Shias Gedanken flogen zurück in die Tunnel unterhalb von Dhiammara, in denen sie bei ihrem Kampf gegen jene Spinnenkreatur beinahe in den Abgrund gestürzt wäre und Bohan ihr denselben Dienst erwiesen hatte, um ihr das Leben zu retten. Bohan war ihr schweigsamer, aber beharrlicher Kamerad gewesen seit dem Tag, an dem sie aus der Arena der Khazalim entkommen waren, und seitdem hatte er die Tage ihrer Freiheit mit ihr geteilt. Er war ihr Freund. Sie konnte ihn nicht fallenlassen. Beweg dich, du großer Hornochse, dachte sie verzweifelt. Zieh dich hoch. Ich kann dich nicht ewig so festhalten.
Sie bohrte ihre Kiefer noch fester in den kleinen Stoffetzen, den sie im Maul hielt, und versuchte, sich ein wenig nach hinten zu bewegen. Sie wußte, daß es keinen Zweck hatte, zu versuchen, den Eunuchen allein hochzuziehen, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Das leise, harte Geräusch zerreißenden Stoffs schien durch die Nacht zu gellen und klang in Shias Ohren lauter als ein Donnerschlag.
Bohan!
Der Eunuch sah ihr in die Augen und sagte ganz deutlich: »Shia. Meine Freundin.« Seine Finger kratzten fruchtlos über den Stein, als der Stoff endgültig nachgab, und dann war nichts mehr von ihm zu sehen. Shia hörte den Aufprall eines Körpers weit unten in der Schlucht.
Dann herrschte Stille, und man hörte nur noch den Wind.
Shia ließ sich auf ihre Hinterbeine sinken und heulte den gleichgültigen Bergen ihren Gram entgegen.
Anvars Welt war zu einem Alptraum aus Qualm und Blut und blitzenden Klingen geworden. Obwohl Aurian ihn auf ihrer Reise in der Benutzung eines Schwerts unterwiesen hatte, war dies doch sein erster richtiger Kampf, und sobald er sich in ihn hineingestürzt hatte, mußte er feststellen, daß all ihre sorgfältigen Lektionen plötzlich wie ausgelöscht waren. Er konnte nur noch auf die Bewegungen seines Gegners reagieren, auf das nächste Schwert, das der nächste Feind gegen ihn erhob. Aus einer kleinen Schnittwunde in seinem Unterarm, wo die Spitze einer feindlichen Klinge ihn getroffen hatte, sickerte warmes Blut, aber in der Hitze des Kampfes spürte er keinen Schmerz. Er wehrte einen Schlag ab; übersah eine Gelegenheit, zuzustoßen, und fluchte; drehte seine Klinge um, um den Schlag mit der Rückhand zu parieren. Denselben Fehler beging er nicht noch einmal. Die Lektionen, die Aurian ihm erteilt hatte, trugen schließlich doch Früchte und leiteten seine Instinkte, so daß er mit dem Schwert die Deckung seines Gegners durchbrach und dem Mann den Bauch aufschlitzte. Der Xandim stürzte zu Boden, und sofort tauchte ein anderer auf, der seinen Platz einnahm.
Anvars Schwert hatte plötzlich ein Eigenleben, hieb und schlug zu, parierte und wehrte ab, und er sah nur noch die Feinde um sich herum und die schattenhaften Gestalten von Schiannath und Yazour, die an seiner Seite kämpften. Ganz schwach wurde ihm bewußt, daß ihm ihre überlegenen Kampfkünste bei seiner Verteidigung halfen, aber für Dankbarkeit hatte er im Augenblick keine Zeit. Er durfte nur an sein eigenes Überleben denken. Und doch nahm er irgendwo am Rande seines Bewußtseins immer die hochgewachsene Gestalt mit dem flammend roten Haar wahr, die auf der anderen Seite des tobenden, halb wahnsinnigen Mobs stand.
Aurian rückte ihm langsam näher – oder er rückte ihr näher. In jeder Minute, die verging, verringerte sich die Zahl der Feinde zwischen ihnen. Die Magusch hatte sich gerade eines Gegners entledigt und hob den Kopf, um ihm in die Augen zu sehen. Als sie sich näherte, spürte Anvar die prickelnde Macht des magischen Schilds, den sie um sich und ihre Kameraden errichtet hatte, und sah, wie die angreifenden Xandim vor der Barriere zischender Funken zurückprallten. Mit einer Woge der Erleichterung darüber, daß der Kampf vielleicht bald ein Ende haben würde, vereinigte er seine Kraft mit der seiner Seelengefährtin, um den Schild weiter auszubauen und zu stärken.
»Zurück in den Turm!« schrie Aurian mit einer Stimme, die es mit Forrals kampferprobtem Brüllen durchaus hätte aufnehmen können. Aber gerade in dem Augenblick, als die beiden Magusch inmitten des Kampfgetümmels aufeinandertrafen, ging plötzlich alles auf entsetzliche Weise schief. Anvar sah Sangra und Iscalda die Stufen des Turms hinunterlaufen, und die beiden Frauen schrien ihm irgend etwas über einen abgebrochenen Felsvorsprung zu, etwas, das für ihn absolut keinen Sinn ergab. Aurian, die mit Shia enger verbunden war als er, empfing die Botschaft einen Augenblick früher. Anvar sah seine Seelengefährtin stürzen, ihre Augen waren ausdruckslos und ihr Gesicht totenbleich. Während der Schild langsam in sich zusammensank, stieß der Feind erneut vor.
»Nein!« Im selben Augenblick, in dem Aurian dieser Schrei tiefster Trauer entfuhr, drang die Wucht von Shias Gefühlen in Anvars Gedanken ein. Bohan? Tot? Er konnte es nicht fassen.
»Paß auf, du Idiot!« Der Befehl riß Anvar in die Gegenwart zurück. Ein Schwert blitzte auf, um die Klinge abzuwehren, die auf ihn zuschoß, und ein Funkenregen versengte sein Gesicht, der nur um Haaresbreite seine Augen verfehlte. Anvar riß sich zusammen und stieß dem Angreifer seine Klinge in die Brust; der Schwung seiner Bewegung ließ ihn herumwirbeln, und er sah Yazour neben sich, der es nun mit einem weiteren Feind aufnahm. Hinter ihnen beschützte Schiannath Aurian auf dieselbe Weise, während Chiamh neben Parric kämpfte, an dessen Seite Sangra und Iscalda den Eingang zum Turm verteidigten.
»Aurian!« schrie er und war erleichtert, als er sah, daß ihre Augen wieder einen klaren Blick angenommen hatten und gleich darauf zornig aufblitzten. Mit einem lauten Fluch riß sie den Schild wieder hoch – und das mit solcher Gewalt, daß mehrere Xandimsoldaten zurück in den Korridor geschleudert wurden. Anvar rannte auf die Magusch zu und griff nach ihrer Hand, um sie in Sicherheit zu bringen, damit sie in ihrem Zorn über Bohans Tod nicht auf die Idee verfiel, es ganz allein mit sämtlichen Xandim aufzunehmen. Selbst in einem Augenblick von solcher Verzweiflung spendete seine Berührung ihr Trost, und Aurian war außerdem auch zu klug, um einen so ungleichen Kampf fortführen zu wollen. Also nutzten sie das Entsetzen und die Verwirrung ihrer Feinde aus und stürzten die Turmtreppe hinauf. Als sie allesamt sicher auf dem oberen Treppenabsatz angelangt waren, drehte sich Aurian mit flammenden Augen um und feuerte einen gewaltigen Energiestrahl auf die gewölbte Decke des Treppenhauses unter sich ab. Ein Aufschrei empörten Schmerzes von Basileus hallte in Anvars Gedanken wider, und das Dach fiel in einer krachenden Lawine von Schutt und Staub in sich zusammen.
15
… und durch Luft
»Es tut mir leid, Kleines – ich kann keinen Schritt weitergehen. Ich muß mich eine Weile ausruhen.« Vannors Stimme war schwach vor Müdigkeit und Schmerz, und Zanna konnte das Zittern seines Körpers spüren, während er, auf ihre Schulter gestützt, durch den Tunnel wankte.
»Ist gut, Vater. Wenn du nur noch ein ganz kleines Weilchen aushalten könntest, würden wir bestimmt ein Zimmer finden, in dem wir uns ausruhen können, wie wir das schon ein paarmal getan haben«, erwiderte Zanna, die sich zwang, einen fröhlichen Ton anzuschlagen. Um seinetwillen versuchte sie, sich ihre eigene Erschöpfung nicht anmerken zu lassen, genausowenig wie die Ängste und Sorgen, die sie quälten. Sie hatten sich in diesem Labyrinth kalter, feuchter Tunnel total verirrt. Sowohl ihre Kraft als auch ihre spärlichen Vorräte gingen rasch zur Neige; und ihr Vater hatte mit seinen Verletzungen schon genug eigene Probleme, mit denen er fertigwerden mußte. Nach jeder Rast, die sie bisher eingelegt hatten, hatte sie immer länger gebraucht, um ihn wieder auf die Beine zu bringen, und er mußte sich jetzt auch immer häufiger ausruhen. Zanna hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, sich seine Verletzung anzusehen – er wollte weder darüber reden, was die Magusch ihm angetan hatten, noch wollte er ihr erlauben, den Verband an seiner Hand zu erneuern –, aber sie wußte, daß es schlimm sein mußte. Er hätte Ruhe gebraucht, die richtige Pflege und einen Arzt – und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich sein Zustand so sehr verschlechtern würde, daß er seinen Verletzungen erliegen würde.