. Es war unmöglich, dieses gefährliche Gebiet im Laufschritt hinter sich zu bringen, aber Shia, die vor Angst und Wut außer sich war, legte ein gefährliches Tempo vor, wobei sie die Krallen ausgestreckt hielt, um besseren Halt zu finden. Als sie den Abgrund direkt vor der Festung erreichte, wurde ihr Herz plötzlich zu einem Eisklumpen. Bohan, dessen Augen in einem vor Entsetzen grau gewordenen Gesicht hervortraten, hielt sich mit den Fingern an dem morschen Felsvorsprung fest, der unter dem Gewicht seines gewaltigen Körpers beinahe ganz abgebrochen war. Irgendwie hatte er es im Fallen geschafft, sich an der Kante des abgebrochenen Steins festzuhalten, und hing jetzt über dem Abgrund.

Vor Shias entsetzten Augen glitten seine Finger, die kaum noch Kraft hatten, ein Stückchen weiter ab. Die Katze sprang nach vorn und bohrte ihre Fangzähne in Bohans Gewand, wobei sie ihre Krallen mit aller Kraft in den Stein grub, um nicht selbst abzurutschen. Das Gewicht des Eunuchen zerrte sie in die Tiefe, und sie mußte die Muskeln in ihrem Kiefer und in ihrem Hals bis an die Grenze des Erträglichen anspannen, aber sie hielt ihn fest und versuchte, ihm so viel wie möglich von seinem Gewicht abzunehmen. Das war alles, was sie für ihn tun konnte. Den Rest würde Bohan selbst erledigen müssen, aber er schien wie gelähmt vor Entsetzen zu sein und außerstande, seinen ohnehin allzu dürftigen Halt aufs Spiel zu setzen, indem er versuchte, sich weiter hochzuziehen.